25/09/2022
Ostern ist weit mehr als nur ein einzelner Tag im Kirchenjahr, ein kurzer Jubelruf, der am Ostermontag vielleicht schon einer „Katerstimmung“ weicht. Nein, Ostern ist ein fortwährendes Geschehen, eine Botschaft, die sich immer wieder neu entfaltet, wo Menschen sich für die unbegreifliche Kraft der Auferstehung öffnen. Es ist die Einladung, Herz, Sinn und Verstand für Gottes tiefgreifenden Plan mit uns und der Welt zu öffnen. Darum feiern wir auch am Tag danach noch Ostern, nicht als bloßen Nachklang, sondern als lebendige Gewissheit: Die Sache Jesu geht weiter, sie ist nicht an ein Grab oder eine vergangene Zeit gebunden.

Wir begeben uns auf einen besonderen Osterspaziergang, der uns mit den beiden Jüngern auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus begleitet. Sie sind zutiefst betrübt und verzweifelt, als ein Fremder sich ihnen zugesellt. Behutsam führt er sie aus ihrer Trauer heraus, erklärt ihnen die Schriften, und erst beim Brechen des Brotes erkennen sie ihn. Obwohl er ebenso unvermittelt verschwindet, wie er gekommen ist, ist ihr Herz entflammt: „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?“ (Lk 24,32). Mit dieser überwältigenden Erfahrung eilen sie noch in der späten Nacht zurück nach Jerusalem, um ihren verängstigten Freunden die unglaubliche Nachricht zu überbringen: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ (Lk 24,34).
Das brennende Herz fragt nicht, es jubelt. Doch die Fragen und Zweifel kommen später, wenn der Verstand sich einschaltet: Kann so etwas wie Auferstehung überhaupt geschehen? Ist da wirklich etwas dran, oder ist es nur eine Einbildung, ein Wunschdenken überhitzter Gemüter? Solche Fragen plagten schon die erste Gemeinde in Jerusalem. Lukas, der Evangelist, versucht, darauf Antworten zu geben – in den Bildern und der Sprache seiner Zeit. Der Bericht, der unmittelbar auf die Emmausgeschichte folgt, ist nicht mehr zart-poetisch, sondern ganz massiv und drastisch.
Die Begegnung in Jerusalem: Eine Frage der Realität
Hören wir aus dem Lukasevangelium im 24. Kapitel, wie die Geschichte weitergeht: Als die Jünger von ihren Erlebnissen redeten, „trat er selbst mitten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? Seht meine Hände und meine Füße, ich bin's selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. Und er nahm's und aß vor ihnen. Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.“ (Lk 24,36-45)
Man könnte versucht sein, diesen Text fundamentalistisch zu interpretieren: Eine leibliche, physische Auferstehung, zum Anfassen, ganz real. Doch damit würden wir dem Text Gewalt antun und uns in eine Bredouille begeben, wie jener Jesuiten-Ordensgeneral, dem ein Archäologe aufgeregt berichtet: „Ich habe das Grab Jesu gefunden! Aber das Grab war nicht leer. Das Skelett Jesu lag darin.“ Der General fragt erstaunt: „Wie? Dann hat er also wirklich gelebt?“ Diese Anekdote zeigt, wie eine rein wörtliche, physische Interpretation die eigentliche Botschaft verfehlen kann. Die Frage nach der wörtlichen Auferstehung ist keine moderne Erfindung; sie beschäftigte schon die erste Gemeinde. Kritiker spotteten, Jesus sei kein echter Mensch gewesen, seine Botschaft ohne Substanz. Lukas tritt dem entgegen: „Fasst mich an! Ein Geist hat kein Fleisch und keine Knochen!“
Diese drastische Darstellung, gekrönt von Jesu Bitte um Essen und dem Verzehr eines Fisches, ist einzigartig in den Ostergeschichten der Bibel. Sie ist ein starkes Argument gegen die Vorstellung, der Auferstandene sei nur ein Hirngespinst. Lukas will zeigen: Die Gegenwart des Auferstandenen ist real! Man kann sie erfahren, spüren – im Hören auf sein Wort, im gemeinsamen Singen und Beten, ja, sogar anfassen und schmecken in der Mahlgemeinschaft. Die Botschaft Jesu von Nazareth hat Hand und Fuß, und sie wirkt über seinen Tod hinaus weiter. Sie ist nicht einfach nur eine Erscheinung oder eine Vision, sondern eine erfahrbare Gegenwart.
Die Symbolik des Fisches und die Mahlgemeinschaft
Der Fisch, den Jesus isst, ist dabei mehr als nur ein „physischer Beweis“. Seit den Anfängen des Christentums ist der Fisch ein wichtiges Erkennungszeichen. Die griechischen Anfangsbuchstaben von „Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter“ ergeben das griechische Wort ICHTHYS, was „Fisch“ bedeutet. So wurde der Fisch zum Zeichen der Tischgemeinschaft, bis heute. Wo immer sich Menschen in Jesu Namen versammeln und miteinander essen, ist der Auferstandene mitten unter ihnen gegenwärtig. Es ist ein Zeichen der Verbundenheit und der erfahrbaren Gemeinschaft mit dem Auferstandenen.
Osterglaube im Alltag: Die Gegenwart des Auferstandenen heute
Vielleicht fragen Sie sich, wie sich dieser „massive Satz“ vom Anfassen und Sehen auf Ihren eigenen Osterglauben übertragen lässt. Es ist eine Herausforderung, solche Texte zu verstehen. Doch es tut der Osterfreude keinen Abbruch, wenn wir diese Sätze als metaphorische Rede, als Bildersprache deuten. Statt uns daran abzuarbeiten, wie die Auferstehung nun genau „passiert“ ist, können wir uns befreien und nach der Gegenwart des Auferstandenen in unserem Leben und in der Welt suchen. Und wir finden sie vielfach.

Die Hoffnung der Auferstehung erleben wir, wo Mitgefühl und Liebe über Gleichgültigkeit und Hass siegen. Ich erlebe sie beispielsweise da, wo ich mit unserem schwer behinderten Enkel lachen und spielen kann, wenn er mich anstrahlt und mir mühsam neue Buchstaben vorspricht. Dann wird mein Herz, das oft schwer war und mit Gott gehadert hat, leicht und froh. Ich erlebe die Gegenwart des Auferstandenen, wo Schwestern und Pfleger, Krankenhausseelsorger oder Hospizmitarbeiter liebevoll und respektvoll mit schwerkranken und sterbenden Menschen umgehen. Wir haben das selbst dankbar erlebt, als meine Schwiegermutter zu Hause sterben durfte.
Ich erlebe die Gegenwart des Auferstandenen auch dort, wo Menschen aufstehen, wenn andere wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion ausgegrenzt und verächtlich gemacht werden. Es ist für mich Ausdruck der Osterhoffnung, dass nach wie vor so viele Menschen beruflich oder ehrenamtlich Geflüchteten mit Rat und Tat zur Seite stehen. Sie stehen für eine offene Gesellschaft, getragen von Vertrauen, Toleranz und Dialog. Wie es in einem neuen Osterlied heißt:
- Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung. Stunden werden eingeschmolzen, und ein Glück ist da.
- Manchmal feiern wir mitten im Wort ein Fest der Auferstehung. Sätze werden aufgebrochen, und ein Lied ist da.
- Manchmal feiern wir mitten im Streit ein Fest der Auferstehung. Waffen werden umgeschmiedet, und ein Friede ist da.
- Manchmal feiern wir mitten im Tun ein Fest der Auferstehung. Sperren werden übersprungen, und ein Geist ist da. (Text: Alois Albrecht)
„Seht meine Hände und meine Füße…“ Ich begreife: Der Auferstandene bleibt der Gekreuzigte. Weil es Gott ernst ist, auch in meiner Angst, in meiner Schuld, in meiner Gottverlassenheit an meiner Seite zu bleiben. Das ist eine zutiefst tröstliche Botschaft. Aber der Gekreuzigte ist eben auch der Auferstandene! Der Tod behält nicht das letzte Wort. Gott sagt „Ja und Amen“ zu dem Weg Jesu ans Kreuz und erklärt ihn zum Weg ins Leben. Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind stärker als Hass, Gewalt und Tod. Das Böse kann nur mit Gutem überwunden werden.
Häufig gestellte Fragen zur Osterbotschaft
Die Osterbotschaft wirft viele Fragen auf, die über die Jahrhunderte immer wieder diskutiert wurden. Hier sind einige der häufigsten:
- Ist die Auferstehung Jesu historisch beweisbar?
- Die biblischen Berichte sind Glaubenszeugnisse, keine historischen Protokolle im modernen Sinne. Sie erzählen von einer Erfahrung, die das Leben der Jünger radikal verändert hat. Archäologische Funde können das Grab Jesu nicht eindeutig bestätigen oder widerlegen. Der Kern der Osterbotschaft liegt nicht in der rein physischen Beweisbarkeit, sondern in der erfahrbaren Gegenwart des Auferstandenen, die das Leben der Glaubenden bis heute prägt.
- Was bedeutet das „brennende Herz“ der Emmausjünger?
- Das „brennende Herz“ (Lk 24,32) ist ein tiefes Gefühl der inneren Ergriffenheit und des Verständnisses. Es beschreibt, wie die Jünger die Worte Jesu nicht nur hörten, sondern in ihrem Innersten spürten, wie sich ihnen eine neue Erkenntnis über die Bedeutung der Schriften und Jesu Leben eröffnete. Es ist ein Zeichen der göttlichen Berührung und der inneren Umwandlung, die durch die Begegnung mit dem Auferstandenen geschieht.
- Warum ist der Fisch ein Symbol für Christen?
- Der Fisch (griechisch ICHTHYS) ist ein Akronym, das sich aus den Anfangsbuchstaben der griechischen Worte für „Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter“ zusammensetzt (Iesous CHristos THeou Yios Soter). In Zeiten der Verfolgung diente er als geheimes Erkennungszeichen unter Christen. Heute symbolisiert er die Gemeinschaft der Glaubenden, insbesondere die Mahlgemeinschaft (Abendmahl), in der die Gegenwart Jesu erfahren wird.
- Ist Ostern nur ein Feiertag für die Kirche?
- Nein, Ostern ist weit mehr als ein kirchlicher Feiertag. Es ist eine existenzielle Botschaft, die die grundlegenden Fragen des Lebens und des Todes berührt. Die Auferstehung Jesu ist die Zusage, dass der Tod nicht das letzte Wort hat und dass Liebe, Gerechtigkeit und Hoffnung letztlich über Hass, Gewalt und Verzweiflung triumphieren. Diese Botschaft hat eine universelle Relevanz und kann jedem Menschen in seinem Alltag Mut und Orientierung geben.
Die härteste Währung der Hoffnung
Die Osterbotschaft „Der Herr ist auferstanden!“ – eine Nachricht von gestern? Ganz und gar nicht. Sie wirkt weiter, berührt und verändert unser reales Leben. Sie ist existentiell, lebensentscheidend, weil sie die Hoffnung beflügelt: die Hoffnung auf Leben – mitten in einer todesbesessenen Welt. Ich bin froh, dass heute immer noch Ostern ist, und morgen, und die kommenden Tage auch. Wo wir unser Herz sprechen lassen, da blüht das Leben auf. Auch da, wo wir auf den ersten Blick nur Tod und Verfall sehen.
„Ostern ist die härteste Währung der Hoffnung“, hat Berthold Brecht einmal gesagt. Er hatte verstanden: Wenn wir nichts über den Augenschein hinaus hoffen, dann können wir gleich einpacken. An dieser Hoffnung möchte ich festhalten und mich von ihr beflügeln lassen. Sie ist der Anker in stürmischen Zeiten und die Quelle unerschöpflicher Kraft. Amen.
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