19/09/2023
Das Bild des Christen in der modernen Gesellschaft ist oft von Missverständnissen geprägt. Häufig werden Gläubige als verbissen, humorlos oder gar weltfremd wahrgenommen. Der Philosoph Friedrich Nietzsche brachte es einst auf den Punkt, als er forderte: „Die Christen müssten erlöster aussehen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“ Doch ist diese Wahrnehmung gerechtfertigt? Und was ist aus der ursprünglichen Botschaft des Evangeliums, der frohen Botschaft, geworden, die doch Grund zur Freude sein sollte?
Dieser Artikel beleuchtet zwei zentrale Aspekte des christlichen Lebens, die oft falsch verstanden oder in ihrer Tiefe unterschätzt werden: die Rolle von Freude und Lachen sowie das Konzept des christlichen Gehorsams gegenüber staatlichen Autoritäten. Wir werden untersuchen, wie diese scheinbaren Gegensätze – ausgelassene Freude und disziplinierter Gehorsam – untrennbar miteinander verbunden sind und ein erfülltes, gottgefälliges Leben ermöglichen.

Das Lachen im christlichen Glauben: Eine vergessene Freude?
Die Vorstellung, Lachen sei unchristlich, hat eine lange Geschichte und wurzelt tief in mittelalterlichen Interpretationen, die behaupteten, Jesus habe zu Lebzeiten nie gelacht. Dieses Dogma, populär gemacht durch Werke wie Umberto Ecos „Im Namen der Rose“, wo es heißt: „Lachen tötet die Furcht, und wenn es keine Furcht gibt, wird es keinen Glauben mehr geben“, suggeriert eine Angst vor der Auflösung der Ernsthaftigkeit, die der Religion angeblich innewohnt. Tatsächlich scheint das Neue Testament auf den ersten Blick diese Ansicht zu stützen: Es gibt keine expliziten Berichte über Jesus, der aus Freude lacht. Lediglich seine Gegner verlachen ihn spöttisch.
Ein Kinderlied, das noch vor nicht allzu langer Zeit gesungen wurde – „Pass auf, kleine Hand, was du tust! / Denn der Herrgott im Himmel schaut herab auf dich.“ – verstärkt dieses Bild eines strafenden, ernsten Gottes. Vor einem solchen Gott, der jede Bewegung überwacht und streng ahndet, ist einem tatsächlich nicht nach Lachen zumute. Es erzeugt Furcht statt Liebe und Freude.
Doch diese Sichtweise verkennt die eigentliche Botschaft Jesu. Jesus verkündete das angebrochene Reich Gottes, und dies ist kein Grund für verbissene Frömmigkeit, sondern ein Grund zu unbändiger Freude und Feier. Jesus selbst nahm an Festen teil, aß und trank mit Sündern und Zöllnern. Es ist schwer vorstellbar, dass bei solchen Zusammenkünften, die oft fröhlich und ausgelassen waren, nicht auch gelacht wurde. Seine Botschaft der Gnade und Vergebung ist die ultimative Befreiung von Schuld und Angst, und diese Befreiung ist die tiefste Quelle der Freude.
Eine wunderschöne Tradition des Lachens, die das Christentum kennt, ist das sogenannte „Osternachtslachen“ (risus paschalis). In einigen Gemeinden wird diese Tradition noch heute gepflegt. Die Christen lachen in dieser Nacht laut und ausgelassen über den Sieg Gottes über den Tod. Der Triumph der Auferstehung ist der größte Grund zur Freude, den der christliche Glaube kennt. „Der Tod ist verschlungen vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1 Korinther 15,55). Dies ist kein Spott, sondern ein befreiendes Lachen über die endgültige Niederlage des Bösen und des Todes. Es ist ein Ausdruck tiefer Dankbarkeit und Erleichterung, der zeigt, dass der Glaube nicht nur Ernst, sondern auch überschwängliche Freude kennt.
Tabelle: Lachen im Christentum – Missverständnis vs. Wahrheit
| Missverständnis | Wahre biblische/theologische Perspektive |
|---|---|
| Lachen ist unchristlich, da Jesus nie lachte. | Jesus verkündete das Reich Gottes als Grund zur Freude; er nahm an Festen teil. |
| Religion muss ernst und furchteinflößend sein. | Die Frohe Botschaft befreit von Furcht und führt zu innerer Freude und Frieden. |
| Gott ist ein strenger, überwachter Richter. | Gott ist auch ein liebender Vater, dessen Gnade Befreiung und Feier ermöglicht. |
| Lachen schwächt den Glauben. | Lachen über den Sieg Christi stärkt den Glauben und feiert die Auferstehung (Osternachtslachen). |
Der christliche Gehorsam: Dem Staat untertan?
Ein weiterer Aspekt, der oft Fragen aufwirft, ist der christliche Gehorsam gegenüber staatlichen Autoritäten. Inwiefern hat ein Christ die Gesetze des Staates zu befolgen? Der Apostel Paulus gibt dazu im Römerbrief (Röm. 13, 1ff.) eine klare Anweisung: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt der Anordnung Gottes.“
Was bedeutet „der Obrigkeit untertan sein“? Eine genauere Übersetzung des griechischen Urtextes lautet: „den euch übergeordneten staatlichen Gewalten („exousia“) ordnet euch unter.“ Dies ist eine fundamentale Anweisung, die sich auf alle staatlichen Autoritäten bezieht, unabhängig von ihrer moralischen Beschaffenheit. Zur Zeit des Paulus waren dies der römische Kaiser und seine Statthalter, einschließlich Personen wie Pilatus, dessen Autorität Jesus selbst bestätigte (Joh. 19, 11). Dies gilt auch für Tyrannen wie Nero, der Christen verfolgte. Die Bibel lehrt, dass Machthaber – ob gut oder böse – von Gott eingesetzt oder zugelassen werden, sei es zum Segen, zur Prüfung oder zur Strafe und Buße für das Volk. Christen sind somit allen Machthabern Gehorsam schuldig, nicht nur den gerechten.
Grenzen des Gehorsams: Gott mehr gehorchen als den Menschen
Der christliche Gehorsam findet jedoch eine entscheidende Grenze: Wenn Machthaber konkret und persönlich verlangen, gegen Gottes Gebot und Auftrag zu handeln, dann gilt das Wort des Petrus und der Apostel vor dem Hohen Rat: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg. 5, 29). Diese Verweigerung muss jedoch passiv geschehen, das heißt, durch leidendes Ertragen der Konsequenzen, nicht durch aktiven, gewaltsamen Widerstand. Jesus selbst lehrt: „Wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.“ Dies unterstreicht die christliche Haltung der Gewaltlosigkeit und des Vertrauens auf Gottes Souveränität, selbst in extremen Situationen.
Es ist wichtig zu verstehen, dass selbst ein böser oder antichristlicher Machthaber in gewissem Umfang immer noch seine Aufgaben als Ordnungsmacht wahrnimmt, indem er dem Chaos, der Kriminalität und äußeren Bedrohungen entgegenwirkt. Petrus schreibt dazu (1. Petr. 2, 13.14.17): „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen, es sei dem König als dem Obersten oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt sind zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lob derer, die Gutes tun. Ehrt jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott, ehrt den König.“
Die Rolle des Gebets für Machthaber
Ein zentraler Aspekt des christlichen Gehorsams und der bürgerlichen Verantwortung ist das Gebet für die herrschenden Machthaber, selbst wenn sie böse oder ungerecht erscheinen. Paulus ermahnt in 1. Tim. 2, 1.2: „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“ Dieses Gebet ist keine Bestätigung ihrer Bosheit, sondern eine Fürbitte an Gott, dass er Unheil abwende, ihre Herzen zum Guten wende und sie stärke, damit sie ihre Aufgabe so erfüllen, dass ein friedliches und geordnetes Zusammenleben möglich ist.
Christliche Staatsformen: Vielfalt statt Dogma
Das Neue Testament schreibt keine spezifische christliche Staatsform vor. Die Geschichte zeigt, dass sowohl Monarchien als auch Demokratien oder sogar Diktaturen von Christen akzeptiert oder abgelehnt wurden. Eine Staatsform ist aus christlicher Sicht nur dann „unchristlich“, wenn sie eine totalitäre staatliche Ideologie oder Weltanschauung vertritt, die aktiv versucht, antichristlichen Einfluss auf die Seelen der Menschen zu nehmen und deren Glaubensfreiheit zu unterdrücken. Solange der Staat die Ausübung des Glaubens nicht verbietet oder zum Ungehorsam gegenüber Gott zwingt, ist er als von Gott zugelassene Ordnung zu respektieren.

Der Gehorsam in der heutigen Zeit
In modernen Demokratien wie Deutschland sind die „uns übergeordneten staatlichen Gewalten“ die gesetzgebende Gewalt (Parlamente), die vollziehende Gewalt (Regierung mit Verwaltungsbehörden) und die rechtsprechende Gewalt (Gerichte). Römer 13,1ff. bedeutet für uns heute: Haltet die bestehenden Gesetze ein, seid der Regierung mit ihren Behörden und den Urteilen der Gerichte gehorsam. Dies schließt jedoch nicht aus, dass man auf dem vom Staat vorgesehenen Rechtsweg staatliche Anordnungen und Gesetze überprüfen lässt oder in geordneter, gewaltloser Opposition eine Regierung ablösen möchte. Eine Anordnung oder ein Gesetz als ungerecht oder zu hart zu empfinden, reicht allein nicht aus, um ihr nicht nachzukommen.
Trotz aller Ungerechtigkeiten, Härten und Missstände, die es auch in unseren Staaten geben mag, sollten wir dankbar sein für die Freiheiten, die wir genießen: die Freiheit von Verfolgung, Willkür und unrechtmäßiger Inhaftierung, die Freiheit der Wahl des Ehepartners, des Berufs, des Wohnorts und vor allem die Freiheit, unseren christlichen Glauben frei und offen leben zu können. Solche weitgehenden Freiheiten sind, wie die Geschichte und die Situation in vielen anderen Ländern zeigen, keineswegs selbstverständlich. Daher haben wir allen Grund, Gott für unsere äußere Freiheit in unserem Staat zu danken und weiterhin für die „Obrigkeit“ zu beten.
Häufig gestellte Fragen zum christlichen Leben
Q: Warum galt Lachen im Mittelalter als unchristlich?
A: Diese Ansicht entstand aus der Interpretation, Jesus habe nie gelacht und dass Lachen die Ernsthaftigkeit und Furcht vor Gott untergraben könnte, die für den Glauben als notwendig erachtet wurden. Es war eine theologische Fehlinterpretation, die die frohe Botschaft des Evangeliums verkannte.
Q: Hat Jesus wirklich nie gelacht?
A: Die Bibel berichtet nicht explizit davon, dass Jesus lachte. Allerdings nahm er an Festen und Feiern teil und verkündete eine Botschaft der Freude und des Lebens in Fülle. Es ist schwer vorstellbar, dass bei solchen Anlässen keine Freude und kein Lachen aufkamen. Die Abwesenheit einer Erwähnung ist kein Beweis für die Abwesenheit der Handlung.
Q: Was bedeutet „der Obrigkeit untertan sein“ konkret für Christen heute?
A: Es bedeutet, die Gesetze des Staates zu befolgen und die Autorität der gewählten Regierung, der Verwaltung und der Gerichte anzuerkennen. Dies schließt die Zahlung von Steuern, die Einhaltung von Verkehrsregeln und die Achtung des Rechtssystems ein.
Q: Dürfen Christen Gesetze kritisieren oder sich widersetzen?
A: Christen dürfen Gesetze kritisieren und sich auf legalem, gewaltlosem Wege für Änderungen einsetzen (z.B. durch Petitionen, Wahlen, Demonstrationen). Die Grenze des Gehorsams ist erreicht, wenn der Staat direkt und persönlich dazu auffordert, gegen Gottes Gebote zu handeln. In solchen Fällen ist passiver Widerstand – das Ertragen der Konsequenzen für den Gehorsam gegenüber Gott – geboten, nicht aber gewaltsamer Aufstand.
Q: Gibt es eine ideale christliche Regierungsform?
A: Nein, das Neue Testament schreibt keine spezifische Regierungsform vor. Ob Monarchie, Demokratie oder andere Formen – keine ist per se „christlicher“ als eine andere. Eine Regierungsform wird dann problematisch, wenn sie totalitär wird und versucht, die Seelen der Menschen zu kontrollieren und den Glauben zu unterdrücken.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das christliche Leben eine dynamische Balance zwischen tiefer Freude über die Erlösung und verantwortungsvollem Gehorsam gegenüber den von Gott zugelassenen Ordnungen darstellt. Es ist ein Leben, das von der Botschaft der Gnade und des Sieges über Sünde und Tod geprägt ist, und somit allen Grund zum Lachen hat. Gleichzeitig ist es ein Leben in Achtsamkeit und Respekt vor der von Gott gegebenen Ordnung, die dem Chaos entgegenwirkt und ein friedliches Miteinander ermöglicht. So können Christen durch ihr Leben zeigen, dass sie tatsächlich „erlöster aussehen“ und damit ein lebendiges Zeugnis für die Kraft und Schönheit ihres Glaubens ablegen.
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