05/10/2021
In einer oft hektischen und von Erwachsenen geprägten Welt begegnen wir einer Szene in den Evangelien, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, doch eine der tiefgreifendsten Botschaften Jesu birgt. Es ist die Begebenheit, in der Eltern ihre Kinder zu Jesus bringen, um seinen Segen zu empfangen. Doch die Jünger, in ihrem Eifer, ihren Meister zu schützen oder vielleicht aus einem Missverständnis heraus, wiesen die Kinder und ihre Eltern ab. Sie sahen in den Kindern möglicherweise eine Störung oder hielten sie für unwichtig im Vergleich zu den „ernsthaften“ Angelegenheiten des Reiches Gottes. Doch Jesu Reaktion war überraschend und entlarvend zugleich: Er wurde unwillig und forderte seine Jünger auf: „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn solchen wie ihnen gehört das Reich Gottes.“ Diese Worte sind nicht nur eine Ermahnung an seine Jünger, sondern eine ewige Einladung und eine Offenbarung darüber, welche Qualitäten uns den Zugang zu Gottes Reich eröffnen.

- Die Haltung der Jünger und Jesu radikale Korrektur
- Was bedeutet "Lasst die Kinder zu mir kommen"?
- Das Reich Gottes und die Haltung eines Kindes
- Kindlicher Glaube im Alltag leben
- Vergleich: Erwachsene Logik vs. Kindlicher Glaube im Kontext des Reiches Gottes
- Häufig gestellte Fragen zum kindlichen Glauben
- Ist kindlicher Glaube naiv oder bedeutet er, dass ich den Verstand ausschalten soll?
- Muss ich meine Persönlichkeit ändern, um wie ein Kind zu sein?
- Wie kann ich diese kindlichen Eigenschaften in meinem Leben kultivieren?
- Bedeutet "solchen wie ihnen gehört das Reich Gottes", dass Kinder automatisch gerettet sind?
- Warum ist Jesu Botschaft so radikal und wichtig für unsere Zeit?
Die Haltung der Jünger und Jesu radikale Korrektur
Die Reaktion der Jünger ist menschlich nachvollziehbar. In vielen Kulturen der damaligen Zeit hatten Kinder einen geringeren sozialen Status. Sie galten als unbedeutend, als Last oder bestenfalls als zukünftige Erwachsene. Die Jünger, die Jesus als Rabbi und bedeutende Persönlichkeit sahen, wollten ihn wohl vor Ablenkungen bewahren und seine Zeit für wichtigere Gespräche oder Wunder reservieren. Sie handelten aus einer Logik der Effizienz und Hierarchie heraus. Doch Jesus durchbricht diese menschliche Logik radikal. Sein „Unwillen“ zeigt eine tiefe Enttäuschung über das fehlende Verständnis seiner engsten Vertrauten. Er lehrt sie und uns, dass das Reich Gottes nicht nach menschlichen Maßstäben von Bedeutung, Status oder Leistung funktioniert. Es ist ein Reich, das offen ist für die, die sich nicht auf ihre eigene Stärke, Weisheit oder ihren Reichtum verlassen.
Was bedeutet "Lasst die Kinder zu mir kommen"?
Jesu Aufforderung ist weit mehr als nur eine wohlwollende Geste gegenüber Kindern. Es ist ein Aufruf zur Umkehr und zur Neuausrichtung unseres Herzens. „Lasst die Kinder zu mir kommen“ bedeutet zunächst, dass Jesus eine bedingungslose Liebe und Annahme für jeden Menschen hat, unabhängig von Alter, Status oder Verdienst. Die Kinder stehen hier symbolisch für die Schwachen, die Unbedeutenden, die, die keine eigene Lobby haben. Jesus fordert seine Jünger auf, Barrieren abzureißen und die Menschen nicht vom Zugang zu ihm abzuhalten, sondern sie aktiv einzuladen. Es ist eine Botschaft der Inklusivität, die die traditionellen sozialen Hierarchien auf den Kopf stellt. Für Jesus sind es gerade die Unscheinbaren, die im Zentrum seiner Aufmerksamkeit stehen und die uns den Weg zum Verständnis seines Reiches weisen.
Das Reich Gottes und die Haltung eines Kindes
Der Kern von Jesu Botschaft liegt in der Aussage: „Denn solchen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Hier offenbart Jesus eine fundamentale Wahrheit über den Zugang zu Gottes Reich. Es geht nicht um moralische Perfektion, theologische Gelehrsamkeit oder religiöse Rituale, sondern um eine spezifische Haltung des Herzens, die er mit der eines Kindes vergleicht. Aber welche Eigenschaften eines Kindes meint Jesus hier? Es geht nicht um Kindlichkeit im Sinne von Naivität oder Unreife, sondern um tiefere, spirituelle Qualitäten:
- Vertrauen: Ein Kind vertraut seinen Eltern bedingungslos. Es hinterfragt nicht ständig, ob es versorgt wird oder sicher ist. Es verlässt sich darauf, dass die Eltern wissen, was gut für es ist. So sollen auch wir Gott vertrauen – mit einem unerschütterlichen Glauben an seine Güte und Fürsorge.
- Abhängigkeit: Ein Kind ist sich seiner völligen Abhängigkeit von seinen Eltern bewusst. Es weiß, dass es ohne sie nicht überleben kann. Es hat keine Illusionen von Selbstgenügsamkeit. Im übertragenen Sinne bedeutet dies, dass wir unsere Abhängigkeit von Gott anerkennen und aufhören, uns auf unsere eigene Stärke oder Kontrolle zu verlassen.
- Demut: Kinder sind in der Regel nicht von Stolz oder Statusdenken geprägt. Sie nehmen ihren Platz ein, ohne sich über andere zu erheben oder ständig ihre eigene Wichtigkeit zu betonen. Der Zugang zum Reich Gottes erfordert eine tiefe Demut, die uns befähigt, Gottes Gnade als Geschenk anzunehmen, anstatt sie verdienen zu wollen.
- Offenheit und Lernbereitschaft: Kinder sind von Natur aus neugierig und offen für Neues. Sie stellen Fragen und sind bereit, zu lernen und sich belehren zu lassen. Sie haben keine vorgefassten Meinungen oder starren Dogmen, die sie am Empfangen hindern. Diese Offenheit ist entscheidend, um Gottes Wahrheit und seinen Willen zu erkennen und anzunehmen.
- Einfachheit: Kinder leben oft in einer erfrischenden Einfachheit. Sie sind nicht kompliziert, berechnend oder von komplexen Motiven getrieben. Sie nehmen die Dinge so, wie sie sind. Ein kindlicher Glaube zeichnet sich durch eine solche Einfachheit aus, die sich nicht in intellektuellen Konstrukten verliert, sondern sich auf das Wesentliche konzentriert: die Beziehung zu Gott.
- Aufrichtigkeit: Kinder sind oft sehr ehrlich und authentisch. Sie spielen keine Rollen und verbergen ihre Gefühle nicht. Diese Aufrichtigkeit ist ein Schlüssel für eine echte Beziehung zu Gott, die keine Masken oder Vortäuschungen benötigt.
Kindlicher Glaube im Alltag leben
Die Herausforderung für uns Erwachsene besteht darin, diese kindlichen Qualitäten wiederzuentdecken und in unserem Glaubensleben zu kultivieren. Das bedeutet nicht, unreif oder naiv zu werden, sondern eine tiefere, gesündere Form der Spiritualität zu entwickeln. Es geht darum, unsere Kontrolle abzugeben, unseren Stolz beiseite zu legen und uns wieder wie Kinder in die Arme unseres himmlischen Vaters zu werfen. Dies kann sich in verschiedenen Aspekten unseres Lebens zeigen:
- Im Gebet: Mit einer einfachen, ehrlichen Sprache zu Gott sprechen, ohne komplizierte Formulierungen oder das Gefühl, „perfekt“ sein zu müssen.
- Im Umgang mit Schwierigkeiten: Statt zu versuchen, alles selbst zu lösen, Schwierigkeiten Gott anzuvertrauen und auf seine Hilfe zu vertrauen.
- In der Gemeinschaft: Andere mit Offenheit und ohne Vorurteile anzunehmen, so wie Kinder oft ohne Vorurteile miteinander spielen.
- Im Lernen: Bereit sein, alte Ansichten zu hinterfragen und sich von Gott belehren zu lassen, auch wenn es unbequem ist.
Dieser kindliche Glaube ist keine Schwäche, sondern eine immense Stärke. Er befreit uns von dem Druck, alles selbst schaffen zu müssen, und ermöglicht es uns, in der Freude und Leichtigkeit der Abhängigkeit von Gott zu leben. Es ist ein Glaube, der uns tief in die Gnade Gottes eintauchen lässt, denn wir erkennen, dass wir nichts tun können, um sie zu verdienen, sondern sie einfach als Geschenk empfangen.
Vergleich: Erwachsene Logik vs. Kindlicher Glaube im Kontext des Reiches Gottes
Um die Tiefe von Jesu Botschaft besser zu verstehen, können wir die typischen Merkmale der „erwachsenen Logik“ – oft geprägt von Selbstständigkeit, Leistung und Kontrolle – mit den von Jesus geforderten kindlichen Qualitäten kontrastieren:
| Erwachsene Logik (oft hinderlich) | Kindlicher Glaube (erwünscht für das Reich Gottes) |
|---|---|
| Stolz und Selbstgenügsamkeit | Demut und Abhängigkeit |
| Skepsis und Zweifel | Bedingungsloses Vertrauen |
| Komplexität und Analyse | Einfachheit und Unmittelbarkeit |
| Leistungsdenken und Verdienst | Gnadenempfang und Geschenkannahme |
| Vorgefasste Meinungen und Dogmen | Offenheit und Lernbereitschaft |
| Kontrolle und Planung | Hingabe und Gelassenheit |
| Masken und Rollenspiele | Authentizität und Aufrichtigkeit |
Diese Tabelle verdeutlicht, dass der Weg ins Reich Gottes oft konträr zu dem ist, was die Welt uns lehrt oder was unsere menschliche Natur uns vorgibt. Es ist ein Weg der Umkehr, des Loslassens und des Empfangens.
Häufig gestellte Fragen zum kindlichen Glauben
Ist kindlicher Glaube naiv oder bedeutet er, dass ich den Verstand ausschalten soll?
Absolut nicht. Kindlicher Glaube ist nicht gleichzusetzen mit Naivität oder dem Verzicht auf kritisches Denken. Jesus fordert uns nicht auf, kindisch zu werden, sondern kindlich. Das bedeutet, die reinen und essenziellen Qualitäten von Kindern zu übernehmen – wie Vertrauen, Demut und Offenheit – und sie mit dem Verstand eines Erwachsenen zu verbinden. Es geht darum, eine tiefe, unerschütterliche Basis des Glaubens zu haben, die auch intellektuelle Fragen zulässt, aber nicht durch Zweifel gelähmt wird. Ein reifer Glaube integriert Verstand und Herz.
Muss ich meine Persönlichkeit ändern, um wie ein Kind zu sein?
Es geht nicht darum, Ihre einzigartige Persönlichkeit zu verlieren, sondern bestimmte innere Haltungen zu entwickeln. Jesus lädt uns ein, unsere tiefsten Überzeugungen und unser Verhalten im Licht der Eigenschaften eines Kindes zu überprüfen. Es ist ein Prozess der Transformation des Herzens, der uns näher an Gottes Wesen bringt und uns befähigt, das Reich Gottes mit einer neuen Perspektive zu sehen und zu erleben. Es ist eine Befreiung von den Lasten des Stolzes und der Selbstgerechtigkeit.
Wie kann ich diese kindlichen Eigenschaften in meinem Leben kultivieren?
Das Kultivieren kindlicher Eigenschaften ist ein lebenslanger Prozess, der bewusste Anstrengung und die Hilfe des Heiligen Geistes erfordert. Beginnen Sie damit, Ihre Abhängigkeit von Gott anzuerkennen und ihm täglich im Gebet zu vertrauen. Üben Sie Demut, indem Sie anderen dienen und Fehler eingestehen. Seien Sie offen für neue Erkenntnisse aus Gottes Wort und durch den Heiligen Geist. Lassen Sie los von dem Bedürfnis, alles kontrollieren zu wollen, und lernen Sie, sich in Gottes Hände zu begeben. Suchen Sie nach Momenten der Einfachheit und des Staunens in Ihrem Alltag, so wie ein Kind die Welt entdeckt. Lesen Sie regelmäßig die Evangelien, um Jesu Beispiel des Umgangs mit Menschen und seine Lehre über das Reich Gottes zu verinnerlichen.
Bedeutet "solchen wie ihnen gehört das Reich Gottes", dass Kinder automatisch gerettet sind?
Diese Passage spricht primär über die Haltung, die für den Zugang zum Reich Gottes notwendig ist, und nicht direkt über das Erlösungsschicksal von Kindern, die noch nicht die Fähigkeit zum bewussten Glauben haben. Die Theologie der "Kindesrettung" ist ein komplexes Thema mit verschiedenen Ansichten. Jesu Aussage betont hier, dass die Eigenschaften eines Kindes – wie Vertrauen, Demut und Abhängigkeit – die idealen Voraussetzungen sind, um Gottes Gnade zu empfangen. Es ist eine Metapher für die geistliche Haltung, die jeder Mensch, ob jung oder alt, entwickeln muss, um in eine Beziehung mit Gott zu treten und sein Reich zu erleben.
Warum ist Jesu Botschaft so radikal und wichtig für unsere Zeit?
In unserer leistungsorientierten und oft selbstverliebten Gesellschaft ist Jesu Botschaft von kindlichem Glauben radikaler denn je. Sie fordert uns heraus, unsere Prioritäten zu überdenken und zu erkennen, dass wahre Stärke nicht in unserer Unabhängigkeit, unserem Wissen oder unserem materiellen Besitz liegt, sondern in unserer Fähigkeit, uns Gott bedingungslos anzuvertrauen. Sie erinnert uns daran, dass das Königreich Gottes nicht für die Hochmütigen und Mächtigen ist, sondern für die Demütigen und die, die sich ihrer Bedürftigkeit bewusst sind. Diese Botschaft ist eine Quelle der Hoffnung und Befreiung, da sie uns von dem Druck befreit, perfekt sein zu müssen, und uns einlädt, einfach so zu kommen, wie wir sind, und Gottes unverdiente Liebe zu empfangen.
Jesu Worte über die Kinder sind ein Schlüssel zum Verständnis des Herzens Gottes und des Wesens seines Reiches. Sie sind eine zeitlose Erinnerung daran, dass der Weg zu Ihm nicht durch menschliche Errungenschaften, sondern durch eine Haltung der Demut, des Vertrauens und der Einfachheit geebnet wird. Mögen wir alle lernen, das Reich Gottes so anzunehmen, wie ein Kind es tut, und so die Fülle des Lebens in Seiner Gegenwart erfahren.
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