19/03/2024
In einer Zeit, in der die globalen Herausforderungen, insbesondere der Klimawandel, immer drängender werden, steht die Evangelische Kirche vor der Aufgabe, ihre theologische Orientierung zu leben und zu verkünden. Es geht nicht nur um politische oder wirtschaftliche Fragen, sondern zutiefst um den Glauben an Gott als Schöpfer und Erhalter allen Lebens. Dieser Artikel beleuchtet, wie die evangelische Kirche diese gewaltigen Aufgaben angeht, welche theologischen Grundlagen sie dabei leiten und wie sie Zuversicht und Beistand in einer Welt voller Unsicherheiten findet. Tauchen Sie ein in ein Verständnis von Glaube, das untrennbar mit Verantwortung, Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung verbunden ist.

- Die Theologische Basis: Gott als Schöpfer und Erhalter des Lebens
- Klimawandel als Herausforderung für Glaube und Gerechtigkeit
- Die Radikale Umkehr: „Metanoia“ als Weg der Hoffnung
- Grenzen erkennen und Genügsamkeit leben
- Der Konziliare Prozess: Ein Wegweiser für die Kirchen
- Das Evangelium Verkündigen: Liebe, Wort und Tat für die Schöpfung
Die Theologische Basis: Gott als Schöpfer und Erhalter des Lebens
Für die Evangelische Kirche ist der Glaube an Gott als Schöpfer allen Lebens das Fundament ihres Handelns und Denkens. Das Psalmwort „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen“ (Ps 24,1) bringt dies prägnant zum Ausdruck. Dieser Glaube führt zu einer tiefen Haltung der Dankbarkeit und Demut angesichts der Schönheit der Schöpfung. Es ist eine Haltung, die uns dazu aufruft, achtsam mit unserer Umwelt umzugehen und uns als Teil einer größeren Lebensgemeinschaft mit allen Geschöpfen zu verstehen.
Ein zentraler Aspekt dieser Schöpfungstheologie ist die biblische Aussage, dass der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist (Gen 1,26f.). Daraus leitet sich die unantastbare Menschenwürde ab, die jedem Individuum zusteht. Diese Würde wiederum begründet das Recht jedes Menschen auf ein menschenwürdiges Leben, einschließlich des Rechts, die Gaben der Schöpfung zu nutzen. Doch dieses Nutzungsrecht ist nicht grenzenlos, sondern mit Verantwortung verbunden.
Der sogenannte Noahbund (Gen 8,21f. u. 9,8–17) spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Auch angesichts menschlicher Sünde und Bosheit hat Gott sein gnädiges und lebenserhaltendes Ja zu seiner Schöpfung bekräftigt. Die Erzählung von der Sintflut und der rettenden Arche, die tief im Menschheitsgedächtnis verankert ist, erinnert uns an die Zerbrechlichkeit des Lebens auf der Erde und die Bedrohungen durch Naturkatastrophen. Gleichzeitig ist sie eine Zusage Gottes: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ (Gen 8,22). Diese Verheißung gibt Mut, sich trotz aller lebenszerstörenden Entwicklungen für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Wir sind als Ebenbilder Gottes berufen, die Erde als bewohnbaren Lebensraum zu bebauen und zu bewahren (Gen 2,15). Dies bedeutet, dass wir als „Stellvertreter und dialogfähige Repräsentanten der kontinuierlichen und fürsorglichen Herrschaft“ Gottes die Mitverantwortung für eine gedeihliche Nutzung und lebensfördernde Bewirtschaftung der von Gott geschaffenen Lebensräume tragen.
Klimawandel als Herausforderung für Glaube und Gerechtigkeit
Der globale Klimawandel ist nicht nur eine ökologische, sondern zutiefst eine ethische und theologische Krise. Er zerstört natürliche Lebensgrundlagen, verschärft Armut, untergräbt Entwicklungsmöglichkeiten und verstärkt globale Ungerechtigkeit. Für die Evangelische Kirche geht es daher angesichts des Klimawandels sowohl um die Verantwortung für Gottes Schöpfung als auch um das Leben aller Menschen in Würde und gerechter Teilhabe.
Die Dimension der Gerechtigkeit ist dabei von besonderer Bedeutung. Der Klimawandel schränkt die Lebenschancen vieler Menschen in Entwicklungsländern massiv ein und verschärft soziale und ökonomische Ungleichheiten. Wenn allen Menschen vor Gott die gleiche Würde zukommt, dann ist diese sich verschärfende globale Ungerechtigkeit für Christen nicht hinnehmbar. Dies fordert uns heraus, uns für mehr Gerechtigkeit und die Lebensrechte der Schwachen einzusetzen. Zudem gehört zur Gerechtigkeit auch die Lastenteilung beim Klimaschutz. Alle Länder, ob arm oder reich, haben zwar dasselbe Recht auf Nutzung der Erdatmosphäre, doch dieses Nutzungsrecht ist begrenzt. Dies stellt insbesondere Entwicklungsländer vor immense Innovationsherausforderungen, bei deren Bewältigung sie ethisch von den Industrieländern unterstützt werden müssen.
Gerechtigkeit im biblischen Sinne ist primär eine Gabe Gottes, die den Menschen gerecht macht und ihm seine besondere Würde verleiht. Diese Gabe befähigt uns zu einem Leben, in dem Menschen einander gerecht werden und in Achtung gegenüber dem Eigenwert der nichtmenschlichen Natur leben. Was dem von Gott geliebten Menschen dient, seine Würde achtet und die Schöpfung bewahrt, ist gerecht. Daraus entfaltet sich ein umfassendes Gerechtigkeitsverständnis, das auch wirtschaftliches Handeln prägt und die Befähigungs- und Teilhabegerechtigkeit aller Menschen sowie die Sorge um zukünftige Generationen und den achtungsvollen Umgang mit der Schöpfung umfasst.
Die Radikale Umkehr: „Metanoia“ als Weg der Hoffnung
Angesichts der tiefgreifenden Auswirkungen des Klimawandels ist die Evangelische Kirche davon überzeugt, dass ein einschneidender Mentalitätswandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nötig ist. Eine solche Wende zu einer nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise verlangt nach einer Umkehr, die die Bibel „Metanoia“ nennt – eine radikale und umfassende Neuausrichtung.
Wir bekennen, dass der vorherrschende Lebensstil in den Industriestaaten und ein allein auf Wachstum setzendes Wirtschaftssystem dieser Verantwortung gegenüber Gottes Schöpfung nicht gerecht geworden sind. Unser Lebensstil und unsere Wirtschaftsweise tragen dazu bei, dass Ressourcen unverantwortlich ausgebeutet und Menschen ihrer Lebensgrundlagen und Lebenschancen beraubt werden. Dies macht uns schuldig vor Gott, seiner Schöpfung und unseren Mitmenschen. Der erste Schritt zur Umkehr muss daher das Eingeständnis unseres Versagens sein, ohne es zu leugnen oder zu beschönigen.
Dieses Eingeständnis kann befreiend wirken, denn wir vertrauen darauf, dass Gott gnädig ist und uns die Kraft zur Umkehr und zum Neuanfang geben kann. Die Gnade Gottes und seine verändernde Macht offenbaren sich in Jesus Christus, der die Mächte der Sünde und des Todes überwunden hat. Der Glaube an Christus befreit zu einem neuen, dankbaren Leben, das der Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung dient. Auch die Schöpfung selbst wird in Gottes erneuerndes und befreiendes Heilshandeln einbezogen, denn auch ihr wird die Befreiung von der Knechtschaft und Unterdrückung verheißen (Röm 8,21).
„Umkehr“ meint hier nicht die Rückkehr zu einer vermeintlich besseren Vergangenheit, sondern eine radikale Neuausrichtung auf Gottes Heilszusagen und Gebote. Es geht um die Erneuerung des Denkens und Handelns durch den Glauben an das Evangelium Jesu Christi: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern verändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen möget, was Gottes Wille ist“ (Röm 12,2). Umkehr lebt auch aus der Haltung des Staunens und der Freude über Gottes gute Schöpfung. Dies relativiert den bloßen Nützlichkeitsblick und erinnert uns an eine „Spiritualität gegenüber der Schöpfung“.
Die Freude und das Staunen über Gottes Schöpfung werden in vielen Psalmen beschrieben, etwa in Psalm 104,1–2: „Lobe den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt.“ Diese Haltung des Lobes und dankbaren Staunens ist eine starke Motivation, Gottes gute Schöpfung zu bewahren, achtsam mit ihr umzugehen und ihre Güter gerecht zu teilen. Es gilt, einen Lebenswandel einzuüben, der in Verantwortung vor Gott die Bewahrung unserer gemeinsamen natürlichen Lebensgrundlage pflegt und die Folgen der eigenen Lebensweise reflektiert.
Grenzen erkennen und Genügsamkeit leben
Unser Leben ist endlich und die Güter der Erde sind begrenzt. Diese biblische Erkenntnis fordert uns heraus, sorgsam mit den Ressourcen umzugehen und uns auf unsere Grenzen zu besinnen. Biblische Traditionen wie der von Gott geschaffene Ruhetag (Sabbat) als heilsame Unterbrechung des Arbeitslebens oder das Erlassjahr, das Besitzverhältnisse neu ordnet und extremem Reichtum sowie Armut Grenzen setzt, erinnern uns daran. Auch Geschichten wie der Turmbau zu Babel oder das Gleichnis vom reichen Kornbauern zeigen, wie Gott menschlichem Streben nach unendlicher Macht und Reichtum Schranken setzt.

Eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die auf ständiges Wachstum setzt, ist nicht nur gefährlich und unverantwortlich, sondern leugnet auch die von Gott geschaffene heilsame Endlichkeit des Menschen. Letztlich geht es darum, das für uns richtige Maß wiederzufinden und eine neue Ethik der Genügsamkeit einzuüben. Schon lange vor der Finanzkrise gab es in den Kirchen den Ruf, Modelle einer „Ökonomie der Genügsamkeit“ zu entwickeln. Die EKD-Synode stellte fest, dass „Maßlosigkeit in die Krise geführt hat“ und dass sich unser Wirtschafts- und Lebensstil ändern müssen. Diese Änderung wird aus Dankbarkeit über die Schönheit der Schöpfung und aus Demut gegenüber den von Gott gesetzten Grenzen erwartet. Die Frage „Was erlaubst du dir?“ begleitet uns täglich als eine Frage des Schöpfers. Wir alle, auch die Kirche, haben uns zu lange von der Illusion grenzenlosen Wachstums leiten lassen und sind Teil des Problems geworden.
Der Konziliare Prozess: Ein Wegweiser für die Kirchen
Als ethische Orientierung für die Umkehr in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft bezieht sich die Evangelische Kirche auch auf die Leitbilder, die im Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung entwickelt wurden. Dieser Prozess entstand in den 1980er Jahren als Antwort der Kirchen im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) auf globale politische, soziale und ökonomische Herausforderungen.
Im Jahr 1983 wurde bei der Vollversammlung des ÖRK in Vancouver der Beschluss zu einem „Konziliaren Prozess gegenseitiger Verpflichtung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ gefasst. Dies führte zu zahlreichen ökumenischen Versammlungen in Ost- und Westdeutschland sowie auf europäischer Ebene, die den theologischen und politischen Zusammenhang der Fragen nach Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung reflektierten und konkrete Schritte der Umkehr forderten. Bei der Weltversammlung 1990 in Seoul bekannten die versammelten Kirchen ihre gegenseitige Rechenschaftspflicht und die Notwendigkeit, einander zuzuhören und sich mit den Augen der anderen zu sehen. Der Ruf Jesu zum Leben hatte viele Ausdrucksformen: für die Reichen Befreiung von der Macht des Geldes, für die Verzweifelten Überwindung der Hoffnungslosigkeit, für die Privilegierten das Teilen von Reichtum und Macht, und für die Schwachen das Vertrauen in sich selbst.
Ebenso aus der Ökumene kam der Impuls zur „Option für die Armen“, der auch in Deutschland aufgenommen wurde und bis heute eine Orientierungsgröße für die christliche Weltverantwortung ist. Es bedeutet, alles Handeln und Entscheiden in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft daran zu messen, inwiefern es die Armen betrifft, ihnen nützt und sie zu eigenverantwortlichem Handeln befähigt. Es zielt darauf ab, Ausgrenzungen zu überwinden und die Perspektive der Menschen einzunehmen, die im Schatten des Wohlstandes leben. Der Klimawandel stellt die Frage „Wer ist mein Nächster?“ mit neuer Schärfe.
Das Evangelium Verkündigen: Liebe, Wort und Tat für die Schöpfung
Die Evangelische Kirche verkündigt das Evangelium anders. Sie tickt sowohl von der Ursprungsliebe des Schöpfers zu seiner Schöpfung her als auch von ihrer Erlösung und Erneuerung. Deshalb verkündigt sie das Evangelium in Liebe, Wort und Tat nicht nur den Menschen, sondern auch der bedrohten Schöpfung Gottes. Dies ist ein umfassender Ansatz, der die gesamte Existenz in den Blick nimmt und die untrennbare Verbindung zwischen Glaube, menschlichem Wohlergehen und dem Zustand der Welt betont.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Was bedeutet der „Noahbund“ im Kontext des Klimawandels?
Der Noahbund symbolisiert Gottes unwiderrufliche Zusage, die Erde trotz menschlicher Sünden nicht mehr zu zerstören. Er ist ein Zeichen der Hoffnung und ermutigt die Kirche und jeden Einzelnen, sich für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen, da Gott selbst sich zu ihr bekannt hat. Es ist eine Grundlage für Zuversicht, auch wenn die Herausforderungen gewaltig erscheinen.
Was bedeutet „Metanoia“ für den Einzelnen und die Gesellschaft?
„Metanoia“ ist eine radikale, umfassende Umkehr oder Sinnesänderung. Für den Einzelnen bedeutet es, den eigenen Lebensstil kritisch zu hinterfragen, Maßlosigkeit abzulegen und eine Haltung der Dankbarkeit und Genügsamkeit zu entwickeln. Für die Gesellschaft erfordert es einen Mentalitätswandel in Politik und Wirtschaft hin zu nachhaltigen und gerechten Systemen, die nicht allein auf unbegrenztes Wachstum setzen.
Wie engagiert sich die Evangelische Kirche konkret im Klimaschutz?
Die Evangelische Kirche engagiert sich auf vielfältige Weise: durch theologische Reflexion und Bewusstseinsbildung, durch politische Lobbyarbeit für Klimaschutzgesetze und nachhaltige Wirtschaft, durch die Unterstützung von Umweltprojekten in Gemeinden und durch die Förderung eines nachhaltigen Lebensstils bei ihren Mitgliedern. Sie fordert zur Umkehr auf und lebt diese auch selbst vor, indem sie beispielsweise ihren CO2-Fußabdruck reduziert.
Was ist die „Option für die Armen“ und warum ist sie im Kontext des Klimawandels wichtig?
Die „Option für die Armen“ ist ein ethisches Prinzip, das besagt, dass alles Handeln und Entscheiden in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft daran gemessen werden muss, inwiefern es den Armen nützt und sie befähigt. Im Kontext des Klimawandels ist sie von entscheidender Bedeutung, da die ärmsten Regionen und Menschen am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind, obwohl sie am wenigsten dazu beigetragen haben. Die Kirche setzt sich dafür ein, dass die Lasten des Klimaschutzes gerecht verteilt werden und die Lebensrechte der Schwachen gewahrt bleiben.
Warum ist „Genügsamkeit“ ein wichtiges Konzept für die Evangelische Kirche?
Genügsamkeit ist ein Ausdruck der Erkenntnis, dass die Güter der Erde begrenzt sind und ein unbegrenztes Wachstum nicht nachhaltig ist. Sie fordert dazu auf, ein „richtiges Maß“ im Konsum und im Umgang mit Ressourcen zu finden, Dankbarkeit für das Vorhandene zu zeigen und die von Gott gesetzten Grenzen zu achten. Dies steht im Gegensatz zur Maßlosigkeit, die als Ursache vieler Krisen, einschließlich der Klimakrise, betrachtet wird.
Die Evangelische Kirche sieht sich als Teil einer globalen Gemeinschaft, die aufgerufen ist, sich den Herausforderungen unserer Zeit mutig und mit Zuversicht zu stellen. Ihr tiefes theologisches Fundament, geprägt von Schöpfungsglaube, Gerechtigkeit und der radikalen Umkehr („Metanoia“), bietet einen Wegweiser für ein Leben, das die Schönheit der Schöpfung achtet, die Würde jedes Menschen ehrt und sich für eine gerechtere und nachhaltigere Welt einsetzt. Es ist ein prophetischer Ruf, der zuerst in der Kirche selbst gehört und gelebt werden muss, um dann eine Stimme zu sein, auf die andere in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft hören können. Die Verheißung, dass „Friede auf Erden“ schon jetzt gilt, ist die Motivation, Ungerechtigkeiten, Kriegen und dem Raubbau an Gottes Schöpfung entgegenzutreten. „Kehret um, und ihr werdet leben“ – dieser Ruf ist aktueller denn je und bietet die Hoffnung auf einen Neuanfang für Mensch und Schöpfung.
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