Was ist die evangelische Kirche in Deutschland?

EKD: Glaube, Gesellschaft und Wandel

19/05/2021

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Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist weit mehr als nur eine religiöse Institution; sie ist ein integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft, geprägt von einer reichen Geschichte, lebendiger Gemeinschaft und dem stetigen Bestreben, ihren Platz in einer sich wandelnden Welt neu zu definieren. Inmitten gesellschaftlicher Veränderungen, schwindender Mitgliederzahlen und der Suche nach neuer Relevanz steht die EKD vor bedeutenden Herausforderungen, die sie aktiv angeht. Ein zentrales Forum für diese Auseinandersetzung ist die jährlich stattfindende Synode, das Kirchenparlament der EKD, das wegweisende Entscheidungen für die Zukunft trifft.

Was ist die evangelische Kirche in Deutschland?
Im Vorfeld der Beratungen hatte die Präses der Synode, Anna-Nicole Heinrich, unter dem Hashtag #glaubensstark Menschen dazu aufgerufen, in Videos von ihrem Glauben zu berichten. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist die Gemeinschaft der 20 evangelischen Landeskirchen in der Bundesrepublik.

Gerade in diesen Tagen rückt die EKD wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, wenn die viertägigen Beratungen ihrer Synode in der historischen Martin-Luther-Kirche in Ulm beginnen. Dieser Eröffnungsgottesdienst, der live im ZDF übertragen wird, ist nicht nur ein spiritueller Auftakt, sondern auch ein symbolischer Akt, der die Verwurzelung der Kirche im öffentlichen Leben unterstreicht. Die Predigt des württembergischen Landesbischofs Ernst-Wilhelm Gohl und die erwartete Stellungnahme der EKD-Ratsvorsitzenden Annette Kurschus zu aktuellen Themen in Kirche und Gesellschaft markieren den Beginn intensiver Debatten. Auch die Teilnahme von Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD) als Gastrednerin verdeutlicht die Bedeutung der EKD im gesamtgesellschaftlichen Dialog.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)?

Die EKD ist der Zusammenschluss von 20 lutherischen, reformierten und unierten Landeskirchen in Deutschland. Sie repräsentiert die Mehrheit der evangelischen Christen im Land und versteht sich als eine Gemeinschaft von Kirchen, die auf dem Boden der Reformation stehen. Ihre Wurzeln reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück, als Martin Luther mit seinen Thesen eine Bewegung auslöste, die nicht nur die Theologie, sondern auch die Gesellschaft grundlegend veränderte. Die EKD ist keine zentrale Einheitskirche im Sinne eines Vatikanstaates, sondern ein föderales Gebilde, in dem jede Landeskirche ihre Eigenständigkeit bewahrt, aber gemeinsam Fragen von überregionaler und gesamtgesellschaftlicher Bedeutung angeht.

Die Aufgaben der EKD sind vielfältig: Sie koordiniert die Arbeit ihrer Mitgliedskirchen, fördert den theologischen Austausch, vertritt die evangelische Kirche auf nationaler und internationaler Ebene, engagiert sich in sozialen Projekten (Diakonie), setzt sich für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung ein und bietet Orientierung in ethischen Fragen. Ihre Strukturen umfassen die Synode (Kirchenparlament), den Rat der EKD (Leitungsgremium) und die Kirchenkonferenz (Zusammenschluss der leitenden Geistlichen der Landeskirchen).

Die Synode: Herzstück der kirchlichen Selbstverwaltung

Die Synode der EKD ist das oberste Entscheidungsgremium und wird oft als das „Kirchenparlament“ bezeichnet. Ihre Mitglieder, die Synodalen, setzen sich aus gewählten Vertretern der Landeskirchen sowie aus von der Kirchenkonferenz berufenen Personen zusammen. Sie spiegeln die Vielfalt des kirchlichen Lebens wider – von Theologen über Juristen bis hin zu engagierten Laien aus verschiedenen Berufsfeldern. Die Synode tagt in der Regel einmal jährlich und berät über grundlegende theologische, rechtliche, soziale und finanzielle Fragen der EKD. Hier werden Beschlüsse gefasst, die die Richtung und Schwerpunkte der evangelischen Kirche in den kommenden Jahren bestimmen.

Die bevorstehenden Beratungen in Ulm sind ein Beispiel für die zentrale Rolle der Synode. Themen wie die Zukunft der kirchlichen Arbeit, der Umgang mit gesellschaftlichen Herausforderungen und die interne Entwicklung der Kirche stehen auf der Tagesordnung. Die Berichte der Ratsvorsitzenden und die Diskussionen über die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung sind dabei von entscheidender Bedeutung für die strategische Ausrichtung der EKD.

Ein Spiegel der Gesellschaft: Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU)

Ein zentrales Thema der Jahrestagung der Synode ist am Dienstag die Vorstellung der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU). Diese soziologische Studie ist ein wichtiges Instrument für die EKD, um die Haltung zu Religion und Kirche in der Gesellschaft zu verstehen. Die letzte Studie dieser Art wurde 2014 veröffentlicht, und die nun vorliegende Neuauflage ist insofern besonders, als sie erstmals zusammen mit der katholischen Kirche erstellt wurde. Dies ermöglicht einen umfassenderen Blick auf die religiöse Landschaft Deutschlands.

Die KMU liefert grundlegende Zahlen und Hintergründe zu den Einstellungen der Bevölkerung zu Glaube, Glaubwürdigkeit der Kirche, Erwartungen an Reformen, dem Engagement von Mitgliedern und nicht zuletzt zur hohen Zahl der Kirchenaustritte. Sie ist nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern auch ein Seismograph für die Entwicklungen in der Gesellschaft. Warum treten Menschen aus der Kirche aus? Welche Rolle spielt der Glaube im Alltag der Menschen? Wie wird die Kirche wahrgenommen? Diese Fragen sind für die EKD von existenzieller Bedeutung, um ihre Arbeit anzupassen und relevant zu bleiben.

Herausforderungen und Reaktionen auf Kirchenaustritte

Die Gründe für Kirchenaustritte sind vielfältig und komplex. Sie reichen von finanziellen Aspekten wie der Kirchensteuer über Enttäuschungen aufgrund von Missbrauchsskandalen bis hin zu einer allgemeinen Entfremdung von institutionalisierter Religion in einer zunehmend säkularen Gesellschaft. Viele Menschen empfinden die Kirche als nicht mehr zeitgemäß oder als irrelevant für ihr persönliches Leben. Die KMU soll hier detailliertere Einblicke liefern und der Kirche helfen, gezielte Maßnahmen zu entwickeln.

Die EKD reagiert auf diese Herausforderungen mit verschiedenen Strategien: Sie fördert den Dialog mit Nicht-Mitgliedern, überdenkt ihre Kommunikationsstrategien, setzt auf eine stärkere Öffnung und Transparenz und stärkt ihr diakonisches Engagement, das oft als besonders glaubwürdig wahrgenommen wird. Es geht darum, die Botschaft des Evangeliums neu zu formulieren und die Kirche als einen Ort der Gemeinschaft, der Werte und der Unterstützung erlebbar zu machen.

Glaubenszeugnisse und der digitale Raum: #glaubensstark

Im Vorfeld der Beratungen hatte die Präses der Synode, Anna-Nicole Heinrich, unter dem Hashtag #glaubensstark Menschen dazu aufgerufen, in Videos von ihrem Glauben zu berichten. Diese Initiative ist ein Beispiel dafür, wie die EKD versucht, neue Wege der Kommunikation zu gehen und den Glauben im digitalen Raum sichtbar zu machen. In einer Zeit, in der soziale Medien eine immer größere Rolle spielen, ist es für die Kirche wichtig, auch dort präsent zu sein und authentische Stimmen zu Wort kommen zu lassen.

Solche Initiativen tragen dazu bei, das Bild der Kirche zu modernisieren und eine Brücke zu jüngeren Generationen zu schlagen. Sie zeigen, dass Glaube nicht nur in Kirchenmauern stattfindet, sondern Teil des alltäglichen Lebens vieler Menschen ist und in vielfältiger Weise gelebt und ausgedrückt werden kann. Es geht darum, neue Formen der Glaubenszeugnisse zu finden und die Geschichten von Menschen sichtbar zu machen, die in ihrem Glauben Stärke und Orientierung finden.

Die Rolle der EKD in der Gesellschaft

Abgesehen von Gottesdiensten und internen Beratungen spielt die EKD eine wichtige Rolle in der deutschen Gesellschaft. Ihre Diakonie, das soziale Werk der evangelischen Kirche, ist einer der größten Wohlfahrtsverbände in Deutschland und betreibt Krankenhäuser, Altenheime, Kindergärten und Beratungsstellen. Sie leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur sozialen Fürsorge und zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen.

Darüber hinaus engagiert sich die EKD aktiv in politischen und ethischen Debatten. Sie nimmt Stellung zu Themen wie Klimawandel, Migration, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte. Als Stimme der evangelischen Christen bringt sie eine ethische Perspektive in diese Diskussionen ein und fordert zu verantwortungsvollem Handeln auf. Ihre Präsenz in der Öffentlichkeit und ihr Einsatz für gesellschaftliche Belange tragen dazu bei, die Werte der christlichen Botschaft in die Welt zu tragen und die Gesellschaft mitzugestalten.

Zukunftsperspektiven: Anpassung und Erneuerung

Die EKD steht vor der fortwährenden Aufgabe, sich an die sich ändernden Bedürfnisse und Überzeugungen der Menschen anzupassen, ohne ihre Kernbotschaft aufzugeben. Dies erfordert Mut zu Reformen, Offenheit für neue Ideen und eine Bereitschaft zur Selbstreflexion. Die Ergebnisse der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung werden wichtige Impulse für diesen Erneuerungsprozess liefern.

Die Kirche der Zukunft wird möglicherweise anders aussehen als die Kirche der Vergangenheit. Kleinere Gemeinden, neue Formen der Gemeinschaft, eine stärkere Fokussierung auf digitale Angebote und ein verstärktes Engagement in sozialen Projekten könnten prägende Merkmale sein. Wichtig ist, dass die EKD ein Ort bleibt, an dem Menschen Trost, Orientierung und Gemeinschaft finden können, und dass sie weiterhin eine relevante Stimme in der Gesellschaft ist, die sich für eine menschenwürdige Zukunft einsetzt.

Häufig gestellte Fragen zur EKD

Was ist die EKD genau?
Die EKD ist der Zusammenschluss von 20 eigenständigen evangelischen Landeskirchen in Deutschland (lutherisch, reformiert, uniert). Sie ist keine zentrale Behörde wie der Vatikan, sondern eine föderale Gemeinschaft, die gemeinsame Aufgaben koordiniert und die evangelische Kirche auf nationaler Ebene vertritt.

Wie ist die EKD organisiert?
Die EKD wird durch drei Hauptorgane geleitet: die Synode (das Kirchenparlament), den Rat der EKD (das Leitungsgremium) und die Kirchenkonferenz (ein Gremium der leitenden Geistlichen der Landeskirchen).

Was ist die Synode der EKD?
Die Synode ist das oberste Entscheidungsgremium der EKD. Sie besteht aus gewählten und berufenen Mitgliedern und tagt in der Regel einmal jährlich, um über wichtige theologische, rechtliche und finanzielle Fragen zu beraten und Beschlüsse zu fassen.

Was ist die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU)?
Die KMU ist eine soziologische Studie, die in regelmäßigen Abständen durchgeführt wird, um die Einstellungen der Menschen zu Religion und Kirche zu erforschen. Sie liefert wichtige Daten zu Glaubenshaltungen, Kirchenbindung, Reformerwartungen und den Gründen für Kirchenaustritte.

Warum treten so viele Menschen aus der Kirche aus?
Die Gründe sind vielfältig und umfassen oft die Kirchensteuer, Missbrauchsskandale, eine empfundene Irrelevanz der Kirche im modernen Leben, persönliche Entfremdung oder den Wunsch nach einer nicht-institutionellen Spiritualität. Die KMU liefert detailliertere Einblicke in diese Gründe.

Welche Rolle spielt die EKD in der Gesellschaft?
Die EKD engagiert sich stark in sozialen Bereichen (Diakonie), nimmt Stellung zu politischen und ethischen Fragen (z.B. Klimawandel, soziale Gerechtigkeit) und fördert den interreligiösen Dialog. Sie versteht sich als eine Stimme für christliche Werte in der öffentlichen Debatte.

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