Was ist das erste Evangelium?

Das Matthäusevangelium: Das erste Buch des NT

03/09/2023

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In der reichen Landschaft der biblischen Schriften nimmt das Matthäusevangelium eine herausragende Stellung ein, nicht zuletzt, weil es traditionell als das erste der neutestamentlichen Bücher genannt wird. Diese Spitzenstellung, die sich nicht nur in modernen Bibelausgaben, sondern bereits in den frühesten christlichen Auflistungen der kanonischen Schriften manifestiert, verleiht ihm eine besondere Autorität und Bedeutung. Obwohl es in der Reihenfolge der neutestamentlichen Bücher an erster Stelle steht, ist es nach heutiger bibelwissenschaftlicher Erkenntnis jedoch nicht das älteste der Evangelien. Seine tiefgreifende theologische Botschaft und seine Relevanz für die frühe Kirche haben es dennoch zu einem Eckpfeiler des christlichen Glaubens gemacht und prägen bis heute unser Verständnis von Jesus Christus und seiner Lehre.

Was ist das erste Evangelium?
Es ist das erste Evangelium, auch wenn es ziemlich sicher nicht das älteste ist: das Matthäusevangelium. In der Heiligen Schrift nimmt es eine Spitzenstellung ein, denn es wird stets als erstes der neutestamentlichen Bücher genannt – nicht nur in heutigen Bibelausgaben, sondern schon in allen frühchristlichen Auflistungen der biblischen Schriften.
Inhaltsverzeichnis

Die Stellung des Matthäusevangeliums im Neuen Testament

Die unangefochtene Position des Matthäusevangeliums am Anfang des Neuen Testaments ist bemerkenswert und zeugt von seiner großen Wertschätzung in der frühen Kirche. Es wird stets als erstes der vier Evangelien aufgeführt, was ihm eine Art grundlegende Funktion innerhalb des Kanons zuschreibt. Diese Ordnung ist nicht zufällig, sondern spiegelt die historische Bedeutung und den Einfluss wider, den dieses Evangelium auf die Entwicklung des christlichen Denkens und der Liturgie hatte. Es diente oft als Einführung in die Botschaft Jesu und bot eine umfassende Darstellung seines Lebens, seiner Lehre, seines Todes und seiner Auferstehung. Seine detaillierten Berichte, insbesondere die großen Reden Jesu, machten es zu einem bevorzugten Text für katechetische Zwecke und die Verkündigung des Glaubens.

Autorschaft und Entstehung: Eine historische Betrachtung

Die Frage nach dem Verfasser des Matthäusevangeliums ist komplex und Gegenstand intensiver bibelwissenschaftlicher Forschung. Während die kirchliche Tradition seit langem den Apostel Matthäus als Autor annimmt, lassen die internen Merkmale des Textes eine solche direkte Autorschaft eines Augenzeugen unwahrscheinlicher erscheinen. Der Apostel Matthäus, auch bekannt als Levi, war einer der zwölf Jünger Jesu und hätte als solcher eigene Erfahrungen und Erinnerungen an das Wirken Jesu festhalten können. Doch das Matthäusevangelium zeigt eine deutliche Abhängigkeit von bereits existierenden Schriften, insbesondere vom Markusevangelium.

Die Zuschreibung an den Apostel Matthäus geht auf frühe kirchliche Zeugnisse zurück, wobei Bischof Papias von Hierapolis um 125 n. Chr. als erster diese Ansicht vertrat. Es wird vermutet, dass diese Zuschreibung dazu dienen sollte, dem Evangelium einen apostolischen Vorrang und damit eine unzweifelhafte Autorität zu verleihen. In einer Zeit, in der die junge Kirche ihre Identität festigte und sich gegen unterschiedliche Lehren abgrenzte, war die Verbindung zu einem Apostel von immenser Bedeutung für die Legitimation eines Textes.

Die Quellen des Matthäusevangeliums

Bibelwissenschaftler sind sich heute weitgehend einig, dass der Verfasser des Matthäusevangeliums ein gebildeter Judenchrist war, der sich intensiv mit den Schriften und Traditionen seiner Zeit auseinandersetzte. Er nutzte das Markusevangelium als primäre Struktur und ergänzte es durch weiteres Material. Ein Großteil dieses zusätzlichen Materials stammt vermutlich aus einer hypothetischen Quelle, die von Theologen als 'Spruchquelle Q' bezeichnet wird. Diese Quelle, die heute nicht mehr erhalten ist, enthielt wohl hauptsächlich Worte und Reden Jesu und wurde auch vom Verfasser des Lukasevangeliums genutzt. Darüber hinaus fügte Matthäus einzigartiges Material hinzu, das nur in seinem Evangelium zu finden ist und seine spezifischen theologischen Schwerpunkte widerspiegelt.

Die Herangehensweise des Matthäus zeigt, dass er nicht einfach nur Berichte sammelte, sondern die überlieferten Traditionen gezielt bearbeitete und interpretierte, um sie den Bedürfnissen seiner Gemeinde anzupassen. Er schuf ein kohärentes Werk, das Jesu Botschaft für eine spezifische Lebenssituation neu auslegte und aktualisierte.

QuelleBeschreibungTypisches Material
MarkusevangeliumÄltestes Evangelium, diente als grundlegende Struktur für Matthäus.Erzählrahmen, viele Wundergeschichten, Passionsgeschichte.
Spruchquelle QHypothetische Sammlung von Jesusworten und -lehren, die Matthäus und Lukas unabhängig voneinander nutzten.Teile der Bergpredigt, Gleichnisse, Weisheitssprüche.
M-Material (Sondergut)Einzigartiges Material, das nur im Matthäusevangelium vorkommt.Kindheitsgeschichte (Sterndeuter), Gleichnisse (Unkraut unter dem Weizen), Gerichtsszenen (Weltgericht).

Die Adressaten und ihre Herausforderungen: Eine Gemeinde im Umbruch

Das Matthäusevangelium wurde für eine bestimmte christliche Gemeinde verfasst, deren genauer Standort nicht genannt wird, aber aufgrund innerer Hinweise und früher Zeugnisse (wie der syrischen Gemeindeordnung und Ignatius von Antiochien) in Syrien vermutet wird, möglicherweise in Antiochien. Der Text selbst deutet darauf hin: „Und sein Ruf (Jesu) verbreitete sich in ganz Syrien“ (Mt 4,24). Diese Gemeinde befand sich in einer komplexen und herausfordernden Situation.

Sie bestand aus Judenchristen, die an Jesus als den Messias und Sohn Gottes glaubten und sich von der Synagoge abgespalten hatten. Diese Abspaltung war schmerzhaft und führte zu Spannungen mit den jüdischen Autoritäten. Gleichzeitig nahm die Gemeinde Heidenchristen auf, die ebenfalls zum Glauben an Jesus gefunden hatten. Diese gemischte Zusammensetzung führte zu internen Konflikten und Unsicherheiten, insbesondere hinsichtlich der Gültigkeit und Anwendung des jüdischen Gesetzes, der Tora. Matthäus zielte darauf ab, diese Fragen zu klären und die Gemeinde in ihrer Identität zu stärken. Er wollte zeigen, wie die Tora im Licht der Lehre Jesu zu verstehen und zu leben war, sowohl für Juden- als auch für Heidenchristen. Die Kritik an den Pharisäern und die Abgrenzung zur Synagoge im Evangelium spiegeln diese innergemeindlichen Debatten und externen Spannungen wider.

Theologische Schwerpunkte und Jesu Lehre

Matthäus präsentiert Jesus als den ultimativen Lehrer und Meister, dessen Lehre die Grundlage für eine neue christliche Ethik bildet. Dies wird besonders deutlich in den großen Reden Jesu, die das Evangelium strukturieren und seine Kernbotschaften vermitteln.

Die Bergpredigt: Magna Charta der Jüngerschaft

Ein herausragendes Beispiel für Jesu Lehre ist die berühmte Bergpredigt (Mt 5,1-7,29). Neutestamentler wie Thomas Söding bezeichnen sie als die „Magna Charta christlicher Jüngerschaft“. In dieser Rede legt Jesus die Tora neu aus und vertieft ihre Bedeutung. Er verschiebt den Fokus von der bloßen Einhaltung äußerer Gebote hin zur inneren Gesinnung und zur Radikalität der Liebe. Die Bergpredigt fordert die Jünger zu einer umfassenden Gerechtigkeit auf, die über die Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer hinausgeht. Sie bildet die ethische Grundlage für das Leben der Nachfolger Jesu und zeigt, wie das Reich Gottes bereits in dieser Welt gelebt werden kann.

Weitere wichtige Reden und die "ökumenische" Botschaft

Neben der Bergpredigt enthält das Matthäusevangelium weitere zentrale Reden Jesu, die seine Botschaft vertiefen. Die Aussendungsrede (Mt 9,35-11,1) rüstet die Jünger für ihre Mission aus und warnt sie vor den bevorstehenden Gefahren. Die Gleichnisrede (Mt 13) offenbart Geheimnisse des Himmelreiches durch anschauliche Bilder. Die Gemeindeordnung (Mt 18) gibt Anweisungen für das Zusammenleben und die Konfliktlösung innerhalb der Gemeinschaft. Und die Endzeitrede (Mt 24,1-25,46) spricht über die letzten Dinge, die Wiederkunft Christi und das Gericht. Durch diese Reden interpretiert der Verfasser die jüdische Lehre neu und macht sie für seine gemischte Gemeinde, bestehend aus Juden- und Heidenchristen, lebbar.

Der Schweizer Theologe Ulrich Luz bezeichnet das Matthäusevangelium aufgrund dieses Miteinanders von Juden- und Heidenchristen als „ein ökumenisches Evangelium“. Es überwindet die traditionellen Grenzen und betont die Einheit aller Gläubigen in Christus, unabhängig von ihrer Herkunft. Matthäus zeigt, dass beide Gruppen – Juden und Heiden – gleichermaßen zum Glauben an Jesus berufen sind und ihren Platz in der neuen Gemeinschaft des Volkes Gottes haben.

Die Rolle des Petrus: Der Fels der Kirche

Eine besondere Betonung erfährt im Matthäusevangelium die Gestalt des Apostels Petrus. Er wird bei der Aufzählung der Zwölf ausdrücklich „an erster Stelle“ (Mt 10,2) genannt, was seine herausragende Position unter den Jüngern unterstreicht. Die berühmte Szene, in der Jesus ihn als „Fels“ (Mt 16,18) bezeichnet, auf den er seine Kirche bauen will, ist zentral für das Verständnis der Apostolischen Sukzession und der Rolle der Kirchenleitung. Petrus verkörpert sowohl Glaubensstärke als auch menschliches Versagen, was die Gemeinde des Matthäus dazu ermutigen konnte, sich in ihm wiederzufinden. Seine Figur steht stellvertretend für die Apostolische Tradition, die für die Legitimität und Führung der frühen Kirche von entscheidender Bedeutung war. Diese besondere Wertschätzung des Petrus im Matthäusevangelium trug maßgeblich dazu bei, dass dieses Evangelium in der Kirche hochgeschätzt wurde und vor der Liturgiereform eine dominante Stellung in der alten Leseordnung einnahm.

Der Beginn und das Ende: Rahmen für eine universelle Botschaft

Das Matthäusevangelium beginnt mit einem ausführlichen Stammbaum Jesu (Mt 1,1-17), der seine Abstammung vom jüdischen Stammvater Abraham über König David bis hin zu Josef, dem Ziehvater Jesu, aufzeigt. Dieser Stammbaum etabliert Jesus als den rechtmäßigen Erben der davidischen Verheißungen und als echten Menschen, der tief in der Geschichte seines Volkes verwurzelt ist. Gleichzeitig weist die Huldigung der Sterndeuter (Magier) aus dem Osten darauf hin, dass die Botschaft Jesu von Anfang an eine universelle Dimension hat und auch die Heiden zum Glauben berufen sind. Matthäus gelingt es hier, die judenchristlichen und heidenchristlichen Tendenzen seiner Gemeinde miteinander zu versöhnen und zu zeigen, dass in Christus alle Völker vereint sind.

Der Schluss des Matthäusevangeliums ist ebenso bedeutsam und gilt als Schlüssel zum Verständnis des gesamten Textes. Der auferstandene Jesus erscheint den Aposteln und erteilt ihnen den Missionsbefehl (Mt 28,16-20): „Geht nun hin und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt.“ Diese Bibelstelle hat die Weltgeschichte wie kaum eine andere geprägt, denn sie begründete den missionarischen Eifer des Christentums und führte zu seiner weltweiten Verbreitung. Sie fasst, wie der Theologe Luz es ausdrückt, „wie in einem Kopfbahnhof“ die zentralen Themen des Werkes zusammen: Jesus ist der Sohn Gottes, und seine Apostel sind dazu berufen, die Botschaft vom Reich Gottes sowohl Juden als auch Heiden zu verkünden. Es ist ein Aufruf zur weltweiten Jüngerschaft und zur Ausbreitung des Evangeliums bis an die Enden der Erde.

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Matthäusevangelium

Wer war der Autor des Matthäusevangeliums?

Obwohl die kirchliche Tradition das Matthäusevangelium dem Apostel Matthäus zuschreibt, gehen die meisten Bibelwissenschaftler heute davon aus, dass der tatsächliche Verfasser unbekannt ist. Es handelte sich wahrscheinlich um einen gebildeten Judenchristen aus Syrien, möglicherweise einen Gemeindeleiter oder Schriftgelehrten. Er kannte die jüdischen Gesetze und Bräuche sehr gut und schrieb in einem verfeinerten Griechisch. Das Evangelium wurde um 80 n. Chr. verfasst, wobei der Autor das ältere Markusevangelium sowie eine verlorene Spruchsammlung Jesu, die sogenannte 'Spruchquelle Q', als Quellen nutzte und eigenes Material hinzufügte. Die Übereinstimmung des Namens Matthäus mit dem Zöllner Levi in anderen Evangelien könnte eine spätere Identifikation der Person des Apostels mit dem Autor des Evangeliums sein, um dessen Autorität zu untermauern.

Warum wird das Matthäusevangelium als das "erste" Evangelium bezeichnet?

Das Matthäusevangelium wird als das „erste“ Evangelium bezeichnet, weil es in allen frühchristlichen Kanonlisten und modernen Bibelausgaben an erster Stelle der neutestamentlichen Bücher steht. Dies liegt an seiner umfassenden Darstellung des Lebens und der Lehre Jesu, seiner detaillierten Wiedergabe der Reden Jesu (insbesondere der Bergpredigt) und seiner klaren Struktur. Es wurde in der frühen Kirche oft als Einführung in die christliche Botschaft genutzt und bot eine solide Grundlage für die Katechese. Seine prominente Platzierung spiegelt seine historische Bedeutung und seinen Einfluss auf die theologische Entwicklung des Christentums wider, auch wenn es nach bibelwissenschaftlicher Erkenntnis nicht das chronologisch älteste Evangelium ist.

Was ist die Bedeutung der "Bergpredigt"?

Die Bergpredigt (Matthäus 5-7) ist eine der bekanntesten und einflussreichsten Reden Jesu im Neuen Testament. Sie wird oft als die „Magna Charta christlicher Jüngerschaft“ bezeichnet, da sie die ethischen Prinzipien und die moralischen Anforderungen für die Nachfolger Jesu darlegt. In der Bergpredigt legt Jesus die Tora, das jüdische Gesetz, neu aus und vertieft dessen Bedeutung, indem er den Fokus von der äußeren Einhaltung auf die innere Gesinnung und die Radikalität der Liebe verlagert. Sie enthält zentrale Lehren wie die Seligpreisungen, die Gebote zur Feindesliebe, die Aufforderung zur Gebet, Fasten und Almosengeben, sowie die Goldene Regel. Die Bergpredigt ist fundamental für das Verständnis einer christlichen Ethik und des Lebens im Reich Gottes.

Was bedeutet es, dass das Matthäusevangelium "ökumenisch" ist?

Der Schweizer Theologe Ulrich Luz bezeichnet das Matthäusevangelium als „ökumenisches Evangelium“, da es die Versöhnung und das Miteinander von Juden- und Heidenchristen in der frühen Kirche thematisiert. Die Gemeinde, für die Matthäus schrieb, bestand aus beiden Gruppen, die jeweils ihre eigenen Traditionen und Herausforderungen mitbrachten. Das Evangelium zeigt, wie Jesus die Grenzen zwischen diesen Gruppen überwindet und alle zum Glauben beruft. Es betont, dass sowohl die Nachkommen Abrahams als auch die Heiden ihren Platz im Volk Gottes haben und dass die Botschaft Christi für alle Völker bestimmt ist. Dies fördert ein Verständnis von Einheit und Inklusion innerhalb der christlichen Gemeinschaft.

Welche Rolle spielt Petrus im Matthäusevangelium?

Im Matthäusevangelium nimmt der Apostel Petrus eine besonders wichtige und herausragende Stellung ein. Er wird nicht nur als erster unter den zwölf Aposteln genannt, sondern Jesus bezeichnet ihn auch als den „Fels“, auf den er seine Kirche bauen will (Mt 16,18). Diese Passage ist entscheidend für das Verständnis der Rolle des Petrus als Fundament und Sprecher der Apostel. Petrus verkörpert sowohl den starken Glauben als auch menschliches Versagen, was ihn zu einer Identifikationsfigur für die Gemeinde macht. Seine Schlüsselrolle in der Überlieferung und seine Funktion als Repräsentant der Apostolischen Tradition trugen maßgeblich zur hohen Wertschätzung des Matthäusevangeliums in der frühen Kirche und bis heute bei.

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