Was passiert wenn die Mauern fallen?

Mauern fallen: Glaube, Hoffnung und Freiheit

28/09/2022

Rating: 4.28 (7711 votes)

Der Herbst 1989 war eine Zeit des Umbruchs, des Staunens und der tiefgreifenden Veränderungen, die das Leben von Millionen Menschen nachhaltig prägten. Für viele war es eine Zeit, die sich in persönlichen Erinnerungen mit den großen historischen Ereignissen verknüpfte. Man erinnert sich an die Geburt eines Kindes, an familiäres Durcheinander, während am Rande des Bewusstseins die Grenzen zwischen Ost und West durchlässiger wurden, eine Entwicklung, die zunächst kaum fassbar schien. Die Sorge war groß: Würde das alles friedlich verlaufen? Würden Panzer rollen, wie so oft in der Vergangenheit, wenn Aufstände blutig niedergeschlagen wurden, sei es 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei oder erst im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in China? Doch diesmal war es anders. In Leipzig demonstrierten die Menschen mit Kerzen und Gebeten für Freiheit und Frieden. Und dann, am 9. November 1989, geschah das Unglaubliche: Die Grenze war offen. Sofort. Ein Bild brannte sich ins Gedächtnis ein: Menschen auf der Mauer, winkend, jubelnd. Inmitten aller Sorgen war plötzlich etwas ganz Neues, Wunderbares da.

Was passiert wenn die Mauern fallen?
Wenn die Mauern fallen, dann sieht man die anderen – und stellt fest: die anderen sind ja wirklich anders. Dass die Mauern fallen, ist recht, damit aber ist noch lange keine Gerechtigkeit entstanden. Die Gräben sind tiefer, die Mauern in den Köpfen wachsen schneller nach.

Für jene, die ihr Leben lang mit der Vorstellung einer geteilten Stadt, eines geteilten Landes, mit dem Damoklesschwert des Kalten Krieges und der ständigen Bedrohung durch Waffen und Bomben gelebt hatten, war dieser Moment unfassbar. Die Mauer, die seit Jahrzehnten stand, war überwunden. Eine neue Generation würde in einer Welt ohne diese Mauer aufwachsen, vielleicht sogar ohne den Eisernen Vorhang. Diese Zeit des Aufbruchs, des Glaubens an eine bessere Zukunft, wurde von einem alten Bibelvers auf den Punkt gebracht, der in diesem Moment eine neue, tiefere Bedeutung erhielt: „Mit meinem Gott springe ich über Mauern.“ Es war eine Erkenntnis der unendlichen Leichtigkeit des Lebens, die die Schwerkraft des Todes überwindet.

Inhaltsverzeichnis

Die Kraft des Glaubens: „Mit meinem Gott springe ich über Mauern“

Der Psalmvers „Mit meinem Gott springe ich über Mauern“ (Psalm 18,30) ist mehr als nur eine Metapher; er wurde für viele zum Ausdruck einer tiefen inneren Gewissheit und einer unglaublichen Hoffnung. Dieser Satz fasst das Gefühl der Überwindung und des Vertrauens zusammen, das den Herbst 1989 prägte. Er spricht von einer Kraft, die nicht aus menschlicher Stärke allein kommt, sondern aus einer tiefen Verbindung zu etwas Größerem. Es ist die Leichtigkeit des Glaubens, die es ermöglicht, Hindernisse zu überwinden, die zuvor unüberwindbar schienen.

Die Wahl dieses Verses als Konfirmationsspruch, wie im vorliegenden Bericht beschrieben, verdeutlicht seine zeitlose Relevanz und die Auseinandersetzung mit seiner Bedeutung. Die junge Frau, die darauf bestand, dass es „springe“ und nicht „kann springen“ heißen müsse, brachte damit das große Zutrauen der Jugend zum Ausdruck – die Gewissheit, dass mit Gottes Hilfe nicht nur die Möglichkeit besteht, Mauern zu überwinden, sondern dass es tatsächlich geschieht. Es ist ein Ausdruck von Entschlossenheit und dem Glauben an das Unmögliche, der sich nicht mit einem bloßen „Können“ zufriedengibt, sondern das aktive Handeln betont. Dieser Geist der Hoffnung war es, der auch die Friedensgebete in Leipzig beflügelte, wo Menschen das Lied „We shall overcome“ sangen, ohne zu wissen, was kommen würde, aber mit der festen Überzeugung, dass die Angst weichen und die Hoffnung aufkommen würde.

Vom Eisernen zum Silbernen Vorhang: Neue Mauern in Europa

Der Fall des Eisernen Vorhangs eröffnete nicht nur neue Freiheiten, sondern auch ein neues Arbeitsfeld: die Europaarbeit. Plötzlich war der Kontakt zu Menschen, Kirchen und Gruppen möglich, die jahrzehntelang unerreichbar schienen. Die Bahnhöfe, einst „Paläste der Tränen“ an überwachten Grenzen, wurden zu normalen Durchgangsbahnhöfen. Der Beitritt von Ländern wie Ungarn zur Europäischen Union wurde als Fest der Zukunft gefeiert, erfüllt von Begeisterung und der Vision eines geeinten Europas.

Doch mit der Zeit wuchsen heimlich neue Mauern. Der Optimismus wich der Erkenntnis, dass der Eiserne Vorhang durch den „silbernen Vorhang des Geldes“ ersetzt worden war. Dieser neue Vorhang, anfangs glitzernd und verlockend, trennt nicht nur Ost und West, Nord und Süd, sondern zieht sich auch quer durch Deutschland. Er offenbart eine wachsende wirtschaftliche Ungleichheit, die Menschen an den Rand drängt, Flaschensammler in den Städten und jene, die in Zügen nur nach Pfandflaschen suchen können, während andere sich die Reise leisten. Es ist eine unsichtbare Mauer, die Menschen ausschließt und Ungerechtigkeiten schafft.

Gleichzeitig hat sich ein neuer Nationalismus ausgebreitet, der bürgerliche Freiheiten erstickt und neue ideologische Mauern errichtet: hier die „echten Völkischen“, dort die Migranten, die Minderheiten. Die Frage drängt sich auf: Wie kann die 1989 gewonnene Freiheit so verspielt und verraten werden? Die Mauern mögen gefallen sein, aber die Gräben sind tiefer geworden, und die Mauern in den Köpfen wachsen schneller nach. Das Erkennen der „Anderen“ hat oft nicht zu mehr Verständnis, sondern zu mehr Abgrenzung geführt.

Alte Mauern (1989)Neue Mauern (Heute)
Eiserner VorhangSilberner Vorhang (wirtschaftliche Ungleichheit)
Berliner MauerNationalismus, Fremdenfeindlichkeit
Kalter Krieg, Angst vor KriegMisstrauen, Enttäuschung, Angst vor dem Anderen
Getrennte Völker (Ost/West)Gesellschaftliche Spaltung (Reich/Arm, Einheimisch/Migrant)

Die Überwindung der Feindschaft: Ein Weg zur Versöhnung

In der Geschichte der deutsch-tschechischen Aussöhnung findet sich ein Wort, das diesen Prozess begleitet und belebt: „Jetzt aber in Christus Jesus seid ihr, die ihr einst fern wart, nahe geworden durch das Blut Christi. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und hat den Zaun abgebrochen, der dazwischen war, indem er durch sein Fleisch die Feindschaft wegnahm.“ (Epheser 2,13f). Dieses Bibelwort spricht von der Überwindung von Feindschaft durch Christus. Es mag nach veralteter Kirchensprache klingen, doch seine Botschaft ist zeitlos: Wir Menschen sind oft gut darin, Kriege zu erklären, aber selten den Frieden herzustellen. Die Zäune der Feindschaft – vom silbernen Vorhang der Gier bis zu den Grenzzäunen der Angst – sind oft in unseren eigenen Herzen verwurzelt. Doch der Glaube bietet eine andere Perspektive: Christus ist unser Friede, der den Zaun der Feindschaft niedergerissen hat.

Ein eindrückliches Beispiel für diese Haltung ist das Versöhnungsgebet von Coventry. Nach der Zerstörung der Kathedrale im Zweiten Weltkrieg wurde ein Gebet in die Chorwand der Ruine gemeißelt, das weltweit als Symbol der Versöhnung bekannt wurde. Es spricht klar von dem, was Menschen gefangen hält: Hass, Gier, Neid, mangelnde Anteilnahme und Hochmut. Und es spricht eine Hoffnung aus, dass es eine Kraft gibt, die dennoch Leben schafft: „VATER VERGIB“. Dieses Gebet, das in Kreisau, dem Ort des Widerstands gegen das Naziregime und der deutsch-polnischen Aussöhnung, gebetet wurde, zeigt, dass selbst nach tiefster Zerstörung ein Weg zur Vergebung und zum Neubeginn möglich ist. Christus Jesus als der Friede, der tief im eigenen Herzen beginnt, ist die Quelle, die uns über die eigenen Mauern springen lässt.

Liebe, Vertrauen und die Spitzhacke der Hoffnung

Die Kreativität junger Menschen kann uns wichtige Botschaften vermitteln. Ein Schülerwettbewerb zum Thema „Über Mauern“ brachte erstaunliche Einsichten zutage. Bilder von bröckelnden Mauern, über die hinweg sich Gesichter ansehen und eine Rose blüht, suggerieren, dass Liebe Mauern überwindet. Man mag es als „rosarote Sicht“ abtun, doch vielleicht ist es die tiefste Wahrheit: Mauern werden nicht abstrakt überwunden, sondern ganz konkret, durch Zuwendung von Mensch zu Mensch, von Angesicht zu Angesicht. Junge Menschen scheinen oft mehr Kraft dazu zu haben als Erwachsene, die von Enttäuschungen zurückgeworfen wurden und sich hinter „Firewalls“ verstecken, die selbst kleinste Hoffnungsschimmer nicht mehr durchlassen.

Ein anderes Bild zeigt ein Menschlein, das Mauern einhackt, beschriftet mit „Kommunismus“, „Einwanderung“ und „Wirtschaftliche Unterschiede“. Es verdeutlicht, dass die Überwindung dieser Mauern harte Arbeit erfordert, viel Kraft und Ausdauer. Doch am Ende bleibt eine andere Art von Mauer, die alles einschließt: „Vertrauen in demokratische Institutionen“. Diese „Mauer“ schützt uns, schützt gerade die Menschen, die auf Schutz angewiesen sind, weil sie in der Minderheit sind. Es ist ein Skandal, dass jüdische Bürger in Deutschland besonderen Schutz brauchen, aber es ist ein Zeichen der Stärke der Demokratie, dass sie ihn bekommen. Dieses Vertrauen in eine starke Demokratie stärkt das Zusammenleben aller und bringt Ruhe und Zuversicht.

Auch das Vertrauen zu Gott ist nicht so anders. Wir Menschenkinder im Labyrinth der Mauern wissen nicht immer, ob da ganz außen, um alles herum, eine Schutzmauer des Vertrauens ist. Ob da ein Gott ist, der über uns wacht und uns vor dem Chaos schützt. Doch es gibt jene Schüler, die Mauern mit der „Spitzhacke des Glaubens und der Hoffnung“ aufhacken und durchbrechen. Es gibt junge Menschen, die alte Denkgewohnheiten aufbrechen und im Vertrauen handeln, dass da draußen etwas Gutes ist. Es ist an der Zeit, selbst die Spitzhacke in die Hand zu nehmen, in dem Wissen, dass jenseits der Mauern Menschenkinder sind, anders als wir, aber uns nicht unähnlich. Und dass jenseits der Mauer ein guter Gott wacht, der seine Gotteskinder liebt, diesseits und jenseits der Mauer.

Häufig gestellte Fragen

Was ist die Bedeutung des Psalms „Mit meinem Gott springe ich über Mauern“?

Dieser Psalmvers (Psalm 18,30) drückt die tiefe Überzeugung aus, dass man mit göttlicher Hilfe unüberwindbar scheinende Hindernisse überwinden kann. Er symbolisiert Glaube, Entschlossenheit und die Kraft, die über die eigene menschliche Fähigkeit hinausgeht, um scheinbar unmögliche Barrieren zu durchbrechen.

Welche „neuen Mauern“ gibt es heute in Europa?

Heute sehen wir „neue Mauern“ in Form von wirtschaftlicher Ungleichheit (oft als „silberner Vorhang des Geldes“ bezeichnet), wachsendem Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und gesellschaftlicher Spaltung. Diese Mauern sind oft unsichtbar, aber sie trennen Menschen und schaffen Ungerechtigkeiten.

Wie können wir diese „neuen Mauern“ überwinden?

Die Überwindung dieser Mauern erfordert Zuwendung von Mensch zu Mensch, Empathie, das Vertrauen in demokratische Institutionen und die aktive „Spitzhacke des Glaubens und der Hoffnung“. Es geht darum, Hass, Gier und Angst zu überwinden und stattdessen Liebe, Vergebung und Zusammenhalt zu fördern.

Welche Rolle spielte der Glaube beim Mauerfall?

Der Glaube spielte eine zentrale Rolle, insbesondere durch die Friedensgebete in Leipzig und anderen Städten der DDR. Diese Gebete gaben den Menschen Mut, ließen die Angst weichen und schufen eine Atmosphäre der Hoffnung und des friedlichen Widerstands, die zum Fall der Mauer beitrug.

Was ist das Versöhnungsgebet von Coventry?

Das Versöhnungsgebet von Coventry ist ein Gebet, das nach der Zerstörung der Kathedrale von Coventry im Zweiten Weltkrieg entstand. Es bittet um Vergebung für Hass, Gier, Neid, mangelnde Anteilnahme und Hochmut und ist zu einem weltweiten Symbol der Versöhnung und des Friedens geworden, das die Kraft des Vergebens und des Neuanfangs betont.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Mauern fallen: Glaube, Hoffnung und Freiheit kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Glaube besuchen.

Go up