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Der fromme Atheist: Zweifel an Gott und am Nicht-Glauben

08/05/2021

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Die Landschaft des Glaubens und Unglaubens hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch gewandelt. Wo einst ein kämpferischer Atheismus seine Kraft aus der Geste der Negation schöpfte, erleben wir heute eine subtilere Form des Gott-Vergessens. In den Neunzigerjahren prägte noch eine blühende Esoterikszene das Bild, die zeigte, dass eine „Gottesebbe“ durchaus mit religiöser Ehrfurcht vor kosmischen Energien und diffusen Kräften einhergehen konnte. Die unsichtbare Religion jenseits der kirchlichen Institutionen schien zu florieren und bot weichere Varianten der Gottesbestreitung an. Doch diese Ära scheint sich dem Ende zuzuneigen. Die esoterischen Erben des Gottesglaubens sind in die Jahre gekommen, und die Säkularisierungsschübe unserer Zeit befördern eine Gesellschaft, in der Gott schlichtweg irrelevant geworden ist. Die These, eine selbstgebastelte Religiosität ohne Kirche, gemeinsames Gebet und rituelle Praktiken könne den traditionellen Glauben dauerhaft ersetzen, erweist sich zunehmend als soziologische Fiktion. Immer mehr Menschen haben vergessen, Gott vergessen zu haben. Sie leben ihr Leben, ohne etwas zu vermissen. Doch was, „wenn nichts fehlt, wenn Gott fehlt“? Diese Frage, von Jan Loffeld aufgeworfen, berührt das Herz des modernen Dilemmas. Selbst der bekennende Atheist könnte einen Phantomschmerz empfinden, wenn das Achselzucken gegenüber der Gottesfrage zum Massenphänomen wird. Auf den Trümmern der großen Atheismen konnte sich die religionsfreundliche Gottlosigkeit ausbreiten. Doch was gedeiht im Raum dieses religiösen Vakuums? Wenn das Diesseits absolut wird, scheint die alte Annahme, dass jeder Mensch eine religiöse Antenne besitze, widerlegt. Könnte Karl Rahners Wort, dass der Mensch ohne Gott sich zum findigen Tier zurückkreuzt, eine überholte Annahme sein, die sich nicht mehr halten lässt?

Die Gottesebbe und das Vergessen Gottes

Die Entwicklung weg von einem aktiven Kampf gegen Gott hin zu einem passiven Vergessen ist ein prägendes Merkmal unserer Zeit. Es ist nicht mehr die bewusste Ablehnung, die im Vordergrund steht, sondern eine Gleichgültigkeit, die tiefer sitzt. Die einst so lebendige Esoterik, die als Auffangbecken für spirituelle Bedürfnisse jenseits der etablierten Kirchen diente, verliert an Bedeutung. Ihre Anhänger sind gealtert, und eine neue Generation, die von Grund auf säkularisiert ist, wächst heran. Für viele ist die Gottesfrage schlichtweg nicht existent. Sie empfinden keine Leere, keinen Mangel. Diese „Theo-Demenz“, das Vergessen, Gott vergessen zu haben, ist vielleicht die radikalste Form des Unglaubens, da sie selbst die Möglichkeit eines Dialogs über Gott erübrigt. Wenn das Diesseits alles ist, wenn die Welt fugendicht abgeschlossen erscheint, dann gibt es keinen Raum für Transzendenz, und folglich auch keinen Schmerz über deren Abwesenheit. Die Gesellschaft wird zu einem Ort, an dem die Frage nach Gott einfach nicht mehr gestellt wird, weil die Antworten nicht als relevant erachtet werden.

Was ist der Unterschied zwischen explizite und implizite Christologie?
Die explizite Christologie wird durch die kerygmatische (verkündende) Perspektive dargestellt und ist dadurch die entscheidende Christologie für die vier Evangelien. Die implizite Christologie ist jedoch auch in den vier Evangelien zu finden.

Der Atheismus auf dem Prüfstand: Ein selbstgemachter Gott?

Schon den forsch auftrumpfenden „neuen Atheisten“ wäre eine skeptischere Haltung gegenüber der eigenen Gottesskepsis zu wünschen gewesen. Es sind nicht nur Gläubige, die das Purgatorium atheistischer Rückfragen durchlaufen müssen. Auch der Atheist sieht sein Credo der Rückfrage ausgesetzt, ob der Gott, den er verneint, nicht ein selbst fabriziertes Konstrukt ist. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Philosophen wie Sartre den Gott der Leibniz’schen Theodizee und Russell den Weltenurheber Newtons negiert haben. Dies würde bedeuten, dass der Gott, den das 20. Jahrhundert geleugnet hat, erst im 17. Jahrhundert erfunden wurde. Botho Strauß bemerkte treffend: „Natürlich konnte Nietzsche lediglich eine Attrappe, eine Maske Gottes, für tot erklären.“ Diese Erkenntnis wirft die Frage auf, ob der moderne Atheismus nicht oft einen Strohmann bekämpft, statt sich der tiefgreifenderen Konzepte von Transzendenz zu stellen. Doch wie kann man heute Menschen, denen Gott und Transzendenz völlig schnuppe sind, empfehlen, über ihre eigene Gleichgültigkeit ins Grübeln zu kommen? Wäre das mehr als ein frommer Wunsch in einer Welt, die sich zunehmend von metaphysischen Fragen abwendet?

Zweifel auf beiden Seiten: Die Brüchigkeit des Glaubens und Unglaubens

Der Glaube ist selten eine unerschütterliche Gewissheit. Gläubige können über ihren Glauben nicht einfach verfügen; sie sind immer auch Anfechtungen ausgesetzt. Das postum veröffentlichte Tagebuch der Mutter Teresa ist ein beredtes Zeugnis solcher Gottesverdunkelung, in dem sie tiefe Phasen des Zweifels und der gefühlten Abwesenheit Gottes offenbart. Entsprechend kennt auch der Ungläubige Situationen, in denen er an seinen Gotteszweifeln zu zweifeln beginnt. Der Un- oder Halbglaube wird für einen Augenblick brüchig. Mag es unverhofftes Glück sein, ein überwältigendes ästhetisches Erlebnis, das Gefühl der Verbundenheit mit etwas Größerem, oder die Erleichterung, nur knapp einem schweren Unfall entronnen zu sein: Auch der Glaube, nicht glauben zu können, ist vor Zweifeln und Anfechtungen nicht sicher. Diese Momente der „Gottesnähe“, die sich auch im Leben eines Ungläubigen ereignen können, stellen seine atheistische Überzeugung auf die Probe. Wo aber die Welt so vollständig und rational abgeschlossen ist, dass sie keine Fugen für das Unerklärliche lässt, kann ein Unbehagen an der Immanenz gar nicht erst aufkommen. Es ist, wie es ist, und es gibt keinen Raum für das Darüberhinaus. Dies ist der Zustand der metaphysischen Obdachlosigkeit, in der die Sehnsucht nach Transzendenz nicht einmal mehr empfunden wird.

Das Vakuum der Transzendenz: Wenn niemand da ist

Es gibt Leerstellen, die sich auftun, wenn Gott als Adressat menschlicher Selbstverständigung wegbricht. Wer trägt die drückende Last des Versagens, wenn es niemanden gibt, den man um Gnade bitten könnte? Der stolze Glaubenslose, wie es im Text heißt, kann vor niemandem niederknien. Das ist sein Kreuz. Oder im Falle unerwarteten Glücks: An wen soll man den Dank richten, wenn kein höheres Wesen existiert? Elias Canetti formulierte prägnant: „Das Schwerste für den, der an Gott nicht glaubt: dass er niemanden hat, dem er danken kann.“ Auch die Klage über das niederschmetternde Unrecht in der Welt – verhallt sie im Nichts, wenn keine himmlische Instanz da ist, von der man Antwort oder gar Gerechtigkeit erhoffen könnte? Diese Fragen zeigen, dass die Abwesenheit Gottes nicht nur eine intellektuelle Position ist, sondern tiefgreifende emotionale und existenzielle Konsequenzen haben kann, die das menschliche Erleben von Schuld, Dankbarkeit und Leid fundamental prägen. Die Leere, die hier entsteht, kann für manche ebenso schmerzhaft sein wie die Zweifel am Glauben für andere.

Der Glaube des Ungläubigen: Mehr als nur Nichts?

Woran glaubt, wer nicht glaubt? Steht am Ende der gähnende Abgrund des Nichts, in dem alles verlöschen wird, oder gibt es ein Leben, das keinen Tod mehr kennt? Vielleicht ist die Hoffnung, die dem Wort „Gott“ eingeschrieben ist, doch nicht bloß eine bare Illusion. Selbst ein marxistisch inspirierter Philosoph wie Ernst Bloch konnte am Ende seines Lebens auf die Frage, ob er an ein Leben nach dem Tod glaube, das kategorische Nein hinter sich lassen und nachdenklich antworten: „Peut-être – kann sein.“ Diese Offenheit gegenüber dem Unbekannten zeigt, dass selbst in einer radikal diesseitigen Philosophie Raum für eine Art von Hoffnung oder Unsicherheit bleiben kann. Und ein Dichter wie Gottfried Benn, der vor dem Wort „Gott“ als schlechtem Stilprinzip gewarnt hat, konnte im Blick auf das Atheismusproblem notieren: „Ein Jesuitenpater, der die Freundlichkeit hatte, mir zu schreiben, sagte: Ein Mensch, der Gott so unabhängig und so in der Ferne sieht wie Sie, ist mir lieber als einer, der sich immer so nahe auf ihn bezieht und alles Mögliche von ihm erwartet. Ich füge hinzu, niemand ist ohne Gott, das ist menschenunmöglich, nur Narren halten sich für autochthon und selbstbestimmend. Jeder andere weiß, wir sind geschaffen, allerdings alles andere liegt völlig im Dunklen. Die Frage ist also gar nicht, ob Gott oder Nicht-Gott, die Frage ist nur, ob man Gott in sein Leben verarbeitet, ob man ihn verwertet, ihn unmittelbar für seine Lebensart benötigt.“ Diese Perspektive deutet darauf hin, dass die Gottesfrage in irgendeiner Form immer präsent ist, selbst wenn sie nicht als Glaube im herkömmlichen Sinne artikuliert wird. Chestertons berühmtes Zitat fasst dies treffend zusammen: „Wer nicht an Gott glaubt, glaubt nicht an nichts, sondern an alles.“ Dies bedeutet, dass der Mensch ein existenzielles Bedürfnis nach Sinn und Gewissheit hat, das, wenn es nicht durch einen transzendenten Gott erfüllt wird, sich auf andere, oft unzählige und disparate Objekte des Glaubens verteilt.

Gründe des frommen Atheisten und sein stilles Leid

Ob der Glaube an Gott einem menschlichen Bedürfnis entspringt, ist zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen strittig. So wie der Nichtgläubige den Glauben an Gott nicht widerlegen kann, sollte der Gläubige die Motive für den Unglauben nicht einfach beiseiteschieben. Der fromme Atheist ist keine einfache Figur; sein Unglaube ist oft vielschichtig begründet. Das epistemische Unvermögen, wissenschaftliche Forschung und biblischen Offenbarungsglauben zusammenbringen zu können, kann ebenso ein Grund sein wie abgründige Erfahrungen, die sich in eine Sinnperspektive nicht mehr integrieren lassen – etwa das Erleben unermesslichen Leids oder Ungerechtigkeit, die mit der Vorstellung eines gütigen Gottes unvereinbar scheinen. Auch das Gefühl der Verlorenheit in einer Lage metaphysischer Obdachlosigkeit, wo kein übergeordneter Sinn oder Zweck mehr wahrgenommen wird, kann zum Unglauben führen. Der fromme Atheist hat also oft sehr gute Gründe dafür, warum er nicht glaubt – oder glaubt, nicht mehr glauben zu können oder zu wollen. Nicht selten weiß er aber auch um das, was mit dem Glauben verloren geht. Hans Blumenberg beschrieb dies eindringlich: „Der fromme Atheist ist einer, der daran leidet – und an nichts mehr leidet als daran –, Gott nicht existieren lassen zu können.“ Es wäre unklug, wenn die Theologie auf solch melancholisch gefärbte Äußerungen mit Abwehrreflexen reagieren würde. Vielmehr sollte sie versuchen, diese tiefen existentiellen Nöte zu verstehen. Aber wie reagiert sie auf die blinzelnden Zeitgenossen, die ihr kleines Glück vor dem Bildschirm finden und für die solche Fragen irrelevant sind? Die Sehnsucht, die selbst im Unglauben mitschwingen kann, ist ein wichtiges Signal.

Spielarten des Unglaubens: Eine Klassifikation

Um die Vielfalt des Unglaubens zu verstehen, ist es hilfreich, die verschiedenen Formen zu differenzieren. Der Begriff „Atheismus“ allein reicht oft nicht aus, um die Nuancen der Nicht-Glaubens zu erfassen. Hier eine Übersicht über die verschiedenen Spielarten:

Spielart des UnglaubensBeschreibung
AtheismusDas entschiedene Nein zur Existenz Gottes. Eine aktive Verneinung, oft begründet in rationalen oder wissenschaftlichen Argumenten.
ApostasieDer schleichende oder bewusste Abfall von einem zuvor bekannten und praktizierten Glauben. Oft verbunden mit Enttäuschung oder Sinnverlust in der ehemaligen Glaubensgemeinschaft.
IndifferenzEin „Jein“ oder Achselzucken gegenüber der Gottesfrage. Für den Indifferenten ist die Existenz Gottes schlichtweg irrelevant und hat keinen Einfluss auf das persönliche Leben.
AgnostizismusDas entschiedene Pochen auf die prinzipielle Unentscheidbarkeit der Gottesfrage. Agnostiker behaupten nicht, Gott existiere nicht, sondern dass seine Existenz nicht bewiesen oder widerlegt werden kann.
GottesverdunklungDas Irrewerden an Gott durch traumatische Erfahrungen von Missbrauch, Gewalt, Leid oder Ungerechtigkeit, die die Vorstellung eines guten und allmächtigen Gottes in Frage stellen.
ekklesialer AtheismusHohl gewordene Routine und floskelhafte Rhetorik innerhalb kirchlicher Strukturen. Ein Glaube, der nur noch äußerlich vollzogen wird, aber innerlich leer ist, selbst bei Gottesdienern.
GlaubensmüdigkeitEin langsames „Fading“ des Gottvergessens. Der Glaube verliert über die Zeit an Bedeutung und Relevanz, ohne dass es zu einer bewussten Abkehr kommt.
Theo-DemenzDas Vergessen, Gott vergessen zu haben. Die tiefste Form der Irrelevanz, bei der die Gottesfrage nicht einmal mehr als solche erkannt wird.
AphasieDas Schweigen schwacher Gotteszeugen, die hätten reden sollen, aber geschwiegen haben. Eine Form des Versagens der Gläubigen, ihren Glauben zu bezeugen oder zu leben.

Das Versteckspiel Gottes und die Suche des Menschen

Die alte chassidische Geschichte von Rabbi Baruchs Enkel, dem Knaben Jechiel, der beim Verstecken nicht gesucht wird, ist eine tiefgründige Parabel für die Beziehung zwischen Gott und dem modernen Menschen. Jechiel verbarg sich gut und wartete, dass ihn sein Gefährte suche. Als er lange gewartet hatte, kam er aus dem Versteck, aber der andere war nirgends zu sehen. Nun merkte Jechiel, dass jener ihn von Anfang an nicht gesucht hatte. Darüber musste er weinen und beklagte sich bei seinem Großvater. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über und er sagte: „So spricht Gott auch: Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.“ Diese Erzählung beleuchtet eine zentrale Herausforderung unserer Zeit: Gott mag sich verbergen, doch das eigentliche Problem ist, dass viele Menschen die Suche nach ihm eingestellt haben. Sie empfinden keine Notwendigkeit, ihn zu finden, weil sie seine Abwesenheit nicht als Verlust wahrnehmen. Das Versteckspiel wird zu einer tragischen Einbahnstraße, in der eine Seite bereitsteht, gefunden zu werden, die andere aber gar nicht erst danach sucht. Die Gleichgültigkeit wird hier zum größten Hindernis für eine mögliche Begegnung.

Das Wunder des Glaubens in einer säkularen Welt

Der Glaube in der heutigen Zeit ist in vieler Hinsicht ein Wunder. Augustinus schrieb in seinem Spätwerk „De civitate Dei“ (XII, 8): „Wer heutzutage noch Wunder braucht, um zu glauben, ist selbst so etwas wie ein großes Wunder, weil er in einer gläubig gewordenen Welt ungläubig geblieben ist.“ Dieser Satz, der die enorme Erfolgsgeschichte des antiken Christentums im Rücken hat, ließe sich unter den Bedingungen unserer durch Aufklärung und Religionskritik hindurchgegangenen Gegenwart beinahe umkehren: Wer heutzutage an Gott glaubt, ist selbst so etwas wie ein Wunder, weil er in einer weithin säkular gewordenen Welt gläubig geblieben ist. Dieser Glaube ist oft nicht einfach, sondern geprägt von intellektuellen Herausforderungen und einem Umfeld, das religiöse Überzeugungen in Frage stellt. Die paradoxe Situation, dass selbst die Abwesenheit Gottes als eine Art Erlösung empfunden werden kann, zeigt sich in Aleksandar Tišmas Erzählung „Die Schule der Gottlosigkeit“. Eine Folterszene beschreibt, wie ein Peiniger einen jungen Mann foltert. Der Folterer hat einen Sohn im gleichen Alter und denkt sich: „Wenn es Gott gäbe, würde mein Sohn vielleicht auch sterben oder Schaden erleiden.“ Als der junge Mann stirbt, befürchtet der Peiniger das Schlimmste für seinen eigenen Sohn. Doch ein Anruf seiner Frau bringt Entwarnung: „Nein, unserem Sohn geht es eh besser.“ Darauf kniet er nieder und betet: „Lieber Gott, Danke, dass es dich nicht gibt!“ Diese verstörende Szene offenbart die tiefe Ambivalenz gegenüber Gott: Die Abwesenheit Gottes wird hier als Gnade empfunden, als Schutz vor einem allmächtigen Wesen, das Leid zulassen könnte. Es ist eine verzweifelte Form des Unglaubens, die paradoxerweise in einer Art Gebet gipfelt.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum frommen Atheismus

Was ist ein „frommer Atheist“?
Ein „frommer Atheist“ ist jemand, der nicht an Gott glaubt, aber dennoch eine tiefe Auseinandersetzung mit der Gottesfrage, Spiritualität oder existentiellen Fragen des Lebens pflegt. Er leidet oft darunter, nicht glauben zu können, oder am Verlust von Sinn, Trost und Transzendenz, die der Glaube bieten könnte. Ihr Leid ist oft eine Melancholie darüber, dass eine Welt ohne Gott für sie die einzige Realität ist, auch wenn sie sich nach etwas Höherem sehnen könnten.
Warum leiden fromme Atheisten, wenn sie nicht glauben?
Sie leiden nicht unbedingt am Unglauben selbst, sondern am Unvermögen, glauben zu können, oder am Verlust von Sinn, Trost und Transzendenz, die der Glaube bieten könnte. Ihr Leid ist oft eine Melancholie darüber, dass eine Welt ohne Gott für sie die einzige Realität ist, auch wenn sie sich nach etwas Höherem sehnen könnten.
Kann man Gott „vergessen haben, dass man ihn vergessen hat“?
Ja, dies wird als „Theo-Demenz“ bezeichnet. Es beschreibt einen Zustand, in dem die Gottesfrage so irrelevant geworden ist, dass man nicht einmal mehr die Erinnerung daran besitzt, dass Gott einst eine Rolle spielte oder überhaupt existierte. Es ist eine Form der tiefsten Gleichgültigkeit.
Gibt es einen Unterschied zwischen Atheismus und Agnostizismus?
Ja, Atheismus ist die Behauptung, dass Gott nicht existiert (entschiedenes Nein). Agnostizismus hingegen ist die Position, dass die Existenz Gottes prinzipiell nicht bewiesen oder widerlegt werden kann. Agnostiker sagen „Ich weiß es nicht“, während Atheisten sagen „Ich glaube nicht, dass er existiert“.
Was passiert, wenn Gott als „Adressat“ wegfällt?
Wenn Gott als Adressat für menschliche Selbstverständigung wegfällt, entstehen „Leerstellen“. Das bedeutet, es gibt keinen mehr, dem man für unerwartetes Glück danken, um Gnade bitten oder Klage über Unrecht in der Welt erheben könnte. Diese existentiellen Bedürfnisse bleiben unerfüllt oder müssen auf andere Weise adressiert werden.

Fazit: Die Suche nach Sinn in einer gottvergessenen Welt

Solange Gläubige und Ungläubige um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Gottesglaubens ringen, sind sie von letzten Fragen umgetrieben. Sie sind in einem tieferen Sinne „religiös“ als jene, die sich dem religiösen Indifferentismus oder der neopaganen Verblödung hingeben, welche allenfalls ein Achselzucken für solche existenziellen Fragen übrig haben. Der Bürger, der vergessen hat, dass er getauft ist, will sonntags ausschlafen und nicht gestört werden. Als bräuchte er keine Weckzeichen, die ihn aus seiner Glaubensmüdigkeit herausrufen. Doch wie das Glockengeläut daran erinnert, dass Gott uns nicht vergessen hat, so ist der Kirchturm im Häusermeer unserer Städte ein Fingerzeig nach oben, dass diese Welt nicht alles ist. Die Auseinandersetzung mit der Gottesfrage, sei es im Glauben, im Zweifel oder im bewussten Unglauben, ist eine zutiefst menschliche Angelegenheit. Der fromme Atheist ist dabei eine wichtige Figur, denn er zeigt, dass selbst in der Abwesenheit des Glaubens eine tiefe Beziehung zum Heiligen bestehen kann – oft in Form eines schmerzhaften Vermissens oder eines ungestillten Bedürfnisses nach Transzendenz. Es ist diese fortwährende Suche, dieses Ringen um Sinn und die Anerkennung der „Leerstellen“, die uns als Menschen auszeichnen und uns über die bloße Gleichgültigkeit erheben.

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