21/08/2023
Das Vaterunser, oft als das Gebet schlechthin bezeichnet, ist das Herzstück christlicher Spiritualität und wurde der Überlieferung nach von Jesus Christus selbst gelehrt. Es ist weit mehr als eine bloße Ansammlung von Worten; es ist eine tiefgründige Form der Hinwendung zu Gott, die das menschliche Bewusstsein stärken und uns in eine harmonische Beziehung zum Göttlichen Willen führen kann. Während der Göttliche Wille das umfassende, universelle Prinzip von Gottes Absicht und Plan für die Schöpfung darstellt, ist das Vaterunser das von uns gesprochene, gefühlte und gelebte Gebet, das uns aktiv in diesen Willen einfügt und uns befähigt, ihn in unserem Leben zu manifestieren. Es ist die Brücke, die unsere menschliche Existenz mit der allumfassenden göttlichen Realität verbindet und uns lehrt, nicht nur zu bitten, sondern uns auch in Demut und Vertrauen hinzugeben.

- Ursprung und Bedeutung des Vaterunsers
- Das Vaterunser und der Göttliche Wille
- Die esoterische Bedeutung des Vaterunsers (Anthroposophie)
- Das umgekehrte Vaterunser (Makrokosmisches Vaterunser)
- Vaterunser und die Entwicklung okkulter Kräfte
- Vergleich: Vaterunser und Göttlicher Wille
- Häufig gestellte Fragen
- Fazit
Ursprung und Bedeutung des Vaterunsers
Das Vaterunser, von Rudolf Steiner auch als mikrokosmisches Vaterunser bezeichnet, gilt als das wichtigste Gebet aller Christen. Es wurde gemäß dem Neuen Testament durch Jesus Christus selbst im Rahmen der Bergpredigt (Mt 6,9-13 LUT) bzw. auf die Frage seiner Jünger hin, wie sie beten sollen (Lk 11,2-4 LUT), gestiftet. Es ist eine bittende, aber nicht egoistische, nur innerlich oder auch äußerlich sprechende Hinwendung zu Gott. Zugleich ist es eine Vorstufe der mystischen Versenkung, bei der im christlichen Sinn das Ich-Bewusstsein nicht ausgelöscht, sondern gestärkt wird.
Rudolf Steiner weist auf zwei Grundstimmungen hin, die die Voraussetzung für wirkliches Beten sind: Erstens eine erwärmende Andacht und Gottinnigkeit, die aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit und des Versagens in der Vergangenheit hervorgeht, und zweitens die erleuchtende Ergebenheit in das Zukünftige, hervorgegangen aus einer Überwindung von Furcht und Angst. Diese Stimmungen bereiten die Seele darauf vor, sich dem Göttlichen vollständig zu öffnen und den Göttlichen Willen nicht nur zu akzeptieren, sondern aktiv mitzugestalten.
Biblische Überlieferungen des Gebetes
Die Fassung des Matthäus-Evangeliums ist die gebräuchliche und bekanntere:
„5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] 14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. 15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.“ Matthäus: 6,5-15
Im Lukas-Evangelium heißt es:
„1 Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. 2 Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. 3 Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen! 4 Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung!“ Lukas: 11,1-4
Jesus lehrte das Vaterunser in aramäischer Sprache, als historisch gesichert gilt jedoch nur die schriftliche Überlieferung im griechischen Urtext der Bibel:
| Aramäisch | Griechisch | Lateinisch (Vulgata) | Deutsch (Gotteslob) |
|---|---|---|---|
| Abwûn d’bwaschmâja Nethkâdasch schmach Têtê malkuthach Nehwê tzevjânach aikâna d’bwaschmâja af b’arha Hawvlân lachma d’sûnkanân jaomâna Waschboklân chaubên (wachtahên) aikâna daf chnân schvoken l’chaijabên Wela tachlân l’nesjuna ela patzân min bischa [Metol dilachie malkutha wahaila wateschbuchta l’ahlâm almîn. Amên] | Πάτερ ἡμῶν ὁ ἐν τοῖς οὐρανοῖς· ἁγιασθήτω τὸ ὄνομά σου· ἐλθέτω ἡ βασιλεία σου· γενηθήτω τὸ θέλημά σου, ὡς ἐν οὐρανῷ καὶ ἐπὶ γῆς· τὸν ἄρτον ἡμῶν τὸν ἐπιούσιον δὸς ἡμῖν σήμερον· καὶ ἄφες ἡμῖν τὰ ὀφειλήματα ἡμῶν, ὡς καὶ ἡμεῖς ἀφήκαμεν τοῖς ὀφειλέταις ἡμῶν· καὶ μὴ εἰσενέγκῃς ἡμᾶς εἰς πειρασμόν, ἀλλὰ ῥῦσαι ἡμᾶς ἀπὸ τοῦ πονηροῦ. | Pater noster, qui es in caelis: sanctificetur nomen tuum. Adveniat regnum tuum. Fiat voluntas tua, sicut in caelo, et in terra. Panem nostrum supersubstantialem (cotidianum) da nobis hodie. Et dimitte nobis debita nostra, sicut et nos dimittimus debitoribus nostris. Et ne nos inducas in tentationem, sed libera nos a malo. Amen. | Vater Unser, der Du bist im Himmel! Geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Amen. |
Durch die Übersetzung in die heutigen Sprachen verliert das Vaterunser an Kraft, was jedoch durch das richtige Verständnis des Gebettextes kompensiert werden kann:
"Die Gebete der alten Sprachen verlieren ihre alte Kraft, wenn sie in neuere Sprachen übertragen werden. In den lateinischen Worten des Pater noster liegt viel mehr Kraft als im Vaterunser. Die Sprache des alten Vaterunser ist die aramäische. Wer es sprach in der aramäischen Sprache, hat Zauberkraft empfunden. Durch die richtige Erfassung der Sachen müssen wir wieder die Gewalt der Worte in die Sprache hineinbringen."
Jedoch ist die Wirksamkeit des Vaterunsers durch den reinen Inhalt seiner Worte immer gegeben, auch wenn dem Betenden noch kein tieferes Verständnis gegeben ist:
Das Vaterunser "gehört tatsächlich zu den allertiefsten Gebeten der Welt. Wir können nur heute nicht mehr die ganze volle Tiefe des Vaterunsers ermessen, wie es die Ursprache ergeben hat, in der es gelehrt wurde. Aber der Gedankeninhalt ist ein so gewaltiger, daß er in keiner Sprache auch nur irgendwie Einbuße erleiden könnte."
"Diejenigen Gebete, die nicht nur kurz wirken, sondern die durch Jahrtausende hindurch die Seelen ergreifen und die Herzen erheben, sind alle aus der tiefsten Weisheit geschöpft. Niemals ist ein solches Gebet so gegeben worden, daß man in beliebiger Weise schöne oder erhabene Worte zusammengestellt hat, sondern man hat sie aus der tiefsten Weisheit heraus genommen, weil sie nur so die Kraft haben, über die Jahrtausende hinüber zu wirken auf die Seele der Menschen. Nicht gilt der Einwand, daß ja die naive Seele nichts weiß von dieser Weisheit. Sie braucht nichts zu wissen, denn die Kraft, die das Vaterunser hat, kommt doch aus dieser Weisheit, und sie wirkt, auch wenn man nichts davon weiß.
Das Vaterunser und der Göttliche Wille
Die zentrale Verbindung zwischen dem Vaterunser und dem Göttlichen Willen liegt in der Petition „Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“. Dieser Satz ist nicht nur eine passive Unterwerfung, sondern eine aktive Bitte und ein Ausdruck des tiefsten Wunsches des Betenden, dass Gottes vollkommener Plan sich in der Welt und im eigenen Leben entfaltet. Der Göttliche Wille ist die universelle Ordnung, die Liebe und Weisheit, die allem zugrunde liegt. Das Vaterunser ist das Gebet, das uns lehrt, uns dieser Ordnung anzuschließen und ein Werkzeug für ihre Verwirklichung zu werden.
Während der Göttliche Wille als übergeordnetes, immerwährendes Prinzip existiert, das unabhängig von menschlichem Gebet ist, ist das Vaterunser der Ausdruck unserer Bereitschaft, diesen Willen anzuerkennen, zu empfangen und in die Tat umzusetzen. Es ist eine Einladung an Gott, durch uns zu wirken, und gleichzeitig eine Verpflichtung unsererseits, unser Leben im Einklang mit Seiner Absicht zu gestalten. Es transformiert die individuelle Existenz in einen Teil des göttlichen Plans.
Die esoterische Bedeutung des Vaterunsers (Anthroposophie)
Die sieben Bitten des Vaterunsers nach Matthäus beziehen sich in der anthroposophischen Sichtweise auf die sieben Wesensglieder des Menschen. In ihnen liegt der Sinn der siebengliedrigen Entwicklung der Menschennatur, die in eine obere Dreiheit und eine untere Vierheit unterteilt ist. Das Vaterunser enthält damit die ganze theosophisch-anthroposophische Weisheit über den Menschen.
Die obere Dreiheit und die göttliche Trinität
Die obere Dreiheit, symbolisiert durch ein gleichseitiges Dreieck, umfasst die drei geistigen Wesensglieder des Menschen: das Geistselbst (Manas), den Lebensgeist (Buddhi) und den Geistesmensch (Atma). Im Vaterunser entspricht:
- Der Name dem Geistselbst, also dem durch die Tätigkeit des Ich vergeistigten Astralleib. Zugleich drückt sich darin der Heilige Geist aus.
- Das Reich repräsentiert den zum Lebensgeist verwandelten Ätherleib. Hier manifestiert sich der Sohn bzw. der Christus.
- Der Göttliche Wille steht für den zum Geistesmensch umgebildeten physischen Leib. Hierin wirkt der Vater.
Somit sind die ersten drei Bitten nicht nur Wünsche an Gott, sondern auch Prozesse der inneren Verwandlung und Entwicklung unserer höheren Wesensglieder im Einklang mit der göttlichen Trinität.
Die untere Vierheit und die irdischen Wesensglieder
Die durch ein Quadrat symbolisierte untere Vierheit steht für die vier irdischen Wesensglieder des Menschen: den physischen Leib, den Ätherleib, den Astralleib und den Ich-Träger.
- Das "Brot", die irdische Nahrung, der wir täglich bedürfen, bezieht sich auf den physischen Leib und die Notwendigkeit der physischen Existenz.
- Mit "Schuld" sind die Verfehlungen des Ätherleibes gemeint. Diese Verfehlungen bringen den Menschen in Disharmonie zu seiner sozialen Umgebung. Die Bitte um Vergebung ist hier auch eine Bitte um soziale Harmonie.
- Die "Versuchung" bezeichnet Verfehlungen des Astralleibes, sie sind individueller Natur. Es ist die Bitte um Schutz vor den Trieben und Leidenschaften, die uns vom spirituellen Pfad abbringen könnten.
- Entgegen der heute üblichen Übersetzung der vierten Bitte mit "Und erlöse uns von dem Bösen" bezieht sich Steiner mit der Übersetzung von πονηροῦ (ponērou) bzw. malo mit "Übel" auf die spezifische Verfehlung des Ichs, den Egoismus, durch den der Ich-Träger korrumpiert wird. "Erlöse uns von dem Übel" meint die Bitte um Erlösung vom Egoismus, der uns von unserem wahren Selbst und dem Göttlichen trennt.
Die Doxologie: Reich, Kraft und Herrlichkeit
Eine bestimmte Überlieferungstradition kennt beim Matthäus-Vaterunser den Zusatz: "Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit". Es handelt sich um eine Ergänzung, die nicht von Jesus selbst stammt, sondern aus dem Umkreis des Dionysius, dem Areopagiten. Steiner sieht diesen Zusatz jedoch als zu dem Vaterunser passend und bereichernd an. Es handelt sich dabei um die Vorstellung der Engelreiche, der drei Hierarchien, die zum Vatergott hinaufführen:
„Wenn wir so leben, wie das Vaterunser es fordert, so leben wir uns hinauf durch die Gewalten, Mächte, Herrschaften bis zu den Cherubim, Seraphim hinauf, bis zu der Gottheit selbst im Vaterunser.“
Aus einer anderen Perspektive werden Reich, Kraft bzw. Macht und Herrlichkeit als die drei Aspekte einer anschaulichen Sonnentrinität betrachtet. Dies zeigt, wie das Vaterunser den Menschen von der irdischen Existenz bis hin zu den höchsten spirituellen Realitäten führt.

Das umgekehrte Vaterunser (Makrokosmisches Vaterunser)
Ein weiterer esoterischer Aspekt des Vaterunsers wird durch die Schilderung Rudolf Steiners in seinen Vorträgen über «Das fünfte Evangelium» beleuchtet. Hier beschreibt Steiner, wie Jesus von Nazareth, ehe noch der Christus in ihn eingezogen war, zu der Gabe dieses Gebetes durch das umgekehrte Vaterunser (auch makrokosmisches Vaterunser genannt) inspiriert wurde.
Jesus hatte das makrokosmische Vaterunser durch die Stimme der Bath-Kol (hebr. בּת קול), der Tochter der Stimme, vernommen, die bei den Rabbinern als eine Art göttlicher Stimme galt. Dieses Erlebnis fand statt, als Jesus in seinem 24. Lebensjahr an einer heidnischen Kultstätte war und sich entrückt in die Sonnensphäre fühlte. Er vernahm die verwandelte Stimme der Bath-Kol, die ihm eine umgekehrte Perspektive auf die menschlichen Verfehlungen und die kosmischen Zusammenhänge offenbarte:
Amen Es walten die Übel Zeugen sich lösender Ichheit Von andern erschuldete Selbstheitschuld Erlebet im täglichen Brote In dem nicht waltet der Himmel Wille Da der Mensch sich schied von Eurem Reich Und vergaß Euren Namen Ihr Väter in den Himmeln.
Das mikrokosmische Vaterunser, das später Jesus Christus gegeben hat, ist in gewisser Weise die Umkehrung des makrokosmischen Vaterunsers. Beide beziehen sich auf die schädlichen Einflüsse auf die Wesensglieder des Menschen, wobei das Vaterunser eine Bitte um Erlösung und Führung darstellt, während das makrokosmische Vaterunser die Realität dieser Verfehlungen aus kosmischer Sicht beschreibt.
Vaterunser und die Entwicklung okkulter Kräfte
Das Vaterunser als tägliches Gebet eignet sich im höchsten Maße für die Entwicklung okkulter Kräfte. Es ist das wirksamste der Gebete. Je mehr Achtung und Hingebung man für dieses Gebet hat, desto besser ist es für eine Bewusstseinsseele. Wenn der Mensch es betet, so liegen – auch wenn er gar nichts davon weiß – doch dem Gebet die Kräfte zugrunde, die die Ursprungskräfte des Menschen sind. Derjenige, der die Menschen dies Gebet lehrte, musste diese Kräfte kennen. Wer es gebraucht, kann unbewusst diese Kräfte in sich leben haben. Der Respekt vor diesem Gebet wächst immer mehr, je mehr man hineinkommt. Es kommen dann Zeiten, wo man wegen der Hoheit des Vaterunsers es sich nicht zu gestatten wagt, das ganze Vaterunser an einem Tag zu beten, da man von dem Zusammenwirken der sieben Bitten eine so große Vorstellung bekommt, dass man sich nicht für würdig hält, jeden Tag dies größte Initiationsgebet in seinem Herzen zu entfalten.
Das Vaterunser als innerliches Wechselgespräch
Das wahre Erleben des Vaterunsers ist ein tiefes innerliches Wechselgespräch mit dem Göttlichen. Wir sollen die Sätze nicht bloß intellektuell erfassen, sondern sie so lebendig machen, als ob wir sie innerlich hörten. Es geht darum, vom bloßen Begriff zum lebendigen Wort, zum Lautinhalt zu gelangen. Nur so verwandelt sich das Gebet in eine reale Interaktion mit dem Göttlichen.
Wenn wir Sätze wie „Vater unser, der Du bist in den Himmeln“ oder „Deine Reiche mögen zu uns kommen“ innerlich lebendig machen, vergessen wir uns selbst in diesem Augenblick. Wir löschen uns in hohem Maße durch den Inhalt der Sätze aus. Doch dann nehmen wir uns wieder in die Hand, wenn wir Sätze anderer Struktur lesen oder innerlich lebendig machen, wie zum Beispiel: „Dein Name werde geheiliget.“ Dies ist eine innere Tat. Das Erleben des „Vater unser, der Du bist in den Himmeln“ erregt in uns den Christus-Namen, und wir geben innerlich die Antwort: „Dieser Name werde durch uns geheiliget.“ So wird das Gebet zu einem dynamischen Dialog, in dem wir sowohl empfangen als auch aktiv beitragen.
Ebenso, wenn wir als Perzeption erleben „Deine Reiche mögen zu uns kommen“, können wir diese Reiche zunächst nicht in unser intellektualistisches Bewusstsein aufnehmen, sondern allein in unseren Willen. Wenn wir uns in diesem Satz selbst verlieren, finden wir uns wieder und geloben, dass die Reiche, wenn sie zu uns kommen, in uns wirken, und dass der Göttliche Wille geschehe, nicht nur in den himmlischen Reichen, sondern auch dort, wo wir auf Erden sind. Dieses Wechselgespräch bereitet uns darauf vor, die innere Würdigkeit zu haben, das Irdische mit dem Göttlichen in Beziehung zu setzen.
Das Christus-Geheimnis liegt in dem Satz „Dein Name werde geheiliget“, denn der Name des Vaters ist im Christus gegeben. Alles ist durch das Wort (Christus) entstanden. Der Vater ist das substantiell Zugrundeliegende, das Subsistierende, und hat keinen Namen, sondern sein Name ist das, was im Christus lebt. Dies zu verstehen, ist entscheidend für das tiefe Erleben des Gebets.
Vergleich: Vaterunser und Göttlicher Wille
Um die Beziehung zwischen dem Vaterunser und dem Göttlichen Willen klarer zu machen, betrachten wir die folgenden Aspekte:
| Aspekt | Göttlicher Wille | Das Vaterunser |
|---|---|---|
| Natur | Das universelle, übergeordnete Prinzip von Gottes Absicht, Plan und Ordnung für die gesamte Schöpfung. Er ist ewig, allumfassend und existiert unabhängig von menschlichem Handeln. | Ein von Jesus Christus gelehrtes Gebet, das eine aktive Hinwendung des Menschen zu Gott darstellt. Es ist eine Form der Kommunikation und Selbstausrichtung. |
| Beziehung | Die höchste Autorität und Weisheit, die alles lenkt. Der Mensch ist ein Teil dieses Willens, oft ohne ihn vollständig zu erkennen. | Das Mittel, durch das der Mensch sich bewusst dem Göttlichen Willen hingibt, ihn anerkennt und um dessen Verwirklichung bittet, sowohl im Makrokosmos als auch im eigenen Mikrokosmos. |
| Ziel | Die vollkommene Harmonie, Liebe und Entwicklung der Schöpfung nach göttlicher Absicht. | Die Ausrichtung des eigenen Lebens und der Welt auf diesen Göttlichen Willen, die Bitte um Führung und die Reinigung von allem, was dem Willen entgegensteht (z.B. Egoismus). |
| Wirkung | Wirkt kontinuierlich in der Welt und in den Seelen, ob bewusst oder unbewusst. | Verstärkt die bewusste Verbindung zum Göttlichen Willen, ermöglicht dessen Manifestation durch den Menschen und führt zu innerer Transformation und spiritueller Entwicklung. |
Häufig gestellte Fragen
- Was ist die wichtigste Botschaft des Vaterunsers?
- Die wichtigste Botschaft ist die Hingabe an den Göttlichen Willen und die Bitte um Führung und Versorgung in allen Lebensbereichen, sowohl spirituell als auch materiell. Es lehrt uns, uns als Kinder Gottes zu sehen und eine tiefe, vertrauensvolle Beziehung zu unserem himmlischen Vater zu pflegen.
- Wie hilft das Vaterunser, den Göttlichen Willen zu verstehen?
- Das Vaterunser hilft uns, den Göttlichen Willen zu verstehen, indem es uns lehrt, unsere eigenen Wünsche und unseren Egoismus zurückzustellen und uns stattdessen darauf zu konzentrieren, dass Gottes Wille in uns und durch uns geschehe. Es ist ein Gebet der Selbsthingabe und der Ausrichtung auf eine höhere Ordnung.
- Gibt es eine „richtige“ Art, das Vaterunser zu beten?
- Es gibt keine einzige „richtige“ Art. Wichtiger als die äußere Form ist die innere Haltung der Andacht, Hingabe und des tiefen Verständnisses für die Bedeutung der Worte. Rudolf Steiner betonte das innere Erleben des Lautinhalts und das Gebet als ein lebendiges Wechselgespräch mit dem Göttlichen.
- Warum gibt es unterschiedliche Versionen des Vaterunsers?
- Die Unterschiede in den biblischen Überlieferungen (Matthäus und Lukas) sind gering und spiegeln möglicherweise unterschiedliche Schwerpunkte in den frühen Gemeinden wider. Darüber hinaus gibt es esoterische Interpretationen, die den tieferen, oft verborgenen Sinn des Gebetes aus verschiedenen spirituellen Perspektiven beleuchten und oft in ihrer Formulierung variieren.
- Kann das Vaterunser wirklich okkulte Kräfte entwickeln?
- Nach Rudolf Steiner ist das Vaterunser in der Tat ein mächtiges Gebet zur Entwicklung okkulter Kräfte. Dies geschieht jedoch nicht im Sinne von magischen Fähigkeiten, sondern durch die tiefe Transformation des Bewusstseins und die Verbindung mit den ursprünglichen Kräften des Menschen und des Kosmos, die durch das Gebet aktiviert werden. Es ist ein Weg zur Initiation und zur Entfaltung des inneren Potenzials.
Fazit
Das Vaterunser ist nicht nur ein Gebet, sondern ein Wegweiser zu tiefgreifendem Verständnis und innerer Transformation. Es lehrt uns, den Göttlichen Willen nicht als eine ferne, unerreichbare Macht zu sehen, sondern als eine liebende Führung, die wir aktiv in unser Leben integrieren können. Durch seine esoterischen Schichten offenbart es die tiefen Zusammenhänge zwischen Mensch und Kosmos und befähigt uns, ein bewusstes Wechselgespräch mit dem Göttlichen zu führen. Es ist ein zeitloses Geschenk, das uns immer wieder neu einlädt, uns mit der Quelle allen Seins zu verbinden und unseren eigenen Egoismus zu überwinden, um in Harmonie mit dem göttlichen Plan zu leben. Wer sich diesem Gebet mit Hingabe nähert, wird eine unermessliche Quelle der Kraft und Weisheit in sich entdecken.
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