23/12/2021
Der Ramadan, der neunte Monat des islamischen Kalenders, ist eine Zeit tiefgreifender spiritueller Reflexion, Gebet und Gemeinschaft für Muslime weltweit. Im Zentrum dieses heiligen Monats steht das Fasten, eine der fünf Säulen des Islam, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang praktiziert wird. Doch das Fasten im Ramadan ist weit mehr als nur der Verzicht auf Nahrung und Getränke. Es ist eine Gelegenheit zur Reinigung von Körper und Seele, zur Stärkung der Selbstbeherrschung und zur Vertiefung der Dankbarkeit gegenüber Gott. Zwei zentrale Mahlzeiten prägen diesen besonderen Monat maßgeblich: das abendliche Fastenbrechen, bekannt als Iftar, und die frühmorgendliche Mahlzeit vor Beginn des Fastens, genannt Sahur.

- Das Fasten im Islam: Eine ganzheitliche Praxis
- Iftar: Das feierliche Fastenbrechen am Abend
- Sahur: Die nächtliche Stärkung vor dem Fasten
- Iftar und Sahur im Vergleich: Ein Überblick
- Praktische Tipps für ein erfolgreiches Sahur
- Die tiefere Dimension des Fastens: Mehr als nur Verzicht
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Das Fasten im Islam: Eine ganzheitliche Praxis
Das Fastengebot ist in vielen Religionen verankert und hat auch im Islam eine lange Tradition. Im Koran heißt es: „O ihr, die ihr glaubt! Das Fasten ist euch vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren.“ (2:183). Muslime sind ab der Pubertät zum Fasten verpflichtet, sofern keine Ausnahmen (wie Krankheit, Reise, Schwangerschaft etc.) vorliegen. Der Sinn des Fastens geht weit über den physischen Hunger und Durst hinaus. Es soll den Menschen vor Sünden bewahren und ihn Gott näherbringen. Der Fastende ist angehalten, nicht nur den Magen vor Genüssen zu bewahren, sondern alle Organe in das Fasten einzubeziehen. Die Augen sollen nichts Unrechtes sehen, die Ohren nichts Unrechtes hören, und die Zunge soll sich von Lügen, Klatsch und schlechter Rede fernhalten. So wird das Fasten zu einer Übung in Geduld, Disziplin und ethischem Verhalten. Es lehrt den Menschen, seine Triebe und Wünsche zu kontrollieren, seine Wut zu bewältigen und den Frieden zu wahren. Durch das Nachempfinden des Hungers und Durstes der Bedürftigen wird zudem die Empathie und Hilfsbereitschaft gefördert, was zu einer Stärkung der menschlichen und humanen Werte führt.
Iftar: Das feierliche Fastenbrechen am Abend
„Iftar“ ist das arabische Wort für das Fastenbrechen und bezeichnet die Mahlzeit, die täglich nach Sonnenuntergang eingenommen wird, um das Fasten des Tages zu beenden. Es ist ein Moment der Freude und des Dankes. Nach alter Sitte beginnen viele Muslime ihr Iftar mit dem Verzehr einiger getrockneter Datteln und einem Glas Wasser oder Milch, ganz nach dem Vorbild des Propheten Muhammad. Dies ist eine sanfte und nahrhafte Art, den Körper nach einem langen Fastentag wieder mit Energie zu versorgen. Anschließend wird oft gebetet, bevor die eigentliche Hauptmahlzeit beginnt.
Das Iftar ist oft ein festliches und gemeinschaftliches Ereignis. Familien und Freunde kommen zusammen, um gemeinsam zu essen, zu reden und die Segnungen des Ramadans zu teilen. Es ist eine Zeit, in der die Bindungen gestärkt und die Gemeinschaft gefeiert wird. Die Stimmung beim Iftar ist in der Regel ausgelassen und fröhlich, da der Hunger des Tages gestillt wird und die Menschen wieder ihre Alltagskleidung tragen, bereit für einen geselligen Abend.
Interessanterweise hat das Wort „Iftar“ in Ägypten und einigen anderen arabischen Ländern auch eine weitere Bedeutung: Es wird dort auch für das Frühstück im Allgemeinen verwendet. Denn auch nach dem nächtlichen Schlaf, in dem man nichts isst, ist das Frühstück eine Art „Fastenbrechen“.

Sahur: Die nächtliche Stärkung vor dem Fasten
„Sahur“ ist die andere wichtige Mahlzeit im Ramadan. Es ist das Frühstück, das von Muslimen vor Beginn des Fastens, also kurz vor Sonnenaufgang, eingenommen wird. Die Bedeutung des Sahur ist immens, denn es soll dem Fastenden genug Energie und Nährstoffe für den bevorstehenden langen Fastentag liefern. Viele Muslime stellen sich mitten in der Nacht einen Wecker, um diese Mahlzeit einzunehmen.
Die Stimmung beim Sahur unterscheidet sich stark von der beim Iftar. Während beim Iftar oft eine festliche und lebhafte Atmosphäre herrscht, ist das Sahur meist ruhiger und besinnlicher. Oft tragen die Menschen noch ihre Schlafanzüge, sind müde und reden nicht viel. Es geht primär darum, schnell und effizient Nahrung und Flüssigkeit aufzunehmen, um den Körper für den Tag zu stärken. Typische Speisen für Sahur sind leichte, aber nahrhafte Gerichte wie Brot, Müsli oder Joghurt. Besonders wichtig ist es, ausreichend zu trinken, um einer Dehydration während des Tages vorzubeugen.
Eine gut geplante Sahur-Mahlzeit kann den Fastentag erheblich erleichtern. Wer das Sahur vernachlässigt oder vergisst, wird feststellen, dass das Fasten tagsüber deutlich anstrengender sein kann.
Iftar und Sahur im Vergleich: Ein Überblick
Obwohl beide Mahlzeiten untrennbar mit dem Ramadan verbunden sind, erfüllen sie unterschiedliche Zwecke und haben eine eigene Dynamik:
| Kriterium | Sahur | Iftar |
|---|---|---|
| Zeitpunkt | Kurz vor Sonnenaufgang | Unmittelbar nach Sonnenuntergang |
| Zweck | Stärkung und Energieversorgung für den bevorstehenden Fastentag | Fastenbrechen, Wiederherstellung des Flüssigkeits- und Nährstoffhaushalts |
| Stimmung | Ruhig, besinnlich, oft müde, eher zweckmäßig | Festlich, fröhlich, gesellig, gemeinschaftlich |
| Typische Speisen | Leichte, nahrhafte Lebensmittel (Brot, Müsli, Joghurt), viel Flüssigkeit | Vielfältige, oft traditionelle Gerichte, Datteln, Wasser |
Praktische Tipps für ein erfolgreiches Sahur
Um das Sahur optimal zu nutzen und den Fastentag so angenehm wie möglich zu gestalten, gibt es einige bewährte Tipps:
- Essen vorbereiten: Mitten in der Nacht aufzustehen und dann noch aufwendig zu kochen, kann anstrengend sein. Bereiten Sie stattdessen einfache, nahrhafte Mahlzeiten vor, die schnell zubereitet oder nur aufgewärmt werden müssen. Overnight Oats, Spiegeleier oder ein vorbereitetes Müsli sind hier ideal.
- Nicht zu früh/spät aufstehen: Finden Sie den richtigen Zeitpunkt. Wer zu früh aufsteht, hat möglicherweise Schwierigkeiten, danach wieder einzuschlafen. Wer zu spät aufsteht, muss alles schnell hinunterschlingen. Eine halbe Stunde vor dem erneuten Beginn der Fastenzeit aufzustehen, reicht oft aus, um in Ruhe zu essen und zu trinken.
- Salziges Essen vermeiden: Zu viel Salz führt zu Durst und kann den Körper dehydrieren, was den Fastentag erschwert. Verzichten Sie auf stark gesalzene Speisen.
- Zu viel Zucker vermeiden: Extrem zuckerhaltige Speisen lassen den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen und dann ebenso schnell wieder abfallen, was zu schnellerem Hunger führen kann. Setzen Sie stattdessen auf proteinreiche Gerichte, die länger satt halten und die Muskelmasse schützen.
- Nicht zu viel essen: Obwohl es verlockend sein mag, sich beim Sahur satt zu essen, ist Mäßigung ratsam. Ein zu voller Magen kann nach dem Essen zu Bauchschmerzen, Sodbrennen und einem unruhigen Schlaf führen. Denken Sie daran, dass Sie danach wieder ins Bett gehen.
Die tiefere Dimension des Fastens: Mehr als nur Verzicht
Das Fasten im Ramadan ist nicht nur eine physische Übung, sondern vor allem eine spirituelle und ethische Schulung. Es geht darum, die Dankbarkeit für die unendlichen Segnungen Gottes zu spüren und sich seiner Pflichten als Mensch bewusst zu werden.

Spiritualität und Dankbarkeit
Durch das Fasten reinigt der Mensch seinen Körper und seine Seele. Es ist eine Zeit, in der der Gläubige sich bemüht, sich von unreinen Gedanken und schlechten Gewohnheiten loszureißen. Das Fasten ist die „Spende des Körpers“, wie Zekat die Spende des Vermögens ist. Es bietet eine einzigartige Gelegenheit, die Beziehung zu Gott zu vertiefen und seine unendliche Gnade zu erkennen.
Ethische Werte und Sozialverhalten
Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) betonte die Bedeutung der Aufrichtigkeit beim Fasten. Er sagte: „Wer nicht aufhört zu lügen und Arbeit durch Lüge zu leisten, dem wird Gott kein Wert darauf geben, dass er weder gegessen, noch getrunken hat.“ Dies unterstreicht, dass das Fasten eine moralische Transformation bewirken soll. Es lehrt den Menschen Güte, Geduld und die Fähigkeit, seine Triebe und Wünsche zu kontrollieren. Die Erfahrung von Hunger und Durst fördert das Mitgefühl für die Bedürftigen und stärkt die Hilfsbereitschaft. Menschliche Werte wie Nächstenliebe und Teilen werden in den Vordergrund gerückt, besonders durch die Freigebigkeit beim Iftar, wo oft Speisen mit Freunden, Familie und Bedürftigen geteilt werden.
Gemeinschaft und Einheit
Der Ramadan ist auch ein Monat der Gemeinschaft. Das gemeinsame Fasten und Brechen des Fastens, das Tarawih-Gebet (ein spezielles Nachtgebet im Ramadan) und die Spenden wie Fitre (ramadantypische Abgabe an Arme) und Zekat (Pflichtabgabe für Wohlhabende) stärken die sozialen Bindungen und fördern die Einheit innerhalb der muslimischen Gemeinschaft. Große Mystiker wie Mevlana ar-Rumi haben den Ramadan als einen Monat der Gnade und der Liebe verstanden, eine Zeit, um spirituelle Werte zu erziehen und die Gesellschaft in Gnade und Begeisterung zu bewegen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Was ist der Hauptzweck des Fastens im Islam?
- Der Hauptzweck des Fastens ist es, Gottes Anerkennung zu erlangen, die Selbstbeherrschung zu trainieren, Empathie für die Bedürftigen zu entwickeln und die spirituelle Reinheit zu fördern. Es geht nicht nur um den Verzicht auf Essen und Trinken, sondern um eine ganzheitliche ethische und moralische Verbesserung.
- Warum ist Sahur so wichtig?
- Sahur ist entscheidend, um dem Körper die notwendige Energie und Flüssigkeit für den langen Fastentag zu liefern. Eine gute Sahur-Mahlzeit kann helfen, Müdigkeit und Dehydration während des Tages zu vermeiden und das Fasten erträglicher zu machen.
- Gibt es Unterschiede im Iftar zwischen verschiedenen Ländern?
- Während das Konzept des Iftar weltweit dasselbe ist (Fastenbrechen nach Sonnenuntergang), variieren die traditionellen Speisen und die Art der Feierlichkeiten von Land zu Land. In Ägypten hat das Wort 'Iftar' zusätzlich die Bedeutung von 'Frühstück' im allgemeinen Sinne.
- Darf man während des Fastens gar nichts tun?
- Nein, das Fasten bedeutet nicht Untätigkeit. Muslime gehen ihren normalen Tagesabläufen nach, arbeiten, studieren und kümmern sich um ihre Familien. Der Verzicht bezieht sich auf Essen, Trinken und bestimmte andere Handlungen, aber das Leben geht weiter, oft mit verstärktem Fokus auf Gebet und gute Taten.
- Wer ist vom Fasten im Ramadan ausgenommen?
- Vom Fasten sind unter anderem Kinder vor der Pubertät, kranke Menschen, Reisende, schwangere oder stillende Frauen sowie Frauen während ihrer Menstruation ausgenommen. Diese Personen können das Fasten zu einem späteren Zeitpunkt nachholen oder, wenn dies nicht möglich ist, eine Ersatzleistung (Fidya) erbringen.
Mögen die Tage im Ramadan tief im Herzen empfunden werden, mit all seiner Schönheit und in Gemeinsamkeit, zusammen mit Armen und verwundeten Menschen. Wir erbitten Gott, dass er uns im Monat Ramadan Frieden, Zufriedenheit und Wohlbehagen gibt und unsere Tafel mit seinem Segen und Frömmigkeit füllt. Das Fasten ist eine der fünf Säulen des Islam und ein Schutzschild gegen Schlechtes, der uns lehrt, gütig zu sein und den wahren Wert des Segens zu verstehen.
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