Wie reagieren Insekten auf Feinde?

Die Gottesanbeterin: Meisterin der Tarnung und Jagd

14/09/2024

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Die Gottesanbeterin, wissenschaftlich als Mantis religiosa bekannt, ist weit mehr als nur ein Insekt mit einem bizarren Aussehen. Sie fasziniert die Menschheit seit Jahrtausenden und trägt ihren Namen aufgrund einer einzigartigen Haltung, die an ein Gebet erinnert. Doch hinter dieser scheinbar frommen Pose verbirgt sich eine der effizientesten Jägerinnen der Insektenwelt, deren Leben voller Überraschungen und erstaunlicher Anpassungen steckt. Von ihren blitzschnellen Reaktionen auf Beute bis hin zu ihren raffinierten Verteidigungsstrategien gegen Fressfeinde – die Gottesanbeterin ist ein wahres Wunder der Natur, das es zu entdecken gilt.

Wie reagieren Insekten auf Feinde?
Inhaltsverzeichnis

Aussehen und Merkmale: Eine evolutionäre Meisterleistung

Die Gottesanbeterin gehört zur Ordnung der Fangschrecken und umfasst weltweit über 2.400 bekannte Arten. Ihr Erscheinungsbild ist unverwechselbar: Ein kleiner, dreieckiger Kopf, der extrem beweglich ist, sitzt auf einem schlanken Körper. Seitlich am Kopf befinden sich zwei große Facettenaugen, die ihr eine hervorragende Rundumsicht ermöglichen, ergänzt durch lange, sensible Fühler. Die meisten Europäischen Gottesanbeterinnen sind hellgrün gefärbt, es gibt jedoch auch bräunliche oder selten gelbliche Varianten, deren Farbe oft an den Lebensraum angepasst ist, um eine optimale Tarnung zu gewährleisten.

Das auffälligste Merkmal sind jedoch ihre vorderen Beine, die sogenannten Fangbeine. Im Ruhezustand sind sie eng vor der Brust zusammengefaltet, was der Gottesanbeterin ihren Namen einbrachte. Doch diese kräftigen Gliedmaßen sind mit scharfen Dornen besetzt und funktionieren wie ein Taschenmesser. Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit von etwa 50 Millisekunden, sechsmal schneller als ein menschlicher Lidschlag, können sie blitzschnell ausklappen und ihre Beute einklemmen. Während weibliche Europäische Gottesanbeterinnen mit bis zu acht Zentimetern Länge recht groß und aufgrund ihres Gewichts meist flugunfähig sind, sind die Männchen mit maximal sechs Zentimetern kleiner und agiler, fliegen aber dennoch eher selten.

Lebensraum und Verbreitung: Eine Anpassungsgeschichte

Gottesanbeterinnen sind auf fast allen Kontinenten zu Hause, mit Ausnahme der Antarktis. Sie bevorzugen subtropische und tropische Gebiete, haben sich aber aufgrund des Klimawandels und der damit verbundenen Erwärmung auch in kühlere Regionen ausgebreitet. In Deutschland ist die geschützte Europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa) die einzige heimische Art. Lange Zeit galt sie hierzulande als beinahe ausgestorben und war nur noch vereinzelt in wärmeren Regionen wie dem Kaiserstuhl zu finden.

Dank steigender Temperaturen hat sich ihr Verbreitungsgebiet in den letzten Jahren jedoch erheblich erweitert. Mittlerweile ist die Gottesanbeterin in fast allen deutschen Bundesländern anzutreffen, ausgenommen sind bisher nur Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Sie besiedelt bevorzugt sonnige Hänge, Waldränder, Büsche, Sträucher und Graslandschaften. Ihre Meisterleistung in der Tarnung macht es jedoch extrem schwierig, sie in ihrem natürlichen Habitat zu entdecken, da sie perfekt mit ihrer Umgebung verschmelzen.

Wie reagieren Insekten auf Feinde?

Verteidigungsstrategien: Wie die Gottesanbeterin Feinde in die Flucht schlägt

Obwohl Gottesanbeterinnen beeindruckende Jäger sind, sind sie selbst auch Beute für größere Tiere wie Vögel, Fledermäuse, Echsen und Ameisen. Für den Menschen oder Haustiere wie Hunde und Katzen sind sie jedoch völlig harmlos. Sie beißen nicht, sondern sind scheue Tiere, die sich bei Gefahr eher zurückziehen. Im Garten richten sie, anders als Schädlinge, keinerlei Schaden an.

Wenn eine Gottesanbeterin sich bedroht fühlt und einen Fressfeind abschrecken möchte, zeigt sie eine beeindruckende Drohgebärde. Sie stellt ihre Flügel auf, um größer zu wirken, und reißt gleichzeitig ihre vorderen Fangbeine hoch. Dabei werden markante, schwarz umrandete, weiße Flecken auf der Innenseite ihrer Vorderbeine sichtbar, die an große Augen erinnern. Diese „Augenflecken“ sollen den Angreifer irritieren und abschrecken. Zusätzlich können sie mit ihrem Hinterleib über die Flügel streichen, um ein zischendes Geräusch zu erzeugen, das selbst größere Feinde wie Vögel oder Echsen in die Flucht schlagen kann. Ihre primäre Verteidigung ist jedoch ihre exzellente Tarnung, die sie fast unsichtbar macht, solange sie regungslos verharrt.

Fortpflanzung und das Phänomen des Kannibalismus

Die Fortpflanzung der Gottesanbeterin ist ein faszinierender, aber auch brutaler Akt. Männchen werden von Duftstoffen der Weibchen angelockt und nähern sich äußerst vorsichtig, um nicht als Beute angesehen zu werden. Oft dauert es Stunden, bis sie es wagen, auf den Hinterleib des Weibchens zu springen. Das deutlich kleinere Männchen (bis sechs Zentimeter) muss dabei besonders achtsam sein, da das Weibchen (bis acht Zentimeter) eine gefürchtete Eigenschaft besitzt: den Kannibalismus.

Bei etwa einem Drittel der Paarungen kommt es vor, dass das Weibchen das Männchen während oder direkt nach der Kopulation verspeist. Was auf den ersten Blick grausam erscheint, hat aus evolutionärer Sicht einen klaren Vorteil für die Art. Studien haben gezeigt, dass das verzehrte Männchen dem Weibchen eine zusätzliche, nährstoffreiche Nahrungsquelle liefert. Dies stärkt das Weibchen und ermöglicht es ihm, mehr Eier zu produzieren, was die Überlebenschancen der Nachkommen erhöht. Das tote Männchen trägt somit maßgeblich zum Fortbestand der Art bei.

Nach der Paarung legt das Weibchen 100 bis 300 Eier in einem schützenden Paket ab, der sogenannten Oothek. Diese Ootheken sind gut getarnt und überwintern versteckt unter Steinen oder Pflanzen. Die erwachsenen Gottesanbeterinnen sterben im Herbst. Im Mai des folgenden Jahres schlüpfen die winzigen Larven, die bereits wie Miniatur-Gottesanbeterinnen aussehen. Sie häuten sich mehrmals, durchlaufen verschiedene Stadien und sind ab Ende Juli ausgewachsen, bereit, bis zum Herbst selbst auf die Jagd zu gehen.

Ist es verboten Insekten zu streicheln?
Grundsätzlich spricht da nichts dagegen, jedoch gibt es eine bestimmte Art, deren Haltung verboten ist. Hierbei handelt es sich um die europäische Gottesanbeterin. Insekten aller Art eigenen sich nicht zum kuscheln oder zum streicheln. Du kannst sie dafür aber stundenlang beobachten. Schon gewusst?

Die Gottesanbeterin als Haustier: Artenschutz und Haltungsbedingungen

Die Europäische Gottesanbeterin steht in Deutschland unter Naturschutz und darf daher nicht als Haustier gehalten oder aus der Natur entnommen werden. Wer sich dennoch für die Haltung einer Fangschrecke interessiert, kann auf andere Arten zurückgreifen, die nicht geschützt sind. Beliebte Arten für die Terrarienhaltung sind beispielsweise die Ghana-Gottesanbeterin, die Afrikanische Riesengottesanbeterin oder die Geistermantis.

Es ist ratsam, Gottesanbeterinnen einzeln zu halten, da Weibchen dazu neigen, Männchen oder auch Artgenossen zu fressen. Ein Terrarium sollte mindestens 20 x 20 Zentimeter breit und 30 Zentimeter hoch sein, um dem Tier ausreichend Platz zu bieten. Die meisten Arten bevorzugen eine konstante Wärme von 25 bis 35 Grad Celsius und eine moderate Luftfeuchtigkeit, die durch vorsichtiges Sprühen mit Wasser aufrechterhalten werden kann.

Zur Einrichtung gehören verschiedene Pflanzen, Äste und Steine, um den natürlichen Lebensraum nachzubilden und Versteckmöglichkeiten zu bieten. Gottesanbeterinnen sind Jäger und benötigen lebende Beute. Geeignet sind Insekten wie Heuschrecken, Grillen oder Schaben, die kleiner sein sollten als die Gottesanbeterin selbst (ideal etwa zwei Drittel ihrer Größe). Achten Sie darauf, nicht zu viele Futtertiere auf einmal ins Terrarium zu setzen, da diese das Insekt sonst anknabbern könnten.

Vergleich einiger Gottesanbeterin-Arten für die Haltung

ArtWissenschaftlicher NameDurchschnittsgröße (Weibchen)TemperaturbereichSchwierigkeitsgrad der Haltung
Ghana-GottesanbeterinSphodromantis lineolaca. 7-8 cm22-30°CEinfach
Afrikanische RiesengottesanbeterinHierodula membranaceaca. 8-10 cm25-30°CEinfach
GeistermantisPhyllocrania paradoxaca. 5-6 cm20-28°CMittel
Indische RiesengottesanbeterinTenodera aridifolia sinensisca. 9-11 cm22-28°CEinfach

Häufig gestellte Fragen (FAQs) zur Gottesanbeterin

Ist die Gottesanbeterin giftig oder gefährlich für den Menschen?

Nein, die Gottesanbeterin ist weder giftig noch gefährlich für Menschen oder Haustiere. Sie beißen nicht und sondern auch keine Gifte ab. Ihre Drohgebärden dienen lediglich der Abschreckung von Fressfeinden und sind für uns völlig harmlos.

Wo gibt es Insekten in Deutschland?
Sie sind nach Angaben der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in allen deutschen Bundesländern zu finden - außer in Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Allerdings tummeln sie sich nur in bestimmten, wärmeren Gebieten. Die Insekten leben auf Büschen und Sträuchern sowie in Gras-Landschaften, vor allem an sonnigen Hängen und Waldrändern.

Darf man eine Gottesanbeterin streicheln?

Nein, Insekten wie Gottesanbeterinnen eignen sich grundsätzlich nicht zum Streicheln oder Kuscheln. Sie sind scheue Tiere und sollten, insbesondere die geschützte Europäische Gottesanbeterin, nicht aus der Natur entnommen werden. Sie lassen sich jedoch wunderbar beobachten.

Wie alt wird eine Gottesanbeterin?

Die Lebensdauer einer Gottesanbeterin ist relativ kurz und beträgt in der Regel nur etwa 7 bis 12 Monate. Sie durchlaufen in dieser Zeit mehrere Häutungen, bevor sie ausgewachsen sind und sich fortpflanzen.

Wo kann man Gottesanbeterinnen kaufen?

Geschützte Arten wie die Europäische Gottesanbeterin dürfen nicht gekauft werden. Andere Arten können jedoch bei spezialisierten Züchtern, in gut sortierten Zoohandlungen oder über Online-Anbieter erworben werden. Achten Sie beim Kauf stets auf die Gesundheit des Tieres und die Hygiene der Haltungsumgebung.

Warum fressen Gottesanbeterinnen-Weibchen die Männchen?

Das Fressen des Männchens nach der Paarung, auch sexueller Kannibalismus genannt, ist ein evolutionärer Vorteil für die Weibchen. Das verzehrte Männchen liefert eine wertvolle zusätzliche Nahrungsquelle, die dem Weibchen hilft, mehr Eier zu produzieren und somit die Anzahl der Nachkommen zu erhöhen. Es ist eine Strategie zur Maximierung des Fortpflanzungserfolgs.

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