Was muss ich bei einer exerzitie beachten?

Exerzitien: Ein Weg zu Gott im Herzen des Alltags

10/08/2022

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In einer Welt, die sich immer schneller dreht und uns oft das Gefühl gibt, den Boden unter den Füßen zu verlieren, suchen viele Menschen nach Ankern, nach Ruhe und nach einem tieferen Sinn. Exerzitien bieten genau das: einen bewährten geistlichen Übungsweg, der uns dabei unterstützt, Gott, uns selbst und die Erfüllung unseres Lebens neu zu entdecken. Sie sind eine Einladung, innezuhalten, zu lauschen und das eigene Leben bewusster auf Gott hin auszurichten. Es geht nicht darum, dem Leben zu entfliehen, sondern die Gegenwart Gottes mitten in unserem Alltag zu erfahren und daraus Kraft zu schöpfen.

Was sind Exerzitien im Alltag?
Gott in allem suchen und finden. Was sind Exerzitien im Alltag? Exerzitien im Alltag sind ein Übungsweg, auf dem wir die Gegenwart Gottes mitten in unserem alltäglichen Leben entdecken, Kraft schöpfen und neuen Geschmack an Leben und Glauben finden können.

Die Praxis der Exerzitien ist vielfältig und passt sich unterschiedlichen Lebensphasen und Bedürfnissen an. Ob in der Stille eines Klosters oder eingebettet in den Rhythmus des täglichen Lebens – das Ziel bleibt dasselbe: einen Dialog mit Gott zu beginnen oder zu vertiefen und den eigenen Weg klarer zu sehen. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff, und welche Formen gibt es?

Inhaltsverzeichnis

Was sind Exerzitien im Alltag?

Exerzitien im Alltag sind eine wunderbare Möglichkeit, die Tiefe und den Reichtum geistlicher Übungen in das eigene, oft hektische Leben zu integrieren. Sie sind ein Übungsweg, der darauf abzielt, die Präsenz Gottes nicht nur in außergewöhnlichen Momenten, sondern gerade im ganz normalen Geschehen zu erkennen. Es ist ein Training für die Seele, um Christsein im „wirklichen“ Leben einzuüben, indem wir uns an Jesus Christus und seiner Botschaft orientieren und uns ganz persönlich auf ihn einlassen. Diese Form der Exerzitien erfordert keine Auszeit von Beruf oder Familie, sondern lädt dazu ein, Gott mitten im Gewöhnlichen zu finden.

Typischerweise erstrecken sich Exerzitien im Alltag über einen Zeitraum von etwa vier Wochen. Die Teilnahme erfordert die Bereitschaft, sich auf drei zentrale Elemente einzulassen:

  • Tägliche persönliche Gebetszeiten: Dies sind Momente der Stille und des Gebets, oft angeleitet durch biblische Texte oder Impulse, die helfen, mit Gott ins Gespräch zu kommen und das eigene Herz zu öffnen.
  • Wöchentliche Begleitgespräche: Ein erfahrener geistlicher Begleiter oder eine Begleiterin steht den Teilnehmenden zur Seite. In diesen Gesprächen werden die Erfahrungen der Gebetszeiten reflektiert, Fragen besprochen und neue Impulse für den weiteren Weg gegeben.
  • Wöchentliche Treffen aller Teilnehmenden: Diese Gruppentreffen dienen dem Austausch, der Ermutigung und dem gemeinsamen Gebet. Sie schaffen eine Gemeinschaft, in der sich die Teilnehmenden gegenseitig stärken und unterstützen können.

Viele, die Exerzitien im Alltag erleben, berichten von tiefgreifenden Erfahrungen. Es ist ein Weg, Gott näherzukommen, sich mit sich selbst im Angesicht Gottes auseinanderzusetzen. Die gewonnenen Erkenntnisse sind oft von großer Klarheit: eine spürbare innere Ruhe, ein klarer Blick auf den eigenen Stand und die tiefsten Bedürfnisse, und die Neuentdeckung, wie existentiell wichtig der Glaube und die Verbindung mit Gott sein können. Eine häufige Erkenntnis ist auch, wie wenig man im Hinblick auf Gotteserfahrung „machen“ kann. Im Grunde kommt es nur darauf an, die Augen und Ohren des Herzens zu öffnen und sich bereit zu machen für IHN. Alles andere ist ein Geschenk, eine Gnade.

Die Rolle der Begleitung bei Exerzitien

Die geistliche Begleitung ist ein Eckpfeiler vieler Exerzitienformen und entscheidend für den Erfolg des Übungsweges. Der Begleiter oder die Begleiterin ist keine Lehrperson im herkömmlichen Sinne, sondern vielmehr ein Weggefährte, der den Übenden auf seinem persönlichen Prozess begleitet und unterstützt. Doch welche Qualitäten sind hierfür entscheidend?

  • Ein eigener geistlicher Weg: Der Begleiter oder die Begleiterin sollte selbst auf einem aktiven geistlichen Weg sein, eigene Erfahrungen mit Gebet und innerer Arbeit gemacht haben. Nur so kann er oder sie authentisch und glaubwürdig zur Seite stehen.
  • Verständnis und Akzeptanz: Es ist unerlässlich, dass der Begleiter oder die Begleiterin den Begleiteten verstehen und bedingungslos akzeptieren kann. Dies schafft einen sicheren Raum, in dem Offenheit und Vertrauen wachsen können.
  • Fähigkeit zur Konfrontation: Neben Verständnis gehört auch die Fähigkeit dazu, den Begleiteten bei Bedarf konstruktiv zu konfrontieren. Dies bedeutet, liebevoll auf blinde Flecken oder Widerstände hinzuweisen, um Wachstum und Fortschritt zu ermöglichen.
  • Ausreichend Zeit: Eine gute Begleitung erfordert Zeit. Im Rahmen der Exerzitien im Alltag sind beispielsweise etwa drei bis vier Gespräche von jeweils etwa einer Stunde Dauer vorgesehen. Diese Regelmäßigkeit und die bewusste Zeitinvestition sind entscheidend für die Tiefe des Prozesses.

Der geistliche Begleiter hilft, die Erfahrungen im Gebet zu deuten, Hindernisse zu erkennen und den nächsten Schritt auf dem geistlichen Weg zu finden. Er oder sie ist ein Spiegel und ein Ermutiger, der hilft, Gottes Wirken im eigenen Leben zu erkennen.

Online-Exerzitien: Geistliche Übung im digitalen Zeitalter

In einer immer stärker vernetzten Welt haben sich auch geistliche Übungswege weiterentwickelt. Online-Exerzitien bieten die Möglichkeit, diesen tiefgreifenden Weg der Selbst- und Gottsuche auch digital zu beschreiten. Sie nutzen die Flexibilität des Internets, um Menschen zu erreichen, die vielleicht keine Möglichkeit haben, an Präsenzexerzitien teilzunehmen, sei es aus zeitlichen, räumlichen oder gesundheitlichen Gründen.

Was sind online-Exerzitien?
Gefährtin Christiane Paar begleitet seit einigen Jahren solche Exerzitien und berichtet von ihren Erfahrungen. Online-Exerzitien sind Tag für Tag ein fester Punkt, um Gott im Alltag zu begegnen, eine Hilfe bei dem Versuch, mit Gott ins Gespräch zu kommen und eine Anregung, das eigene Verhältnis zu Gott zu klären.

Im Kern bleiben die Ziele dieselben wie bei traditionellen Exerzitien: Menschen auf der Suche nach Gott, nach sich selbst, nach Erfüllung ihres Lebens und nach einem menschenfreundlichen Leben zu unterstützen. Es geht darum, das Leben auf Gott hin auszurichten und auf ihn hinzuordnen. Der Raum des äußeren Schweigens und der inneren Stille spielt dabei eine wesentliche Rolle, um innerlich freier zu werden und um hören und sich Gott annähern zu können. Online-Formate versuchen, diesen Raum der Stille durch angeleitete Meditationen, Gebetsimpulse und digitale Begleitgespräche zu ermöglichen.

Exerzitien, ob online oder offline, lehren zu beten – das heißt, mit Gott in Dialog zu kommen und zu sein. Sie helfen, Gottes Willen mehr und mehr im Leben zu suchen und zu entdecken. Die Weise, wie dieser Dialog zwischen Gott und der oder dem Übenden unterstützt wird, unterscheidet sich je nach Exerzitienform. Und welche Form mehr hilft, hängt auch von der je eigenen gegenwärtigen Lebensphase ab. Mal kann mehr das eine, mal mehr das andere hilfreich sein.

Ignatianische Exerzitien: Eine tiefgreifende Erfahrung

Die ignatianischen Exerzitien, benannt nach ihrem Begründer Ignatius von Loyola, sind eine der bekanntesten und wirkungsvollsten Formen geistlicher Übungen. Sie sind tief in der christlichen Tradition verwurzelt und bieten einen strukturierten Weg, um Gott zu begegnen und das eigene Leben im Licht des Glaubens zu betrachten.

Idealweise dauern die ignatianischen Exerzitien circa acht bis neun volle Tage. Während dieser Zeit betet der oder die Übende mehrere Stunden am Tag mit Hilfe von Texten der Bibel. Diese Texte werden der Person in der Regel im täglichen Begleitgespräch von dem oder der Begleiterin gegeben, je nachdem, welche gerade zur jeweiligen Situation und inneren Dynamik passt. Der Begleiter hilft dabei, die geistlichen Bewegungen, die im Gebet entstehen, zu deuten und zu verstehen.

Was muss ich bei einer exerzitie beachten?
Er/Sie sollte selbst auf einem geistlichen Weg sein. Er/Sie sollte den/die Begleitete(n) verstehen und akzeptieren, aber auch konfrontieren können. Es muss ausreichend Zeit zur regelmäßigen Begleitung sein: im Rahmen der Exerzitien im Alltag etwa 3 bis 4 Gespräche von jeweils etwa einer Stunde.

Der oder die Betende kommt dann mit Hilfe dieses Bibeltextes mit Gott über sein Leben und seine Beziehung zu Gott ins Gespräch, wobei das Gebet mit der Zeit auch sehr einfach und schlicht werden kann. Es geht darum, nicht nur über Gott zu sprechen, sondern mit Gott zu sprechen, eine persönliche Beziehung aufzubauen oder zu vertiefen. Diese Form der Exerzitien fördert eine tiefe Selbstreflexion und ein Hören auf die innere Stimme, die oft als die Stimme Gottes erfahren wird.

In ihrer Ursprungsform, den sogenannten Großen Exerzitien, die etwa 30 Tage dauern, betrachtet der oder die Betende die Geheimnisse des Lebens Jesu Christi von seiner Geburt über Leiden und Sterben bis zu seiner Auferstehung. Der Übende sucht so, Jesus Christus mehr kennen und lieben zu lernen und zu erspüren, wie er oder sie ihm (mehr) nachfolgen kann. Dieser lange Zeitraum ermöglicht eine umfassende Auseinandersetzung mit dem eigenen Glauben und dem Leben Jesu, was oft zu einem tiefgreifenden Transformationsprozess führt.

Exerzitienformen im Vergleich

Um die Unterschiede und Schwerpunkte der verschiedenen Exerzitienformen besser zu verstehen, bietet sich ein Vergleich an:

MerkmalExerzitien im AlltagOnline-ExerzitienIgnatianische Exerzitien (8-9 Tage)Große Ignatianische Exerzitien (30 Tage)
DauerCa. 4 WochenVariabel (oft 4-6 Wochen)Ca. 8-9 TageCa. 30 Tage
OrtIm eigenen Zuhause/AlltagOnline (virtueller Raum)Oft in Exerzitienhäusern (Stille)In Exerzitienhäusern (intensive Stille)
BegleitungWöchentliches EinzelgesprächOft digitale EinzelgesprächeTägliches EinzelgesprächTägliches Einzelgespräch
GebetsfokusGottespräsenz im AlltagAngeleitete Impulse, oft alltagsbezogenBibeltexte, persönliche DynamikLeben Jesu, Nachfolge Christi
GruppentreffenWöchentlichSelten oder in virtuellen GruppenSelten (Fokus auf Einzel)Nein (Fokus auf Einzel)
VoraussetzungBereitschaft zu tägl. Gebet & GesprächenDisziplin für SelbstorganisationBereitschaft zu intensiver Stille & GebetGroße Bereitschaft zu tiefer Auseinandersetzung & Verzicht
ErgebnisGotteserfahrung im Gewöhnlichen, innere RuheFlexibler Zugang zur SpiritualitätKlarheit über Gottes Willen, Vertiefung der BeziehungGrundlegende Neuorientierung, tiefes Kennenlernen Jesu

Warum Exerzitien? Der Nutzen für Ihr Leben

Die Entscheidung, sich auf den Weg der Exerzitien zu begeben, ist eine Investition in die eigene Seele und das persönliche Wachstum. Die Erfahrungen, die Menschen dabei machen, sind vielfältig, aber oft von tiefgreifender und nachhaltiger Wirkung:

  • Innere Ruhe und Gelassenheit: Viele berichten von einer spürbaren Beruhigung des Geistes und des Herzens. Die Übung der Stille und des Gebets hilft, den Lärm des Alltags auszublenden und zu einer inneren Mitte zu finden.
  • Klarheit über den eigenen Stand: Exerzitien bieten einen Raum, um sich selbst, die eigenen Wünsche, Bedürfnisse und auch Ängste im Angesicht Gottes zu reflektieren. Dies führt zu einer größeren Selbstkenntnis und oft zu wichtigen Entscheidungen im Leben.
  • Vertiefung der Gottesbeziehung: Das zentrale Ziel der Exerzitien ist es, die Beziehung zu Gott zu stärken. Durch das bewusste Gebet und die Auseinandersetzung mit biblischen Texten wird Gott nicht mehr als ferne Idee, sondern als lebendige, anwesende Realität erfahren.
  • Entdeckung der eigenen Existenz: Exerzitien können helfen, die existentielle Bedeutung des Glaubens und der Verbindung zu Gott neu zu entdecken. Es wird deutlich, wie sehr der Glaube ein tragendes Fundament für das gesamte Leben sein kann.
  • Erhöhte Achtsamkeit: Indem man lernt, Gottes Gegenwart im Alltag zu erkennen, wird man achtsamer für die kleinen Wunder und Geschenke des Lebens. Der Blick für das Schöne und Sinnvolle im Gewöhnlichen schärft sich.
  • Orientierung für das Leben: Durch das Suchen und Entdecken von Gottes Willen im eigenen Leben erhalten viele Menschen eine klarere Orientierung für ihre Entscheidungen und ihren Lebensweg.
  • Weniger „Machen“, mehr „Empfangen“: Eine wichtige Lektion ist oft die Erkenntnis, dass Gotteserfahrung kein Produkt von Anstrengung ist, sondern ein Geschenk. Es geht darum, sich zu öffnen und zu empfangen, statt zu versuchen, etwas zu erzwingen.

Exerzitien sind somit weit mehr als nur eine religiöse Übung; sie sind ein ganzheitlicher Weg zu mehr Lebensqualität, innerem Frieden und einer tiefen Verbindung zu dem, was das Leben wirklich trägt.

Häufig gestellte Fragen zu Exerzitien

Wer kann an Exerzitien teilnehmen?
Grundsätzlich kann jeder an Exerzitien teilnehmen, der die Bereitschaft mitbringt, sich auf eine Zeit des intensiven Gebets, der Stille und der Selbstreflexion einzulassen. Es ist keine bestimmte Vorkenntnis oder ein bestimmter Status im Glauben erforderlich, sondern die Offenheit, sich auf den Prozess einzulassen.
Muss ich religiös sein, um Exerzitien zu machen?
Während Exerzitien tief in der christlichen Tradition verwurzelt sind und oft biblische Texte verwenden, sind sie für viele Menschen, die eine tiefere Sinnsuche oder spirituelle Vertiefung anstreben, zugänglich. Eine Offenheit für die spirituelle Dimension des Lebens ist hilfreich, auch wenn man sich nicht als streng religiös betrachtet.
Wie finde ich den richtigen Begleiter für meine Exerzitien?
Die Auswahl eines Begleiters ist wichtig. Achten Sie darauf, dass der Begleiter selbst einen geistlichen Weg geht, verständnisvoll und akzeptierend ist, aber auch die Fähigkeit zur liebevollen Konfrontation besitzt. Oft werden Begleiter von Exerzitienhäusern oder kirchlichen Einrichtungen vermittelt. Ein erstes Kennenlerngespräch kann helfen zu prüfen, ob die Chemie stimmt.
Was mache ich, wenn ich während der Exerzitien Schwierigkeiten habe?
Schwierigkeiten, wie Ablenkungen, Trockenheit im Gebet oder innere Widerstände, sind ein normaler Teil des Exerzitienweges. Es ist wichtig, diese Erfahrungen im Begleitgespräch anzusprechen. Der Begleiter kann helfen, diese Phasen zu verstehen und zu überwinden, oft sind sie sogar ein Zeichen für Wachstum.
Kann ich Exerzitien wiederholen?
Ja, viele Menschen wiederholen Exerzitien regelmäßig, da der Weg zu Gott und zur Selbsterkenntnis ein lebenslanger Prozess ist. Jede Exerzitienzeit kann neue Einsichten und Erfahrungen bringen, je nach aktueller Lebensphase und innerer Verfassung.
Sind Online-Exerzitien genauso wirksam wie Präsenz-Exerzitien?
Die Wirksamkeit hängt stark von der individuellen Person und ihren Umständen ab. Online-Exerzitien bieten Flexibilität und Zugänglichkeit, während Präsenz-Exerzitien den Vorteil einer räumlichen Abgrenzung vom Alltag und oft einer intensiveren Erfahrung der Stille bieten. Für viele sind Online-Formate eine wertvolle Alternative und ermöglichen überhaupt erst die Teilnahme.

Exerzitien sind somit ein wertvolles Geschenk für jeden, der nach mehr Tiefe, Klarheit und einer gelebten Beziehung zu Gott sucht. Sie sind ein Weg, der nicht nur den Glauben stärkt, sondern das gesamte Leben bereichert und zu innerem Frieden führt.

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