05/09/2024
Die charedische Gemeinschaft, eine Strömung des ultraorthodoxen Judentums, ist bekannt für ihre strenge Befolgung der Halacha (des jüdischen Religionsgesetzes), ihr tiefes Engagement für das Tora-Studium und ihre oft ausgeprägte Abgrenzung von der säkularen Gesellschaft. Ihre Beziehung zum modernen Staat Israel und insbesondere zum israelisch-palästinensischen Konflikt ist jedoch weitaus vielschichtiger und nuancierter, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Sie reicht von theologischer Ablehnung bis hin zu pragmatischer Koexistenz und gelegentlicher Solidarität, was das Bild einer monolithischen charedischen Haltung widerlegt und eine genauere Betrachtung erfordert.

Die Charedim: Wer sind sie?
Der Begriff „Charedim“ (Plural von Charedi, was „der Zitternde“ oder „der Gottesfürchtige“ bedeutet) bezeichnet ultraorthodoxe Juden, die sich durch eine besonders konservative Auslegung des judentums und eine strikte Einhaltung der 613 Mizwot (Gebote) auszeichnen. Sie legen größten Wert auf das Studium der Tora und des Talmuds und versuchen, ein Leben zu führen, das vollständig den religiösen Vorschriften entspricht. Dies führt oft zu einer Abgrenzung von der modernen westlichen Kultur und Gesellschaft, sowohl in Bezug auf Kleidung und Lebensstil als auch auf Bildung und Berufswahl. Innerhalb der charedischen Welt gibt es jedoch verschiedene Strömungen, darunter chassidische Dynastien (z.B. Satmar, Belz, Ger) und litauische (Misnagdim) Strömungen, die sich in ihren Bräuchen und manchmal auch in ihren Ansichten unterscheiden, aber alle die grundlegenden Prinzipien der Tora-Treue teilen.
Ein historischer Blick: Zionismus und theologische Ablehnung
Die Gründung des modernen Zionismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert stieß in weiten Teilen der orthodoxen und insbesondere der charedischen Welt auf tiefgreifende Skepsis oder sogar offene Ablehnung. Der Zionismus, eine politische Bewegung zur Schaffung eines jüdischen Staates im Land Israel, wurde von vielen Rabbinern als säkulares Unterfangen betrachtet, das die religiösen Prinzipien des Judentums untergrub. Die traditionelle jüdische Lehre besagt, dass die wahre Erlösung und die Wiederherstellung der jüdischen Souveränität im Land Israel erst mit dem Kommen des Messias und der göttlichen Intervention erfolgen werden. Die Vorstellung, dass Menschen durch politische oder militärische Mittel einen Staat gründen könnten, wurde von vielen als eine „Überschreitung des Endes“ (Dechikat HaKetz) oder als blasphemischer Versuch angesehen, Gottes Plan vorwegzunehmen. Das judentum versteht das Exil (Galut) als eine göttliche Strafe und eine Zeit der Buße. Ein jüdischer Staat, der nicht durch den Messias gegründet wird, widerspricht dieser theologischen Auffassung und könnte sogar das Exil verlängern.
Diese tief verwurzelte theologische Ablehnung führte dazu, dass viele charedische Gemeinschaften, insbesondere in Osteuropa, den zionistischen Bestrebungen fernblieben oder sich aktiv dagegen aussprachen. Selbst nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 blieben viele Charedim ideologisch distanziert, auch wenn sie sich gezwungenermaßen in den neuen Staat integrieren mussten, insbesondere nach der Vertreibung oder Flucht aus ihren Herkunftsländern nach dem Holocaust.
Die Vielfalt charedischer Ansichten heute
Es wäre falsch anzunehmen, dass alle Charedim eine einheitliche Meinung zum Staat Israel oder zum israelisch-palästinensischen Konflikt haben. Das Spektrum der Ansichten ist breit und reicht von extremem Antizionismus bis hin zu einer pragmatischen, wenn auch nicht immer enthusiastischen, Koexistenz:
- Neturei Karta: Dies ist die bekannteste und extremste Gruppe der antizionistischen Charedim. Die Neturei Karta (aramäisch für „Wächter der Stadt“) lehnen den Staat Israel kategorisch ab und betrachten ihn als illegitim und blasphemisch. Sie weigern sich, israelische Staatsbürger zu sein, und protestieren oft öffentlich gegen die Politik Israels. Ihre Ablehnung des Zionismus ist rein theologischer Natur: Sie glauben, dass ein jüdischer Staat nur vom Messias gegründet werden darf. Einige ihrer Mitglieder gehen so weit, dass sie Sympathie für die palästinensische Sache bekunden und sich mit palästinensischen Gruppen verbünden, da sie im gemeinsamen Kampf gegen den Zionismus eine theologische Übereinstimmung sehen.
- Satmar Chassidim: Diese große chassidische Dynastie, hauptsächlich in den USA ansässig, teilt die theologische Ablehnung des Zionismus, ist aber in ihrer Ausprägung weniger konfrontativ als Neturei Karta. Sie lehnen es ab, am politischen Leben Israels teilzunehmen oder dessen Symbole anzuerkennen, konzentrieren sich aber primär auf den Aufbau ihrer eigenen religiösen Gemeinschaften im Exil und weniger auf aktive Proteste gegen Israel. Sie sind jedoch strikte Antizionisten.
- Mainstream-Charedim in Israel: Die Mehrheit der Charedim, die heute in Israel leben (z.B. die Anhänger der litauischen Rabbiner, Belz, Ger, Shas), hat sich in gewisser Weise mit der Existenz des Staates arrangiert. Obwohl viele von ihnen weiterhin eine ideologische Distanz zum säkularen Zionismus wahren und sich primär auf das Tora-Studium konzentrieren, nehmen sie am politischen Leben Israels teil, um die Interessen ihrer Gemeinschaft zu vertreten. Sie nutzen die staatlichen Strukturen, um Finanzierung für ihre Yeschiwot (Religionsschulen) zu erhalten und die Autonomie ihrer Lebensweise zu gewährleisten. Ihre rabbinischen Führer erlauben diese pragmatische Zusammenarbeit, solange sie der Stärkung des jüdischen Gesetzes und des Tora-Studiums dient.
Charedische Politik: Pragmatismus über Ideologie?
Charedische Parteien wie die Vereinigte Tora-Partei (bestehend aus Agudat Israel und Degel HaTorah) und Shas spielen eine wichtige Rolle in der israelischen Koalitionspolitik. Ihre primären politischen Ziele sind jedoch selten der israelisch-palästinensische Konflikt. Stattdessen konzentrieren sie sich auf:
- Religiöse Autonomie: Sicherstellung, dass die charedische Lebensweise nicht durch säkulare Gesetze beeinträchtigt wird, z.B. bezüglich der Ehe, der koscheren Ernährung und der Schabbat-Einhaltung.
- Finanzierung von Yeschiwot: Erhalt staatlicher Subventionen für ihre Religionsschulen und Studenten, die das Tora-Studium als höchsten Wert betrachten.
- Befreiung vom Militärdienst: Für viele charedische Männer ist das Tora-Studium ein Ersatz für den Militärdienst, den sie als Ablenkung von ihrer religiösen Pflicht betrachten.
Diese Parteien sind bereit, mit jeder Regierung zu kooperieren, die ihre spezifischen religiösen und sozialen Interessen am besten bedient, unabhängig von deren Haltung zum Friedensprozess oder zur Siedlungspolitik. Ihre Beteiligung an der Regierung bedeutet daher nicht unbedingt eine ideologische Zustimmung zum Zionismus, sondern ist vielmehr ein Ausdruck politischen Pragmatismus, um die religiösen Bedürfnisse ihrer Wähler zu erfüllen.
Der israelisch-palästinensische Konflikt aus charedischer Sicht
Für die meisten Charedim in Israel ist der israelisch-palästinensische Konflikt ein sekundäres Anliegen, das oft als säkulare, politische Angelegenheit betrachtet wird, die nicht direkt ihr religiöses Leben betrifft. Ihre Hauptsorge ist die Einhaltung der Torah und die Bewahrung ihrer einzigartigen Lebensweise. Während sie als Bürger Israels von den Auswirkungen des Konflikts betroffen sind, ist er selten ein zentrales Thema in ihren Diskussionen oder Predigten, es sei denn, er hat direkte Auswirkungen auf ihre Gemeinden.
Eine Ausnahme bilden die extrem antizionistischen Gruppen wie Neturei Karta, die den Konflikt durch eine theologische Linse betrachten. Für sie ist die israelische Besatzung palästinensischer Gebiete eine weitere Manifestation der Illegitimität des Staates Israel. Sie argumentieren, dass der Staat, da er nicht vom Messias gegründet wurde, kein Recht hat, über Land zu herrschen, und dass seine Handlungen im Konfliktbereich die göttliche Ordnung stören. Ihre Sympathie für die palästinensische Sache entspringt also nicht einer politischen Ideologie im modernen Sinne, sondern einer tiefen theologischen Überzeugung, dass der Staat Israel als Ganzes eine Sünde darstellt.
Vergleich charedischer Strömungen bezüglich des Staates und des Konflikts
| Strömung | Haltung zum Staat Israel | Haltung zum israelisch-palästinensischen Konflikt | Hauptfokus |
|---|---|---|---|
| Neturei Karta | Kategorische theologische Ablehnung; illegitim, blasphemisch | Sympathie für Palästinenser als Teil des Widerstands gegen den zionistischen Staat | Aktiver Protest gegen den Staat; Bewahrung der reinen Tora-Lehre |
| Satmar Chassidim | Theologische Ablehnung; meiden Interaktion mit dem Staat | Sekundäres Thema; Staat ist illegitim, daher seine Handlungen auch | Aufbau eigener, unabhängiger religiöser Gemeinschaften im Exil |
| Mainstream Charedim (Israel) | Pragmatische Koexistenz; nutzen staatliche Strukturen für Gemeinschaftsinteressen | Oft als säkulare, politische Angelegenheit betrachtet; wenig direkter Fokus | Tora-Studium, religiöse Autonomie, Erhalt der charedischen Lebensweise |
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Sind alle Charedim gegen den Staat Israel?
Nein, das ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Während viele Charedim historisch und ideologisch dem säkularen Zionismus fernstehen oder ihn ablehnen, leben die meisten Charedim in Israel und haben sich pragmatisch mit der Existenz des Staates arrangiert. Nur eine kleine Minderheit, wie die Neturei Karta, lehnt den Staat aktiv und kategorisch ab.
Warum lehnen einige Charedim den Zionismus ab?
Die Ablehnung ist primär theologischer Natur. Sie glauben, dass ein jüdischer Staat nur durch göttliche Intervention und das Kommen des Messias gegründet werden darf. Ein menschlich geschaffener Staat wird als blasphemisch oder als Versuch angesehen, Gottes Plan vorwegzunehmen und das Exil zu beenden, bevor die Zeit dafür reif ist.
Engagieren sich Charedim politisch in Israel?
Ja, charedische Parteien sind ein fester Bestandteil der israelischen Politik. Ihr Engagement dient jedoch hauptsächlich dazu, die Interessen ihrer Gemeinschaft zu vertreten, wie die Finanzierung von Religionsschulen, die Beibehaltung von Ausnahmen vom Militärdienst und die Sicherstellung religiöser Gesetze. Die Außenpolitik oder der Konflikt mit den Palästinensern stehen selten im Vordergrund ihrer politischen Agenda.
Gibt es Charedim, die Palästinenser unterstützen?
Ja, aber dies ist extrem selten und beschränkt sich fast ausschließlich auf die radikal antizionistische Gruppe Neturei Karta. Ihre Unterstützung für die Palästinenser ist keine politische Solidarität im säkularen Sinne, sondern entspringt ihrer theologischen Ablehnung des Staates Israel. Sie sehen in der palästinensischen Opposition gegen Israel einen gemeinsamen Nenner, basierend auf der Überzeugung, dass der Staat Israel illegitim ist.
Wie leben Charedim in Israel?
Charedim leben oft in eigenen Vierteln und Städten (z.B. Bnei Brak, Modi'in Illit, Beitar Illit), die auf die Einhaltung religiöser Gesetze ausgerichtet sind. Ihr Leben dreht sich um das Studium der Torah, die Erziehung großer Familien und die strenge Einhaltung von Traditionen. Obwohl sie Teil des Staates sind, versuchen sie, sich von dessen säkularen Einflüssen abzuschotten und eine eigene, von der Halacha geprägte Gesellschaft aufzubauen.
Schlussfolgerung
Die Beziehung der Charedim zu Palästina und zum Staat Israel ist ein komplexes Geflecht aus Theologie, Geschichte und Pragmatismus. Es gibt keine einfache Antwort, da die charedische Welt selbst vielfältig ist. Während die theologische Ablehnung des säkularen Zionismus ein tief verwurzeltes Element in vielen charedischen Strömungen bleibt, hat die Realität des Lebens im Staat Israel zu unterschiedlichen Formen der Anpassung geführt. Von den extremen Antizionisten der Neturei Karta, die sich mit der palästinensischen Sache solidarisieren, bis hin zu den pragmatischen politischen Parteien, die sich für die Interessen ihrer Wähler einsetzen, zeigt sich eine breite Palette von Haltungen. Das Verständnis dieser Nuancen ist entscheidend, um die Rolle der Charedim in der israelischen Gesellschaft und im weiteren Kontext des Nahostkonflikts vollständig zu erfassen.
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