Was passierte nach der Rückeroberung Jerusalems?

Jerusalems Rückeroberung: Eine neue Ära beginnt

15/02/2024

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Die Nachricht von der Rückeroberung Jerusalems durch Sultan Saladin am 2. Oktober 1187 traf Europa wie ein Blitzschlag. Nach 88 Jahren christlicher Herrschaft war die Heilige Stadt, das Herzstück der Frömmigkeit für Christen, Juden und Muslime gleichermaßen, wieder unter muslimischer Kontrolle. Dieses Ereignis löste nicht nur tiefe Trauer und Empörung aus, sondern setzte auch eine Kette von Reaktionen in Gang, die das politische und religiöse Gefüge des Nahen Ostens und Europas nachhaltig prägen sollten. Die unmittelbare Antwort war der Ruf nach einem neuen, dem Dritten Kreuzzug, doch die Geschichte Jerusalems nach 1187 sollte weit komplexer und nuancierter sein, als es die anfängliche militärische Konfrontation vermuten ließ.

Was passierte nach der Rückeroberung Jerusalems?
Es folgen Ausführungen zur Kooperation zwischen Christen und Muslimen nach der Rückeroberung Jerusalems im Jahre 1187 auf politischer Ebene (Jerusalem und Kairo) und auf individueller Ebene. Ein Exkurs blickt auf die unvollendete Oper Die Sarazenin von Richard Wagner.
Inhaltsverzeichnis

Der Dritte Kreuzzug: Militärische Macht trifft auf Saladins Herrschaft

Die Nachricht vom Fall Jerusalems verbreitete sich rasch und führte zu einem gewaltigen Aufruf zum Dritten Kreuzzug. Die bedeutendsten Monarchen Europas – Kaiser Friedrich Barbarossa vom Heiligen Römischen Reich, König Philipp II. August von Frankreich und König Richard I. Löwenherz von England – nahmen das Kreuz. Ihr Ziel war klar: Jerusalem zurückzuerobern und die Kreuzfahrerstaaten zu stabilisieren. Doch die Realität erwies sich als weitaus schwieriger als die frommen Absichten. Friedrich Barbarossa ertrank tragischerweise auf dem Weg ins Heilige Land, und die verbleibenden europäischen Mächte standen einem überaus fähigen und strategisch denkenden Gegner gegenüber: Saladin.

Saladin (Möhring, 2012) hatte nach der Schlacht von Hattin (1187) und der Eroberung Jerusalems ein riesiges Reich aufgebaut, das von Ägypten bis Syrien reichte. Seine Führung und die Einheit der muslimischen Streitkräfte waren entscheidende Faktoren. Der Dritte Kreuzzug, obwohl militärisch eindrucksvoll und von Schlachten wie der Belagerung von Akkon und der Schlacht von Arsuf geprägt, gelang es nicht, Jerusalem zurückzugewinnen. Richard Löwenherz, bekannt für seine militärische Brillanz, konnte Saladin zwar in mehreren Schlachten besiegen und die Küstenstädte sichern, doch ein direkter Angriff auf Jerusalem blieb aus Furcht vor überzogenen Versorgungslinien und einer zu langen Belagerung aus. Stattdessen wurde 1192 der Vertrag von Ramla geschlossen. Dieser Vertrag sah vor, dass die Küstenregion von Tyros bis Jaffa in christlicher Hand blieb und christlichen Pilgern der freie Zugang nach Jerusalem gewährt wurde – jedoch ohne die Stadt selbst zurückzugeben. Es war ein bitterer Kompromiss für die Kreuzfahrer, aber ein pragmatischer Sieg für Saladin.

Friedrich II. und die unblutige Rückgewinnung Jerusalems (1229)

Nach dem Scheitern des Dritten Kreuzzugs und Saladins Tod im Jahr 1193 ebbte die direkte militärische Konfrontation um Jerusalem ab, doch der Wunsch nach der Rückgewinnung der Heiligen Stadt blieb in Europa lebendig. Ein unerwarteter Protagonist sollte die Geschichte Jerusalems in den 1220er Jahren entscheidend prägen: Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen (Stürner, 2009). Friedrich II. war eine faszinierende und umstrittene Figur, ein gebildeter Herrscher, der fließend Arabisch sprach und ein großes Interesse an der islamischen Kultur und Wissenschaft zeigte (Salama, 2008/2009; Haskins, 1960).

Obwohl er vom Papst wegen wiederholter Verzögerungen bei der Erfüllung seines Kreuzzugsgelübdes exkommuniziert wurde, brach Friedrich II. 1228 zum Sechsten Kreuzzug auf. Doch anstatt auf militärische Gewalt zu setzen, verfolgte er einen einzigartigen diplomatischen Ansatz. Er nahm Verhandlungen mit Sultan Al-Kamil auf, Saladins Neffen und Herrscher Ägyptens. Al-Kamil war zu dieser Zeit in interne Konflikte verwickelt und sah in einem Bündnis oder zumindest einem Friedensvertrag mit Friedrich II. eine Möglichkeit, seine Position zu stärken.

Die Verhandlungen führten 1229 zum Vertrag von Jaffa. Dieser bahnbrechende Vertrag sah vor, dass Jerusalem, Bethlehem und Nazareth für zehn Jahre und sechs Monate an die Christen zurückgegeben wurden. Im Gegenzug verpflichtete sich Friedrich II., Al-Kamil in seinen internen Konflikten zu unterstützen. Das Ungewöhnliche an diesem Vertrag war, dass er ohne Blutvergießen zustande kam. Darüber hinaus enthielt der Vertrag eine Klausel, die Muslimen den Zugang zur Haram al-Sharif (Tempelberg/Al-Aqsa-Moschee) in Jerusalem garantierte, wo sie weiterhin ihre Gebete verrichten durften. Dies war ein beispielloser Akt der Koexistenz und zeigte Friedrichs pragmatisches Verständnis für die religiöse Bedeutung Jerusalems für beide Seiten (Köhler, 1991). Die Rückgewinnung Jerusalems durch Diplomatie war ein Schock für viele Zeitgenossen, insbesondere für den Papst, der Friedrichs Vorgehen als Verrat am Kreuzzugsgedanken ansah.

Die folgende Tabelle vergleicht die Ansätze und Ergebnisse der Rückgewinnung Jerusalems:

AspektDritter Kreuzzug (1189-1192)Friedensvertrag Friedrichs II. (1229)
MethodeMilitärische Eroberung, Belagerungen, SchlachtenDiplomatie, Verhandlung, ohne Blutvergießen
Führende FigurenRichard Löwenherz, Philipp II., SaladinFriedrich II., Sultan Al-Kamil
Ergebnis für JerusalemNicht zurückerobert, aber Pilgerzugang gesichertFür zehn Jahre und sechs Monate unter christliche Kontrolle (mit muslimischem Gebetsrecht auf dem Tempelberg)
Reaktionen der ZeitgenossenGemischte Erfolge, Enttäuschung über Nicht-RückeroberungKontrovers, Exkommunikation Friedrichs, Skepsis der Kreuzfahrer und islamischer Gelehrter

Das kurze Intermezzo christlicher Herrschaft und die erneute Wende

Nach 1229 war Jerusalem für etwas mehr als ein Jahrzehnt wieder unter christlicher Kontrolle, wenn auch unter ungewöhnlichen Bedingungen. Friedrich II. krönte sich selbst in der Grabeskirche zum König von Jerusalem, da er als Exkommunizierter keinen Geistlichen finden konnte, der die Zeremonie durchführte. Die Stadt blieb jedoch eine Enklave, umgeben von muslimischem Territorium, und die Koexistenz, so fragil sie auch war, war eine Notwendigkeit. Muslime, Christen und Juden lebten weiterhin in der Stadt, wenn auch unter christlicher Verwaltung.

Diese Phase der relativen Ruhe war jedoch nur von kurzer Dauer. Die innere Zerstrittenheit unter den christlichen Baronen im Heiligen Land, die Feindseligkeit des Papsttums gegenüber Friedrich II. und die sich verändernden Machtverhältnisse in der islamischen Welt führten zu einer erneuten Destabilisierung. Als der Vertrag von Jaffa 1239 auslief, versuchten die Kreuzfahrer, die Kontrolle über Jerusalem zu behalten oder neu zu verhandeln, aber ohne den diplomatischen Scharfsinn Friedrichs II. und die spezifischen Umstände von Al-Kamils Herrschaft waren solche Bemühungen zum Scheitern verurteilt.

Im Jahr 1244 wurde Jerusalem erneut von muslimischen Kräften, den Choresmiern, erobert und geplündert. Diese Eroberung war besonders brutal und beendete die letzte Phase effektiver christlicher Kontrolle über die Stadt bis ins 20. Jahrhundert hinein. Das Ereignis markierte einen tiefen Einschnitt und führte zum Siebten Kreuzzug, der jedoch ebenfalls scheiterte, Jerusalem zurückzuerobern.

Koexistenz, Konflikt und das Erbe

Die Zeit nach der Rückeroberung Jerusalems im Jahr 1187 war eine Ära intensiver Konflikte, aber auch überraschender Momente der Koexistenz und des interreligiösen Austauschs. Die diplomatischen Bemühungen, insbesondere die von Friedrich II., zeigten, dass eine friedliche Lösung nicht undenkbar war, auch wenn sie von den Hardlinern auf beiden Seiten kritisiert wurde. Die Quellen belegen, dass es in den Kreuzfahrerstaaten und auch in Regionen wie Süditalien (Leder, 2018; Taylor, 2007) Perioden gab, in denen Christen und Muslime, wenn auch nicht immer harmonisch, miteinander lebten und interagierten. Allianzen und Verträge zwischen fränkischen und islamischen Herrschern waren keine Seltenheit (Köhler, 1991).

Doch die religiösen und politischen Spannungen blieben dominant. Die Kreuzzugsidee, die eine militärische Rückeroberung forderte, stand der pragmatischen Diplomatie entgegen. Die gegenseitige Wahrnehmung war oft von Stereotypen und Misstrauen geprägt (Schwinges, 2005), auch wenn es Ausnahmen gab. Die Ereignisse nach 1187 verdeutlichen die Komplexität der Beziehungen zwischen den Religionen und Kulturen im Mittelalter und zeigen, dass die Geschichte nicht nur aus Schlachten, sondern auch aus Verhandlungen, Kompromissen und dem oft mühsamen Prozess der Koexistenz bestand.

Das Erbe dieser Periode ist vielfältig. Es unterstreicht die tiefe religiöse Bedeutung Jerusalems für alle drei abrahamitischen Religionen, die immer wieder zu Konflikten, aber auch zu erstaunlichen Formen des Zusammenlebens führte. Die Fähigkeit zur Zusammenarbeit, selbst unter extremen Bedingungen, wie sie etwa in den theoretischen Modellen zur Evolution der Kooperation (Axelrod & Hamilton, 1981; Boyd & Richerson, 2006) diskutiert wird, manifestierte sich in der Notwendigkeit, pragmatische Lösungen zu finden, auch wenn dies religiöse Dogmen herausforderte. Die Geschichte Jerusalems nach 1187 ist somit eine Geschichte von Glaubenseifer, politischem Kalkül und dem ewigen Ringen um eine Stadt, die für Millionen Menschen heilig ist.

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Hier finden Sie Antworten auf einige der häufigsten Fragen zum Thema:

War Jerusalem nach 1187 dauerhaft in christlicher Hand?

Nein, Jerusalem war nach der Rückeroberung durch Saladin 1187 nur für eine kurze Periode, nämlich von 1229 bis 1244, unter christlicher Kontrolle, und auch diese Kontrolle war durch den Vertrag von Jaffa an Bedingungen geknüpft. Danach fiel die Stadt endgültig wieder an muslimische Herrscher und blieb es bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Warum war Friedrich II. so erfolgreich bei der Rückgewinnung Jerusalems?

Friedrich II. war erfolgreich, weil er einen diplomatischen Ansatz wählte, anstatt militärische Gewalt anzuwenden. Seine Kenntnisse der arabischen Sprache und Kultur sowie die internen politischen Schwierigkeiten des Sultans Al-Kamil ermöglichten einen für beide Seiten vorteilhaften Friedensvertrag, den Vertrag von Jaffa. Er verstand es, die Gunst der Stunde zu nutzen und eine unblutige Lösung zu finden.

Wie lange dauerte die christliche Herrschaft unter Friedrich II. in Jerusalem?

Die christliche Herrschaft über Jerusalem unter dem Vertrag von Jaffa dauerte zehn Jahre und sechs Monate, von 1229 bis 1239. Danach, obwohl es Versuche gab, den Vertrag zu erneuern, kam es zur erneuten muslimischen Eroberung im Jahr 1244.

Was geschah nach dem Ablauf des Vertrags von Jaffa im Jahr 1239?

Nach dem Ablauf des Vertrags von Jaffa gab es erneute Konflikte um Jerusalem. Die Stadt war kurzzeitig in Verhandlungen erneut an christliche Kontrolle übergegangen, aber die inneren Streitigkeiten unter den Kreuzfahrern und die sich verändernden Machtverhältnisse in der muslimischen Welt führten dazu, dass Jerusalem 1244 von den Choresmiern, einer nomadischen Söldnertruppe, erobert und geplündert wurde. Dies markierte das Ende der christlichen Kontrolle über die Stadt im Mittelalter.

Gab es nach 1187 noch weitere Kreuzzüge, die Jerusalem zum Ziel hatten?

Ja, nach dem Dritten Kreuzzug gab es noch mehrere weitere Kreuzzüge, die indirekt oder direkt Jerusalem zum Ziel hatten, wie den Kreuzzug von 1202–1204 (der Konstantinopel eroberte), den Kinderkreuzzug, den Sechsten Kreuzzug unter Friedrich II. (der Jerusalem durch Verhandlungen zurückgewann) und den Siebten Kreuzzug unter Ludwig IX. von Frankreich, der jedoch scheiterte, Jerusalem zurückzuerobern. Keiner dieser späteren Kreuzzüge konnte Jerusalem dauerhaft für die Christen sichern.

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