09/11/2022
Die Frage, wie viele Evangelien es gibt, mag auf den ersten Blick einfach erscheinen, doch die Antwort offenbart eine reiche Geschichte und tiefgreifende theologische Bedeutung. Im Kern des christlichen Glaubens stehen die vier kanonischen Evangelien, die uns die wichtigsten Berichte über das Leben, Wirken, Sterben und die Auferstehung Jesu Christi überliefern. Diese Texte sind nicht nur historische Dokumente, sondern lebendige Zeugnisse, die seit Jahrhunderten Gläubige inspirieren und Orientierung bieten. Ihre Entstehung, ihre zugeschriebenen Autoren und die Symbolik, die sie umgibt, sind Themen von unschätzbarer Bedeutung für das Verständnis des Neuen Testaments und der christlichen Tradition.

Die Evangelien sind weit mehr als nur Biografien; sie sind theologische Darstellungen, die jeweils eine einzigartige Perspektive auf Jesus von Nazareth bieten. Obwohl sie sich in ihrem Fokus und Stil unterscheiden, ergänzen sie sich gegenseitig zu einem umfassenden Bild des Messias. Die Art und Weise, wie diese Texte über die Jahrhunderte hinweg gesammelt, bewahrt und interpretiert wurden, zeugt von ihrer zentralen Rolle in der Entwicklung des Christentums.
Die kanonischen Vier: Eine göttliche Erzählung
Wenn wir von den Evangelien sprechen, meinen wir in der Regel die vier Schriften, die im Neuen Testament des christlichen Kanons enthalten sind: das Evangelium nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas und nach Johannes. Diese vier Bücher bilden das Fundament der christlichen Lehre und sind die primären Quellen für unser Wissen über Jesus Christus. Sie wurden von der frühen Kirche als inspiriert und maßgeblich anerkannt und sind bis heute die meistgelesenen und studierten Texte der Bibel.
Jedes dieser Evangelien wurde von der Kirche einer bestimmten Person zugeschrieben, die in der Regel als „Evangelist“ bezeichnet wird. Diese Zuweisungen sind tief in der christlichen Tradition verwurzelt und haben über Jahrhunderte hinweg die Kunst, Liturgie und Theologie geprägt. Doch wie kam es zu diesen Zuschreibungen, und was wissen wir über die tatsächliche Entstehung dieser wegweisenden Schriften?
Wer waren die Evangelisten wirklich? Ursprung und Autorschaft
Der Begriff „Evangelist“ bezeichnet in erster Linie die Autoren der vier biblischen Evangelien über das Leben Jesu. Namensgebend für die Evangelien sind Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, dass die Texte ursprünglich anonym verfasst wurden. Die Zuweisung der Namen erfolgte erst im Nachhinein durch die frühe Kirche, wahrscheinlich im 2. Jahrhundert n. Chr., um den Schriften Autorität und eine apostolische Verbindung zu verleihen.
- Matthäus: In der christlichen Tradition wird er mit dem Apostel Matthäus gleichgesetzt, einem ehemaligen Zöllner, der von Jesus berufen wurde. Sein Evangelium wird oft als das „jüdische“ Evangelium bezeichnet, da es Jesus als den verheißenen Messias des Alten Testaments darstellt.
- Markus: Markus, auch Johannes Markus genannt, war nach der Überlieferung ein Begleiter des Apostels Petrus und schrieb sein Evangelium auf der Grundlage von dessen Predigten. Es ist das kürzeste der Evangelien und zeichnet sich durch seine Schnelligkeit und den Fokus auf Jesu Taten aus.
- Lukas: Lukas war nach der Tradition ein Arzt und Begleiter des Apostels Paulus. Sein Evangelium ist bekannt für seine detaillierte Darstellung der Geburt und Kindheit Jesu, seine Betonung der Barmherzigkeit Gottes und seine universelle Botschaft der Erlösung für alle Menschen, einschließlich der Heiden.
- Johannes: Johannes wird mit dem Apostel Johannes, dem „Lieblingsjünger“ Jesu, identifiziert. Sein Evangelium unterscheidet sich stilistisch und thematisch stark von den anderen drei (den synoptischen Evangelien) und konzentriert sich auf die Göttlichkeit Jesu, seine langen Reden und die tiefen theologischen Bedeutungen seiner Wunder.
Diese Zuschreibungen sind zwar traditionell und von großer Bedeutung für die Kirchengeschichte, doch moderne Bibelwissenschaftler weisen darauf hin, dass die genaue Autorschaft der Evangelien komplexer ist und nicht immer direkt mit den genannten Aposteln oder ihren Begleitern in Verbindung gebracht werden kann. Die Texte sind vielmehr das Ergebnis einer Entwicklung von mündlichen Überlieferungen, gesammelten Berichten und theologischer Reflexion innerhalb der frühen christlichen Gemeinschaften.
Das Evangeliar: Die Evangelien im liturgischen Kontext
Die Bedeutung der Evangelien zeigt sich auch in ihrer liturgischen Verwendung. Ein liturgisches Buch, das ausschließlich die vier Evangelien enthält, wird als Evangeliar bezeichnet. Diese kunstvoll gestalteten Bücher waren und sind zentrale Elemente des Gottesdienstes und zeugen von der hohen Wertschätzung, die den Evangelien entgegengebracht wird.
Ab dem 6. Jahrhundert wurde es üblich, diesen Evangeliaren Darstellungen der vier Autoren voranzustellen. Diese Miniaturen zeigen die Evangelisten oft an einem Pult sitzend und ihr jeweiliges Evangelium schreibend. Beispiele hierfür sind das Reichenauer Evangeliar Ottos III. in der Bayerischen Staatsbibliothek in München oder das Schwarze Stundenbuch von Karl dem Kühnen in der Österreichischen Nationalbibliothek zu Wien. Ähnliche Szenen finden sich auch in der Elfenbeinschnitzerei und auf Dekorationen von Chorgestühlen, Kanzeln und Taufbecken, was die Allgegenwart der Evangelisten in der christlichen Kunst und Architektur unterstreicht.
Die Symbolik der Evangelisten: Eine visuelle Sprache
Neben den Darstellungen der Evangelisten selbst entwickelten sich ab dem 4. Jahrhundert auch spezifische Symbole, die jeden Evangelisten repräsentieren. Diese Evangelistensymbole sind tief in der biblischen Tradition verwurzelt, insbesondere in den Visionen des Propheten Ezechiel (Ezechiel 1,10) und der Offenbarung des Johannes (Offenbarung 4,7). Sie versinnbildlichen verschiedene Aspekte der Person Jesu und seiner Botschaft, wie sie im jeweiligen Evangelium betont werden.
- Matthäus und der Mensch (oder Engel): Das Symbol des Menschen oder Engels für Matthäus wird oft damit in Verbindung gebracht, dass sein Evangelium mit dem Stammbaum Jesu beginnt und dessen Menschwerdung besonders hervorhebt. Es betont die menschliche Natur Christi und seine Rolle als Lehrer und Messias. Matthäus stellt Jesus als denjenigen dar, der die alttestamentlichen Prophezeiungen erfüllt und die neue Lehre Gottes verkündet. Das menschliche Antlitz steht für die menschliche Seite Christi, seine Inkarnation und seine Lehre.
- Markus und der Löwe: Der Löwe als Symbol für Markus wird oft mit der Stimme des Johannes des Täufers in der Wüste verglichen, die „wie ein brüllender Löwe“ ruft (Markus 1,3). Es symbolisiert Stärke, Königsherrschaft und Auferstehung. Markus' Evangelium beginnt abrupt und konzentriert sich auf die Taten Jesu, seine Wunder und seine Autorität. Der Löwe steht für die göttliche Macht Jesu und seine königliche Autorität.
- Lukas und der Stier (oder Ochse): Der Stier oder Ochse ist das Symbol für Lukas. Dieses Tier wurde im Tempel geopfert, was auf die priesterliche Rolle Jesu und sein Opfer für die Sünden der Menschheit hinweist, wie es im Evangelium des Lukas betont wird (Lukas 1,5–25, Zacharias als Priester). Es symbolisiert Dienst, Opfer und die Sühne für die Sünden der Welt. Lukas' Evangelium betont Jesu Barmherzigkeit und seine Rolle als Retter für alle Menschen. Der Stier repräsentiert das Opfer und die priesterliche Natur Christi.
- Johannes und der Adler: Der Adler, der höchste Flieger unter den Vögeln, ist das Symbol für Johannes. Er symbolisiert die göttliche Natur Christi, die Fähigkeit, über die irdischen Dinge zu erheben und die himmlischen Geheimnisse zu schauen. Johannes' Evangelium beginnt mit einem tiefgründigen theologischen Prolog über das Wort Gottes, das Fleisch wurde (Johannes 1,1–18). Der Adler steht für die Erhabenheit und Göttlichkeit Christi.
Diese Symbole sind nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern dienen als eine Art Kurzschrift für die Kernbotschaft jedes Evangeliums und die einzigartige Perspektive seines Autors auf Jesus Christus. Sie sind in der christlichen Kunst allgegenwärtig und helfen Gläubigen seit Jahrhunderten, die tiefere Bedeutung der Evangelien zu erfassen.
Tabelle: Evangelisten und ihre Symbole
| Evangelist | Symbol | Bedeutung des Symbols im Kontext des Evangeliums |
|---|---|---|
| Matthäus | Mensch (oder Engel) | Betont Jesu Menschwerdung, Stammbaum und Lehre als Mensch. |
| Markus | Löwe | Symbolisiert Jesu königliche Autorität, Kraft und Auferstehung. |
| Lukas | Stier (oder Ochse) | Verweist auf Jesu priesterlichen Dienst und sein Opfer für die Menschheit. |
| Johannes | Adler | Repräsentiert Jesu Göttlichkeit, seine himmlische Herkunft und die tiefen theologischen Wahrheiten. |
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zu den Evangelien
Gibt es außer den vier kanonischen Evangelien noch weitere?
Ja, es gibt tatsächlich zahlreiche andere Schriften, die ebenfalls als „Evangelien“ bezeichnet werden, aber nicht in den Kanon des Neuen Testaments aufgenommen wurden. Diese werden oft als „apokryphe Evangelien“ bezeichnet, wie das Thomasevangelium, das Petrusevangelium oder das Kindheitsevangelium des Thomas. Die frühe Kirche hat diese Schriften aus verschiedenen Gründen nicht in den Kanon aufgenommen, meist weil sie nicht als apostolisch angesehen wurden, theologische Abweichungen enthielten oder erst viel später entstanden sind. Die vier kanonischen Evangelien wurden aufgrund ihrer Übereinstimmung mit der apostolischen Lehre und ihrer weitreichenden Akzeptanz in den Gemeinden ausgewählt.
Warum wurden genau vier Evangelien in den Kanon aufgenommen?
Die Entscheidung, genau vier Evangelien in den Kanon aufzunehmen, war ein Prozess, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte und von theologischen Überlegungen und der Konsensbildung innerhalb der frühen Kirche geprägt war. Der Kirchenvater Irenäus von Lyon (ca. 130–202 n. Chr.) argumentierte bereits im 2. Jahrhundert, dass es genau vier Evangelien geben müsse, da die Welt vier Himmelsrichtungen und vier Winde habe und das Evangelium eine universelle Botschaft sei. Diese theologische Begründung, kombiniert mit der apostolischen Herkunft und der weiten Verbreitung dieser vier Schriften, führte zu ihrer kanonischen Festlegung. Sie boten eine umfassende und doch vielfältige Darstellung des Lebens und Wirkens Jesu.
Sind die Evangelien historische Berichte im modernen Sinne?
Die Evangelien sind keine modernen Biografien oder Geschichtswerke im streng wissenschaftlichen Sinne. Sie sind theologische Zeugnisse, die dazu dienen, den Glauben an Jesus Christus zu verkünden und zu festigen. Obwohl sie historische Ereignisse berichten und auf Augenzeugenberichten basieren, ist ihr primäres Ziel nicht die exakte historische Dokumentation, sondern die Vermittlung einer Botschaft der Erlösung. Sie sind „Evangelien“ – gute Nachrichten – die in einer narrativen Form präsentiert werden, um die Bedeutung Jesu für die Menschheit zu offenbaren. Historiker nutzen sie dennoch als wichtige Quellen, müssen aber ihre theologische Ausrichtung berücksichtigen.
Was bedeutet das Wort „Evangelium“?
Das Wort „Evangelium“ stammt vom griechischen „euangelion“ ab, was „gute Nachricht“ oder „frohe Botschaft“ bedeutet. Im antiken Kontext wurde es oft verwendet, um die Nachricht von einem Sieg oder der Geburt eines Königs zu verkünden. Im christlichen Kontext bezieht sich das Evangelium auf die gute Nachricht von Jesus Christus, seiner Erlösungstat und der Möglichkeit der Versöhnung mit Gott durch ihn. Es ist die zentrale Botschaft des christlichen Glaubens, die durch die Evangelien in schriftlicher Form festgehalten und weitergegeben wird.
Die bleibende Relevanz der Evangelien
Die vier Evangelien sind nicht nur Zeugnisse einer vergangenen Zeit; sie sind bis heute lebendige Texte, die Menschen auf der ganzen Welt inspirieren. Sie bieten tiefe Einblicke in die Lehren Jesu, sein mitfühlendes Handeln und seine radikale Botschaft der Liebe und Vergebung. Die Vielfalt der Perspektiven, die Matthäus, Markus, Lukas und Johannes bieten, ermöglicht es Lesern, Jesus aus verschiedenen Blickwinkeln zu begegnen und die Fülle seiner Person und seines Wirkens zu erfassen.
Ob in der persönlichen Andacht, im Gottesdienst oder in der theologischen Forschung – die Evangelien bleiben der unerschöpfliche Quell, aus dem Christen Kraft, Weisheit und Hoffnung schöpfen. Ihre Bedeutung reicht weit über theologische Kreise hinaus und prägt weiterhin Kultur, Ethik und das soziale Engagement von Milliarden von Menschen weltweit. Sie sind und bleiben das Herzstück der christlichen Botschaft, die gute Nachricht für alle Generationen.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Die vier Evangelien: Kern des christlichen Glaubens kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.
