27/04/2021
Georg Müller, geboren 1805 und verstorben 1898 im Alter von 92 Jahren, war weit mehr als nur ein Waisenhausvater. Sein Leben ist eine bemerkenswerte Geschichte von dramatischer Transformation, tiefem Glauben und einem unerschütterlichen Vertrauen auf die Fürsorge Gottes. Von einer Jugend geprägt von Gottlosigkeit und Ausschweifung entwickelte er sich zu einem der bekanntesten Philanthropen und Glaubensmänner seiner Zeit. Seine Hingabe an die Notleidenden, insbesondere Waisenkinder, und seine einzigartige Art, seine umfangreichen Werke allein durch Gebet zu finanzieren, haben Generationen von Gläubigen inspiriert und sind ein lebendiges Zeugnis für die Kraft des Gebets.

Müllers Geschichte ist ein eindringliches Beispiel dafür, wie ein Mensch vom Tode zum Leben, von der Finsternis zum Licht und von Abgöttern zum lebendigen Gott finden kann. Seine persönliche „Gottesstunde“ war der Wendepunkt, der sein gesamtes Leben von Grund auf veränderte und ihn auf einen Pfad der Hingabe und des Dienstes führte, der Tausenden von Kindern zugutekam.
- Ein verlorener Anfang: Jugend in Sünde und Ausschweifung
- Die Gottesstunde: Eine radikale Kehrtwende
- Merkmale einer biblischen Wiedergeburt: Die Folgen der Umkehr
- Der Waisenhausvater von Bristol: Ein Leben im Dienst
- Die Kraft des Gebets: Müllers Prinzipien und Wunder
- Ein Vermächtnis des Glaubens
- Häufig gestellte Fragen zu Georg Müller
Ein verlorener Anfang: Jugend in Sünde und Ausschweifung
Es mag unglaublich erscheinen, aber in jungen Jahren deutete absolut nichts darauf hin, dass aus Georg Müller einmal ein gesegneter Gottesmann werden würde. Im Gegenteil, alles sprach dagegen. Schon vor seinem zehnten Geburtstag führte er ein Leben in Gottlosigkeit und Ausschweifung, das von Betrug und Diebstahl geprägt war. Er selbst erzählte später offenherzig von dieser Zeit: „Mein Vater, von Beruf Steuereinnehmer, der seine Kinder nach weltlichen Grundsätzen erzog, gab uns Geld, ehe wir es recht anzuwenden wussten. Wir sollten dasselbe nicht ausgeben, sondern uns an den Besitz des Geldes gewöhnen. Das Resultat war, dass ich und mein Bruder in manche Sünde geführt wurden.“
Müller gestand, dass er oft einen Teil des Geldes auf kindische Weise ausgab und wenn sein Vater Rechenschaft verlangte, versuchte er ihn durch falsche Rechnungslegung zu täuschen. Selbst als seine Täuschung entdeckt und er bestraft wurde, tat er es immer wieder. Er war noch nicht zehn Jahre alt, als er schon öfters Staatsgelder aus der Kasse seines Vaters entwendet hatte. Diese frühe Prägung durch Unredlichkeit setzte sich in seiner Schülerzeit fort.
„Meine Zeit verbrachte ich mit Studieren und Romanlesen, auch ergab ich mich, obgleich noch jung, doch schon allerlei sündigen Gewohnheiten“, bekennt er. Diese Phase dauerte an, bis er 14 Jahre alt wurde. Dann starb plötzlich seine Mutter. Doch selbst dieses einschneidende Ereignis konnte sein Herz nicht erweichen. In der Nacht, als sie im Sterben lag, spielte er Karten bis in die frühen Morgenstunden. Am nächsten Tag, einem Sonntag, ging er mit Freunden ins Wirtshaus und zog von dort halb berauscht durch die Straßen der Stadt. Am Montag begann der Unterricht zur Vorbereitung auf die Konfirmation, an dem er unachtsam teilnahm.
„Der Verlust meiner Mutter machte auch keinen bleibenden Eindruck auf mein Gemüt. Ich sank tiefer und tiefer.“ Kurz vor seiner Konfirmation machte er sich grober Unsittlichkeiten schuldig und betrog am Tag davor sogar den Pastor, indem er ihm nur einen Bruchteil des Geldes gab, das sein Vater für ihn bestimmt hatte. In diesem Herzenszustand – ohne Gebet, ohne wahre Reue, ohne Glauben und ohne Kenntnis des Heilsplanes Gottes – wurde Georg Müller konfirmiert und nahm das Heilige Abendmahl entgegen. Obwohl die feierliche Handlung einen ersten tiefen Eindruck hinterließ, waren die guten Vorsätze schnell vergessen, und er versank noch tiefer ins Elend der Sünde.
Mit 16 Jahren fand sich Georg Müller im Gefängnis wieder, wo er mehrere Monate verbringen musste. Diese Zeit hinterließ einen gewissen Eindruck, und als noch eine empfindliche Prügelstrafe durch den Vater hinzukam, besserte er sich tatsächlich etwas. Er begann fleißig zu studieren und erhielt gute Zeugnisse. Doch innerlich ging es in den alten Bahnen weiter; er lebte heimlich in mancherlei Sünde. Selbst auf einer großen Reise zu Fuß mit Freunden im Alter von 20 Jahren gestand er später: „Ich war auf dieser Reise ein Judas, denn ich hatte die gemeinsame Kasse und war ein Dieb. Ich wusste es einzurichten, dass mich die Reise bloß zwei Drittel von dem kostete, was sie meine Freunde gekostet hatte. Zu Hause angekommen, musste ich wieder Sünde mit Sünde decken, denn nur durch viele Lügen betreffs der Reisekosten gelang es mir, den Vater zu beschwichtigen.“
Die Gottesstunde: Eine radikale Kehrtwende
Doch in dieser dunklen Zeit begann der Geist Gottes bereits leise an seinem Herzen zu arbeiten. Georg Müller empfand mehr denn je die Leere seines Lebens und sah selbst ein trauriges Ende voraus. Und dann griff Gott selbst ein und führte die Wende herbei. Einer seiner Freunde hatte Umgang mit einem Glaubenskreis bekommen und erzählte Müller davon. Als er davon hörte, war es ihm, als ob eine Glocke in seinem Herzen zu klingen begonnen hätte.
Gleich am folgenden Abend war er in dem kleinen Kreis zugegen. Sein Freund wollte ihn gar nicht mithaben, weil er seinen Leichtsinn kannte, aber Müller ließ nicht nach und ging tatsächlich mit. Was geschah dort? Kleinigkeiten können eine enorme Bedeutung für das ganze Leben und damit auch für viele andere bekommen! Müller wollte sich noch entschuldigen, dass sie so ohne eingeladen zu werden, einfach hineinkämen. Da bekam er die Antwort: „Kommen Sie, so oft Sie wollen, Haus und Herz stehen Ihnen offen.“ Dieses freundliche, kurze Wort hinterließ einen tiefen Eindruck bei Müller.
Dann wurde ein Lied gesungen. Einer der Älteren fiel auf die Knie und betete. „Dieses Knien machte einen tiefen Eindruck auf mich“, erzählte Müller später. „Ich hatte noch nie einen Menschen auf den Knien beten sehen. Ich erkannte sofort: Ich bin gelehrter und studierter als dieser einfache Mann, aber so beten kann ich nicht.“ Es wurde dann ein Kapitel aus der Bibel gelesen, gefolgt von einer gedruckten Predigt. Nach diesem Abend sagte Müller zu seinem Freunde: „Alles, was wir auf der Schweizer Reise gesehen haben, und alle unsere bisherigen Vergnügungen sind nichts gegen diesen Abend.“
Er konnte sich selbst wohl kaum Rechenschaft darüber geben, was er eigentlich erlebt hatte. Aber er empfand ein tiefes Glücksgefühl im Herzen, eine unbeschreibliche Freude war in ihm wachgeworden. Der Abend war der Wendepunkt seines Lebens. Wohl fehlte noch eine klare Erkenntnis über die einzelnen Zusammenhänge, wohl hatte er keine besondere Reue über sein bisheriges Leben, aber er hatte eine Freude im Herzen, und die ist nicht mehr gewichen. Er hatte seine Gottesstunde erlebt und hat sie nie vergessen.
Merkmale einer biblischen Wiedergeburt: Die Folgen der Umkehr
Die Folgen dieser „Gottesstunde“ sind klassisch und zeigen die wahren Kennzeichen einer biblischen Wiedergeburt: „Seit der Stunde meiner Umkehr wurde ich von meinen Mitstudenten verlacht“, so schreibt Müller selbst. „Es machte mir aber nichts aus, ich ließ mich beleidigen, betete viel, liebte die Brüder, ging in die Kirche und stand auf der Seite des Herrn. Wohl wurde ich noch manchmal von einer Sünde übereilt, aber es kam doch nicht mehr so oft vor wie früher, und wenn es geschah, erfüllte es mein Herz mit Traurigkeit.“
Dies sind die rechten Kennzeichen: Es tritt Ablehnung, vielleicht sogar Spott von Seiten der Mitmenschen ein. Man hat Freude an Gottes Wort und kann ohne Gemeinschaft mit anderen Gläubigen nicht mehr leben. Wohl kommen Sünden vor, aber wenn es geschieht, ist sofort echte Reue da, und manche Sünde wird tatsächlich überwunden.
Diese „Gottesstunde“ war selbstverständlich nicht das Ende der vielfältigen Gotteserfahrungen, die Georg Müller gemacht hat, sondern nur ein erster kleiner Anfang. Er wurde dann von Jahr zu Jahr weiter geführt und ist vielen Menschen, zumal jungen Menschen und auch Kindern, ein rechter Vater geworden. Das Charakteristische seines Lebens war Treue, Glaube und Gebet. Er hat Wunder über Wunder erlebt.
Der Waisenhausvater von Bristol: Ein Leben im Dienst
Georg Müllers Glaube manifestierte sich in seinem unermüdlichen Dienst an den Ärmsten der Gesellschaft: den Waisenkindern. Insbesondere bei der Arbeit mit Waisenkindern in Bristol war es sein Anliegen, diesen Kindern zunächst ein Frühstück zu versorgen. Sodann unterrichtete er sie im Lesen und erzählte ihnen auch biblische Geschichten. Doch Georg Müller wollte noch mehr tun. Er war überzeugt, dass Gott ihn dazu berufen hatte, Waisenhäuser zu gründen und zu unterhalten, ohne jemals um Geld zu bitten, sondern allein durch Gebet und Vertrauen auf Gottes Versorgung.
Im Jahre 1836 eröffnete er in der Wilson Street sein erstes Waisenhaus. Nur einen Monat nach der Eröffnung waren bereits 26 Waisen in dem Heim untergebracht. Ein Jahr später hatten Georg und seine Frau Mary bereits drei Waisenhäuser mit insgesamt 96 Waisen zu betreuen. Die Zahl der Kinder wuchs stetig, und bald darauf musste ein neues Heim mit mehr Platz gebaut werden. 275 Kinder zogen in dieses neue Heim ein. Die Vision Müllers war es, nicht nur die materiellen Bedürfnisse der Kinder zu stillen, sondern ihnen auch eine fundierte christliche Erziehung zu ermöglichen.
Allein durch die Gebete vieler gläubiger Menschen konnten unter Georg Müllers Leitung fünf große Waisenhäuser in Ashley Down, Bristol, erbaut werden. Im Laufe seines Lebens betreute er über 10.000 Waisenkinder. Seine Arbeit war ein lebendiges Zeugnis dafür, dass Gott seine Verheißungen erfüllt und dass aufrichtiges Gebet Berge versetzen kann. Er führte detaillierte Aufzeichnungen über alle Einnahmen und Ausgaben und konnte so belegen, dass alle benötigten Mittel ohne öffentliche Spendenaufrufe oder Schulden, sondern ausschließlich durch freiwillige Gaben, die als Antwort auf Gebet eingingen, bereitgestellt wurden. Diese unglaubliche Leistung machte ihn zu einem weltweit anerkannten Beispiel für Glaubenswerke.
Die Kraft des Gebets: Müllers Prinzipien und Wunder
Oft wurde Georg Müller gefragt, wie es möglich war, dass er so wunderbare Erfahrungen mit Gott machen konnte und wie er die riesigen Summen und Ressourcen für seine Waisenhäuser erhielt. Seine Antwort darauf war, in fünf Punkten zusammengefasst, diese:
- Völliges Vertrauen auf das Werk und die Mittlerschaft des Herrn Jesus als Grundlage unseres Nahens zu Gott: Müller betonte, dass der Zugang zu Gott und die Erhörung von Gebeten nur durch Jesus Christus möglich sind. Sein Opfer am Kreuz ist die einzige Basis für unsere Beziehung zu Gott.
- Trennung von jeder bewussten Sünde: Ein reines Herz und ein Leben, das sich bewusst von Sünde abwendet, sind entscheidend, um in Gemeinschaft mit Gott zu treten und seine Gunst zu erfahren. Müller war überzeugt, dass Sünde die Verbindung zu Gott blockiert.
- Glauben an Gottes Verheißungen: Es genügt nicht zu wissen, was Gott versprochen hat; man muss es auch glauben und sich darauf verlassen, dass er seine Zusagen einhält. Müller lebte in dem festen Vertrauen, dass Gott treu ist und seine Versprechen erfüllt.
- Bitten aus geistlichen Motiven und nicht aus selbstsüchtigen Motiven, d. h. nach Gottes Willen bitten: Gebete, die egoistischen Zielen dienen, werden nicht erhört. Wahre Gebete entspringen dem Wunsch, Gottes Willen zu tun und seine Ehre zu suchen. Dies bedeutet, dass unsere Anliegen mit Gottes Plan und Charakter übereinstimmen müssen.
- Hartnäckig im Gebet bleiben und nicht aufgeben, geduldig warten: Ausdauer ist ein Schlüssel zum Gebet. Müller lehrte, dass man nicht entmutigt werden soll, wenn die Antwort nicht sofort kommt, sondern beharrlich und geduldig im Gebet verharren soll.
Diese Prinzipien waren die Grundlage für Müllers außergewöhnliches Leben des Glaubens. Er erlebte unzählige Gebetserhörungen, oft in letzter Minute, die die Versorgung der Waisenkinder sicherten. Ob es um Nahrung, Kleidung, Heizmaterial oder die Bezahlung von Rechnungen ging – Georg Müller vertraute stets darauf, dass Gott zur rechten Zeit eingreifen würde, und er wurde nie enttäuscht. Seine Geschichte ist ein leuchtendes Beispiel für alle, die an die Kraft des Gebets glauben.
Ein Vermächtnis des Glaubens
Im Alter von 92 Jahren starb Georg Müller. Er hatte Gott mehr als 60 Jahre lang treu gedient. In dieser Zeit hatte er mit Gottes Hilfe viel Gutes bewirkt und ein unvergleichliches Vermächtnis hinterlassen. Seine Autobiografie und die Berichte über sein Leben inspirieren bis heute Menschen auf der ganzen Welt. Er bewies, dass ein Leben in völliger Abhängigkeit von Gott möglich ist und dass Gebet eine reale und wirksame Kraft ist. Georg Müller bleibt ein Leuchtturm des Glaubens, dessen Wirken weit über seine Lebenszeit hinausreicht.
Häufig gestellte Fragen zu Georg Müller
Wer war Georg Müller?
Georg Müller (1805-1898) war ein britischer Evangelist und Philanthrop deutscher Herkunft, bekannt als der „Waisenhausvater von Bristol“. Er ist berühmt dafür, dass er über 10.000 Waisenkinder betreute und fünf große Waisenhäuser allein durch Gebet und ohne öffentliche Spendenaufrufe finanzierte.
Was ist eine „Gottesstunde“?
Der Begriff „Gottesstunde“ bezieht sich auf einen persönlichen, tiefgreifenden Moment der Begegnung mit Gott, der zu einer radikalen Umkehr und Veränderung des Lebens führt. Für Georg Müller war dies der Abend, an dem er zum ersten Mal an einem Gebetstreffen teilnahm und die Gegenwart Gottes in einer Weise erlebte, die ihn für immer prägte und von seinem früheren sündenhaften Leben abwandte.
Wie finanzierte Georg Müller seine Waisenhäuser?
Georg Müller finanzierte seine Waisenhäuser ausschließlich durch Gebet und Vertrauen auf Gottes Fürsorge. Er lehnte es ab, um Geld zu bitten oder Schulden zu machen. Stattdessen legte er alle Bedürfnisse im Gebet vor Gott dar und erlebte, wie Spenden von unbekannten Wohltätern oft im letzten Moment eintrafen, um die Versorgung der Kinder sicherzustellen. Dies war ein zentrales Prinzip seines Glaubenslebens.
Welche Prinzipien des Gebets lehrte Georg Müller?
Georg Müller lehrte fünf Kernprinzipien des Gebets: vollständiges Vertrauen auf Jesus Christus, Trennung von bewusster Sünde, Glaube an Gottes Verheißungen, Bitten aus geistlichen statt selbstsüchtigen Motiven (nach Gottes Willen) und beharrliches, geduldiges Verharren im Gebet.
Wie viele Waisenkinder betreute er?
Im Laufe seines Lebens betreute Georg Müller über 10.000 Waisenkinder in den von ihm gegründeten Heimen in Bristol. Er sorgte nicht nur für ihre materiellen Bedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Unterkunft, sondern auch für ihre Bildung und christliche Erziehung.
Warum ist Georg Müller heute noch relevant?
Georg Müller ist heute noch relevant, weil sein Leben ein kraftvolles Zeugnis für die Wirksamkeit des Gebets, die Treue Gottes und die Möglichkeit radikaler Lebensveränderung ist. Seine Geschichte inspiriert Gläubige weltweit, Gott zu vertrauen und sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen, insbesondere für die Schwächsten in der Gesellschaft.
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