Was ist das Barnabas-Evangelium?

Das Barnabas-Evangelium: Eine mittelalterliche Fälschung?

04/05/2025

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In der Welt der religiösen Schriften gibt es Texte, die seit Jahrhunderten verehrt werden, und solche, die Rätsel aufgeben. Das sogenannte „Barnabas-Evangelium“ gehört zweifellos zur letzteren Kategorie. Während die vier kanonischen Evangelien – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – die Eckpfeiler des christlichen Glaubens bilden, werden sie von vielen Muslimen als verfälscht angesehen. Stattdessen richten sie ihren Blick auf das „Barnabas-Evangelium“, das sie für die wahre Botschaft halten, die Jesus, den sie als Propheten verehren, von Gott empfangen und verkündet haben soll.

Wann erschien die Originalausgabe von The Gospel of Barnabas?
Die italienisch-englische Originalausgabe erschien 1907 unter dem Titel The Gospel of Barnabas bei Clarendon Press Oxford. 1907 by Clarendon Press. Ins Deutsche übersetzt und herausgegeben von Safiyya M. Linges.

Dieses Buch erhebt einen gewaltigen Anspruch: Es gibt vor, vom Apostel Barnabas selbst im 1. Jahrhundert verfasst worden zu sein, das einzig wahre Evangelium zu sein und Prophezeiungen über das Kommen Mohammeds zu enthalten. Gleichzeitig wendet es sich vehement gegen die Göttlichkeit Jesu Christi und leugnet dessen Kreuzigung, was es in direkten Gegensatz zu den zentralen Lehren des Christentums stellt. Darüber hinaus greift es den Apostel Paulus und seine Lehre scharf an. Doch was steckt wirklich hinter diesem mysteriösen Text? Ist es eine verloren geglaubte Urschrift oder eine geschickte Fälschung?

Inhaltsverzeichnis

Das Barnabas-Evangelium: Ein Blick auf seine modernen Erscheinungen

Das „Barnabas-Evangelium“, das heute im Umlauf ist und insbesondere in islamischen Kreisen Verbreitung gefunden hat, ist in italienischer Sprache verfasst. Eine wegweisende englische Übersetzung wurde 1973 von Lonsdale und Laura Ragg veröffentlicht und später von der „Begum Aisha Bawany Wakf“ aus Pakistan neu aufgelegt. Die erste deutsche Übersetzung folgte 1994 unter dem Titel „Das Barnabasevangelium. Wahres Evangelium Jesu, genannt Christus, eines neuen Propheten von Gott, der Welt gesandt, gemäß dem Bericht des Barnabas, seines Apostels.“

Dieser Titel allein erweckt den Eindruck, als sei ein fundamentales Dokument des frühen Christentums nach Jahrhunderten des Vergessens wiederentdeckt worden. Für viele Muslime ist dieses Buch zu einer wichtigen Quelle geworden, um vermeintliche Beweise gegen die Bibel zu finden. Sie sind fest davon überzeugt, dass die Christenheit dieses Evangelium absichtlich unterdrückt und dass es die letzte Wahrheit über das Leben und die Lehre Jesu Christi enthält. Doch die historische und theologische Analyse zeichnet ein ganz anderes Bild.

Eine historische Spurensuche: Zwei Barnabas-Evangelien?

Die erste Erwähnung eines „Barnabas-Evangeliums“ findet sich tatsächlich gegen Ende des 5. Jahrhunderts. Papst Gelasius I. sprach damals von einem solchen Werk und ordnete an, dass es von Christen nicht gelesen werden dürfe, da es häretisch und gnostischen Ursprungs sei. Es ist wichtig zu betonen, dass dieses frühe, gnostische Evangelium nichts mit dem „Barnabas-Evangelium“ zu tun hat, das von Muslimen heute hochgehalten wird. Es handelt sich um zwei völlig unterschiedliche Texte, die lediglich den Namen gemein haben.

Das uns heute bekannte „Barnabas-Evangelium“ tauchte erst viel später auf. Im 18. Jahrhundert wurde eine Abschrift auf Italienisch entdeckt. Bemerkenswerterweise enthält dieses Manuskript Zitate aus dem Koran und sogar Aussprüche von Dante Alighieri, der im 13. Jahrhundert lebte. Dies ist ein erster starker Hinweis darauf, dass der Text nicht aus dem 1. Jahrhundert stammen kann. Im Jahr 1874 wurde zudem eine spanische Übersetzung erwähnt, aber niemals wurde ein arabisches Original des Buches gesichtet oder gar erwähnt, was angesichts der behaupteten Relevanz für den Islam höchst ungewöhnlich wäre.

Die entscheidende Datierung: Das Jobeljahr als Schlüssel

Ein besonders aufschlussreicher Punkt zur Datierung des „Barnabas-Evangeliums“ ist die Erwähnung des Jobeljahres. Im Text wird angegeben, dass das Jobeljahr alle 100 Jahre gefeiert wird. Dies stimmt jedoch nur mit einer spezifischen historischen Periode überein: der Zeit von Papst Bonifatius VIII., der festlegte, dass das Jobeljahr alle 100 Jahre stattfinden solle. Nach seinem Tod im Jahr 1303 – und endgültig nach 1343 – wurde dieses Dekret rückgängig gemacht. Das Jobeljahr sollte fortan, wie in biblischen Zeiten, alle 50 Jahre gefeiert werden. Diese präzise historische Referenz datiert das „Barnabas-Evangelium“ unzweifelhaft in das 14. Jahrhundert, weit entfernt vom 1. Jahrhundert, in dem der Apostel Barnabas gelebt haben soll.

Der wahrscheinliche Autor: Ein Konvertit mit spanischem Hintergrund?

Die Analyse des Textes gibt auch Aufschluss über den möglichen Verfasser. Es fällt auf, wie häufig aus der Vulgata zitiert wird, der lateinischen Bibelübersetzung, die im Mittelalter weit verbreitet war. Dies deutet auf einen Autor mit fundierten Kenntnissen der lateinischen Bibel und einem europäischen, möglicherweise spanischen, Hintergrund hin. Es wird vermutet, dass das „Barnabas-Evangelium“ von einem ehemaligen spanischen Christen geschrieben wurde, der zum Islam übergetreten war. Dies würde auch die Mischung aus christlichen und islamischen Elementen sowie die Polemik gegen Paulus und die christliche Lehre erklären.

Warum das „Barnabas-Evangelium“ eine Fälschung ist: Die Beweise sprechen für sich

Obwohl das „Barnabas-Evangelium“ behauptet, vom Apostel Barnabas verfasst worden zu sein, kann es sich aus einer Vielzahl von Gründen nicht um den Barnabas des Neuen Testaments handeln. Die Beweiskette gegen seine Echtheit ist erdrückend und umfasst theologische, historische und geografische Widersprüche.

Theologische Widersprüche zum biblischen Barnabas und Paulus

  • Beschneidung als heilsnotwendig: Das „Barnabas-Evangelium“ (Barnabas 2) lehrt, dass die Beschneidung heilsnotwendig sei. Der biblische Barnabas hingegen, der eng mit Paulus zusammenarbeitete, hat dies niemals gelehrt. Im Gegenteil, die Apostelgeschichte und die paulinischen Briefe zeigen, dass die frühe Kirche diese Praxis für Heidenchristen nicht als Bedingung für das Heil ansah.
  • Polemik gegen Paulus: Das „Barnabas-Evangelium“ polemisiert scharf gegen das Evangelium, das Paulus predigte. Der biblische Barnabas war jedoch ein loyaler Mitarbeiter des Paulus, der zusammen mit ihm dasselbe Evangelium verkündigte. Das Neue Testament kennt keine theologischen Spannungen oder gar Feindseligkeiten zwischen diesen beiden Aposteln. Ihre gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten betrafen praktische Fragen, nicht aber theologische Kernpunkte.
  • Widerspruch bei der Bezeichnung Jesu: Das „Barnabas-Evangelium“ leugnet, dass Jesus der Messias ist, nennt ihn aber gleichzeitig den Christus. Dies ist ein fundamentaler Widerspruch, da „Christus“ die griechische Bezeichnung für „Messias“ ist. Ein griechisch sprechender Jude wie der Apostel Barnabas des Neuen Testaments hätte sich einen solchen logischen Fehler niemals geleistet.

Historische und geografische Ungereimtheiten

Die geographischen und historischen Fehler im „Barnabas-Evangelium“ sind besonders aufschlussreich, da sie zeigen, dass der Autor weder Palästina jemals besucht noch im ersten nachchristlichen Jahrhundert gelebt haben kann:

  • Nazareth am See Genezareth: Im „Barnabas-Evangelium“ (Barnabas 20) wird Nazareth als ein Ort an der Küste des Sees Genezareth beschrieben. Historisch und geografisch liegt Nazareth jedoch auf einem Hügel im Landesinneren, weit entfernt vom See.
  • Aufstieg von Kapernaum: Das Evangelium berichtet, dass Jesus vom See Genezareth nach Kapernaum hinaufstieg. Kapernaum liegt jedoch direkt am See Genezareth, sodass ein „Hinaufsteigen“ keinen Sinn ergibt.
  • Jerusalem per Schiff erreichbar: Das „Barnabas-Evangelium“ behauptet, Jesus sei in ein Schiff gestiegen und nach Jerusalem gefahren. Jerusalem liegt jedoch im zentralen Hochland Palästinas und ist nicht per Schiff erreichbar, da es keine Verbindung zum Meer hat.
  • Ninive nahe der Mittelmeerküste: Nach der Beschreibung des „Barnabas-Evangeliums“ (Barnabas 63) liegt Ninive in der Nähe der Mittelmeerküste. Tatsächlich lag Ninive jedoch am Tigris im heutigen Irak, weit im Landesinneren.
  • Unstimmige Zeitangaben zur Geburt Jesu: Die Zeitangaben zur Geburt Jesu im „Barnabas-Evangelium“ (Barnabas 3) stimmen im Verhältnis zu den Amtszeiten von Herodes, Pilatus, Annas und Kaiphas nicht mit der historischen Überlieferung überein.
  • Römische Soldaten in Palästina: Das Evangelium berichtet von 600.000 römischen Soldaten in Palästina. Eine solche Anzahl von Soldaten gab es im 1. Jahrhundert möglicherweise im gesamten Römischen Reich, keinesfalls aber in der relativ kleinen Provinz Palästina.
  • Pharisäer zur Zeit Elias: Es wird von 17.000 Pharisäern zur Zeit des Propheten Elia berichtet (Barnabas 145), also im 8. Jahrhundert v. Chr. Die Partei der Pharisäer entstand jedoch erst im 2. Jahrhundert v. Chr., Jahrhunderte später.
  • Europäischer Sommer in Palästina: Das „Barnabas-Evangelium“ beschreibt einen europäischen Sommer: „alles trägt Frucht“. In Palästina regnet es jedoch im Winter, und im Sommer ist das Land trocken und karg.
  • Abzug der Römer: Das Evangelium behauptet, dass die Römer zur Zeit Jesu die Provinz Judäa für immer verließen (Barnabas 152). Die Römer (Byzantiner) wurden jedoch erst im 7. Jahrhundert durch den Islam aus der Levante vertrieben.

Weitere entscheidende Argumente gegen die Echtheit

Dr. Christine Schirrmacher, eine anerkannte Expertin auf diesem Gebiet, fasst weitere Hauptkritikpunkte zusammen:

  • Fehlende Textüberlieferung: Es gibt keine Textüberlieferung des „Barnabas-Evangeliums“ vor dem 16. Jahrhundert. Im Gegensatz dazu existieren von den kanonischen Evangelien Tausende von Manuskripten und Fragmenten aus den frühen Jahrhunderten.
  • Keine Zitate von Kirchenvätern: Es ist, im Gegensatz zu den kanonischen Texten, kein Zitat eines christlichen Kirchenvaters oder Kirchenlehrers nachgewiesen, was bei einem angeblich so wichtigen Werk äußerst unwahrscheinlich wäre.
  • Unerwähnt bei islamischen Autoren: Vor dem 16. Jahrhundert wird das „Barnabas-Evangelium“ auch von keinem islamischen Autor erwähnt, obwohl es für den Islam von großer Bedeutung gewesen wäre, wenn es wirklich authentisch wäre.
  • Sich selbst widerlegende Prophezeiung: Das „Barnabas-Evangelium“ selbst weist darauf hin, dass das ursprüngliche Evangelium verfälscht worden sei. Wäre Barnabas tatsächlich ein Zeitgenosse Jesu gewesen, wäre das Neue Testament noch gar nicht abgeschlossen gewesen. Damit hätte das „Barnabas-Evangelium“ sein eigenes Schicksal vorausgesagt, was eine absurde Annahme ist.

Vergleich: Kanonische Evangelien vs. Barnabas-Evangelium

MerkmalKanonische Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes)Barnabas-Evangelium
VerfasseranspruchApostel oder deren enge BegleiterApostel Barnabas
Entstehungszeit1. Jahrhundert n. Chr.Vorgabe: 1. Jahrhundert n. Chr. Realität: 14. Jahrhundert n. Chr.
TextüberlieferungTausende frühe Manuskripte und Zitate (ab 2. Jh.)Keine Überlieferung vor dem 16. Jahrhundert
Aussage über JesusSohn Gottes, Messias, gekreuzigt, auferstandenProphet, nicht Gottessohn, nicht gekreuzigt (Judas starb am Kreuz)
ProphezeiungenMessianische Prophezeiungen aus AT erfülltProphezeiungen über Mohammed
Beziehung zu PaulusPaulus als wichtiger Apostel, seine Lehre konsistentScharfe Polemik gegen Paulus und seine Lehre
Historische/Geografische GenauigkeitIm Allgemeinen hohe GenauigkeitZahlreiche gravierende historische und geografische Fehler

Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Barnabas-Evangelium

Angesichts der Kontroversen um das „Barnabas-Evangelium“ tauchen immer wieder Fragen auf. Hier sind einige der häufigsten:

Warum ist das Barnabas-Evangelium für Muslime so wichtig?

Für viele Muslime ist das „Barnabas-Evangelium“ wichtig, weil es die Göttlichkeit Jesu leugnet und seine Kreuzigung bestreitet, was im Einklang mit der islamischen Theologie steht. Es enthält auch Prophezeiungen über die Ankunft Mohammeds, die von Muslimen als Bestätigung ihrer eigenen Prophetenlinie gesehen werden. Es dient als Gegenargument zu den kanonischen Evangelien, die aus muslimischer Sicht verfälscht wurden.

Gibt es ein „echtes“ Barnabas-Evangelium, das verloren gegangen ist?

Es gab im 5. Jahrhundert ein anderes „Barnabas-Evangelium“, das von Papst Gelasius I. als gnostisch und häretisch verurteilt wurde. Dieses Werk ist jedoch nicht identisch mit dem heute bekannten „Barnabas-Evangelium“, das erst im Mittelalter entstand. Es gibt keine Beweise für ein authentisches, in der Frühzeit des Christentums verfasstes Evangelium des Barnabas, das die Inhalte des modernen Textes widerspiegelt.

Warum wurde das Barnabas-Evangelium im Mittelalter geschrieben?

Es wird vermutet, dass das „Barnabas-Evangelium“ im Mittelalter, wahrscheinlich im 14. Jahrhundert, von einem Autor verfasst wurde, der möglicherweise vom Christentum zum Islam konvertiert war. Der Zweck könnte gewesen sein, theologische Brücken zwischen Christentum und Islam zu schlagen, indem Jesus als Prophet dargestellt und Mohammeds Kommen vorhergesagt wird, oder aber auch, um das Christentum aus islamischer Perspektive zu kritisieren und die Überlegenheit des Islam zu untermauern.

Welche Bedeutung hat die Vulgata für die Datierung des Buches?

Die Vulgata ist die lateinische Bibelübersetzung, die im Mittelalter in Europa weit verbreitet war. Die Tatsache, dass das „Barnabas-Evangelium“ häufig aus der Vulgata zitiert, deutet stark darauf hin, dass der Autor im mittelalterlichen Europa gelebt und Zugang zu dieser spezifischen Bibelversion gehabt haben muss. Dies widerlegt die Behauptung, der Text stamme aus dem 1. Jahrhundert, da die Vulgata erst im 4. Jahrhundert entstand.

Fazit: Ein mittelalterliches Werk, keine Urschrift

Die Beweislage ist erdrückend: Das „Barnabas-Evangelium“, das heute im Umlauf ist, ist keine authentische Schrift aus dem 1. Jahrhundert, sondern eine Fälschung aus dem Mittelalter. Die theologischen Widersprüche zum biblischen Barnabas und Paulus, die zahlreichen historischen und geografischen Fehler, die fehlende frühe Textüberlieferung und die spezifische Datierung durch das Jobeljahr weisen alle eindeutig auf eine Entstehung im 14. Jahrhundert hin.

Obwohl es für viele Muslime eine wichtige Quelle darstellt und ihnen Argumente gegen die kanonischen Evangelien liefert, ist es aus wissenschaftlicher und historischer Sicht nicht als authentisches Dokument der frühen christlichen Zeit anzusehen. Es ist vielmehr ein faszinierendes Beispiel für theologische Auseinandersetzungen und die Entstehung neuer religiöser Narrative in einer Zeit des kulturellen Austauschs zwischen Christentum und Islam. Das Verständnis seiner wahren Herkunft und seiner internen Widersprüche ist entscheidend für eine fundierte Auseinandersetzung mit seiner Botschaft.

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