19/07/2022
Was bedeutet es eigentlich, fromm zu sein? Diese Frage war im späten Mittelalter, einer zutiefst religiösen Epoche, allgegenwärtig. Und sie beschäftigte auch Martin Luther, den späteren Reformator, zeitlebens. Die Kirche seiner Zeit bot ein breites Spektrum an Frömmigkeitsformen an: Fasten, Pilgern, Heiligenverehrung, Reliquienkult und vieles mehr. Luther, selbst ein frommer Mönch, der in seiner Jugend die Heilige Anna anrief und Pilgerfahrten unternahm, sollte diese traditionellen Praktiken grundlegend hinterfragen und neu definieren. Doch was blieb, was verwarf er, und welche Rolle spielte das Gebet in seiner Vorstellung von „rechter“ christlicher Frömmigkeit?
- Abschied von alten Wegen: Heiligenverehrung und Reliquienkult
- Der Jakobsweg: Luthers scharfe Kritik an der Pilgerfahrt
- Fasten: Maß halten statt Werk
- Das Gebet: Der Dreh- und Angelpunkt Luthers Frömmigkeit
- „Eine einfältige Weise zu beten“: Luthers Gebetsanleitung
- Weitere Säulen evangelischer Frömmigkeit nach Luther
- Der Glaube als Fundament: Wie wird man fromm?
- Häufig gestellte Fragen zu Luther und dem Gebet
Abschied von alten Wegen: Heiligenverehrung und Reliquienkult
Das späte Mittelalter war geprägt von einer intensiven Verehrung der Heiligen. Man rief sie in Not an, wie Luther selbst die Heilige Anna, als er 1505 in einem Gewitter um sein Leben fürchtete. Man besuchte ihre Gräber und verehrte ihre Reliquien, in der Hoffnung auf Fürsprache oder Gnade. Luther unternahm 1510/11 eine Dienstreise nach Rom, die er, zeitüblich, als Pilgerfahrt gestaltete. Er stand an den Gräbern von Petrus und Paulus und kniete auf der Heiligen Treppe, die angeblich Jesus in Jerusalem zu Pontius Pilatus hinaufgeschritten war.

Doch mit der Zeit brach der Reformator Martin Luther mit der Heiligenverehrung und der Reliquienverehrung, wie sie praktiziert wurden. Für einen frommen Evangelischen war dies fortan nicht mehr angebracht. Der Grund lag in Luthers zentraler Lehre, dass der Mensch allein durch den Glauben und nicht durch Werke oder die Anrufung von Mittlern vor Gott gerechtfertigt wird. Dennoch wollte man die großen Persönlichkeiten der Kirchengeschichte weiterhin ehren und ihrer gedenken. Interessanterweise stand auch Maria, die Mutter Jesu, bei Luther hoch im Kurs, auch wenn heute viele Evangelische die Marienverehrung als rein katholisch ansehen. Es ist jedoch bemerkenswert, dass in vielen evangelischen Kirchen bis heute Marienstatuen zu finden sind, ein Erbe, das die historische Verbundenheit und Luthers differenzierte Sichtweise widerspiegelt.
Der Jakobsweg: Luthers scharfe Kritik an der Pilgerfahrt
Auch die Pilgerfahrt, die zu Luthers Zeiten sehr beliebt war und heute sogar unter nicht-religiösen Menschen eine Renaissance erlebt, sah Luther kritisch. Er war fest davon überzeugt, dass man Gott in Rom, Jerusalem oder Santiago de Compostela nicht besser dienen könne als zu Hause. Für ihn war es sogar problematisch, dass Familienväter oft viel Geld und Zeit für solche Reisen aufwendeten und dabei ihre Frau und Kinder vernachlässigten. Die gelebte Nächstenliebe in der eigenen Familie war aus Luthers Sicht Gott wohlgefälliger als eine weit entfernte Pilgerreise.
Besonders den heute so beliebten Jakobsweg lehnte Luther kategorisch ab. Seine Skepsis rührte daher, dass dieser Weg keinerlei reale historische Grundlage hatte. „Wer weiß, wen sie dort begraben haben?“, fragte er rhetorisch. „Jakobus sicher nicht. Vielleicht liegt dort ein toter Hund oder ein totes Pferd im Grab. Bleibt zu Hause!“ Diese provokante Aussage unterstreicht seine Ablehnung von Praktiken, die er als Aberglauben oder unnötige Ablenkung vom wahren Glauben ansah. Aus heutiger Sicht ist der Jakobsweg zudem historisch problematisch, da er im Dienste der kriegerischen „Reconquista“ Spaniens durch die katholische Kirche stand, bei der unzählige Juden, Muslime und nicht-katholische spanische Christen Opfer wurden. Trotz Luthers Ablehnung kann das Pilgern aus evangelischer Sicht heute unter bestimmten Bedingungen als sinnvoll erachtet werden, nämlich dann, wenn es mit den richtigen Absichten und auf die richtige Weise durchgeführt wird, jedem nützt und niemandem schadet, und das Ziel nicht als heilsnotwendig missverstanden wird.
Fasten: Maß halten statt Werk
Und wie stand Luther zum Fasten? Auch diese Sitte betrachtete er nicht als ein besonders wichtiges „frommes Werk“, das man verrichten müsste, um Gnade zu erlangen. Dennoch hätte er es nicht gewagt, fromme Fastende durch demonstratives öffentliches Wurstessen zu provozieren, wie es die Züricher Reformationsanhänger 1522 taten. Luther war in dieser Hinsicht pragmatischer und differenzierter. Ein Fasten, das nicht als gutes Werk zur Heilsgewinnung verstanden wurde, hielt Luther durchaus noch für sinnvoll. Für ihn bedeutete „rechtes christliches Fasten“ vor allem, Maß zu halten beim Essen, Trinken und Kleiden und den eigenen Leib im Zaum zu halten. Es ging um eine innere Disziplin, die den Menschen dazu befähigen sollte, offener und empfänglicher für das göttliche Wort zu werden, nicht um eine äußere Leistung, die Gott beeindrucken sollte.
Das Gebet: Der Dreh- und Angelpunkt Luthers Frömmigkeit
Das Kernelement von Luthers Frömmigkeit und der evangelischen Frömmigkeit ganz generell war jedoch das Gebet. Hier blieb der Mönch Luther seinem Ursprung treu, auch als er zum Reformator wurde. Das Gebet stand bereits im Zentrum der mönchischen Frömmigkeit, wie Luther sie ab 1505 im Erfurter Augustinerkloster praktizierte. Seit 1500 Jahren versammeln sich Mönche mehrmals am Tag, um gemeinsam die Psalmen zu beten, und auch für Luther blieb das Gebet das wichtigste Element seiner täglichen Frömmigkeitspraxis. Die Psalmen schätzte er zeitlebens, wovon seine bis heute gesungenen Psalmlieder zeugen.
Allerdings stellte Luther das regelmäßige, oft mechanische Herunterbeten des Psalters um 1520 ein und propagierte eine neue Weise zu beten. Sein selbst praktiziertes und auch anderen empfohlenes Ideal war das meditierende Sprechen und Beten des Vaterunsers, des Glaubensbekenntnisses und der Zehn Gebote. Diese grundlegenden Texte des christlichen Glaubens sollten nicht einfach nur aufgesagt, sondern verinnerlicht, durchdacht und in ihren tiefen Bedeutungen erforscht werden. Es ging ihm darum, eine persönliche, herzliche Verbindung zu Gott herzustellen, die über bloße Rituale hinausging.
„Eine einfältige Weise zu beten“: Luthers Gebetsanleitung
In einer kleinen Gebetsanleitung, die er 1535 für einen „guten Freund“ verfasste und die vielfach gedruckt wurde, schilderte Luther detailliert, wie man vorgehen sollte. Zum Beten zog sich Luther in sein Zimmer zurück – oder ging in die Kirche. Er murmelte die Texte halblaut vor sich hin, „gerade so wie es die Kinder tun“, was die Einfachheit und Natürlichkeit des Gebets unterstreicht. Frühmorgens war das Gebet für ihn das erste und spätabends das letzte Werk des Tages. Er kniete nieder oder stand mit gefalteten Händen, die Augen zum Himmel gerichtet, eine Haltung der Demut und Erwartung. Das Amen sprach er laut und stark, denn er war sich gewiss, dass Gott sein Gebet hört und erhört.
Die Kraft des Gebets resultierte nach Luther aber auch aus seinem verborgenen gemeinschaftlichen Charakter. Er schrieb: „Bedenke, dass du nicht alleine hier kniest und stehst, sondern die ganze Christenheit und alle frommen Christen bei dir und du unter ihnen in einmütigem, einträchtigen Gebet, das Gott nicht verachten kann.“ Diese Vorstellung, dass jedes individuelle Gebet Teil eines größeren, weltweiten Gebetsstroms der Christenheit ist, verlieh dem Gebet eine immense Bedeutung und Kraft. Es war nicht nur ein Akt des Einzelnen, sondern eine Beteiligung an der universalen Gemeinschaft der Gläubigen.
Die Aktualität von Luthers Gebetslehre
Luthers Gebetsanleitung „Eine einfältige Weise zu beten“ ist auch heute noch aktuell und faszinierend. Im Jahr 2011 wurde sie gleich zweimal neu herausgegeben. Eine Ausgabe erschien, redigiert von zwei evangelischen Theologen, bei Vandenhoeck & Ruprecht, einem dezidiert evangelisch ausgerichteten Verlagshaus. Die andere Ausgabe des Jahres 2011 erschien – und das ist etwas wirklich Besonderes und Bemerkenswertes – im Vier-Türme-Verlag der Benediktinerabtei Münsterschwarzach. Ein evangelischer Kirchenhistoriker durfte sogar die Einleitung schreiben. Dass ein katholischer Verlag die Gedanken Luthers verbreitet, freilich nicht seine Papstkritik, sondern seine Gebetsimpulse, zeigt, wie nahe sich evangelische und katholische Frömmigkeit 500 Jahre nach der Reformation gekommen sind. Hätte Luther damit gerechnet? Es ist ein Zeichen der ökumenischen Annäherung und des gemeinsamen Verständnisses für die Essenz des Gebets.
Vergleich: Traditionelle und lutherische Frömmigkeitspraktiken
| Frömmigkeitsform | Spätmittelalterliche Praxis (vor Luther) | Luthers Haltung und Neuerung (nach Luther) |
|---|---|---|
| Heiligenverehrung | Anrufung in Not, Besuch von Gräbern, Verehrung von Reliquien zur Heilsgewinnung (z.B. Heilige Anna, Romreise). | Bruch mit der Anbetung als Mittel zur Heilsgewinnung; Gedenken der Kirchenväter ja, aber keine Anbetung oder Fürbitte. |
| Pilgerfahrten | Beliebt, Wallfahrten nach Rom, Santiago de Compostela zur Sündenvergebung oder Gnade. | Scharfe Ablehnung als heilsnotwendig; Gott ist überall, Nächstenliebe zu Hause wichtiger als fernes Reisen. |
| Fasten | Als gutes Werk zur Sündenvergebung oder Buße praktiziert; streng geregelte Speisevorschriften. | Nicht als gutes Werk; sinnvoll als „Maß halten“ und Leibesdisziplin zur Empfänglichkeit für Gottes Wort. |
| Gebet | Oft rituelles Herunterbeten von Psaltern und Gebetsformeln; gemeinschaftlich im Kloster, aber auch individuell. | Zentrales Element, meditatives Beten von Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Zehn Geboten; persönlich und gemeinschaftlich, mit Gewissheit der Erhörung. |
Weitere Säulen evangelischer Frömmigkeit nach Luther
Obwohl das Gebet für Luther das Wichtigste war, gehörte für ihn zum frommen Leben unabdingbar auch der Besuch des Gottesdienstes, das Hören der Predigt, der Empfang des Abendmahls, der Gesang kirchlicher Lieder und das Lesen der Bibel. Anders als für die Schweizer Reformatoren, die oft Bilder und Musik aus den Kirchen verbannten, konnten für Luther auch die Musik und die Bilder weiterhin im Dienste Gottes stehen. Er erkannte ihren Wert für die Verkündigung und die Andacht, solange sie nicht zur Anbetung wurden. Diese Elemente bildeten zusammen ein umfassendes Bild der evangelischen Frömmigkeit, die auf dem Wort Gottes und der persönlichen Beziehung zu ihm basierte.
Der Glaube als Fundament: Wie wird man fromm?
Luther führte ein zutiefst frommes Leben und wollte die evangelischen Christen zu einem ebensolchen anleiten. Doch wie wird man fromm? Frömmigkeit, so Luther, kann und muss man lernen und üben. Deswegen verfasste er auch seine Katechismen, um den Menschen die Grundlagen des Glaubens und des christlichen Lebens zu vermitteln. Aber die absolute Grundlage für jedes fromme Leben bildet der Glaube, auf den alles ankommt und von dem alles abhängt. Allein der Glaube macht den Menschen fromm, frei, selig und gerecht.
Der Glaube ist für Luther kein menschliches Verdienst oder eine Leistung, sondern ein Geschenk Gottes. Und um dieses Geschenk kann und soll man Gott bitten – im Gebet. Das Gebet wird somit zum Ausdruck des Glaubens, zur Bitte um den Glauben und zur Stärkung des Glaubens. Es ist der Atem der Seele, die direkte Kommunikation mit Gott, die den Menschen in seine Gnade hineinführt und ihn befähigt, ein frommes Leben zu führen, nicht aus Zwang oder Werksgerechtigkeit, sondern aus der Mitte eines glaubenden Herzens.
Häufig gestellte Fragen zu Luther und dem Gebet
- Warum lehnte Luther den Jakobsweg ab?
Luther lehnte den Jakobsweg ab, weil er keine historische Grundlage sah und es für ihn wichtiger war, Nächstenliebe zu Hause zu praktizieren, statt weite, kostspielige Reisen zu unternehmen, die von der Familie ablenkten. Gott sei überall gleich gut zu dienen. - Was verstand Luther unter „rechtem christlichen Fasten“?
Für Luther war „rechtes christliches Fasten“ kein Verdienstwerk, sondern eine Disziplin des Maßhaltens beim Essen, Trinken und Kleiden, um den Leib zu zügeln und empfänglicher für Gottes Wort zu werden. - Wie betete Martin Luther persönlich?
Luther betete frühmorgens und spätabends in seinem Zimmer oder in der Kirche, murmelte Texte halblaut und kniete oder stand mit gefalteten Händen. Er betete meditativ das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und die Zehn Gebote und sprach das Amen laut und stark, überzeugt von Gottes Erhörung. - Ist Luthers Gebetsanleitung heute noch relevant?
Ja, Luthers Gebetsanleitung „Eine einfältige Weise zu beten“ ist hochaktuell. Ihre Neuausgaben, auch durch einen katholischen Verlag, zeigen ihre zeitlose Relevanz für persönliche Frömmigkeit und die ökumenische Annäherung. - Was ist das Besondere an der Ausgabe von Luthers Gebetsanleitung durch einen katholischen Verlag?
Die Herausgabe von Luthers Gebetsanleitung durch einen Benediktinerverlag (Vier-Türme-Verlag) ist ein bemerkenswertes Zeichen der ökumenischen Annäherung und zeigt, dass Luthers Gebetsimpulse über konfessionelle Grenzen hinweg als wertvoll anerkannt werden.
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