26/02/2024
Das Alevitentum, eine eigenständige und reiche spirituelle Tradition, wird oft missverstanden oder mit anderen Glaubensrichtungen verwechselt. Es ist ein Pfad, der den Menschen, seine Würde und seine freie Entscheidung in den Mittelpunkt stellt. Eine der prägnantesten Ausdrucksformen dieser Spiritualität sind die Fastenzeiten, die sich in ihrer Ausführung und Bedeutung deutlich von anderen religiösen Praktiken unterscheiden. Dieser Artikel beleuchtet die Besonderheiten des alevitischen Fastens, seine tiefere Bedeutung und die Werte, die es verkörpert.

- Was ist das Alevitentum? Eine kurze Einführung
- Die Muharrem-Trauer- und Fastenzeit: Ein Gedenken an Hüseyin
- Das Hızır-Fasten: Eine Tradition der Wünsche und Hoffnung
- Regeln und Verzicht beim Alevitischen Fasten
- Alevismus im Vergleich zum Islam: Ramadan und andere Säulen
- Alevitentum und andere Glaubenswege
- Die Ziele des Alevitentums: Menschlichkeit als Zentrum
- Vergleichende Übersicht der Fastenzeiten
- Häufig gestellte Fragen zum Alevitischen Fasten
- Fazit
Was ist das Alevitentum? Eine kurze Einführung
Bevor wir uns den Fastenpraktiken widmen, ist es wichtig, ein grundlegendes Verständnis des Alevitentums zu entwickeln. Im Kern steht im Alevitentum der Mensch im Mittelpunkt des Universums. Es betont die individuelle Verantwortung, die moralische Integrität und die Suche nach innerer Wahrheit. Werte wie Glaubensfreiheit, Einhaltung der Menschenrechte und die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft sind nicht nur Lippenbekenntnisse, sondern tragende Säulen dieser Glaubensrichtung. Jeder Mensch hat die Freiheit, eigenständige Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung dafür zu tragen. Dies spiegelt sich auch in der Auslegung religiöser Pflichten wider.
Die Muharrem-Trauer- und Fastenzeit: Ein Gedenken an Hüseyin
Eine der zentralen Fastenzeiten im Alevitentum ist die Muharrem-Trauer- und Fastenzeit. Sie beginnt mit dem ersten Monat „Muharrem“ nach dem islamischen Kalender und ist eine tief spirituelle Periode des Gedenkens und der Trauer. Alevitinnen und Aleviten fasten in dieser Zeit zu Ehren des Heiligen Hüseyin, des Enkelsohns des Propheten Mohammed, und der weiteren 12 Imame. Diese zwölf Tage des Fastens symbolisieren das Leid und die Entbehrungen, die Hüseyin und seine Gefährten in Karbala erlitten haben.
Das Muharrem-Fasten ist nicht nur eine physische Enthaltung, sondern eine Zeit der inneren Einkehr und des Mitgefühls. Es ist ein Ausdruck der Solidarität mit dem Leid der Unschuldigen und ein Bekenntnis zu den Werten von Gerechtigkeit und Wahrheit, für die Hüseyin und die Imame standen. Die Dauer dieser Fastenzeit beträgt zwölf Tage, beispielsweise vom 20. August bis 31. August im Jahr 2020. Es ist eine Phase der Besinnung, die tief in der alevitischen Identität verwurzelt ist.

Das Hızır-Fasten: Eine Tradition der Wünsche und Hoffnung
Neben der Muharrem-Trauer- und Fastenzeit gibt es eine weitere wichtige Fastenperiode: das Hızır-Fasten. Dieses Fasten findet in vielen Regionen traditionell vom 13. bis 15. Februar statt und dauert drei Tage lang, typischerweise von Dienstag bis Donnerstag. Das Hızır-Fasten ist dem Heiligen Hızır gewidmet, einer mystischen Figur, die in vielen Kulturen als Helfer in Not, als Bringer von Glück und als Erfüller von Wünschen verehrt wird. Er wird oft als ewiger Reisender beschrieben, der an unerwarteten Orten erscheint, um denen zu helfen, die in Not sind.
Die Praxis des Hızır-Fastens ist besonders: Nur einmal am Tag, bei Sonnenuntergang, wird das Fasten gebrochen. Danach wird wieder bis zum Sonnenuntergang des folgenden Tages auf Wasser und Speisen verzichtet. Eine besondere Speise, Kavut, aus Weizen wird am letzten Abend des Fastens zubereitet und über Nacht ruhen gelassen. Jedes Familienmitglied äußert dabei einen besonderen Wunsch. Es ist eine Zeit der Hoffnung, des Gebets und der Gemeinschaft, die auf die Erfüllung von Herzenswünschen und das Erlangen von Segen abzielt.
Regeln und Verzicht beim Alevitischen Fasten
Die alevitischen Fastenregeln weisen einige spezifische Merkmale auf, die sie von anderen Fastenpraktiken unterscheiden. Während des Muharrem-Fastens, aber auch während des Hızır-Fastens, wird auf bestimmte Dinge verzichtet:
- Kein Wasser: Das vielleicht schwierigste Element des alevitischen Fastens ist der Verzicht auf Wasser. Dieser Verzicht während des Muharrem-Fastens erinnert an den Durst und das Leid von Hüseyin und seiner Gefolgschaft in Karbala, denen der Zugang zu Wasser verwehrt wurde. Stattdessen werden beim Fastenbrechen Flüssigkeiten wie Tee, Cola oder das Jogurtgetränk Ayran getrunken.
- Kein Fleisch: Während der Fastenzeiten wird auch auf den Verzehr von Fleisch verzichtet. Dies ist eine Geste der Trauer und des Respekts vor dem Leben.
- Einmal täglich Fastenbrechen: Wie auch beim Hızır-Fasten wird das Fasten während Muharrem nur einmal am Tag, bei Sonnenuntergang, gebrochen.
Diese Regeln verdeutlichen die Ernsthaftigkeit und Tiefe, mit der Alevitinnen und Aleviten ihre Fastenzeiten begehen. Es ist eine bewusste Entscheidung, sich zu mäßigen und sich auf das Wesentliche zu besinnen.
Alevismus im Vergleich zum Islam: Ramadan und andere Säulen
Ein häufiger Punkt der Verwechslung oder des Missverständnisses ist die Beziehung des Alevitentums zum Islam. Es ist wichtig zu verstehen, dass Aleviten die meisten der „fünf Säulen“ des Islam, wie sie im sunnitischen oder schiitischen Islam praktiziert werden, zurückweisen oder anders interpretieren. Dies ist ein entscheidender Unterschied:
- Ramadan-Fasten: Aleviten fasten nicht im Ramadan. Ihre Fastenzeiten sind, wie beschrieben, das Muharrem- und das Hızır-Fasten, die eine eigene historische und theologische Begründung haben.
- Pilgerfahrt nach Mekka: Aleviten pilgern nicht nach Mekka. Die alevitische Spiritualität betont die innere Pilgerfahrt und die Reinigung des Herzens über die äußere Reise.
- Tägliches Gebet: Aleviten beten nicht fünf Mal am Tag in der vorgeschriebenen Weise des Islam. Das Gebet im Alevitentum ist oft eine persönlichere, innere Zwiesprache und findet häufig in Cem-Zeremonien statt, die eine andere Form und Struktur haben.
Diese Unterschiede unterstreichen die Eigenständigkeit des Alevitentums als eine von der sunnitischen oder schiitischen Ausprägung des Islam divergierende Glaubensrichtung, die ihren eigenen Pfad und ihre eigenen Rituale entwickelt hat, die auf einer tiefen Verehrung der Ahl-ul-Bayt (der Familie des Propheten) und einer humanistischen Ethik basieren.

Alevitentum und andere Glaubenswege
Die Frage nach den Unterschieden zwischen Alevitentum und Christentum ist legitim, doch die uns vorliegenden Informationen konzentrieren sich primär auf die alevitischen Fastenpraktiken und deren Abgrenzung zum Islam. Generell lässt sich festhalten, dass das Alevitentum mit seiner Betonung des Menschen, der Menschenrechte und der Gleichberechtigung der Frau einen universellen Ansatz verfolgt, der in vielen Aspekten mit humanistischen und säkularen Werten übereinstimmt, während es gleichzeitig eine tiefe spirituelle Dimension besitzt. Vergleiche mit dem Christentum würden eine detaillierte theologische Analyse erfordern, die über den Rahmen der hier bereitgestellten Informationen hinausgeht. Der Kern des Alevitentums liegt in seiner einzigartigen Philosophie und Praxis, die es von vielen anderen organisierten Religionen unterscheidet.
Die Ziele des Alevitentums: Menschlichkeit als Zentrum
Die Fastenzeiten und Rituale im Alevitentum sind nicht isolierte Praktiken, sondern spiegeln die übergeordneten Ziele und Werte dieser Glaubensrichtung wider. Die Aleviten stehen für:
- Glaubensfreiheit: Jeder Mensch hat das Recht, seinen Glauben frei zu wählen und auszuleben, ohne Zwang oder Diskriminierung.
- Einhaltung der Menschenrechte: Die universellen Menschenrechte sind ein fundamentaler Pfeiler der alevitischen Ethik. Dies umfasst Gerechtigkeit, Würde und den Schutz des Individuums.
- Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft: Im Alevitentum spielt die Frau eine gleichberechtigte Rolle in allen Bereichen des Lebens, einschließlich der religiösen Praxis. Dies ist ein fortschrittlicher Ansatz, der sich in vielen traditionellen Gesellschaften oft nicht findet.
Diese Prinzipien zeigen, dass das Alevitentum eine zutiefst ethische und soziale Dimension hat. Es ist ein Glaube, der nicht nur auf spiritueller Erleuchtung abzielt, sondern auch auf die Schaffung einer gerechteren und menschlicheren Welt. Der freie Wille und die Eigenverantwortung des Einzelnen sind dabei von zentraler Bedeutung.
Vergleichende Übersicht der Fastenzeiten
Um die Unterschiede zwischen den beiden Hauptfastenzeiten im Alevitentum zu verdeutlichen, hier eine kurze vergleichende Tabelle:
| Merkmal | Muharrem-Fasten | Hızır-Fasten |
|---|---|---|
| Dauer | 12 Tage | 3 Tage |
| Zeitpunkt | Beginn des Muharrem-Monats (islamischer Kalender) | Meist 13.-15. Februar |
| Zweck | Trauer und Gedenken an Hüseyin und die 12 Imame | Wunschäußerung, Hoffnung, Verehrung von Hızır |
| Verzicht | Kein Wasser, kein Fleisch | Kein Wasser, kein Fleisch |
| Fastenbrechen | Einmal täglich bei Sonnenuntergang | Einmal täglich bei Sonnenuntergang |
| Besonderheit | Tiefe Trauer, spirituelle Einkehr | Zubereitung von Kavut, individuelle Wünsche |
Häufig gestellte Fragen zum Alevitischen Fasten
- Wann fasten Aleviten?
- Aleviten fasten hauptsächlich zweimal im Jahr: Die Muharrem-Trauer- und Fastenzeit beginnt mit dem ersten Monat „Muharrem“ nach dem islamischen Kalender und dauert 12 Tage. Das Hızır-Fasten findet meist vom 13. bis 15. Februar statt und dauert 3 Tage.
- Was trinken Aleviten während der Fastenzeit?
- Aleviten verzichten während des Fastens auf Wasser. Beim Fastenbrechen am Abend trinken sie stattdessen andere Flüssigkeiten wie Tee, Cola oder das Joghurtgetränk Ayran.
- Auf was verzichten Aleviten beim Fasten?
- Aleviten verzichten während ihrer Fastenzeiten auf Wasser und Fleisch. Das Fasten wird nur einmal täglich bei Sonnenuntergang gebrochen.
- Können Aleviten an Ramadan fasten?
- Nein, Aleviten fasten nicht im Ramadan. Sie haben ihre eigenen, spezifischen Fastenzeiten, die Muharrem- und Hızır-Fastenzeit, die eine andere Bedeutung und Tradition haben als das islamische Ramadan-Fasten.
- Was sind die Ziele der Aleviten?
- Die Kernziele des Alevitentums sind Glaubensfreiheit, die Einhaltung der Menschenrechte und die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft. Der Mensch und seine freie Willensentscheidung stehen im Mittelpunkt der alevitischen Philosophie.
Fazit
Das alevitische Fasten ist weit mehr als nur eine religiöse Pflicht; es ist ein tief verwurzeltes Ritual, das die Geschichte, die Werte und die spirituelle Tiefe des Alevitentums widerspiegelt. Ob im Gedenken an das Leid von Hüseyin während Muharrem oder in der Hoffnung auf Segen und Wunscherfüllung während Hızır – jede Fastenzeit ist eine Gelegenheit zur inneren Reinigung, Besinnung und Stärkung der Gemeinschaft. Es verdeutlicht die Eigenständigkeit und den humanistischen Kern dieser faszinierenden Glaubensrichtung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und für Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit eintritt.
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