Was ist die Ursache für die Bedrohung Saudi-Arabiens aus dem Jemen?

Jemen: Saudi-Arabiens größte Bedrohung

22/05/2021

Rating: 4.59 (9971 votes)

Die Bedrohung, die Saudi-Arabien aus dem Jemen erfährt, ist ein zentraler und beunruhigender Aspekt der aktuellen geopolitischen Lage im Nahen Osten. Was auf den ersten Blick wie ein lokaler Bürgerkrieg im Jemen erscheint, ist in Wahrheit ein Schauplatz eines viel größeren, tief verwurzelten Konflikts, der seine Wurzeln in der regionalen Machtrivalität zwischen Iran und Saudi-Arabien hat. Seit dem Arabischen Frühling 2011 hat sich dieser jahrzehntealte Konflikt zu einem regelrechten „Kalten Krieg“ ausgeweitet, in dem der Jemen zu einem der kritischsten Schlachtfelder geworden ist. Die Hauptursache für die Bedrohung Saudi-Arabiens liegt in der iranischen Expansionspolitik, die sich durch die Unterstützung militanter Stellvertretergruppen, allen voran die jemenitischen Huthi-Rebellen, manifestiert. Diese Dynamik hat weitreichende Konsequenzen für die Stabilität der gesamten Region und darüber hinaus.

Was ist die Ursache für die Bedrohung Saudi-Arabiens aus dem Jemen?
Die Bedrohung Saudi-Arabiens aus dem Jemen ist eine unbeabsichtigte Folge des Kriegs, den Saudi-Arabien seit März 2015 gegen die jemenitischen Rebellen führt. Für Irans Hauptgegner Saudi-Arabien drohte in den letzten Jahren die größte Gefahr aus dem Jemen, von wo die Huthis das Königreich mit von Iran gelieferten ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen beschießen.

Die Huthi-Rebellen, die im Jemen eine bedeutende Machtposition erlangt haben, sind von Iran massiv mit ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen ausgerüstet worden. Diese Waffen ermöglichen es ihnen, das Königreich Saudi-Arabien direkt anzugreifen. Dies ist, paradoxerweise, eine unbeabsichtigte Folge des Krieges, den Saudi-Arabien seit März 2015 gegen die jemenitischen Rebellen führt. Während die Huthi-Rebellen oft die Verantwortung für Angriffe auf saudisches Territorium beanspruchen, wurde in prominenten Fällen, wie dem Angriff auf die saudischen Ölanlagen im September 2019, schnell deutlich, dass die Flugkörper tatsächlich aus Iran gestartet wurden. Dies unterstreicht die direkte Beteiligung Irans an der Eskalation und die strategische Nutzung der Huthi-Rebellen als einen Arm seiner regionalen Machtprojektion.

Inhaltsverzeichnis

Irans Expansionspolitik und die Rolle der Stellvertreter

Die Verschärfung des Konflikts im Nahen Osten ist primär auf die iranische Expansionspolitik zurückzuführen. Obwohl die iranische Politik nicht mehr so stark ideologisch geprägt ist wie in den frühen Jahren nach 1979, als der „Export der Islamischen Revolution“ im Vordergrund stand, verbindet sich heute eine weltanschauliche Motivation mit einer klassischen Hegemonialpolitik. Teheran strebt eine iranische Vormachtstellung am Persischen Golf und im Nahen Osten an und zielt auf eine Revision der regionalen Ordnung ab, die seit den 1990er Jahren stark von der Präsenz der USA bestimmt wird. Die iranische Führung möchte einen Rückzug der Amerikaner erzwingen, der deren Verbündete in der Region so sehr schwächen würde, dass Iran die Vormachtstellung übernehmen könnte. Dabei gilt Saudi-Arabien als der Hauptwidersacher.

Um sich in dieser Auseinandersetzung behaupten zu können, setzt Iran auf eine mehrschichtige Strategie: ein militärisches Atomprogramm, die damit verbundene Raketenrüstung und die Unterstützung proiranischer militanter Gruppierungen. Letztere sind in einer Art „schiitischer Internationale“ organisiert, einem Bündnis, das von den iranischen Revolutionsgarden angeführt wird. Zu dieser Allianz gehören unter anderem die libanesische Hisbollah, schiitische Milizen im Irak und, im Jemen, die Huthi-Rebellen. Diese Gruppen nutzten die Wirren und Bürgerkriege nach dem Arabischen Frühling, um ihre Positionen im Libanon, in Syrien, im Irak und im Jemen auszubauen, wodurch Irans militärische Präsenz in diesen Ländern auf Jahre gesichert scheint. Die Huthi-Rebellen sind in diesem Geflecht ein entscheidender Akteur, da sie Iran einen direkten Hebel geben, um Druck auf Saudi-Arabien auszuüben und dessen Sicherheit zu untergraben.

Der „Kalte Krieg“ im Nahen Osten: Iran vs. Saudi-Arabien

Die iranische Hegemonialpolitik des letzten Jahrzehnts stellt die jüngste Phase eines seit 1979 schwelenden Konflikts dar, in dem die Islamische Republik als schiitisch-islamistische und revolutionär-antiimperialistische Macht mit dem sunnitisch-islamischen und konservativ-prowestlichen Saudi-Arabien konkurriert. Während Teheran auf eine Revision der regionalen Machtverhältnisse abzielt, setzt Riad auf die Bewahrung des Status quo. Unter dem Schutz der USA ist das Königreich in den letzten Jahrzehnten nicht nur zu einer Ölgroßmacht, sondern auch zur Führungsmacht der arabischen Welt aufgestiegen. Daher handelt es sich bei dem Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien um die zentrale machtpolitische Auseinandersetzung des Nahen Ostens – ein Systemkonflikt, der mit großer Erbitterung geführt wird und langlebig ist.

Nach einer Entspannungsphase in den 1990er Jahren gewann der Konflikt ab 2003 erneut an Schärfe, vor allem durch die amerikanische Invasion des Irak, die zu einer Machtübernahme iranfreundlicher Kräfte führte. Saudi-Arabien versuchte, Teherans wachsenden Einfluss zu begrenzen, jedoch mit mäßigem Erfolg. Als Iran seine Positionen infolge des Arabischen Frühlings und der ab 2011 einsetzenden Unruhen und Bürgerkriege in Syrien, Irak und Jemen weiter ausbauen konnte, reagierte Riad mit großer Entschlossenheit und Aggressivität. Ab 2015 wurde der Jemen zum wichtigsten Schauplatz, als die von Iran unterstützten Huthi-Rebellen die Hauptstadt Sanaa einnahmen und Saudi-Arabien gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) militärisch intervenierte. Diese Intervention, die darauf abzielte, den iranischen Einfluss einzudämmen, führte unbeabsichtigt zu einer weiteren Eskalation der Bedrohung aus dem Jemen.

Militärische Dynamiken und Allianzen im Vergleich

Die militärische Stärke und Strategie von Iran und Saudi-Arabien unterscheiden sich erheblich, was den Charakter des Konflikts prägt. Iran gilt als die etwas stärkere Militärmacht mit weitaus größeren Streitkräften. Im Konflikt mit seinen Nachbarn setzt Iran jedoch vor allem auf asymmetrische Kriegsführung: ballistische Raketen, Marschflugkörper, Drohnen und vor allem auf Bündnisse mit proiranischen Milizen und Terrorgruppen wie der libanesischen Hisbollah und den jemenitischen Huthi-Rebellen. Diese Stellvertretergruppen sind ein integraler Bestandteil der iranischen Militärstrategie und ermöglichen es Teheran, seine Ziele zu verfolgen, ohne direkt in große Militärkonfrontationen verwickelt zu werden.

Saudi-Arabien hingegen verfügt über stark fragmentierte und vergleichsweise kampfschwache Streitkräfte, die kaum für einen Krieg gegen äußere Feinde geeignet sind. Milliarden schwere Rüstungskäufe haben daran bisher wenig geändert. Die wichtigste Ausnahme ist die hochmoderne und zahlenmäßig starke Luftwaffe, der das iranische Militär im Konfliktfall wenig entgegenzusetzen hätte. Ähnliches gilt für die eng mit Saudi-Arabien verbündeten VAE, deren Militär zwar kleiner als das saudische, aber besser ausgebildet und professioneller ist.

AspektIranSaudi-Arabien
Militärische StärkeEtwas stärkere Militärmacht, größere StreitkräfteFragmentierte, kampfschwache Streitkräfte
Strategische SchwerpunkteBallistische Raketen, Marschflugkörper, Drohnen, Unterstützung proiranischer Milizen (Hisbollah, Huthi-Rebellen)Moderne Luftwaffe, Rüstungskäufe, Abhängigkeit von Verbündeten (USA, VAE, Israel)
Regionale RolleRevision der regionalen Ordnung, HegemoniebestrebungenBewahrung des Status quo, Führungsmacht der arabischen Welt
KonfliktzieleRückzug der USA, Schwächung der Verbündeten, eigene VormachtstellungEindämmung des iranischen Einflusses, regionale Stabilität

Im Bewusstsein der eigenen militärischen Schwäche baut Saudi-Arabien im Kampf gegen Iran stark auf seine Verbündeten. Ab 2017 förderte die Trump-Regierung die Organisation eines antiiranischen Bündnisses prowestlicher Regionalstaaten, der sogenannten „Nahost-Sicherheitsallianz“ (MESA). Obwohl diese Initiative ins Stocken geriet, führte sie zu einer Annäherung zwischen Saudi-Arabien und den VAE an Israel. Aus Sicht der Golfstaaten sind verbesserte Beziehungen zum jüdischen Staat nicht nur wegen dessen starker Militärmacht wichtig, sondern auch weil Israel seit 2017 einen nicht erklärten Krieg gegen die „schiitische Internationale“ in Syrien und Irak führt. Die Friedensabkommen, die die VAE und Bahrain mit Israel schlossen, waren vor diesem Hintergrund eine Bekräftigung des Bündnisses gegen Iran, auch wenn Saudi-Arabien noch kein formelles Abkommen unterzeichnete, die Annäherung aber gutheißt.

Der „Rückzug“ der USA und seine Folgen

Die neue Einigkeit zwischen Saudis und Israelis ist auch eine direkte Reaktion auf die Politik der USA im Nahen Osten. Seit dem Ende der Bush-Ära setzte sich in den USA die Ansicht durch, dass die Kriege im Irak und Afghanistan von der nötigen Aufmerksamkeit für den großen weltpolitischen Konkurrenten China abgelenkt hatten. Präsident Obama zog 2011 US-Truppen aus dem Irak ab und das Atomabkommen mit Iran 2015 diente dem Ziel, das wichtigste weltpolitische Problem in der Region zu lösen, um Ressourcen anderswo einzusetzen. Obamas Aufforderung an Riad, Abu Dhabi und Tel Aviv, den Nahen Osten mit Iran zu „teilen und so etwas wie einen kalten Frieden zu schaffen“, wurde von den regionalen Verbündeten als Affront empfunden.

Die saudische Führung war daher hocherfreut, als Donald Trump 2017 das Präsidentenamt übernahm und eine aggressiv antiiranische Linie verfolgte. Trumps Politik des „maximalen Drucks“ auf Iran, die vor allem die Ölexporte traf, brachte die iranische Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs. Iran reagierte mit Angriffen auf die Ölindustrien der Nachbarn, die in der Attacke auf die saudischen Ölanlagen im September 2019 gipfelten. Damals wurde jedoch deutlich, dass die saudische Führung das Kalkül der Trump-Administration nicht vollständig verstanden hatte. Trump wollte keinen neuen Krieg im Nahen Osten, da er seinen Wählern die Rückkehr des amerikanischen Militärs aus den „endlosen Kriegen“ der Region versprochen hatte. Die ausgebliebene militärische Reaktion der USA auf den Angriff vom September 2019 zeigte den Verbündeten, dass der Wille zum Rückzug aus der Region zu einer Konstante der amerikanischen Politik geworden war, auch wenn Obama und Trump scheinbar unterschiedlich vorgingen.

Die nukleare Dimension: Eine neue Gefahr?

Die Ereignisse der letzten zehn Jahre haben in Riad die Einsicht reifen lassen, dass die USA nicht mehr der unbedingte Garant saudi-arabischer Sicherheit sind. Eine vielleicht dramatischste Folge ist, dass Saudi-Arabien nun selbst Interesse an einem Atomprogramm zeigt. Offiziell als rein ziviles Projekt deklariert, deutet das Beharren der Saudis auf einer eigenen Urananreicherung darauf hin, dass sie sich die Option einer militärischen Nutzung nicht von vornherein verbauen wollen. Da die USA sich bisher weigerten, unter diesen Voraussetzungen Technologie zu liefern, scheint Riad jetzt auf die Hilfe Chinas zu setzen. Saudi-Arabien verfügt ohnehin über moderne chinesische Raketen, die gegebenenfalls auch Nuklearsprengköpfe transportieren könnten.

Vor diesem Hintergrund dürfte es noch schwieriger sein, die Führung in Teheran davon zu überzeugen, ihren Wunsch nach einer eigenen Bombe aufzugeben und in neuen Verhandlungen mit den USA substanzielle Zugeständnisse zu machen. Es ist unwahrscheinlich, dass die Islamische Republik bereit ist, ihr Raketenprogramm und die Unterstützung militanter Gruppen in der Region zurückzufahren, da diese zwei Grundbestandteile der iranischen Militärstrategie sind. Die Einbeziehung dieser Themen ist für die regionalen Verbündeten der USA jedoch entscheidend, insbesondere nach den präzisen Angriffen auf die Ölanlagen, die auch in Israel Entsetzen hervorriefen. Sollte die Biden-Regierung in Verhandlungen die iranischen Raketen und schiitischen Milizen erneut ausklammern, wird der Widerstand Saudi-Arabiens, der VAE und Israels deutlich heftiger sein als noch 2015.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist die Hauptursache für die Bedrohung Saudi-Arabiens aus dem Jemen?
Die Hauptursache ist die iranische Expansionspolitik, die sich durch die Unterstützung und Bewaffnung der jemenitischen Huthi-Rebellen manifestiert. Diese Rebellen nutzen die vom Iran gelieferten Waffen, um Saudi-Arabien anzugreifen.
Welche Rolle spielt Iran im Jemen-Konflikt?
Iran unterstützt die Huthi-Rebellen militärisch und logistisch mit Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen. Die Huthi-Rebellen sind Teil von Irans Netzwerk militanter Stellvertretergruppen in der Region, die Teheran zur Ausweitung seines Einflusses nutzt.
Sind die Angriffe aus dem Jemen wirklich von den Huthi-Rebellen?
Obwohl die Huthi-Rebellen oft die Verantwortung für Angriffe beanspruchen, haben Analysen prominenter Angriffe, wie der auf die saudischen Ölanlagen 2019, gezeigt, dass die Flugkörper direkt aus Iran gestartet wurden. Die Huthi-Rebellen dienen in solchen Fällen als Deckmantel für iranische Operationen.
Warum ist Saudi-Arabien so anfällig für Angriffe aus dem Jemen?
Trotz hoher Rüstungsausgaben verfügt Saudi-Arabien über eine vergleichsweise kampfschwache Landstreitkraft. Die Hauptbedrohung kommt durch asymmetrische Angriffe (Raketen, Drohnen) aus dem Jemen, für die die saudische Verteidigung, abgesehen von der Luftwaffe, Schwächen aufweist.
Wie hat sich die US-Politik auf den Konflikt ausgewirkt?
Die Politik der USA, insbesondere unter Obama und Trump, hat einen Trend zum Rückzug aus dem Nahen Osten gezeigt. Dies hat Saudi-Arabien dazu veranlasst, eigene militärische Fähigkeiten auszubauen, neue regionale Allianzen zu schmieden (z.B. mit Israel) und sogar über ein eigenes Atomprogramm nachzudenken, da die USA nicht mehr als unbedingter Sicherheitsgarant wahrgenommen werden.
Könnte Saudi-Arabien ein Atomprogramm entwickeln?
Saudi-Arabien zeigt Interesse an einem Atomprogramm, das offiziell zivil sein soll, aber die Option einer militärischen Nutzung offenlässt. Die Saudis bestehen auf eigener Urananreicherung und suchen Unterstützung bei China, da die USA unter diesen Bedingungen keine Technologie liefern wollen.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Jemen: Saudi-Arabiens größte Bedrohung kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.

Go up