29/12/2022
In einer Welt, die oft von Hektik und digitaler Distanz geprägt ist, bleibt die menschliche Berührung ein fundamentales Bedürfnis. Sie ist wohltuend, tröstend und kann tiefe Verbindungen schaffen. Eine besonders alte und segensreiche Form der Berührung ist das Handauflegen, eine Praxis, die in vielen spirituellen Traditionen verwurzelt ist und insbesondere in der biblischen Überlieferung eine zentrale Rolle spielt. Es ist ein „stilles Gebet mit den Händen“, das eine zutiefst spirituelle Erfahrung ermöglichen kann und derzeit in Kirchengemeinden neu entdeckt wird.

Die biblischen Wurzeln des Handauflegens
Die Bibel ist reich an Erzählungen, in denen das Handauflegen eine entscheidende Rolle spielt. Schon im Alten Testament finden wir Berichte darüber, wie Mose, Jakob und andere Patriarchen die Hände auflegten, um zu segnen, zu übertragen oder zu heilen. Doch es ist vor allem Jesus Christus, der diese Praxis als integralen Bestandteil seines Wirkens lebendig werden ließ. Die Evangelien berichten vielfach, wie Jesus Menschen die Hände auflegte, um Kranke zu heilen, Trost zu spenden, Segen weiterzugeben und Dämonen auszutreiben. Er legte seine Finger in die Ohren eines Taubstummen, berührte die Zunge, legte die Hände auf die Augen eines Blinden und auf den Rücken einer gekrümmten Frau. Diese Handlungen waren nicht nur Gesten der Zuwendung, sondern manifestierten die göttliche Heilkraft und die nahe Gottesherrschaft.
Auch nach Jesu Tod und Auferstehung setzte die urchristliche Gemeinde diese Praxis fort. Die Apostel legten Hände auf, um den Heiligen Geist zu vermitteln, zu ordinieren oder Kranke zu heilen. Der Jakobusbrief (Jakobus 5,13-15) ermutigt explizit dazu, die Ältesten der Gemeinde zu rufen, um über den Kranken zu beten und sie zu salben, was oft mit dem Handauflegen verbunden war. Über Jahrhunderte hinweg war das Handauflegen eine gängige Praxis in der Kirche, die jedoch im Mittelalter seltener wurde und sich mehr auf priesterliche Handlungen beschränkte. Heute wird dieser „Schatz der Kirche“ von vielen wiederentdeckt und in den Gemeinden neu belebt, auch dank Persönlichkeiten wie Martin Luther, der sich 1545 für das Handauflegen im Gebet aussprach.
Was bewirkt das Handauflegen?
Die Wirkung des Handauflegens ist vielschichtig und oft zutiefst persönlich. Teilnehmer berichten von einem Gefühl der Wärme, tiefem inneren Frieden und einer „segnenden Schutzschicht“. Es geht dabei um eine achtsame Zuwendung, die eine Verbindung schafft – mit sich selbst, mit dem anderen Menschen und mit Gott. Die Freiburger Körpertherapeutin Anke Zillessen, die in Kooperation mit der Evangelischen Erwachsenenbildung Handauflegen-Angebote macht, betont, dass es nicht um eine Heilungsabsicht im medizinischen Sinne geht, sondern um eine stärkende und erdende Erfahrung. Die Praxis verbindet Menschen miteinander und ermöglicht eine tiefe spirituelle Erfahrung.
Anne Höfler, Gründerin der „Open Hands“ Schule des Handauflegens am Bodensee, beschreibt es als „stilles Gebet mit den Händen“, bei dem um eine göttliche, heilende Kraft gebeten wird. Sie betont, dass sich auf psychischer, emotionaler und mentaler Ebene etwas verändern kann, Ängste und Spannungen abgebaut werden können. Heilungsversprechen werden jedoch bewusst nicht gemacht.

Das Handauflegen im Sinne der biblischen Tradition ist keine medizinische Behandlung oder Therapie. Es ist eine Segenspraxis, die auf die liebevolle Gegenwart Gottes vertraut. Es zielt auf das Heil-Sein des Menschen ab, was bedeutet, Frieden zu finden und mit sich, seinem Leid oder sogar dem Tod ins Reine zu kommen, anstatt nur „gesund zu werden“. Die Heilung, die hier gemeint ist, ist ganzheitlich und betrifft Körper, Seele und Geist gleichermaßen. Es ist das Wirken des Geistes Gottes, das durch den Handauflegenden fließt, nicht dessen eigene besondere Begabung oder der Verdienst des Empfängers. Die Haltung der Demut ist dabei essenziell: das Wissen um die eigenen Grenzen und die Bereitschaft, sich ganz als Kanal für die göttliche Kraft zur Verfügung zu stellen.
Handauflegen im Alltag: Eine intuitive Geste
Christiane Quincke, Dekanin aus Pforzheim, weist darauf hin, dass die heilsame Kraft des Handauflegens nicht nur in kirchlichen Segenshandlungen, sondern auch im Alltag zum Ausdruck kommt. Wer kennt es nicht: Wenn wir Schmerzen haben, fassen wir intuitiv an die schmerzende Stelle. Fällt ein Kind hin, nehmen wir es in den Arm und halten die Hand über die verletzte Stelle. Diese „intuitive“ Form des Handauflegens ist eine urmenschliche Geste der Zuwendung, die Trost spendet, Mitgefühl zeigt und Verbundenheit vermittelt. Sie beruhigt Herz und Nerven und nährt unser Innerstes. Durch das bewusste Vertrauen auf göttliche Gegenwart in dieser Berührung und die Bekräftigung durch Gebet oder Segensworte kann eine spürbare Wirkung entstehen, die über eine zufällige Berührung hinausgeht.
In der kirchlichen Praxis ist das Handauflegen vor allem als Segensgeste bekannt, etwa bei der Konfirmation, Taufe oder als Begleitung Sterbender. Die Wiederentdeckung dieser urchristlichen Praxis ermöglicht es, die Seelsorge um eine „leibhaftige Dimension“ zu erweitern, in der Menschen die Kirche als einen Raum des Heils erfahren können – des körperlichen, aber vor allem des seelischen Heilwerdens.
Die Rolle der Kirchengemeinde und wichtige Grundsätze
Die Integration des Handauflegens in die Gemeindearbeit erfordert eine klare Haltung und bestimmte Grundsätze, um Vertrauen und Sicherheit zu gewährleisten. Das Beispiel der Markdorfer Kirchengemeinde, wo die Praxis nach ausführlichen Diskussionen offiziell als Bestandteil der Gemeindearbeit beschlossen wurde, zeigt, wie erfolgreich dies sein kann. Dort gibt es regelmäßige Angebote, die von der Gemeinde getragen und transparent kommuniziert werden. Ursula Krimmel, eine Prädikantin, war maßgeblich an der Etablierung beteiligt und erlebte, wie das Handauflegen auch zur Sterbebegleitung genutzt werden kann, um Schmerzfreiheit und inneren Frieden zu ermöglichen.

Für die Praxis des Handauflegens in christlicher Tradition sind folgende Punkte entscheidend:
- Der Kirchengemeinderat oder Ältestenkreis muss das Handauflegen als Gemeindeaktivität aktiv mittragen.
- Die Hauptverantwortlichen müssen klar benannt und bekannt sein.
- Die Praxis geschieht immer auf biblisch-christlicher Grundlage.
- Eine Haltung der Demut ist Voraussetzung und muss ständig geübt werden.
- Es werden keine Versprechungen auf Heilung oder Besserung gemacht.
- Es werden keinerlei Diagnosen gestellt.
- Niemand wird bedrängt, sich die Hände auflegen zu lassen; das Einverständnis ist immer notwendig.
- Es wird nicht gegen die Schulmedizin oder andere Therapieverfahren gearbeitet oder geredet.
- Es gibt keine spirituelle Überheblichkeit.
- Kinder werden nur mit Erlaubnis der Erziehungsberechtigten behandelt.
- Alles geschieht transparent und nicht heimlich oder im Verborgenen.
- Es gibt einen geschützten Raum, und es herrscht Verschwiegenheitspflicht.
- Regelmäßige Übung und Austausch unter den Praktizierenden sind wichtig.
Diese Grundsätze gewährleisten, dass das Handauflegen als ein Dienst im Sinne Jesu und seiner Botschaft geschieht: als eine liebevolle und achtsame Zuwendung, die den Menschen ganzheitlich stärkt.
Praktische Umsetzung und vielfältige Angebote
Die praktische Durchführung des Handauflegens folgt meist einem liturgischen Rahmen. Zunächst wird die Person, die die Hände empfängt, gefragt, ob eine physische Berührung gewünscht ist oder lieber eine „Berührung mit Abstand“. Wünsche oder Anliegen können geäußert werden. Anschließend spricht der Handauflegende ein Gebet, oft aus den Psalmen oder ein Segenswort, das die göttliche Heilkraft anruft. Für etwa 45 Minuten werden dann die Hände aufgelegt, oft in einer Ganzbehandlung im Liegen oder Sitzen, wobei der Fokus auf den gewünschten Stellen oder Organen liegen kann. Wichtig ist dabei die innere Haltung des Nicht-Wollens, des Sich-zur-Verfügung-Stellens, da nicht der Mensch, sondern Gott wirkt. Ein Segenswort bildet den Abschluss der Begegnung.
In Freiburg gibt es beispielsweise zahlreiche Angebote, die von Anke Zillessen und ihren Kooperationspartnern der Evangelischen Erwachsenenbildung und Stadtkirchenarbeit Freiburg angeboten werden:
- Segensraum: Ein Einzelsetting, in dem man sich berühren und stärken lassen kann, oft mit der Möglichkeit des Handauflegens.
- Freiraum: Ein begleitendes Angebot der körpertherapeutischen Praxis mit Austausch, Teetrinken und Handauflegen in einem geschützten Rahmen.
- Handauflegen-Vertiefung (Arbeitskreis-Abende): Regelmäßiger kollegialer Austausch und Vertiefung der Praxis für diejenigen, die bereits einen Einführungskurs besucht haben.
- Berührung am Abend (Online-Meditationen): Anleitung zum Handauflegen bei sich selbst, um abends in Ruhe und Vertrauen auf göttlichen Segen in die Nacht hineinzuwirken.
- Outdoor-Workshop „Berührt und Verbunden“: Erleben von Naturspiritualität mit Händen und Füßen, um die Verbundenheit mit der Schöpfung zu spüren.
- Einführungskurse „Handauflegen – Wo Himmel und Erde sich berühren“: Dreiteilige Seminare zur Einführung in die Tradition und Praxis des Handauflegens.
Diese vielfältigen Formate zeigen, dass das Handauflegen eine zugängliche und bereichernde Praxis für viele Menschen sein kann, unabhängig von ihrer bisherigen religiösen Bindung.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Handauflegen
Hier finden Sie Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen zum Thema Handauflegen:
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Was ist Handauflegen? | Handauflegen ist eine uralte Praxis der achtsamen Berührung, die in vielen spirituellen Traditionen, insbesondere in der biblischen, verankert ist. Es dient der Zuwendung, dem Trost, der Stärkung und dem Empfangen von Segen. |
| Ist Handauflegen eine medizinische Therapie? | Nein, Handauflegen ist keine medizinische Behandlung, Therapie oder ein Ersatz für ärztliche Hilfe. Es werden keine Diagnosen gestellt oder Heilungsversprechen gemacht. Es ist eine spirituelle Praxis, die das Wohlbefinden auf seelischer, emotionaler und mentaler Ebene fördern kann. |
| Muss ich religiös sein, um teilzunehmen? | Nein, die Angebote zum Handauflegen stehen allen Menschen offen, unabhängig von ihrer religiösen oder weltanschaulichen Zugehörigkeit. Es geht um die Offenheit für eine tiefere spirituelle Erfahrung und die Kraft der achtsamen Berührung. |
| Was kann ich beim Handauflegen erwarten? | Viele Menschen berichten von einem Gefühl der Wärme, tiefem inneren Frieden, Entspannung und einer gestärkten Verbindung zu sich selbst, anderen und einer göttlichen Präsenz. Es kann helfen, Ängste und Spannungen abzubauen und das Gefühl des Geborgenseins zu fördern. |
| Kann ich Handauflegen selbst praktizieren? | Ja, jeder Mensch kann die Praxis des Handauflegens bei sich selbst oder im Kreis der Familie und Freunde üben, oft intuitiv. Für eine vertiefte Praxis, insbesondere im Kontext der biblischen Tradition, sind Einführungskurse und begleitende Übungsgruppen empfehlenswert, um die innere Haltung der Demut und Achtsamkeit zu entwickeln. |
| Wo finde ich Angebote zum Handauflegen? | Viele evangelische und ökumenische Gemeinden bieten inzwischen Seminare, Segensräume oder offene Abende zum Handauflegen an. Auch spezialisierte Schulen wie „Open Hands“ am Bodensee bieten Kurse an. Informationen finden sich oft auf den Webseiten kirchlicher Erwachsenenbildungseinrichtungen. |
Das Handauflegen ist eine tiefgreifende Form der menschlichen und göttlichen Berührung, die uns in unserer Ganzheit erreichen kann. Es ist eine Einladung, innezuhalten, sich berühren und stärken zu lassen und die heilende Kraft der Gegenwart Gottes auf neue Weise zu erfahren. Es verbindet Himmel und Erde und nährt unsere Seele auf eine Weise, die in unserer modernen Welt oft vermisst wird.
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