31/07/2023
Die Welt steht Kopf. Seit über zwei Jahren hält uns eine Pandemie in Atem, und nun erschüttert ein Krieg in Europa unser Fundament. Die Unsicherheit ist allgegenwärtig, und viele suchen nach Wegen, um mit dieser Belastung umzugehen. Inmitten dieser globalen Krisen rufen Gemeinden vermehrt zu Friedensgebeten für die Ukraine auf. Doch wie kann Gebet in solch einer Lage wirklich helfen? Und warum tun sich manche Deutsche schwer damit, Zuversicht aus dem Gebet zu schöpfen? Franziskanerpater Josef Schulte, Seelsorger in Berlin, gibt wertvolle Einblicke in die tiefere Bedeutung des Gebets und wie es uns in schwierigen Zeiten stärken kann.

Die sichtbare Kraft des Gemeinschaftsgebets
Wenn Kirchen sich füllen und Menschen gemeinsam beten, entsteht eine spürbare Energie. Pater Schulte vergleicht dies mit einer Lichterkette: Ein einzelnes Licht ist schön, doch die Gesamtheit vieler Lichter beeindruckt und leuchtet weit heller. Das gemeinsame Gebet wird zu einem sichtbaren Symbol der Solidarität und des Zusammenhalts. Es ist mehr als die Summe seiner Teile; es ist eine kollektive Äußerung von Hoffnung und Fürsorge. In Zeiten der Verunsicherung bietet es einen Rahmen, in dem Menschen sich gegenseitig stützen können. Es geht um ein unsichtbares Zentrieren von Energie, die nicht nur im Moment gut tut, sondern auch darüber hinaus weiterwirkt – ähnlich der verbindenden Kraft gemeinsamen Singens. Diese gebündelte Energie kann eine Quelle der Ermutigung sein und das Gefühl der Isolation mindern, da man sich als Teil einer größeren Gemeinschaft erlebt, die gemeinsam für ein höheres Ziel eintritt.
Gebet und Verantwortung: Kein Freibrief zum Nichtstun
Oft hört man den Stoßseufzer: „Da kann nur noch Gott helfen!“ Doch darf man sich so einfach aus der Verantwortung ziehen? Pater Schulte ist hier eindeutig: Nein. Persönliches Bittgebet entbindet uns nicht davon, selbst zur Lösung eines Konflikts beizutragen. Es ist nicht dazu gedacht, die Hände in den Schoß zu legen und passiv zu warten. Vielmehr müssen wir neben unseren geistigen und körperlichen Fähigkeiten auch unsere seelischen Kräfte einsetzen. Gebet ist keine magische Formel, die uns von unseren Pflichten befreit, sondern eine Unterstützung auf unserem Weg. Es hilft uns, die eigene Ohnmacht in bestimmten Situationen anzuerkennen und mit ihr zu leben, ohne dabei in einen fatalistischen Schicksalsglauben zu verfallen. In einer solchen Lage kann man beten, aber nicht als Dulder eines unbarmherzigen Schicksals, sondern in einer vertrauenden Haltung, die Dinge Gott überlassend. Es ist eine Haltung des aktiven Engagements, gepaart mit dem Vertrauen, dass wir nicht allein sind.
Gebet im Alltag: Ein franziskanischer Einblick
Für Franziskaner wie Pater Schulte ist das Gebet ein fester Bestandteil des täglichen Lebens. Feste Gebetszeiten am Morgen (Laudes) und Abend (Vesper) bilden eine verlässliche Struktur des Tages. Doch ebenso wichtig wie das Gebet selbst ist die Seelsorge, die praktische Arbeit am Menschen. Der Spruch „Bete und arbeite“ (Ora et labora), der auch für Benediktiner gilt, spiegelt diese Balance wider. Es zeigt, dass Gebet und aktives Tun untrennbar miteinander verbunden sind. Auch wenn Pater Schulte durch seine Berufung ein "Profi" im Umgang mit Gebet sein könnte, betont er seine eigene Suche und die vielen Fragen, auf die auch er keine Antwort hat. Dies unterstreicht die menschliche, suchende Dimension des Glaubens und des Gebets, die für jeden zugänglich ist, unabhängig vom Grad der religiösen Bildung.
Wie beten wir richtig? Jenseits des Quengelns
Die Frage nach der richtigen Art zu beten ist zentral. Pater Schulte verweist auf ein entscheidendes Wort aus der Bergpredigt: „Wenn ihr betet, dann plappert nicht wie die Heiden“, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Dies hat einen direkten Bezug zu dem römischen Weisen Seneca, der einst bemerkte, die Heiden würden die Götter mit ihren Quengeleien ermüden. Aus christlicher Sicht sollen wir also nicht beten wie ein quengelndes Kind, das dieses oder jenes haben will, in der Annahme: Je mehr ich plärre, desto wahrscheinlicher ist es, dass ich Gott erweiche und bekomme, was ich will. Diese Art des Gebets ist oberflächlich und egozentrisch. Stattdessen kann Meditation ein tiefgehender Weg zum Beten sein. Es geht darum, zur Ruhe zu kommen, sich zu zentrieren und eine innere Verbindung aufzubauen, die über bloße Forderungen hinausgeht.
Die Essenz des Gebets: Dankbarkeit und Selbstfindung
Für Pater Schulte persönlich ist das Bittgebet weniger wesentlich. Ihm geht es vielmehr um einen „Grundwasserspiegel der Dankbarkeit“ im Sinne von „Count your blessings“ – zähle deine Segnungen. Es bedeutet, sich bewusst zu machen, welche kleinen oder größeren Geschenke einem im Laufe des Tages zuteilgeworden sind. In der Hektik des Alltags gehen diese oft unter. Gebet wird so zu einem Moment des Innehaltens und der Wertschätzung. Im Idealfall sollte jemand, der betet, ganz bei sich selbst sein. Pater Schulte denkt dabei an eine Skulptur von Ernst Barlach, „Der singende Mann“. Dieser Mann hat die Augen fest geschlossen, den Mund geöffnet und singt – was ihm eben aus dem Herzen kommt. Er sucht sein Lied. Gebet ist für ihn die intensivste und tiefste Form der Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung, eine Art meditatives Verweilen. Es ist ein Raum, in dem wir uns mit unserem Innersten verbinden und uns bewusst werden, wer wir sind und wofür wir dankbar sein können.
Der Sinn von Fürbitten: Wenn Schweigen spricht
Macht es überhaupt Sinn, für andere zu beten, etwa in Fürbitten, die sonntags in der Kirche gesprochen werden? Pater Schulte räumt ein, dass er darauf keine definitive Antwort weiß, sich aber eine gewisse Offenheit bewahren möchte. Es gibt Situationen, wo Schweigen, Ratlosigkeit und Nichtweiterwissen der einzig mögliche Weg sind. Dies gilt besonders, wenn man bedenkt, dass auch Staatschefs wie der russische Präsident Putin womöglich beten, vermutlich aber um ganz andere Dinge. Diese Erkenntnis führt zu der Frage nach dem Sinn von Bittgebeten: Wann hilft Gott? Und wem hilft er? Pater Schulte warnt vor einem direkten Eingreifen im Sinne einer Automatik: „Jetzt bete ich drei Rosenkränze und dann funktioniert das.“ Er kritisiert die oft infantile Haltung und das magische Denken im Gebet, das nicht weit vom Aberglauben entfernt ist. Die Einstellung „Jetzt habe ich schon so oft gebetet und es hilft nicht“ empfindet er als „kleinkariert“ und von zu viel „Habenwollen“ geleitet. Gebet ist keine Transaktion oder ein Handel mit Gott.
Gebet als Wachstumsprozess und menschliche Natur
Der Mensch ist von Natur aus religiös, und das Gebet ist ein Ausdruck dieser tiefen menschlichen Veranlagung. „Im Gebet werde ich der, der ich bin“, sagt Pater Schulte. Gebet kann damit anfangen, dass jemand innehält und staunen kann – über die Welt, das Leben, das eigene Dasein. Und auch Nichtbeten gehört manchmal zum Leben dazu. Ein weiser Satz, der Pater Schulte einmal gesagt wurde: „Die Zeiten ohne Gott in meinem Leben waren für mich die besten auf dem Weg zu ihm.“ Die Entwicklung eines Menschen ist wie ein Wald, der langsam und leise wächst. Und so ist auch sein Gebetsleben – auch das kann wachsen, sich verändern und vertiefen. Es ist ein dynamischer Prozess, der Raum für Zweifel, Suche und neue Erkenntnisse lässt. Es ist eine lebenslange Reise, auf der wir immer wieder neu entdecken können, was Gebet für uns persönlich bedeutet und wie es uns in unserem Wachstum als Mensch unterstützt.
Häufig gestellte Fragen zum Gebet
Warum sollten wir in Krisenzeiten beten?
Gebet in Krisenzeiten ist ein Zeichen der Solidarität und des Zusammenhalts. Es schafft eine Gemeinschaft, in der Menschen sich gegenseitig stützen können, und zentriert eine positive Energie, die Trost spendet und Hoffnung gibt. Es ist ein Ausdruck des gemeinsamen Wunsches nach Frieden und Heilung.
Bedeutet Beten, sich der Verantwortung zu entziehen?
Nein, ganz im Gegenteil. Gebet entbindet uns nicht von unserer persönlichen Verantwortung, aktiv zur Lösung von Problemen beizutragen. Es ist vielmehr eine Unterstützung, um mit Ohnmacht umzugehen und eine vertrauende Haltung einzunehmen, während wir gleichzeitig unsere geistigen, körperlichen und seelischen Kräfte einsetzen.
Wie finde ich die richtige Art zu beten?
Wichtig ist, nicht oberflächlich oder wie ein quengelndes Kind zu beten, das Forderungen stellt. Authentisches Gebet ist eher wie eine Meditation, ein inneres Verweilen. Es geht darum, zur Ruhe zu kommen, sich auf Dankbarkeit zu konzentrieren und sich bewusst zu machen, welche Segnungen man im Leben erfahren hat. Es ist eine Form der tiefen Selbsterfahrung.
Welche Rolle spielt Dankbarkeit im Gebet?
Für viele ist Dankbarkeit ein zentraler Aspekt des Gebets. Es bedeutet, sich der kleinen und großen Geschenke des Lebens bewusst zu werden und diese wertzuschätzen. Diese Haltung der Dankbarkeit kann eine tiefere und erfüllendere Gebetserfahrung schaffen als bloße Bitten.
Macht es Sinn, für andere zu beten, oder ist es nur 'magisches Denken'?
Der Sinn des Fürbittgebets ist komplex und nicht immer eindeutig zu erfassen. Es ist wichtig, sich nicht in "magischem Denken" oder dem Glauben an eine automatische Erfüllung zu verlieren. Manchmal ist Schweigen oder Ratlosigkeit die angemessenere Haltung. Dennoch kann das Gebet für andere ein Ausdruck tiefer Fürsorge und Verbundenheit sein, dessen Wirkung über unser direktes Verständnis hinausgeht.
Wie entwickelt sich mein Gebetsleben?
Das Gebetsleben ist wie ein wachsender Wald – es entwickelt sich langsam und leise. Es ist ein persönlicher Prozess, der sich im Laufe des Lebens verändern und vertiefen kann. Auch Zeiten ohne Gebet oder mit Zweifeln können Teil dieses Weges sein und zu einem tieferen Verständnis und einer reiferen Beziehung zum Glauben führen. Es ist eine Reise der Selbsterkenntnis und des Wachstums.
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