Wann fand das vierte Treffen in Assisi statt?

Assisi: Gebet für den Weltfrieden

06/11/2025

Rating: 4.21 (13934 votes)

In einer Welt, die oft von Konflikten und Spaltungen geprägt ist, erscheint das Konzept eines gemeinsamen Gebets für den Frieden über religiöse und kulturelle Grenzen hinweg wie ein Leuchtturm der Hoffnung. Genau das ist die Vision, die hinter den Weltgebetstreffen für den Frieden in Assisi steht. Diese interreligiösen Zusammenkünfte, die auf Initiative von Papst Johannes Paul II. ins Leben gerufen wurden, haben sich zu einem symbolträchtigen Ereignis entwickelt, das die Macht des Gebets und des Dialogs im Streben nach globaler Harmonie unterstreicht. Doch was genau macht diese Treffen so besonders, welche Ziele verfolgen sie, und welche Wirkung entfalten sie in einer komplexen Welt?

Die Geschichte der Assisi-Treffen ist eng mit den Entwicklungen des Zweiten Vatikanischen Konzils verbunden, insbesondere mit der Erklärung Nostra Aetate aus dem Jahr 1965, die die Haltung der katholischen Kirche zu nichtchristlichen Religionen grundlegend neu definierte. Diese Erklärung legte den Grundstein für einen offeneren und respektvolleren Dialog zwischen den Glaubensgemeinschaften. Es war Papst Johannes Paul II., der diesen Geist aufgriff und am 25. Januar 1986, genau 25 Jahre nach der Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Papst Johannes XXIII., das erste Weltgebetstreffen in Assisi ankündigte. Der Ort, die Basilika Sankt Paul vor den Mauern in Rom, war bewusst gewählt, um die programmatische Kontinuität mit dem Konzil zu betonen.

Wann fand das vierte Treffen in Assisi statt?
Das vierte Treffen fand am 27. Oktober 2011 in Assisi statt. Das Motto für das vierte Treffen lautete Tag der Reflexion, des Dialogs und des Gebets für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.
Inhaltsverzeichnis

Die Gebetstreffen von Assisi: Eine Chronologie

Seit ihrer ersten Auflage im Jahr 1986 fanden weitere Weltgebetstreffen in Assisi statt, die jeweils wichtige Meilensteine in der Geschichte des interreligiösen Dialogs und des Friedensengagements darstellten. Jedes Treffen hatte seine eigene Dynamik und spezifische Anliegen, doch alle waren vom gemeinsamen Wunsch nach Frieden getragen.

Treffen-Nr.DatumAnlass / Besonderheit
1.27. Oktober 1986Einladung durch Papst Johannes Paul II.; erstes interreligiöses Treffen für den Frieden.
2.Januar 1993Anlässlich des Balkankriegs; Fokus auf Gebet mit Juden und Muslimen.
3.24. Januar 2002Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 und den Afghanistankrieg; Verabschiedung des Dekalog von Assisi.
4.27. Oktober 201125 Jahre nach dem ersten Treffen; Fortsetzung des Dialogs und des gemeinsamen Gebets.
5.20. September 201630 Jahre nach dem ersten Treffen; erneute Zusammenkunft von Religionsführern für den Frieden.

Das vierte Treffen (2011): Ein Zeichen der Beständigkeit

Das vierte Weltgebetstreffen für den Frieden in Assisi fand im Jahr 2011 statt. Dieses Treffen markierte das 25-jährige Jubiläum des ersten historischen Ereignisses von 1986 und unterstrich die Beständigkeit und Relevanz des interreligiösen Dialogs für den Frieden in einer sich ständig wandelnden Welt. Es war eine Gelegenheit, die Früchte der bisherigen Bemühungen zu würdigen und den Weg für zukünftige Initiativen zu ebnen.

Das dritte Treffen (2002) und der Dekalog von Assisi

Besondere Beachtung verdient das dritte Treffen im Jahr 2002. Dieses wurde unmittelbar durch die erschütternden Terroranschläge vom 11. September 2001 und den darauf folgenden Afghanistankrieg ausgelöst. Papst Johannes Paul II. benannte als Ziel dieses „Gebetstages für den Weltfrieden“, „durch die Verbreitung einer Spiritualität und Kultur des Friedens zum Frieden zu erziehen“. Rund 300 Vertreter von zwölf Religionen und 31 Kirchen, darunter der Patriarch von Konstantinopel Bartholomäus I., nahmen daran teil. Bemerkenswert war die gemeinsame Anreise mit einem Sonderzug vom Vatikan nach Assisi, eine Geste der Einheit und Verbundenheit. Nach kritischen Stimmen aus dem Jahr 1986, die eine Vermischung der Religionen befürchteten, wurde 2002 bewusst darauf verzichtet, in Anwesenheit aller Teilnehmer gemeinsam zu beten. Stattdessen hielt jede Gemeinschaft ihr eigenes Friedensgebet ab, während die anderen in respektvollem Schweigen zuhörten. Dies betonte das „Zusammenkommen, um zu beten“ statt eines „Miteinander-Betens“.

Ein zentrales Ergebnis dieses Treffens war die gemeinsame Verkündung des sogenannten Dekalog von Assisi für den Frieden. In diesen zehn Punkten verpflichteten sich die Vertreter der Weltreligionen zu grundlegenden Prinzipien für ein friedliches Zusammenleben: dem Einsatz für den Frieden, der Ächtung der Gewalt im Namen Gottes oder der Religion, der Bewahrung der Menschenwürde, dem gegenseitigen Dialog, der gegenseitigen Vergebung und der Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden. Dieser Dekalog stellt ein wichtiges Dokument interreligiöser Zusammenarbeit dar und dient als Leitfaden für zukünftige Bemühungen.

Das „Ereignis von Assisi“: Mehr als nur ein Treffen

Das „Ereignis von Assisi“ unterschied sich grundlegend von traditionellen Weltkonferenzen für den Frieden. Während solche Konferenzen oft auf politische oder diplomatische Lösungen abzielen, konzentrierte sich Assisi ganz auf das Gebet um Frieden sowie auf religiöse Vollzüge wie Pilgern, Schweigen und Fasten. Dies war ein Novum, denn zum ersten Mal versammelte ein vom Papst initiiertes Ereignis nicht nur Katholiken oder Christen, sondern Vertreter aller Religionen – von Natur- und Stammesreligionen über nichttheistische Religionen wie den Buddhismus bis zu den monotheistischen Buchreligionen. Kardinal Francis Arinze fasste es treffend zusammen: „Es reicht nicht, etwas für den Frieden zu tun, man muss für ihn beten.“

Interreligiöser Dialog vs. Synkretismus: Die päpstliche Position

Die Einzigartigkeit des Assisi-Treffens führte auch zu Kritik aus verschiedenen Lagern. Progressive Stimmen bemängelten eine mögliche Überspielung sachlicher Probleme und Differenzen zwischen den Religionen durch die emotionale Gemeinsamkeit religiöser Vollzüge. Weitaus schärfer waren jedoch die Vorwürfe von fundamentalistisch-traditionalistischer Seite, die dem Weltgebetstreffen und dem Papst einen religiösen Synkretismus vorwarfen – eine Vermischung der Religionen – sowie die Preisgabe des traditionellen Absolutheitsanspruchs der christlichen Religion und der katholischen Kirche.

Papst Johannes Paul II. begegnete dieser Kritik, indem er von Anfang an betonte, dass es sich nicht um ein „Miteinander-Beten“, sondern um ein „Zusammenkommen, um zu beten“ handelte. Die Gebete der einzelnen Religionsvertreter wurden von diesen jeweils allein vollzogen, während die anderen Teilnehmer in respektvollem Schweigen zuhörten. Der Papst ließ zudem keinen Zweifel am christlichen Anspruch, dass aller Friede letztlich Jesus Christus zu verdanken ist. Gleichzeitig räumte er – ganz im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils – ein, dass dieser Friede Christi auch außerhalb eines ausdrücklichen christlichen Bekenntnisses, in den religiösen Vollzügen von Menschen anderer Religionen, gefunden werden kann. Diese differenzierte Haltung versuchte einen Mittelweg zwischen Offenheit und Wahrung der eigenen Identität zu finden.

Frieden aus biblisch-christlicher Sicht

Der Friede ist ein zentrales Gut in der jüdisch-christlichen Offenbarungsgeschichte. Im Alten Testament ist Gottes Selbstmitteilung auf die Erwählung eines Volkes gerichtet, dem Wohlstand und Behauptung gegenüber Feinden verheißen werden, was inneren Frieden voraussetzt. Doch die Bibel zeigt auch eine Ambivalenz: Der alttestamentliche Gott des Friedens kann zugleich ein Krieger sein. Apokalyptische Schreckensbilder stehen neben Visionen einer Völkerwallfahrt nach Jerusalem. Im Neuen Testament wird Jesus Christus als „Friedensfürst“ und „unser Friede“ (Eph 2,14) bezeichnet. Doch auch er bringt scheinbar „das Schwert“ (Mt 10,34-36), indem er gesellschaftliche und religiöse Ordnungen aufbricht, die auf Ausgrenzung basieren. Dies ist im Sinne einer „dramatischen Theologie“ zu verstehen, die anerkennt, dass gewalttätige Auseinandersetzungen zum Offenbarungsprozess gehören können, um von einem trügerischen zu einem echten Frieden zu führen.

Die Rolle von Schuld und Götzen in der Konfliktentstehung

Aus biblisch-christlicher Perspektive ist der Mensch ein Wesen des Begehrens, dessen wahrer Friede nur durch eine unverstellte Rückbindung an Gott zu finden ist. Die „Erbsünde“ verstellt den Zugang zu Gott, und Menschen substituieren das göttliche Begehrensziel durch „Götzen“ wie Macht, Besitz und Ansehen. Da diese Güter Konkurrenz erzeugen, führen sie zu Rivalität und Gewalt. Nur die Umkehr zum wahren Gott vermag die Menschen zu echtem Frieden zu einen. Selbst subtile Verschiebungen in der Gottesvorstellung können dazu führen, dass der Gott des Lebens in ein lebensfeindliches Zerrbild pervertiert wird, wie die Kritik Jesu an den Pharisäern oder die Gesetzeskritik des Paulus zeigen. Eine solche Pervertierung kann zur Schuldzuweisung an andere führen, was den Unfrieden weiterträgt.

Die Notwendigkeit ständiger Umkehr

Daher ist die fortgesetzte Umkehr, die immer wieder versuchte Neuorientierung am wahren Gott, eine unverzichtbare christliche Grundhaltung. In dieser selbstkritischen Neuzuwendung zum Gott des Friedens und des Lebens liegt ein großes Potenzial für das christliche Friedensgebet. Es wird deutlich, dass der tätige Einsatz für den Frieden durch das Friedensgebet nicht gelähmt, sondern vielmehr freigesetzt wird. Das Gebet ist nicht nur eine passive Handlung, sondern eine aktive Öffnung, die die Voraussetzungen für tatsächliche Friedensbemühungen schafft.

Vier Säulen des Friedens: Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit und Liebe

Die Päpste betonen in ihren sozialen Schriften, dass die Verwirklichung echten Friedens von friedenssichernden gesellschaftlichen Bedingungen abhängt. Sie nennen dabei vor allem drei Bereiche: Gerechtigkeit, Wahrheit und Freiheit. Darüber hinaus betonen sie, dass Friede nicht nur durch die Veränderung von Strukturen erreicht wird, sondern auch bei Veränderungen im Herzen der einzelnen Menschen ansetzen muss. In diesem Sinne wird die Liebe als vierte, entscheidende Voraussetzung für einen echten Frieden genannt.

Strukturelle und persönliche Dimensionen des Friedens

In kriegerischen Konflikten ist die Eindämmung von Gewalt das erste Ziel. Militärische Schutzmächte oder Sanktionsdrohungen können Kampfparteien auseinanderhalten. Doch wahre Stabilität erfordert eine gerechte Konfliktlösung, die Gewährleistung eines menschenwürdigen Lebens für alle Kontrahenten und die Aufarbeitung begangenen Unrechts. Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit sind somit Voraussetzungen für einen stabilen Frieden, der über die bloße Abwesenheit von Krieg hinausgeht. Die Päpste betonen, dass Friede nicht nur eine Frage von Strukturen, sondern vielmehr von Personen ist. Friedensstrukturen sind zwar notwendig, aber sie sind die Frucht der Weisheit und Erfahrung von Menschen, die zu hoffen vermochten.

Die Bedeutung der Liebe und des Vertrauens

Die Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit sind tief in der Personalität der Menschen verwurzelt und werden von ihren individuellen Perspektiven beeinflusst. Eine gerechte Verteilung von Gütern ist in Rivalitätssituationen schwer herzustellen. Angst verhindert das Gefühl von Freiheit, und Schuldzuweisungen können die Aufarbeitung von Schuldgeschichten erschweren. Daher ist es eine Illusion, die Realisierung von Friedensbedingungen allein auf objektiver und struktureller Ebene erreichen zu wollen. Eine Vermittlung auf persönlicher Ebene ist unerlässlich, um neues Vertrauen und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit zu schaffen. Die Fähigkeit zur Vergebung und zum neuen Vertrauen erfordert eine tiefe existentielle Öffnung, die durch religiöse Vollzüge eher erreicht werden kann. Die Haltung der Liebe, die Einfühlung in die Kontrahenten und die Bereitschaft zur Selbstkritik werden durch die Ausrichtung auf eine transzendente Macht ermöglicht, die sich allen Menschen erbarmend zuwendet. Genau diese tieferen, transzendenten Voraussetzungen für dauerhaften Frieden werden mit der Praxis gemeinsamer, religions- und völkerübergreifender Friedensgebete angestrebt.

Das „Modell Assisi“: Die Gemeinschaft Sant’Egidio als Friedensstifter

Nach dem Weltgebetstag von Assisi 1986 wurde die Idee des interreligiösen Gebets für den Frieden von der römischen Gemeinschaft Sant'Egidio fortgeführt. Seit 1987 organisiert Sant’Egidio jährlich Gebetstreffen in Assisi und anderen Städten, die gemeinsames Gebet mit Friedensgesprächen verbinden. Dies führte dazu, dass aus dem „Ereignis Assisi“ ein „Modell Assisi“ wurde, das über die päpstliche Initiative hinaus weltweit Wirkung entfaltet.

Von der humanitären Hilfe zur Friedensmediation: Das Beispiel Mosambik

Die Gemeinschaft Sant’Egidio, 1968 von Schülern in Rom gegründet und heute mit 20.000 Mitgliedern in 34 Ländern vertreten, zeichnet sich durch ihren Fokus auf Gebet und soziale Aktion aus. Sie begann ihre Arbeit bei benachteiligten Kindern in den Slums Roms und weitete sie auf die ärmsten Länder der Dritten Welt aus. Besonders hervorzuheben ist ihr Engagement in Mosambik, das seit seiner Unabhängigkeit 1975 von einem blutigen Bürgerkrieg zerrissen war. Sant’Egidio erkannte, dass humanitäre Hilfe ohne die Überwindung des Bürgerkriegs nicht zielführend war. Da diplomatische Friedensbemühungen aufgrund der Unerreichbarkeit der Partisanen-Vertreter unmöglich waren, nutzten Vertreter der Gemeinschaft ihre über Jahre durch Hilfe und Mitleben vor Ort gewonnenen Kontakte und ihr Ansehen, um Friedensgespräche zu initiieren. So konnten 1990 im Kloster der Gemeinschaft in Rom offizielle Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der Renamo-Opposition beginnen, die 1992 zu einem Friedensabkommen führten, das Neuwahlen unter demokratischen Verhältnissen ermöglichte.

Was ist das „Ereignis von Assisi“?
Im Unterschied zur gängigen Praxis von Weltkonferenzen für den Frieden konzentrierte sich das „Ereignis von Assisi“ ganz auf das Gebet um Frieden sowie auf religiöse Vollzüge wie Pilgern, Schweigen und Fasten.

Erfolgsfaktoren der Sant’Egidio-Gemeinschaft

UNO-Generalsekretär Boutros-Ghali würdigte die ausschlaggebende Bedeutung der Gemeinschaft für diese erfolgreiche Friedensvermittlung und prägte den Begriff „Italienische Formel“ für diese einzigartige Mischung aus Regierungs- und Nichtregierungsarbeit. Wesentliche Faktoren für den Erfolg waren:

  • Glaubwürdigkeit durch soziales Engagement: Die Gemeinschaft hatte sich durch jahrelange konkrete Hilfe vor Ort Vertrauen erworben.
  • Vermittlungsbemühungen ohne Nebenabsichten: Es gab keine eigenen politischen oder wirtschaftlichen Interessen.
  • Selbstloser Einsatz: Die Gemeinschaft suchte kein internationales Prestige oder persönlichen Nutzen.
  • Grenzenlose Geduld: Im Gegensatz zu professionellen Diplomaten, die oft unter Zeitdruck stehen, bewies Sant’Egidio eine unbegrenzte Einsatzbereitschaft an Zeit und Geduld, was den Konfliktparteien zeigte, dass es den Vermittlern tatsächlich um die Menschen ging und nicht um schnelle Erfolge.

Die Praxis von Sant’Egidio belegt die Realitätsfähigkeit der päpstlichen Ausführungen, dass eine durch Glaube und Gebet ermöglichte Haltung unbegrenzter Solidarität Frieden auch dort erreichbar macht, wo konventionelle diplomatische Bemühungen scheitern.

Der Einfluss von Gebetsbewegungen auf den Weltfrieden

Die Assisi-Ereignisse und das daraus entstandene „Modell Assisi“ haben eine bereits bestehende Tendenz gefördert, kritische Phasen von Konflikten durch intensives Friedensgebet zu begleiten, um gewaltsame Eskalationen zu verhindern und friedliche Revolutionen zu ermöglichen.

Die Montagsgebete in Leipzig (1989)

Ein spektakuläres Beispiel in Europa war der Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989. Der Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ erfolgte nahezu gewaltlos, was von vielen als Wunder betrachtet wurde. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die Leipziger Montagsdemonstrationen, die sich teilweise spontan aus Friedensgebeten in der Nikolaikirche gebildet hatten. Diese Gebete, die jahrelang ein Schattendasein führten, wurden zum Kristallisationskern politischer Massenbewegungen. Kurz vor dem Höhepunkt mit dem Fall der Berliner Mauer versammelten sich wöchentlich bis zu 10.000 Menschen zu diesen Gebeten, die sich anschließend zu Demonstrationen mit bis zu 300.000 Teilnehmern ausweiteten. Obwohl ihr liturgischer Charakter umstritten war, ist unbezweifelbar, dass die Gebetspraxis den Charakter der Widerstandsbewegung prägte. Sie schufen einen Raum, der sich dem Denkhorizont der Machthaber entzog, den Akteuren aber eine Gottesnähe und moralische Resistenz vermittelte, die Verfolgung und Misshandlung mutig überstehen ließ und den Schritt aus den Kirchenmauern heraus ermöglichte.

Die „Rosenkranz-Revolution“ auf den Philippinen

Ein weiteres Beispiel aus Asien ist die „Rosenkranz-Revolution“ auf den Philippinen im Jahr 1986. Der Unmut gegen die Marcos-Diktatur wurde von Bischof Sin und Ordensleuten in Richtung gewaltloser Widerstandsformen gelenkt. Die Bevölkerung stellte sich massenhaft singend, mit Gebeten auf den Lippen und Broten und Blumen in den Händen den Panzern entgegen, die daraufhin stoppten. Die Herrschaft des Diktators zerfiel erstaunlich friedlich.

Die Rolle nicht-religiöser Organisationen im Friedensprozess

Die Päpste betonen nicht nur die Bedeutung religiöser Friedensbemühungen, sondern würdigen auch die Anstrengungen nicht-religiöser Organisationen. Papst Johannes Paul II. sah den Weltgebetstag von Assisi 1986 als Beitrag zum Internationalen Jahr des Friedens, das von den Vereinten Nationen ausgerufen worden war. Schon Papst Johannes XXIII. hatte kurz vor seinem Tod in seiner Enzyklika Pacem in Terris die Bedeutung der UNO und ihrer Charta der Menschenrechte hervorgehoben. Diese Würdigung nicht-religiöser Organisationen, insbesondere der UNO und der Menschenrechtsorganisationen, wurde von Johannes Paul II. in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2003 erneuert.

Die Anerkennung von Friedensbemühungen nicht-religiöser Organisationen zur Erreichung eines Friedens, der dennoch als „Friede Christi“ bezeichnet wird, führt zu der Schlussfolgerung, dass solche „säkularen“ Bemühungen (sofern sie erfolgreich im Sinne eines wahren Friedens sind) dem Gott Jesu Christi zugeschrieben werden. Johannes Paul II. stellte fest, dass der Friede „die menschlichen Kräfte weit übersteigt, besonders in der gegenwärtigen Lage der Welt, und dass deshalb seine Quelle und Verwirklichung in jener Wirklichkeit zu suchen sind, die über uns allen ist.“ Dies deckt sich mit der Hypothese, dass ein tiefer, echter und dauerhafter Friede, der nicht auf Opfern Dritter aufbaut, menschliche Kräfte übersteigt und ein klares Zeichen göttlichen Wirkens ist.

Fazit

Die Weltgebetstreffen von Assisi sind mehr als nur symbolische Zusammenkünfte. Sie sind Ausdruck einer tiefen Überzeugung, dass der Friede eine transzendente Dimension hat und dass Gebet sowie interreligiöser Dialog entscheidende Katalysatoren für seine Verwirklichung sind. Von der ersten Einladung durch Papst Johannes Paul II. bis zu den nachhaltigen Initiativen der Gemeinschaft Sant’Egidio und den weltweiten Gebetsbewegungen haben diese Treffen gezeigt, wie Glaube und Spiritualität konkrete Veränderungen in der Welt bewirken können. Sie erinnern uns daran, dass wahrer Friede sowohl strukturelle Gerechtigkeit als auch eine Transformation der Herzen erfordert, eine Transformation, die nur durch das Wirken einer Macht erreicht werden kann, die über uns allen steht.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist der Hauptzweck der Weltgebetstreffen in Assisi?

Der Hauptzweck ist es, „durch die Verbreitung einer Spiritualität und Kultur des Friedens zum Frieden zu erziehen“ und Religionsführer zusammenzubringen, um gemeinsam für den Frieden zu beten und den interreligiösen Dialog zu fördern.

Wann fand das vierte Treffen in Assisi statt?

Das vierte Weltgebetstreffen für den Frieden in Assisi fand im Jahr 2011 statt.

Was ist der „Dekalog von Assisi“?

Der Dekalog von Assisi ist eine gemeinsame Erklärung, die von den Vertretern der Weltreligionen beim dritten Treffen 2002 verkündet wurde. Er umfasst zehn Punkte, die Verpflichtungen zum Einsatz für Frieden, Ächtung von Gewalt im Namen Gottes, Bewahrung der Menschenwürde, gegenseitigen Dialog, Vergebung und Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden beinhalten.

Warum gab es Kritik an den Assisi-Treffen?

Kritik kam von progressiver Seite (Überspielung sachlicher Probleme) und fundamentalistisch-traditionalistischer Seite (Vorwurf des religiösen Synkretismus und Preisgabe des christlichen Absolutheitsanspruchs).

Wie begegnete der Papst der Kritik am „Miteinander-Beten“?

Papst Johannes Paul II. betonte, dass es sich um ein „Zusammenkommen, um zu beten“ handelte, bei dem jede Religion ihr eigenes Gebet abhielt, während die anderen in respektvollem Schweigen zuhörten. Er hielt am Absolutheitsanspruch Christi fest, aber auch an der Möglichkeit, dass Friede Christi außerhalb expliziter christlicher Bekenntnisse gefunden werden kann.

Welche Rolle spielt die Gemeinschaft Sant’Egidio im „Modell Assisi“?

Die Gemeinschaft Sant’Egidio hat die Idee der Assisi-Treffen seit 1987 fortgeführt, indem sie jährliche interreligiöse Gebetstreffen und Friedensgespräche organisiert. Sie wurde auch als erfolgreicher Vermittler in internationalen Konflikten, wie dem Bürgerkrieg in Mosambik, bekannt.

Wenn du andere Artikel ähnlich wie Assisi: Gebet für den Weltfrieden kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.

Go up