Was ist das christliche Gebet?

Das Geheimnis der Kirchenglocken

17/09/2025

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„Am Gründonnerstag fliegen die Glocken nach Rom!“ – Diese volkstümliche Redewendung ist vielen bekannt und markiert den Beginn einer besonderen Zeit im Kirchenjahr, in der die sonst so präsenten Kirchenglocken verstummen. Doch was steckt hinter diesem Brauch? Welche Geschichten und Bedeutungen verbergen sich hinter dem Läuten – oder eben dem Schweigen – dieser majestätischen Instrumente, die seit Jahrhunderten das Leben der Gemeinden prägen? Von der ältesten Glocke Kärntens bis hin zu den alltäglichen Gebetsrufen – dieser Artikel beleuchtet die vielfältige Welt der Kirchenglocken und entschlüsselt ihre tiefe symbolische und praktische Rolle.

Welche Bedeutung hat das Beten in der biblischen Tradition?
Inhaltsverzeichnis

Das Geheimnis des Gründonnerstags: Warum schweigen die Glocken?

Der Gründonnerstagabend ist ein zentraler Moment im christlichen Gedenken, der an das Letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern und seine anschließende Gefangennahme im Garten Getsemani erinnert. In tiefer Verbundenheit mit diesem Ereignis verstummen nicht nur die großen Kirchenglocken, sondern auch die kleinen Messglocken, die Ministrantinnen und Ministranten während des Gottesdienstes verwenden, sobald das Gloria der Gründonnerstagsliturgie erklingt. Dieses Schweigen ist ein eindringliches Zeichen der Trauer, des Innehaltens und des sogenannten „Fastens der Ohren“.

Am Karfreitag, dem Tag der Kreuzigung Jesu, und am Karsamstag, der die Grabesruhe Christi symbolisiert, bleiben die Glocken gänzlich stumm. Diese Stille ist ein Ausdruck der tiefen Betroffenheit und des Schmerzes über das Leiden und Sterben Jesu. Es ist eine Zeit des Gedenkens und der Besinnung, in der die Gemeinde auf den Höhepunkt des Osterfestes wartet. Neben den Glocken verstummen auch die Orgeln mit dem Gloria der Gründonnerstagsliturgie, und der Altarschmuck wird entfernt, um die Ernsthaftigkeit dieser heiligen Tage zu unterstreichen. Das Allerheiligste wird nach der Messe des Letzten Abendmahls an einen Seitenaltar oder in eine Seitenkapelle übertragen, was die Verlassenheit und den Schmerz der Jünger widerspiegelt.

Warum „fliegen die Glocken nach Rom“?

Die genaue Herkunft der Redewendung, dass die Glocken „nach Rom fliegen“, ist nicht eindeutig geklärt. Es gibt jedoch mehrere Vermutungen, die dieser faszinierenden Vorstellung zugrunde liegen. Eine der plausibelsten Erklärungen besagt, dass die Glocken symbolisch nach Rom reisen, um sich dort den päpstlichen Ostersegen „Urbi et Orbi“ abzuholen. Mit dieser höchsten Segnung kehren sie dann zur Osternacht zurück, um die freudige Botschaft der Auferstehung zu verkünden. Diese Vorstellung verbindet die lokale Tradition mit dem Zentrum der katholischen Kirche und verleiht dem Schweigen eine tiefere, transzendente Dimension, die über das reine Trauerfasten hinausgeht.

Ein Blick in die Geschichte und Bedeutung der Kirchenglocken

Glocken sind weit mehr als nur akustische Signalgeber; sie sind seit über 5.000 Jahren ein fester Bestandteil menschlicher Kulturen und dienten ursprünglich der Zeitangabe, der Warnung vor Gefahren wie Sturm oder Unwetter und als allgemeine Signalglocken. Im Christentum finden Glocken seit rund 1.500 Jahren ihren Einsatz und haben sich zu einem unverzichtbaren Element des kirchlichen Lebens entwickelt.

Die grundlegende Bedeutung von Kirchenglocken ist tiefgreifend und vielschichtig. Sie laden Gläubige zum Gottesdienst ein, begleiten wichtige liturgische Handlungen, rufen zum Gebet und zur Fürbitte auf und erinnern die Menschen an die Ewigkeit. Glocken geben dem kirchlichen Alltag einen festen Rhythmus und strukturieren das Leben in der Gemeinde. Ihr Klang ist ein vertrautes Geräusch, das Generationen verbindet und ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Trostes vermittelt. Sie sind die Stimme der Kirche, die über Dächer und Täler hinweg zu den Menschen spricht und sie in Freud und Leid begleitet.

Kärntens klingende Vielfalt: Zahlen, Rekorde und Besonderheiten

Kärnten, das südlichste Bundesland Österreichs, beherbergt eine beeindruckende Anzahl von Kirchenglocken, die Zeugen einer reichen Geschichte und lebendigen Glaubenstradition sind. In den rund 1.000 katholischen Kirchen des Landes läuten etwa 4.000 Glocken. Demgegenüber stehen die 54 evangelischen Kirchen Kärntens, in denen rund 100 Glocken im Einsatz sind. Ein bemerkenswerter Unterschied zwischen den Konfessionen zeigt sich in der Karwoche:

KonfessionAnzahl Kirchen (ca.)Anzahl Glocken (ca.)Schweigen an den „Heiligen Drei Tagen“ (Gründonnerstag bis Osternacht)
Katholisch1.0004.000Ja
Evangelisch54100Nein

Die Königin Kärntens: Die „Maria Saalerin“

Die größte und zugleich schwerste Glocke Kärntens ist die imposante „Maria Saalerin“, die im Nordturm des Maria Saaler Domes thront. Dieses Meisterwerk der Glockengießer Mathias Landsmann wurde im Jahr 1687 gegossen und beeindruckt mit einem Durchmesser von 222 cm und einem Gewicht von etwa 6.600 kg. Ihre Präsenz ist nicht nur optisch, sondern auch akustisch überwältigend. Bis 1711 hielt die „Maria Saalerin“ den Titel der größten Glocke Österreichs, bevor sie von der „alten Pummerin“ im Wiener Stephansdom abgelöst wurde. Ihr tiefer, resonanter Klang erfüllt die Umgebung und ist ein Wahrzeichen der Region.

Das größte Geläut und die älteste Glocke

Der Dom zu Maria Saal beherbergt nicht nur die „Maria Saalerin“, sondern verfügt mit weiteren fünf Glocken im Südturm und einer Sterbeglocke im Dachreiter über dem Presbyterium auch über das größte Geläut in Kärnten. Diese beeindruckende Ansammlung von Glocken erzeugt einen harmonischen Klangteppich, der bei festlichen Anlässen die Herzen der Gläubigen berührt. Bemerkenswert ist auch, dass die Glocken im Maria Saaler Dom heutzutage sogar via Handy gesteuert werden können – eine Brücke zwischen alter Tradition und moderner Technik.

Die älteste Glocke Kärntens ist ein wahrer Schatz und gleichzeitig eine der ältesten erhaltenen Glocken Österreichs. Sie stammt aus dem 11. Jahrhundert und gehörte ursprünglich entweder zur Filialkirche „Maria Schmerzen“ am Freudenberg oder zur Kirche in Flatschach. Heute ist dieses historische Artefakt, das 57 cm hoch ist, einen Durchmesser von 45,5 cm hat und 55 kg wiegt, sicher in der „Schatzkammer Gurk“ verwahrt. Sie ist ein stummer Zeuge vergangener Jahrhunderte und ein beeindruckendes Beispiel mittelalterlicher Handwerkskunst.

Die jüngsten Klänge in Wölfnitz

Die jüngsten Glocken in der Diözese Gurk finden sich in der Pfarrkirche „Hl. Michael“ in Wölfnitz/Saualpe. Diese Pfarre, mit nur 36 Katholikinnen und Katholiken eine der drei kleinsten Kärntens, erhielt ihre vier neuen Glocken am 29. Mai 2023. Sie stammen aus der renommierten Glockengießerei Grassmayr in Innsbruck und wurden in den exakten Größen und Tönen ihrer Vorgänger gegossen, die tragischerweise während des Zweiten Weltkrieges eingeschmolzen wurden. Die größte dieser neuen Glocken wiegt 630 kg und ist dem heiligen Nepomuk geweiht. Ihre Inschrift besagt, dass sie „in Erinnerung an Pfarrer Nepomuk Wornik läuten“ soll, wodurch sie eine persönliche und ehrende Bedeutung erhält.

Der Ruf der Glocken: Wann und warum läuten sie?

Kirchenglocken sind nicht nur während des Gottesdienstes zu hören. Ihr Läuten strukturiert den Tag und das Leben der Gemeinde auf vielfältige Weise.

Das tägliche Gebetsläuten: Der Angelus

Dreimal am Tag – um 6 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags und um 18 Uhr abends – erklingt das sogenannte „Angelus“-Läuten. Dieses Gebetsläuten hat seinen Ursprung in den Stundengebeten der Klöster: „Laudes“ am Morgen, „Sext“ oder Mittagshore zu Mittag und „Vesper“ am Abend. Es ist eine Einladung an die Gläubigen, das „Angelus“ (oder „Engel des Herrn“) zu beten, ein Gebet, das an die Menschwerdung Christi erinnert. An manchen Orten wird nach dem abendlichen „Angelus“-Läuten zusätzlich die Toten- oder Sterbeglocke geläutet, um der Verstorbenen zu gedenken und sie in die Fürbitte einzuschließen.

Das „Scheidungsläuten“ am Freitag um 15 Uhr

Jeden Freitag um 15 Uhr, zur Todesstunde Jesu, läuten die Glocken als sogenanntes „Scheidungsläuten“. Der Begriff „Scheidung“ leitet sich hier von „Hinscheiden“ (Sterben) ab und erinnert die Gläubigen an das Leiden und Sterben Christi am Kreuz. Es ist ein Moment der stillen Einkehr und des Gedenkens an das größte Opfer, das für die Menschheit gebracht wurde.

Das Läuten vor dem Gottesdienst

Das Läuten der Glocken vor dem Gottesdienst dient dazu, die Pfarrgemeinde zu versammeln und auf die bevorstehende Feier einzustimmen:

  • Eine Stunde oder eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst lädt das „Vorläuten“ die Gemeinde ein, sich auf den Weg zur Kirche zu machen.
  • Eine Viertelstunde vor Beginn der Messfeier ertönt das „Zusammenläuten“, welches die Gläubigen signalisiert, dass die Zeit für den Gottesdienst naht.
  • Unmittelbar vor Beginn der heiligen Messe wird „Zum Altar“ geläutet, um den Beginn der Feier anzuzeigen und die Anwesenden zur inneren Sammlung aufzurufen.

An Samstagen sowie an den Tagen vor Hochfesten wird nach dem abendlichen „Angelus“-Läuten außerdem die Sonntagsmesse beziehungsweise die heilige Messe zum jeweiligen Hochfest eingeläutet, um den Beginn des neuen liturgischen Tages zu markieren.

Während der Glockenstille von Gründonnerstag bis Ostersonntag übernehmen vielerorts Ratschen die Aufgabe, die Menschen zu den Gottesdiensten einzuladen. Ihr lautes, klapperndes Geräusch ist ein traditioneller Ersatz für den Glockenklang und ein charakteristisches Merkmal der Karwoche.

Glockenklang während des Gottesdienstes und zu besonderen Anlässen

Auch während eines Gottesdienstes kommen Kirchenglocken zum Einsatz, um wichtige liturgische Handlungen zu kennzeichnen:

  • Das „Zeichenläuten“ dient dazu, zentrale Momente wie die Wandlung, bei der Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt werden, anzuzeigen.
  • Das Läuten zum Evangelium ist ebenfalls gebräuchlich und unterstreicht die Bedeutung der Verkündigung des Wortes Gottes.
  • An Hochfesten wie Ostern oder Pfingsten werden der feierliche Einzug und Auszug der Geistlichen und der Gemeinde meist von vollem Geläut begleitet.
  • Das „Te Deum“ („Großer Gott, wir loben dich“) am Ende festlicher Gottesdienste wird ebenfalls oft mit dem vollen Klang aller Glocken untermalt, um die Freude und den Dank auszudrücken.

Darüber hinaus läuten Kirchenglocken bei vielen weiteren besonderen Anlässen, die das Leben der Gemeinde prägen. Dazu gehören Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse, bei denen die Glocken den Übergang in neue Lebensabschnitte oder das Abschiednehmen begleiten. Auch bei Kirchenjubiläen, der Ernennung und dem Tod eines Diözesanbischofs sowie bei der Wahl und dem Tod eines Papstes erheben die Glocken ihre Stimme. Je nach Bedeutung des Anlasses wird entweder mit allen Glocken (Vollgeläute) oder nur mit einigen Glocken (Teilgeläute) geläutet, um die Feierlichkeit des Moments angemessen auszudrücken.

Mehr als nur Gebetsrufe: Weltliche Funktionen der Glocken

Neben ihren sakralen Aufgaben erfüllten und erfüllen Kirchenglocken auch wichtige weltliche Funktionen, die ihre Bedeutung im Alltag der Menschen unterstreichen.

Das sogenannte „weltliche Geläut“, also der Stundenschlag zur vollen Stunde und zu jeder Viertelstunde, diente und dient dazu, die Uhrzeit anzuzeigen. Diese Funktion stammt aus der Zeit des Mittelalters, als der Großteil der Bevölkerung keine eigene Uhr besaß und somit auf die Turmuhr der Kirche angewiesen war, um den Tagesablauf zu strukturieren. Der Klang der Glocken war somit der Taktgeber des öffentlichen Lebens.

Auch das Glockengeläut in der Neujahrsnacht ist weltlichen Ursprungs und symbolisiert den Übergang vom alten ins neue Jahr, oft begleitet von festlichen Feierlichkeiten. Darüber hinaus können Kirchenglocken in Abwesenheit von modernen Alarmsirenen bei Notfällen und Umweltkatastrophen wie Feuer oder Hochwasser geläutet werden, um die Bevölkerung zu warnen und auf Gefahren aufmerksam zu machen. Ihr durchdringender Klang kann in solchen Momenten lebensrettend sein und zeigt die vielseitige Rolle der Glocken in der Gemeinschaft.

Weihe oder Segen? Die Bedeutung der Glockenweihe

Im kirchlichen Sprachgebrauch gibt es einen wichtigen Unterschied zwischen „weihen“ und „segnen“. „Geweiht“ werden vor allem Personen, die in den Dienst Gottes gestellt werden, wie Priester und Diakone. Ebenso werden Kirchenbauten und Dinge geweiht, die für den dauerhaften liturgischen Gebrauch, also ausschließlich für den heiligen Dienst, bestimmt sind. Dazu gehören beispielsweise Glocken, Kelche, Patenen oder Öle. Die Weihe ist eine sakramentale Handlung, die einen Gegenstand oder eine Person für einen heiligen Zweck abgrenzt und Gott übereignet.

Sachen, Gegenstände und Tiere hingegen werden nicht „geweiht“, sondern „gesegnet“. Der Segen ist eine Bitte um Gottes Schutz und Wohlwollen für profane Dinge oder Lebewesen, die im Alltag genutzt werden. Deshalb gibt es liturgisch gesehen keine „Auto-“, „Pferde-“ oder „Fleischweihen“, sondern entsprechende Segnungen. Bei Glocken handelt es sich um eine Weihe, da sie für den heiligen Dienst im Gotteshaus bestimmt sind und eine liturgische Funktion erfüllen.

Häufig gestellte Fragen zu Kirchenglocken

Was bedeutet es, wenn die Glocken nach Rom fliegen?

Es ist eine volkstümliche Redewendung, die das Schweigen der Glocken von Gründonnerstag bis zur Osternacht erklärt. Symbolisch fliegen die Glocken nach Rom, um den päpstlichen Ostersegen „Urbi et Orbi“ zu empfangen und kehren dann mit der frohen Botschaft der Auferstehung zurück.

Wie viele Kirchenglocken gibt es in Kärnten?

In den rund 1.000 katholischen Kirchen Kärntens gibt es etwa 4.000 Glocken. In den 54 evangelischen Kirchen läuten rund 100 Glocken.

Wann läuten die Glocken tagsüber zum Angelus?

Die Glocken läuten zum „Angelus“-Gebet dreimal täglich: um 6 Uhr morgens, um 12 Uhr mittags und um 18 Uhr abends. Dieses Läuten lädt zum Gebet „Engel des Herrn“ ein und erinnert an die Stundengebete der Klöster.

Warum schweigen die Glocken vor Ostern?

Die Glocken schweigen von Gründonnerstagabend bis zur Osternacht als Zeichen der Trauer und des Gedenkens an das Leiden, Sterben und die Grabesruhe Jesu Christi. Es ist ein „Fasten der Ohren“ in der Karwoche.

Warum läuten die Glocken freitags um 15 Uhr?

Das Läuten freitags um 15 Uhr, das sogenannte „Scheidungsläuten“, erinnert an die Todesstunde Jesu am Kreuz. Es ist ein Moment der Besinnung auf sein Opfer.

Was ist der Unterschied zwischen Weihe und Segen bei Glocken?

Glocken werden „geweiht“, da sie für den dauerhaften, heiligen liturgischen Gebrauch bestimmt sind. „Gesegnet“ werden hingegen profane Gegenstände, Tiere oder Fahrzeuge, die im Alltag genutzt werden.

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