Was ist das Gedicht von Dietrich Bonhoeffer?

Bonhoeffers Vermächtnis: Von guten Mächten

19/09/2024

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Inmitten der dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte, gefangen in den Klauen der Gestapo, schuf Dietrich Bonhoeffer, ein evangelischer Theologe und Widerstandskämpfer, ein Gedicht, das zu einem der bekanntesten und tröstlichsten Texte der christlichen Literatur werden sollte: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“. Dieses Werk ist weit mehr als nur ein Gedicht; es ist ein letzter Gruß, ein Gebet und ein Vermächtnis, das bis heute unzähligen Menschen in Zeiten der Unsicherheit und des Leidens Halt gibt.

Wie viele Gedichte gibt es von guten Mächten?
Und wenn es sein muss, auch zum Äußersten bereit, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen“. „Von guten Mächten“ gehört zu einem Zyklus von zehn Gedichten bzw. gedichtähnlichen Meditationen, die allesamt im Gefängnis entstanden sind. Und zwar zwischen Juni und Dezember 1944.

Bonhoeffers Worte, verfasst am 19. Dezember 1944 in seiner Gefängniszelle, spiegeln eine tiefe Spiritualität und ein unerschütterliches Vertrauen wider, selbst angesichts des bevorstehenden Todes. Sie zeugen von einer inneren Stärke, die es ihm ermöglichte, sich nicht den „bösen Mächten“ seiner Zeit zu beugen, sondern stattdessen die Hoffnung auf eine göttliche Fürsorge zu formulieren. Die Geschichte dieses Gedichts und des Mannes dahinter ist eine Geschichte von Glaube, Mut und der unsterblichen Kraft der Worte.

Inhaltsverzeichnis

Das Gedicht: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“

Bevor wir uns der tiefen Bedeutung und dem Kontext dieses außergewöhnlichen Werkes widmen, lassen Sie uns den vollständigen Text von Dietrich Bonhoeffers Gedicht, das oft als Gebet rezitiert wird, in seiner ganzen Schönheit betrachten:

Von guten Mächten treu und still umgeben,
Behütet und getröstet wunderbar,
So will ich diese Tage mit euch leben
Und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
Noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach, Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
Das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
Des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
So nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
Aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
An dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
Dann wolln wir des Vergangenen gedenken
Und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
Die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
All deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Der Kontext: Ein Gebet aus der Gefangenschaft

Die Entstehung von „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ ist untrennbar mit den letzten Monaten von Dietrich Bonhoeffers Leben verbunden. Am 19. Dezember 1944, kurz vor Weihnachten, schrieb er diese Zeilen als Teil eines Briefes an seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich bereits in Gestapo-Haft, zuerst im Militärgefängnis Tegel und später im Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße, einem Ort des Terrors und der Gräueltaten des nationalsozialistischen Regimes. Die Worte am Ende seines Briefes waren als Gebet gedacht – ein Ausdruck seines Glaubens und seiner Hoffnung, der Trost spenden sollte, nicht nur Maria, sondern auch allen, die seine Situation teilten.

Dieses Gedicht ist das letzte erhaltene Dokument von Bonhoeffer und wurde zu seinem geistlichen Vermächtnis. Es ist bemerkenswert, dass ein Mann, der unter solch extremen Bedingungen litt und dem die Hinrichtung bevorstand, Worte des Trostes und der Zuversicht finden konnte. Die „guten Mächte“, von denen er spricht, sind nicht physische Beschützer, sondern eine Metapher für die göttliche Fürsorge und die Liebe Gottes, die ihn selbst in der dunkelsten Stunde umgab. Das wiederholte Wort „wunderbar“ in der ersten und letzten Strophe unterstreicht dieses Gefühl des Getragen- und Geborgenseins.

Was ist das Gedicht von Dietrich Bonhoeffer?
Gedicht „Von Guten Mächten....“ von Dietrich Bonhoeffer Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr. Noch will das Alte unsre Herzen quälen, noch drückt uns böser Tage schwere Last.

Das Leben Dietrich Bonhoeffers: Theologe, Widerstandskämpfer, Märtyrer

Um die Tiefe von Bonhoeffers Gedicht vollständig zu erfassen, ist es essenziell, sein Leben und seine Überzeugungen zu verstehen. Dietrich Bonhoeffer wurde am 4. Februar 1906 in Breslau geboren, als sechstes von acht Kindern in einer angesehenen Akademikerfamilie. Sein Vater war der bekannte Neurologe Prof. Dr. Karl Bonhoeffer. Schon früh zeigte sich seine außergewöhnliche intellektuelle Begabung.

Frühes Leben und theologische Ausbildung

Mit nur 17 Jahren legte Bonhoeffer sein Abitur ab und begann ein Theologiestudium in Tübingen, Rom und Berlin. Er promovierte bereits vier Jahre später und habilitierte sich 1930 in Systematischer Theologie an der Berliner Universität. Seine akademische Laufbahn war geprägt von dem Wunsch, den Glauben in der modernen Welt verständlich zu machen und die Kirche zu einer relevanten Kraft für Gerechtigkeit zu formen.

  • 1928: Vikar in der deutschen Gemeinde in Barcelona.
  • 1930: Habilitation in Berlin.
  • 1931: Jugendsekretär für Europa im Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen.
  • 1933: Übernahme eines Auslandspfarramtes in London.

Der Weg in den Widerstand

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 erkannte Bonhoeffer früh die Gefahr für Kirche und Gesellschaft. Er wurde eine führende Stimme der Bekennenden Kirche, die sich gegen die Gleichschaltung der Kirche durch das NS-Regime wehrte. 1935 übernahm er die Leitung des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde, das 1937 von der Polizei geschlossen wurde, aber illegal bis 1940 weiterbestand.

Bonhoeffer sah seine theologische Überzeugung in direktem Widerspruch zum nationalsozialistischen Unrecht. Für ihn war die Kirche nur dann wirklich Kirche, wenn sie „für andere da ist“ und sich aktiv gegen Ungerechtigkeit, insbesondere gegen die Verfolgung der Juden, einsetzte. Sein berühmtes Zitat „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“ verdeutlicht dies eindringlich. Er war nicht bereit, tatenlos zuzusehen.

Nachdem ihm 1936 die Lehrerlaubnis entzogen und 1940 ein Rede- und Schreibverbot auferlegt wurde, schloss sich Bonhoeffer über seinen Schwager Hans von Dohnanyi dem politisch-militärischen Widerstandskreis um Admiral Wilhelm Canaris an. Er nutzte seine ökumenischen Kontakte, um Verbindungen zwischen den westlichen Regierungen und dem deutschen Widerstand zu knüpfen.

Verhaftung und Hinrichtung

Am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer unter dem Vorwurf der Wehrkraftzersetzung verhaftet. Erst nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler gelang es der Gestapo, ihm eine direkte Beteiligung am Widerstand nachzuweisen. Am 3. April 1945 wurde er zusammen mit anderen Häftlingen verlegt. Kurz darauf erging Hitlers Vernichtungsbeschluss für die Beteiligten des 20. Juli. Am 8. April wurde Bonhoeffer ins KZ Flossenbürg gebracht und in der Nacht zum 9. April 1945 nach einem Standgerichtsverfahren zusammen mit Canaris und anderen Widerstandskämpfern durch den Strang hingerichtet.

Dietrich Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt. Sein Leben und sein Tod sind ein Zeugnis von unerschütterlichem Glauben und moralischem Mut. Am 6. August 1996 hob das Landgericht Berlin das Todesurteil gegen ihn auf und rehabilitierte den Theologen, der heute weltweit als ökumenischer Märtyrer verehrt wird.

Bonhoeffers theologische Kernbotschaften

Bonhoeffers Werk umfasst siebzehn Bände und ist bis heute hochaktuell. Seine Gedanken kreisen um die Frage, wie man in einer „mündigen Welt“ von Gott sprechen kann und welche Rolle die Kirche dabei spielt. Einige seiner zentralen Aussagen lauten:

  • „Es gibt erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“
  • „Nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott.“
  • „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“
  • „Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.“
  • „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Diese letzte Aussage fasst die Quintessenz seiner Theologie zusammen: Gottes Gegenwart ist allumfassend und stets gewiss, unabhängig von den Umständen.

Die poetische Sprache Bonhoeffers

Es ist bemerkenswert, dass Bonhoeffer, der vor seiner Haftzeit vor allem als Wissenschaftler und Prediger bekannt war, im Gefängnis zur Dichtkunst fand. „Von guten Mächten“ gehört zu einem Zyklus von zehn Gedichten bzw. gedichtähnlichen Meditationen, die alle zwischen Juni und Dezember 1944 entstanden sind. Sein Freund und Herausgeber Eberhard Bethge bestätigte, dass Bonhoeffer zuvor keine Gedichte geschrieben hatte.

Die Poesie ermöglichte ihm eine neue Form des Ausdrucks, die nicht auf akademischen Diskurs, sondern auf Verdichtung und emotionale Tiefe zielte. In seinen Gedichten verwendet Bonhoeffer eine sparsame Sprache und verzichtet oft auf explizite theologische Begriffe. Das Wort „Gott“ kommt in „Von guten Mächten“ nur einmal vor, während der Begriff „Glaube“ gar nicht zu finden ist. Dies macht das Gedicht universell ansprechend und zugänglich, da es weniger theologische Vorkenntnisse erfordert und stattdessen direkt das menschliche Empfinden anspricht.

Die „guten Mächte“ sind nicht klar definiert, was ihnen eine zeitlose und überkonfessionelle Qualität verleiht. Sie können als Symbole für die Liebe Gottes, die Gemeinschaft von Menschen, die Hoffnung oder einfach das Gute im Universum verstanden werden. Das wiederholte Wort „wunderbar“ betont das Gefühl der Geborgenheit und des Trostes, das Bonhoeffer selbst in seiner ausweglosen Lage empfand. Er klagt nicht, er hadert nicht, sondern vertraut – eine Haltung, die vielen Menschen Mut macht.

Was sind christliche Gebete?
Christliche Gebete und ihre Bedeutung einfach erklärt von Ordensleuten. In der Reihe werden das Vater unser, das Apostolische Glaubensbekenntnis, das Salve Regina und das Gegrüßet seist du Maria und weitere Gebete aus der kirchlichen Praxis erklärt.

Das Lied und seine Wirkung heute

„Von guten Mächten wunderbar geborgen“ wurde von mehr als siebzig Komponisten vertont und findet sich nicht nur im Evangelischen Gesangbuch, sondern auch im katholischen Gotteslob. Dies unterstreicht seine ökumenische Bedeutung und seine Fähigkeit, Menschen über konfessionelle Grenzen hinweg zu berühren.

Die anhaltende Popularität des Liedes liegt in seiner tiefen Botschaft des Vertrauens und der Hoffnung begründet. Es gibt Menschen Worte für das, was sie in ihrem Innersten erhoffen: Kraft und Trost in den Irrungen und Wirrungen des eigenen Lebens und in gesellschaftlichen Umbrüchen. Es ist ein Lied, das bei Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen und in Gottesdiensten gesungen wird – immer dann, wenn Menschen Geborgenheit und Zuversicht suchen.

Bonhoeffers Gedicht erinnert uns daran, dass selbst in den dunkelsten Zeiten Licht und Hoffnung existieren können, wenn wir uns den „guten Mächten“ anvertrauen und auf die allumfassende Gegenwart Gottes vertrauen. Es ist ein zeitloser Ankerpunkt für den Glauben und ein bleibendes Zeugnis der menschlichen Fähigkeit zur Resilienz und Spiritualität.

Vergleich: Bonhoeffers theologische Entwicklung und sein Gedicht

Lebensphase/RolleTheologischer FokusReflexion im Gedicht
Frühe akademische JahreSystematische Theologie, Kirche als GemeinschaftDie Suche nach „Heil“ und die Bitte um Wiederzusammenführung der Gemeinschaft („Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.“)
Bekennende Kirche, WiderstandKirche für andere, Handeln gegen Unrecht, „Kosten der Nachfolge“Die Bereitschaft, den „schweren Kelch, den bittern Des Leids“ anzunehmen; der Ruf nach Gerechtigkeit und das Vertrauen auf Gottes Plan.
Gefangenschaft„Mündige Welt“, Gebet, existentielle FragenDie Geborgenheit durch „gute Mächte“ trotz äußerer Bedrohung; das absolute Vertrauen darauf, dass „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen“.
VermächtnisEin ökumenischer Märtyrer, universelle BotschaftDie zeitlose Gültigkeit der Botschaft von Trost und Zuversicht für alle Menschen, unabhängig vom Glauben.

Häufig gestellte Fragen zu Dietrich Bonhoeffer und seinem Gedicht

Wer war Dietrich Bonhoeffer?

Dietrich Bonhoeffer war ein bedeutender evangelischer Theologe, Pastor und Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime. Er ist bekannt für seine kritische Theologie, seinen Einsatz für die Bekennende Kirche und seine Beteiligung am Widerstand, die ihn letztlich das Leben kostete.

Wann und wo entstand das Gedicht „Von guten Mächten“?

Das Gedicht entstand am 19. Dezember 1944 in Gestapo-Haft in Berlin. Bonhoeffer schrieb es als Teil eines Briefes an seine Verlobte Maria von Wedemeyer.

Was bedeuten die „guten Mächte“ im Gedicht?

Die „guten Mächte“ symbolisieren die göttliche Fürsorge, den Schutz und den Trost Gottes. Sie stehen für die unsichtbare, aber spürbare Gegenwart des Göttlichen, die Bonhoeffer selbst in seiner extremen Notlage erfahren hat. Es kann aber auch die Liebe und Fürsorge von Menschen, die Hoffnung und der Glaube sein.

Ist „Von guten Mächten“ ein Gebet oder ein Lied?

Bonhoeffer selbst schrieb es als Gebet am Ende eines Briefes. Es wurde jedoch später von zahlreichen Komponisten vertont und ist heute als populäres Kirchenlied in evangelischen und katholischen Gesangbüchern weit verbreitet.

Warum ist das Gedicht heute noch so populär?

Das Gedicht ist zeitlos, weil es universelle Themen wie Hoffnung, Trost, Vertrauen und Geborgenheit in schwierigen Zeiten anspricht. Seine schlichte, aber tiefgründige Sprache bietet vielen Menschen, unabhängig von ihrer religiösen Überzeugung, Halt und Zuversicht.

Wurde Dietrich Bonhoeffer rehabilitiert?

Ja, das Todesurteil gegen Dietrich Bonhoeffer wurde am 6. August 1996 vom Landgericht Berlin aufgehoben. Er wird heute weltweit als ökumenischer Märtyrer verehrt und sein Andenken durch zahlreiche nach ihm benannte Einrichtungen bewahrt.

Das Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ bleibt ein leuchtendes Zeugnis von Dietrich Bonhoeffers unerschütterlichem Glauben und seiner tiefen Menschlichkeit. Es ist ein Trost in der Dunkelheit und eine immerwährende Erinnerung daran, dass wir – auch und gerade in den schwierigsten Zeiten – von einer Liebe umgeben sind, die uns trägt und uns in ein neues Morgen führt. Es ist ein Vermächtnis, das uns ermutigt, dem Leben mit Zuversicht zu begegnen, im Wissen, dass Gott am Abend und am Morgen und an jedem neuen Tag bei uns ist.

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