Was bedeutet siebenundsiebzigmal vergeben?

Vergebung im Neuen Testament: Tiefe Einsichten

10/01/2025

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Das Konzept der Vergebung nimmt im Neuen Testament eine zentrale Stellung ein. Es ist ein wiederkehrendes Thema, das uns dazu aufruft, Barmherzigkeit zu üben, so wie Gott uns gegenüber barmherzig ist. Jesus selbst hat uns im Vaterunser gelehrt, eine untrennbare Verbindung zwischen unserer Bitte um Vergebung und unserer Bereitschaft zu vergeben herzustellen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Auf den ersten Blick scheint die Botschaft klar: Gott ist bereit, uns zu vergeben, und wir sollen diese Freundlichkeit und Milde an andere weitergeben. Doch bei genauerer Betrachtung offenbaren sich tiefere Nuancen und komplexe Herausforderungen, die weit über ein einfaches „Vergib einfach!“ hinausgehen.

Was ist Vergebung im Neuen Testament?
Im Neuen Testament geht es oft um „Vergebung“. Vergebung ist uns geboten, Vergebung sollen wir üben und sollen dabei barmherzig sein, wie Gott auch uns gegenüber barmherzig ist.

Die Vorstellung, dass wir „siebzig Mal sieben Mal“ vergeben sollen, wie Jesus Petrus auf dessen Frage antwortete, wie oft er seinem Bruder vergeben müsse, scheint die unbedingte Natur der Vergebung zu unterstreichen. Doch die Praxis zeigt, dass dies nicht immer so einfach ist. Moralische Bedenken treten auf: Ist es wirklich ratsam, jedem Übeltäter vorbehaltlos zu vergeben, ohne Rücksicht auf Gerechtigkeit oder die Notwendigkeit von Einsicht? Und wie genau sollte Vergebung aussehen? Soll man großzügig über eine Schuld hinwegsehen, als wäre nichts geschehen, oder bedarf es einer Konfrontation und Reue, bevor Vergebung gewährt werden kann? Diese Fragen führen uns zu einer differenzierten Betrachtung der biblischen Lehre über die Vergebung, die weit über eine oberflächliche Interpretation hinausgeht.

Inhaltsverzeichnis

Zwei Arten der Vergebung: Eine Frage der Klarheit

Um die Komplexität der Vergebung zu verstehen, hilft es, sich ein praktisches Beispiel vor Augen zu führen. Stellen Sie sich vor, ein Kind hat beim wilden Ballspielen im Garten ein Blumenbeet zertrampelt, obwohl es ihm zuvor ausdrücklich verboten wurde. Wie sollten die Eltern reagieren? Sollen sie die Augen zudrücken und das Vergehen stillschweigend übergehen, um dem Kind die Peinlichkeit der Konfrontation zu ersparen? Ist dies die christliche Milde und Barmherzigkeit, die gefordert wird, den Schaden großzügig zu ignorieren?

Oder sollten die Eltern das Kind zur Rede stellen, ihm den angerichteten Schaden vorhalten, Einsicht und Schuldbewusstsein wecken und erst dann, wenn echte Reue gezeigt wird, verzeihen? Die erste Variante mag für den Schuldigen angenehmer sein, da sie eine peinliche Situation erspart. Doch sie birgt die Gefahr, dass die Tat unklar bleibt und der Schuldige nicht lernt, Verantwortung zu übernehmen. Es könnte sogar dazu ermutigen, das Fehlverhalten zu wiederholen, da es scheinbar keine Konsequenzen hat. Wenn Fehler stillschweigend übergangen werden, schwindet das Unrechtsbewusstsein.

Die zweite Variante, obwohl im ersten Moment unangenehmer, ist weitaus klarer und von höherem erzieherischen Wert. Sie ist ein Prozess, bei dem die verletzte Norm nicht relativiert, sondern bekräftigt wird. Der Schuldige wird mit den Folgen seines Tuns konfrontiert, muss Traurigkeit, Zorn und Enttäuschung aushalten, gewinnt aber die Gewissheit, dass die Regeln ernst genommen werden. Nach erfolgter Versöhnung ist die Sache wirklich erledigt und ausgeräumt. Dies macht einen gewaltigen Unterschied: Wurde man einfach „ungeschoren davongekommen“ oder nach einem „reinigenden Gewitter“ begnadigt? Nur Letzteres verdient es, als wahre Vergebung im christlichen Sinne bezeichnet zu werden. Still über Fehlverhalten hinwegzusehen, ist oft nicht Nächstenliebe oder Barmherzigkeit, sondern Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit. Echte Vergebung setzt voraus, dass es etwas zu vergeben gibt und dass beide Seiten dies anerkennen.

Gottes Vergebung: Gnade im Gericht, nicht Nachgiebigkeit

Ist es etwa zwischen Gott und den Menschen anders? Besteht Gottes Liebe und Vergebungsbereitschaft darin, dass er wegschaut und Fünfe gerade sein lässt, als wäre nichts gewesen? Oder vergibt Gott denen, die ihn um diese Vergebung gar nicht bitten, weil sie ihr Handeln nicht einmal für Schuld halten? Das Neue Testament lehrt uns, dass Gott Liebe ist und Barmherzigkeit übt, doch dies bedeutet keineswegs, dass er nachgiebig ist oder Sünde auf die leichte Schulter nimmt. Im Gegenteil: Gottes Gnade ist niemals Gnade ohne Gericht, sondern immer Gnade im Gericht. Seine Liebe ist niemals Liebe ohne Strenge, sondern immer Liebe inmitten der Strenge.

Gottes Normen werden durch seine Vergebung nicht ermäßigt, sondern gerade durch sie unterstrichen und bekräftigt. Vergebung ist nur dort nötig und möglich, wo Normen in Geltung stehen und verletzt wurden. Gott ist nicht der „gute Onkel“, der über die Verwüstung seines Blumenbeetes hinwegsieht, um uns die Einsicht und Reue zu ersparen. Er wird nicht vergeben, wo keine Bitte darum erfolgt, und er wird den Spöttern keine Vergebung hinterherwerfen, die sie gar nicht für nötig halten. Gottes Gnade gilt denen, die wissen, dass sie der Gnade bedürfen – den Mühseligen und Beladenen, den Gescheiterten, nicht den Stolzen. Dies ist die Norm und das Vorbild für die Vergebung, die wir praktizieren sollen.

Wir müssen nicht im Voraus denen vergeben, die an uns schuldig werden und sich dabei noch im Recht fühlen. Es ist nicht prinzipiell christlich, nachgiebig zu sein. Doch dem, der Vergebung ehrlichen Herzens erbittet, können wir sie als Christen nicht verweigern, selbst wenn er „sieben Mal siebzig Mal“ an uns schuldig wird. Wer jedoch meint, das Evangelium erlaube ihm, freches Treiben unter dem Deckmantel der Liebe zu übersehen, hat Jesus nicht verstanden. Wo ein Mensch sein Scheitern erkennt und bekennt, da sollen wir ihm freudig vergeben und ihn annehmen, wie Christus uns angenommen hat. Doch seiner Einsicht vorzugreifen, indem wir eilfertig etwas vergeben, worin der Schuldige gar keine Schuld sieht, ist kontraproduktiv und ermutigt ihn nur, so weiterzumachen.

Biblische Vergebung: Bedingt und Tiefgreifend

Die Frage, ob Christen um jeden Preis vergeben müssen, wird durch erschütternde Beispiele wie den Fall der jungen Hannah, die brutal vergewaltigt und ermordet wurde, oder Nicole, die jahrelang missbraucht wurde, besonders schmerzlich. In solchen Momenten, in denen das Leid und Unrecht grenzenlos erscheinen, wird die Forderung nach „einfacher Vergebung“ zu einer fast unmenschlichen Belastung.

Viele Christen sind der Meinung, dass Vergebung eine Angelegenheit ist, zu der sie unabhängig von Reue oder Einsicht des Täters verpflichtet sind. Doch der biblische Text gibt uns eine differenziertere Sichtweise. Jesus selbst hat keineswegs gelehrt, bedingungslos zu vergeben. Im Gegenteil: Gott vergibt uns unsere Schuld und Sünden nicht bedingungslos. Das Evangelium lehrt, dass Gottes Vergebung in Jesus Christus durch sein Leiden und Sterben am Kreuz ermöglicht wurde. Und sie wird uns nur zuteil, wenn wir unsere Sünden bekennen, konkret eingestehen und, soweit möglich, das geschehene Unrecht wiedergutmachen. „Wenn wir unsere Sünden bekennen, dann erweist Gott sich als treu und gerecht: Er vergibt uns unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht, das wir begangen haben“ (1 Joh 1,9).

Was ist biblische Vergebung?
Biblische Vergebung ist kein einseitiges Handeln – es betrifft immer das Verhältnis von mindestens zwei Personen. Ich denke da an eine Gemeindeversammlung. Die Kontrahenten kamen in einen heftigen Wortwechsel und gerieten scharf aneinander. Und plötzlich nannte jemand einen der Gemeindeältesten einen Lügner.

Gott vergibt Schuld, aber nur dann, wenn wir uns unserer Schuld persönlich stellen und sie ihm bekennen. Erwartet Gott nun von seinen Kindern mehr als er selbst bereit ist zu gewähren? Müssen wir als Nachfolger Jesu bedingungslos vergeben, während Gott seine Vergebung an Bedingungen knüpft? Die Antwort Jesu im Lukasevangelium ist entscheidend: „Wenn dein Nächster gegen dich sündigt, weise ihn zurecht, und wenn er es bereut, dann vergib ihm. Selbst wenn er siebenmal am Tag an dir schuldig wird, sollst du ihm verzeihen, wenn er kommt und sagt: Ich bereue es!“ (Lk 17,3b-4). Jesus setzt hier Einsicht der Schuld und Umkehr des Schuldigen voraus. Die Bedingung zur Vergebung lautet: Wenn er es bereut, dann vergib ihm.

Die Dreifaltigkeit der Vergebung: Gott, Täter und Opfer

Vergebung hat nicht nur eine vertikale Dimension (Gott und Mensch), sondern auch eine horizontale (Mensch und Mensch). Sie betrifft (fast immer) drei Beteiligte: Gott, den Täter und das Opfer. Wenn wir an Menschen schuldig geworden sind, muss die Schuld nicht nur Gott bekannt, sondern auch gegenüber Menschen bereinigt werden. Die gestörte Beziehung zum Mitmenschen muss wieder in Ordnung gebracht werden. Alles andere ist Selbstbetrug.

Die Rolle des Täters

Wer am anderen schuldig geworden ist – sei es mit Worten oder Taten – ist vor Gott verpflichtet, die gestörte oder sogar zerstörte Beziehung zu seinem Nächsten zu bereinigen. Jesus fordert: „Geh hin und söhne dich mit dem aus, der etwas gegen dich hat“ (Mt 5,23-24). Das bedeutet, den um Vergebung zu bitten, an dem man schuldig geworden ist. Wo etwas wiedergutzumachen ist, da ist in Ordnung zu bringen, was noch zu retten ist, einschließlich der materiellen Seite der Schuld. Ein verletztes Gewissen erfährt ohne Wiedergutmachung nicht den Frieden der Vergebung.

Der Weg der Wiedergutmachung ist oft schwer, aber nur wer wirklich aufräumt und klare Sache macht, kann von der Vergangenheit nicht mehr eingeholt werden. Jede unbereinigte Vergangenheit ist eine Belastung für die Zukunft. Paulus erinnert uns daran, dass wir „vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden müssen, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse“ (2 Kor 5,9-10).

Die Rolle des Opfers

Auch der, dem Unrecht zugefügt wurde, darf dies nicht einfach hinnehmen. Jesus sagt: „Wenn dein Nächster gegen dich sündigt, weise ihn zurecht“ (Lk 17,3). Das Opfer hat das Recht und die Pflicht, den Täter ernstlich zurechtzuweisen. Weder Jesus noch Paulus haben gesagt, dass man alles Unrecht widerspruchslos hinnehmen und einfach vergeben solle. Paulus forderte von den Stadtobersten in Philippi, die ihn und Silas unrechtmäßig geschlagen und ins Gefängnis geworfen hatten, dass sie persönlich erscheinen und sich entschuldigen sollten (Apg 16,37-39). Erst als sie ihr Unrecht bereuten und sich entschuldigten, war Vergebung möglich.

Die folgende Tabelle fasst die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Vergebung aus der Perspektive von Täter und Opfer zusammen:

Aspekt der VergebungPerspektive des TätersPerspektive des Opfers
Voraussetzung für VergebungEinsicht, Bekenntnis der Schuld, Reue, Bitte um VergebungBereitschaft zur Vergebung, wenn der Täter die Voraussetzungen erfüllt
Handlung des TätersKonfrontation der eigenen Schuld, Wiedergutmachung (wenn möglich), SühneAnsprechen des Unrechts, Zurechtweisung des Täters
Ziel der VergebungWiederherstellung der Beziehung zu Gott und Mensch, innerer FriedenHeilung der eigenen Wunden, Wiederherstellung der Beziehung (wenn möglich)
BedingungslosigkeitGottes Vergebung ist an Bekenntnis gebunden; menschliche Vergebung erwartet ReueVergebung ist nicht bedingungslos, sondern an Reue und Einsicht des Täters geknüpft
Folgen der VerweigerungKein innerer Frieden, keine Vergebung von Gott und MenschGroll und Bitterkeit können das Herz vergiften, Verlust des inneren Friedens

Die Herausforderung der unbereuten Schuld und die 77-Mal-Regel

Was aber, wenn der Täter sein Unrecht nicht bereut und sein Opfer nicht um Vergebung bittet? Hier kommt die Lehre des Apostels Paulus ins Spiel. Im Fall von Alexander, dem Schmied, der ihm viel Böses zugefügt hatte, schrieb Paulus an Timotheus: „Alexander, der Schmied, hat mir viel Böses getan; der Herr wird ihm vergelten, wie es seine Taten verdienen. Nimm auch du dich vor ihm in Acht, denn er ist unseren Aussagen scharf entgegengetreten“ (2 Tim 4,14-15). Paulus sagte nicht, er habe Alexander einfach alles vergeben. Stattdessen legte er die Sache in Gottes Hände, denn „Rächt euch nicht selbst, liebe Freunde, sondern überlasst die Rache dem Zorn Gottes. Denn es heißt in der Schrift: Das Unrecht zu rächen ist meine Sache, sagt der Herr; ich werde Vergeltung üben“ (Röm 12,19).

Wenn der Schuldige nicht bereit oder willens ist, sein Unrecht einzusehen und es wiedergutzumachen, dann ist es für das Opfer angemessen, das erlittene Unrecht in die Hände dessen zu legen, der gerecht richtet: in die Hände Gottes. Dies ist auch der Weg, den Jesus gegangen ist. „Vergebung ist ein Herzstück der Nachfolge des Herrn“, wie Paulus im Kolosserbrief (3,13) schreibt: „Vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ Die Bedingung für Gottes Vergebung bleibt: „Wenn wir unsere Sünden bekennen, dann erweist er sich als treu und gerecht: Er vergibt uns unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht“ (1 Joh 1,9).

Die oft missverstandene Aussage Jesu, „siebenundsiebzig Mal“ vergeben zu sollen, bedeutet nicht eine unbegrenzte, bedingungslose Vergebung ohne Reue des Täters. Schwester Ursula Hertewich interpretiert dies als eine Aufforderung zur kontinuierlichen inneren Arbeit des Opfers. Selbst wenn der Täter keine Reue zeigt, bedeutet die „siebenundsiebzig Mal“ Vergebung, dass das Opfer immer wieder die Bereitschaft zur Vergebung bewahrt und die Gefühle von Groll, Bitterkeit und Hass loslässt. Es geht darum, inneren Frieden zu finden, indem man das Unrecht Gott überlässt und ihm vertraut, dass er zu seiner Zeit gerecht richten wird. „Nimm dir nicht vor, erlittenes Unrecht selber zu vergelten! Vertrau auf Gott, er wird dir Recht verschaffen!“ (Spr 20,22). Dies ist ein langwieriger Heilungsprozess, der Zeit braucht, bis die Wunden aufhören zu schmerzen. Wichtig ist, vergebungsbereit zu bleiben und alle negativen Gefühle immer wieder an Gott abzugeben.

Was sagt die Bibel über die Verfehlungen?
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater euch auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen ihre Verfehlungen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. (Matthäus 6:14-15) Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern. (Matthäus 6:12)

Fazit: Vergebung ist nicht billig

Die biblische Lehre über Vergebung ist komplex und tiefgründig. Sie ist kein automatischer Freifahrtschein für den Täter und keine bedingungslose Verpflichtung für das Opfer, ohne Reue oder Einsicht zu vergeben. Wahre Vergebung ist kein „billiges“ Gnadenangebot, sondern hat ihren Preis. Es hat Jesus Christus sein Leben gekostet, für unsere Sünden zu sterben. Unsere Vergebung ist ein Spiegelbild dieser göttlichen Gerechtigkeit und Gnade.

Wir haben keinen automatischen Anspruch auf Vergebung unserer Sünden; sie ist allein Gottes Güte, die uns in Jesus Christus die Gnade der Vergebung schenkt, wenn wir denn unsere Sünden bekennen. Ebenso haben wir keinen Anspruch auf Vergebung von Menschen, an denen wir schuldig geworden sind, es sei denn, wir gestehen ihnen unsere Schuld ein und bitten um Vergebung. Wenn Vergebung verweigert wird, obwohl der Schuldige seine Schuld bekennt und um Vergebung bittet, dann trifft die Warnung Jesu zu: „Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, wird euer Vater [im Himmel] euch eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Mt 6,15).

Vergebung im biblischen Sinne ist ein Prozess, der Wahrheit, Bekenntnis, Reue und die Bereitschaft zur Versöhnung auf beiden Seiten erfordert. Sie ist der Weg zur Heilung tiefer Verletzungen und zur Wiederherstellung zerbrochener Beziehungen. Wo dies nicht geschieht, bleiben Groll, Bitterkeit und Hass, und die Wunden können nicht heilen. Mögen wir als Christen danach streben, Vergebung so zu leben, wie Jesus es gelehrt hat: Als Täter, indem wir uns mit denen aussöhnen, denen wir Unrecht getan haben; und als Opfer, indem wir Täter zurechtweisen und vergeben, sobald Reue gezeigt wird. So finden wir wahren Frieden und folgen dem Herzen Gottes.

Häufig gestellte Fragen zur biblischen Vergebung

Muss ich immer vergeben, egal was passiert ist?

Nein, die biblische Lehre ist hier nuanciert. Während die Bereitschaft zur Vergebung wichtig ist, setzt wahre Vergebung im Neuen Testament in der Regel Reue, Einsicht und Bekenntnis der Schuld seitens des Täters voraus. Jesus lehrt: „Wenn dein Nächster gegen dich sündigt, weise ihn zurecht, und wenn er es bereut, dann vergib ihm“ (Lk 17,3b).

Was ist der Unterschied zwischen Vergebung und Nachsicht?

Nachsicht bedeutet oft, über ein Fehlverhalten hinwegzusehen oder es zu ignorieren, ohne dass eine Konfrontation oder Aufarbeitung stattfindet. Dies kann dazu führen, dass der Täter keine Einsicht gewinnt und die verletzte Norm relativiert wird. Vergebung hingegen ist ein aktiver Prozess, der die Schuld beim Namen nennt, die Konsequenzen anerkennt und nach Reue und Bekenntnis die Beziehung wiederherstellt. Vergebung ist klärend und heilend, Nachsicht kann zu Unklarheit und wiederholtem Fehlverhalten führen.

Wie kann ich vergeben, wenn der Täter keine Reue zeigt?

In solchen Fällen ist die biblische Anweisung nicht, „einfach so“ zu vergeben, sondern die Angelegenheit Gott zu überlassen. Paulus legt das erlittene Unrecht in Gottes Hände: „Der Herr wird ihm vergelten, wie es seine Taten verdienen“ (2 Tim 4,14). Für das Opfer bedeutet dies, die Gefühle von Groll, Bitterkeit und Hass immer wieder im Gebet an Gott abzugeben und die Bereitschaft zur Vergebung zu bewahren, sollte der Täter doch noch Reue zeigen. Es ist ein Prozess der inneren Heilung und des Loslassens, der oft Zeit braucht.

Ist Gottes Vergebung bedingungslos?

Gottes Vergebung ist nicht bedingungslos im Sinne von „automatisch für jeden verfügbar, egal was er tut“. Sie ist ein Geschenk seiner Gnade, das durch das Opfer Jesu Christi ermöglicht wurde. Die Bedingung für den Menschen ist das Bekenntnis der Sünden und die Reue. „Wenn wir unsere Sünden bekennen, dann erweist Gott sich als treu und gerecht: Er vergibt uns unsere Sünden und reinigt uns von allem Unrecht, das wir begangen haben“ (1 Joh 1,9).

Was bedeutet „siebenundsiebzig Mal vergeben“?

Die Aussage Jesu „siebenundsiebzig Mal“ (oder „sieben mal siebzig“) ist eine Hyperbel, die die Notwendigkeit einer grenzenlosen Bereitschaft zur Vergebung betont, wenn der Schuldige Reue zeigt. Sie bedeutet nicht, dass man ohne Reue des Täters immer wieder blind vergeben muss. Vielmehr fordert sie das Opfer auf, die innere Arbeit zu leisten, um Groll und Bitterkeit loszulassen, selbst wenn der Täter nicht um Vergebung bittet. Es ist eine Haltung des Herzens, die offen für Versöhnung bleibt, sobald die Bedingungen der Reue erfüllt sind.

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