16/05/2021
Die Fastenzeit, auch bekannt als österliche Bußzeit, ist für viele Menschen weltweit eine besondere Periode im Kirchenjahr. Sie beginnt am Aschermittwoch und dauert 40 Tage, bis zum Ostersonntag. Doch was genau verbirgt sich hinter dieser Tradition, die oft mit Verzicht und Entbehrung assoziiert wird? Ist es lediglich eine Zeit, in der wir auf bestimmte Dinge verzichten, oder steckt eine viel tiefere, transformierende Botschaft dahinter? Die Antwort liegt in der Idee der Öffnung – des Öffnens unserer Sinne, unseres Geistes und vor allem unseres Herzens, um uns auf das Osterfest vorzubereiten und Gott näherzukommen.

Stellen Sie sich vor, Sie finden einen verschlossenen Schlüssel und eine kleine Kiste. Mit dem richtigen Schlüssel können Sie die Kiste öffnen und ihren Inhalt entdecken. Ähnlich verhält es sich mit uns selbst: Auch an uns gibt es Dinge, die wir öffnen können, wofür wir keine physischen Schlüssel benötigen. Es sind die Türen zu unserem Innersten, die wir bewusst aufstoßen können, um uns für Neues, für Begegnungen und für eine tiefere spirituelle Erfahrung zu öffnen. Diese Metapher des Öffnens ist zentral für das Verständnis der Fastenzeit und ihrer Bedeutung für unser Leben.
Was bedeutet es, sich in der Fastenzeit zu öffnen?
Die Fastenzeit lädt uns ein, unsere gewohnten Routinen zu durchbrechen und uns bewusst mit unserem Inneren auseinanderzusetzen. Die Idee des Öffnens, die oft spielerisch vermittelt wird, hat eine tiefgreifende spirituelle Dimension. Es geht darum, Barrieren abzubauen – sei es in unseren Gedanken, unseren Handlungen oder unseren Beziehungen – um empfänglicher für die Botschaft Jesu Christi und die Präsenz Gottes in unserem Alltag zu werden. Jedes „Öffnen“ hat dabei eine spezifische Bedeutung:
Die Hände öffnen: Geben und Empfangen
Wenn wir unsere Hände öffnen, machen wir uns bereit, sowohl zu geben als auch zu empfangen. Es ist eine Geste der Offenheit und der Hilfsbereitschaft. In der Fastenzeit bedeutet dies, nicht nur die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen, sondern bewusst auf andere zuzugehen. Es kann bedeuten, einem Nachbarn vorsichtig die Hand zu reichen, jemandem zu helfen, der Unterstützung braucht, oder einfach nur Freundlichkeit zu zeigen. Es ist die Einladung, sich über den eigenen Tellerrand hinaus für die Gemeinschaft und die Bedürfnisse unserer Mitmenschen zu öffnen. Indem wir unsere Hände öffnen, schaffen wir Raum für Nächstenliebe und praktizieren aktive Barmherzigkeit. Dies ist ein Kernaspekt der Fastenzeit, der traditionell als Almosen oder Mildtätigkeit bekannt ist.
Die Augen öffnen: Bewusst sehen
Unsere Augen sind Fenster zur Welt. Sie zu öffnen bedeutet, nicht nur oberflächlich wahrzunehmen, sondern bewusst und aufmerksam hinzusehen. In der Fastenzeit sind wir eingeladen, unsere Augen für die Schönheit der Schöpfung, aber auch für die Not und das Leid um uns herum zu öffnen. Es geht darum, den Menschen, die uns begegnen, wirklich in die Augen zu schauen, ihre Präsenz anzuerkennen und sich ihrer Existenz zu erfreuen. Dieses bewusste Sehen hilft uns, die Welt mit anderen Augen zu betrachten, vielleicht weniger kritisch und urteilend, dafür aber mit mehr Empathie und Verständnis. Es ist eine Übung in Achtsamkeit und Präsenz, die uns hilft, die göttliche Präsenz in allem zu erkennen.
Die Ohren öffnen: Zuhören und Verstehen
In unserer schnelllebigen Welt ist das aufmerksame Zuhören eine seltene Gabe geworden. Die Ohren zu öffnen bedeutet, sich Zeit zu nehmen, wirklich zuzuhören – sei es den leisen Tönen der Natur, den Worten eines Freundes oder der inneren Stimme Gottes. Es geht darum, nicht nur zu hören, was gesagt wird, sondern auch zu verstehen, was gemeint ist, und die Gefühle dahinter wahrzunehmen. Die Fastenzeit ist eine Zeit, in der wir uns bewusst der Stille widmen können, um besser auf die Impulse von außen und innen zu hören. Es ist eine Einladung, unsere Herzen für Gottes Wort und die Bedürfnisse unserer Mitmenschen zu öffnen, indem wir ihnen unsere volle Aufmerksamkeit schenken.
Den Mund öffnen: Worte wählen und schweigen
Der Mund dient nicht nur zum Sprechen, sondern auch zum Schweigen. Ihn bewusst zu öffnen bedeutet, sich der Kraft unserer Worte bewusst zu werden. Es ist eine Einladung, freundliche Worte zu wählen, „Hallo“ zu sagen, Wertschätzung auszudrücken und positive Botschaften zu verbreiten. Gleichzeitig kann das Öffnen des Mundes auch bedeuten, bewusst zu schweigen, auf Klatsch und Tratsch zu verzichten oder weniger zu reden, um mehr zuzuhören und zu reflektieren. Es ist eine Übung in Selbstbeherrschung und Achtsamkeit im Umgang mit unserer Sprache, um Harmonie und Frieden zu fördern.
Das Herz öffnen: Liebe und Barmherzigkeit
Das Herz ist oft der Sitz unserer Gefühle und unseres tiefsten Wesens. Wenn wir unser Herz öffnen, machen wir uns verletzlich, aber auch empfänglich für bedingungslose Liebe und Barmherzigkeit. Es ist die ultimative Geste der Offenheit, sich für Gott und für alle Menschen zu öffnen. Es bedeutet, alte Groll loszulassen, zu vergeben und sich mit Freude darüber zu füllen, dass wir alle Teil einer Gemeinschaft sind. Das geöffnete Herz ist der Schlüssel zur wahren spirituellen Transformation, der uns ermöglicht, Gottes Liebe zu empfangen und weiterzugeben. Es ist der Ort, an dem wahre Begegnung und spirituelles Wachstum stattfinden können. Indem wir unsere Herzen öffnen, lassen wir die Liebe Gottes herein und können sie an unsere Nächsten weitergeben.
Traditionelle Säulen der Fastenzeit: Verzicht, Gebet und Mildtätigkeit
Die Fastenzeit ist traditionell auf drei Hauptsäulen aufgebaut, die alle darauf abzielen, uns zu einer tieferen Beziehung zu Gott und unseren Mitmenschen zu führen. Diese Praktiken fördern das Öffnen unseres Inneren und die bewusste Hinwendung zu spirituellen Werten.
| Säule der Fastenzeit | Bedeutung und Praxis | Ziel der Öffnung |
|---|---|---|
| Verzicht (Fasten) | Bewusstes Verzichten auf bestimmte Speisen (z.B. Fleisch), Genussmittel (Alkohol, Süßigkeiten), Medien (Social Media, Streaming) oder Gewohnheiten. | Freiheit von Abhängigkeiten, Schärfung der Sinne, bewusster Umgang mit Ressourcen, Raum für geistige Nahrung. |
| Gebet | Intensivierung des persönlichen Gebetslebens, bewusste Zeiten der Stille und Besinnung, Teilnahme an Gottesdiensten. | Vertiefung der Beziehung zu Gott, Zuhören auf Gottes Stimme, innerer Frieden, Orientierung und Trost. |
| Mildtätigkeit (Almosen) | Aktives Helfen und Unterstützen von Bedürftigen, Spenden von Zeit, Geld oder materiellen Gütern, soziale Gerechtigkeit fördern. | Öffnung für die Bedürfnisse anderer, praktische Nächstenliebe, Dankbarkeit für das Eigene, Solidarität. |
Diese drei Säulen sind eng miteinander verbunden und unterstützen sich gegenseitig. Der Verzicht schafft Zeit und Raum, die für Gebet genutzt werden können. Das Gebet stärkt die innere Haltung und Motivation für die Mildtätigkeit. Und die Mildtätigkeit wiederum ist ein Ausdruck der Liebe, die durch Gebet und Verzicht vertieft wurde.
Die Fastenzeit im modernen Leben: Mehr als nur Essensverzicht
Während historisch der Verzicht auf Fleisch und bestimmte Speisen im Vordergrund stand, hat sich die Interpretation der Fastenzeit in der modernen Welt erweitert. Heute geht es vielen Menschen nicht nur um den Verzicht auf materielle Güter oder bestimmte Nahrungsmittel, sondern auch um einen „digitalen Detox“, eine bewusste Reduzierung des Medienkonsums, oder den Verzicht auf bestimmte Gewohnheiten, die uns von einem bewussteren Leben abhalten.
Die Fastenzeit kann eine Gelegenheit sein, unsere Prioritäten neu zu ordnen, uns von unnötigem Ballast zu befreien und uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es ist eine Zeit, in der wir uns bewusst machen können, wie viel wir besitzen und wie wir unsere Zeit verbringen. Es kann bedeuten, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen, alte Freundschaften wieder aufleben zu lassen oder sich ehrenamtlich zu engagieren. Es ist eine Einladung, unsere Lebensweise zu reflektieren und vielleicht nachhaltigere oder bewusstere Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Das Ziel ist immer die innere Reinigung und die Vorbereitung auf die Freude von Ostern – die Feier der Auferstehung und des neuen Lebens.
Häufig gestellte Fragen zur Fastenzeit
Wie lange dauert die Fastenzeit?
Die Fastenzeit dauert 40 Tage. Sie beginnt am Aschermittwoch und endet am Karsamstag, dem Tag vor Ostersonntag. Die Sonntage innerhalb dieser Periode werden traditionell nicht als Fasttage gezählt, da jeder Sonntag eine kleine Auferstehungsfeier darstellt. Wenn man die Sonntage abzieht, kommt man auf die 40 tatsächlichen Fasttage.
Warum genau 40 Tage?
Die Zahl 40 hat in der Bibel eine große symbolische Bedeutung. Sie erinnert an die 40 Tage und Nächte, die Jesus in der Wüste fastete und betete, bevor er sein öffentliches Wirken begann. Sie erinnert auch an die 40 Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste wanderte, oder die 40 Tage, die die Sintflut dauerte. Die 40 Tage symbolisieren eine Zeit der Prüfung, der Läuterung und der Vorbereitung auf etwas Neues und Bedeutendes.
Was darf man in der Fastenzeit essen oder nicht essen?
Traditionell wird am Aschermittwoch und am Karfreitag streng gefastet (nur eine volle Mahlzeit und zwei kleine Stärkungen, kein Fleisch) und an allen Freitagen der Fastenzeit auf Fleisch verzichtet (Abstinenz). Darüber hinaus ist es jedem Einzelnen überlassen, worauf er persönlich verzichten möchte. Dies kann über Essen und Trinken hinausgehen und auch Medienkonsum, Luxusgüter oder bestimmte Gewohnheiten umfassen.
Ist die Fastenzeit nur für Christen?
Obwohl die Fastenzeit ihren Ursprung im christlichen Glauben hat und primär von Christen praktiziert wird, können die zugrunde liegenden Prinzipien des Verzichts, der Besinnung und der Nächstenliebe für jeden Menschen von Wert sein, unabhängig von seiner religiösen Zugehörigkeit. Viele Menschen nutzen diese Zeit für eine persönliche Auszeit, einen Digital Detox oder einfach, um bewusster zu leben.
Was ist das eigentliche Ziel der Fastenzeit?
Das Ziel der Fastenzeit ist nicht, sich selbst zu quälen oder zu leiden, sondern sich innerlich zu reinigen, zu besinnen und sich neu auf Gott auszurichten. Es geht darum, sich von Ablenkungen zu lösen, die Beziehung zu Gott zu vertiefen und sich durch Gebet, Verzicht und Mildtätigkeit auf das Osterfest und die Botschaft der Auferstehung vorzubereiten. Es ist eine Zeit der Transformation und des Wachstums.
Fazit: Eine Zeit der inneren Erneuerung
Die Fastenzeit ist weit mehr als nur eine Periode des Verzichts; sie ist eine tiefgehende Einladung zur inneren Erneuerung. Sie bietet uns die einzigartige Gelegenheit, innezuhalten, zu reflektieren und bewusst die Türen unseres Herzens, unserer Sinne und unseres Geistes zu öffnen. Wenn wir unsere Hände öffnen, sind wir bereit zu geben und zu empfangen. Wenn wir unsere Augen öffnen, sehen wir die Welt und unsere Mitmenschen mit größerer Empathie. Wenn wir unsere Ohren öffnen, lauschen wir auf die leisen Botschaften des Lebens und des Glaubens. Wenn wir unseren Mund öffnen, sprechen wir Worte der Liebe und der Wahrheit. Und wenn wir unser Herz öffnen, schaffen wir Raum für Gottes unendliche Liebe und die Fähigkeit zur Vergebung. Indem wir uns in dieser Weise öffnen, machen wir uns bereit für Gott und für die tiefgreifende Botschaft von Ostern. Möge diese Fastenzeit eine Zeit der bewussten Öffnung und des reichen Segens für Sie sein.
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