Was ist ein persönliches Gebet?

Aleviten & Alawiten: Gebet, Glaube & Unterschiede

04/04/2025

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In der vielfältigen Landschaft religiöser Traditionen gibt es Glaubensgemeinschaften, deren Namen klanglich ähnlich sind, deren Praktiken und historische Entwicklungen sich jedoch signifikant unterscheiden. Dies trifft insbesondere auf Aleviten und Alawiten zu. Während beide Gruppen ihre Wurzeln im schiitischen Islam verorten und sich auf Imam Ali berufen, haben sie über Jahrhunderte hinweg eigenständige Wege beschritten, die zu einzigartigen theologischen Ansichten, rituellen Praktiken und gesellschaftlichen Strukturen geführt haben. Dieser Artikel beleuchtet das persönliche Gebet im Alevitentum und zieht eine klare Abgrenzung zum Alawitentum, um Missverständnisse auszuräumen und ein tieferes Verständnis für beide Glaubensgemeinschaften zu fördern.

Welche Gebetszeiten gibt es für Aleviten?
Alevitinnen und Aleviten beten allein und in der Gemeinschaft. In ihrer Religion gibt es keine Gebetszeiten und auch keine Pflichtgebete. Ihre persönlichen Gebete sprechen Alevitinnen und Aleviten wann, wo und wie oft sie das Bedürfnis dazu haben. Viele tun dies am Donnerstagabend. Dazu zünden sie Kerzen an, um das Licht zu entfachen.

Alevitinnen und Aleviten pflegen eine tiefe, persönliche Spiritualität, die sich in ihrer Herangehensweise an das Gebet manifestiert. Im Gegensatz zu vielen anderen Religionen, die feste Gebetszeiten und obligatorische Rituale vorschreiben, ist das persönliche Gebet im Alevitentum stets eine freiwillige Handlung. Diese Betonung der Freiwilligkeit spiegelt eine zentrale alevitische Überzeugung wider: Die Beziehung zu Gott ist eine zutiefst persönliche und innerliche Angelegenheit, die aus dem freien Willen und dem aufrichtigen Bedürfnis des Einzelnen entspringt. Es gibt keine festen Gebetszeiten und auch keine Pflichtgebete, die zu bestimmten Tageszeiten oder an bestimmten Orten verrichtet werden müssen.

Alevitinnen und Aleviten sprechen ihre persönlichen Gebete, wann, wo und wie oft sie das Bedürfnis dazu verspüren. Dies kann zu jeder Tages- und Nachtzeit geschehen, an jedem Ort, sei es zu Hause, in der Natur oder an einem Ort der Gemeinschaft. Viele Alevitinnen und Aleviten pflegen die Tradition, besonders am Donnerstagabend zu beten. Dieser Abend gilt als eine Zeit der Besinnung und des Gedenkens. Dazu zünden sie oft Kerzen an, um das Licht zu entfachen. Das Anzünden der Kerzen symbolisiert das Entzünden des inneren Lichts, der Erkenntnis und der Verbindung zum Göttlichen. Es ist ein Akt der Konzentration und der Schaffung einer spirituellen Atmosphäre, die dem persönlichen Gebet förderlich ist.

Obwohl das persönliche Gebet im Vordergrund steht, ist die Gemeinschaft ein wichtiger Bestandteil des alevitischen Glaubenslebens. Alevitinnen und Aleviten beten sowohl allein als auch in der Gemeinschaft. Für das gemeinsame Beten und die Ausübung ihrer Rituale treffen sie sich in sogenannten Cem-Häusern. Diese Cem-Häuser sind nicht nur Gebetsstätten, sondern auch Zentren des sozialen und kulturellen Lebens der Gemeinschaft. Sie dienen als Orte des Zusammenkommens, des Lernens und des Austauschs.

An verschiedenen Feier- und Gedenktagen versammeln sich Alevitinnen und Aleviten zu Andachten und spirituellen Veranstaltungen. Zu den wichtigsten dieser Veranstaltungen gehören die Cem-Zeremonien, die jedes Jahr mehrfach stattfinden. Die Cem-Zeremonie ist eine zentrale rituelle Praxis im Alevitentum, die verschiedene Dienste und Rituale umfasst, die der Gemeinschaft und der Annäherung an Gott dienen. Ein herausragender Bestandteil der Cem-Zeremonie ist der Semah. Der Semah ist ein rituelles Gebet, das durch kreisende Bewegungen der Betenden vollzogen wird. Diese Drehungen sind symbolisch und sollen die Bewegung des Universums, die Einheit mit Gott und die Loslösung vom Irdischen darstellen. Der Semah gehört zu den zwölf Diensten der Cem-Zeremonie und findet üblicherweise gegen Ende der Zeremonie statt, als Höhepunkt der spirituellen Erfahrung.

Eine weitere Besonderheit im Alevitentum ist das Lokma. Beim Lokma handelt es sich um ein gesegnetes Mahl, das im Rahmen der Cem-Zeremonie oder auch bei anderen Gelegenheiten geteilt wird. Für das Lokma bringen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Cem-Zeremonie eine Dankgabe mit, die oft aus Speisen besteht. Diese Gaben werden dann von der Ana (Geistliche) oder dem Dede (Geistlicher) gesegnet. Anschließend wird das gesegnete Mahl einvernehmlich unter allen Anwesenden der Cem-Zeremonie verteilt. Es ist auch üblich, Geld zu spenden, das wiederum an Arme und Bedürftige weitergegeben wird. Das Lokma und jeder andere Dienst am Menschen wird im Alevitentum als eine Form des Gottesdienstes verstanden. Es betont die Wichtigkeit von Solidarität, Teilen, Dankbarkeit und Nächstenliebe als Ausdruck der eigenen Spiritualität und Hingabe an Gott. Für Alevitinnen und Aleviten ist die Dienstleistung am Menschen, das Eintreten für Gerechtigkeit und das Teilen von Ressourcen ein fundamentaler Aspekt ihres Glaubenslebens, der gleichwertig neben dem persönlichen Gebet steht.

Seit dem Bürgerkrieg in Syrien wird vermehrt die Frage gestellt, wer die Alawiten sind und ob sie mit den anatolischen Aleviten identisch sind. Die Verwirrung rührt oft daher, dass sowohl die arabische Bezeichnung „Alawiten“ als auch die türkische Bezeichnung „Aleviten“ gleichermaßen „Ali-Anhänger“ bedeuten. Trotz dieser gemeinsamen etymologischen Wurzel und der Berufung auf Imam Ali und die nachfolgenden elf Imame handelt es sich jedoch um zwei verschiedene religiöse Traditionen. Abgesehen von wenigen religionsgeschichtlich interessanten Merkmalen haben sich Alawiten und Aleviten über Jahrhunderte hinweg eigenständig entwickelt.

Die Alawiten sind eine mystische schiitische Religionsgemeinschaft, die sich Ende des 9. Jahrhunderts n. Chr. im heutigen Irak (Basra, Kufa, Bagdad) vom Hauptstrom der Schiiten trennte. Ihr Gründer, Abu Schu‘aib Muhammad ibn Nusair (gest. ca. 864), trat zur Zeit der letzten schiitischen Imame auf. Er behauptete, ein Prophet und sogar der Bab („Tor“ zu Gott) zu sein, der in engstem Kontakt mit den Imamen stand und von ihnen geheime Offenbarungen und göttliche Kräfte empfing. Wie andere extrem-schiitische Kreise, die man „Übertreiber“ (ghulāt) nannte, schrieb Ibn Nusair Ali, dem Vetter und Schwiegersohn des Propheten Muhammad, und den Imamen Göttlichkeit zu. Er lehrte zudem die Seelenwanderung und eine spirituelle Deutung des islamischen Gesetzes. Ibn Nusair wurde von der etablierten schia exkommuniziert. Infolgedessen begannen seine Nachfolger, die nach ihm Nusairier genannt wurden, ihre Zusammenkünfte und Lehren zum Schutz geheim zu halten – eine Praxis, die als Taqiyya bekannt ist und bis heute für die Alawiten von grundlegender Bedeutung ist. Diese Geheimhaltung erschwert Einblicke von außen und macht die Quellenlage über das Alawitentum dürftig.

Wichtige Persönlichkeiten für die Konsolidierung der Bewegung waren der einflussreiche Gelehrte al-Husain ibn Hamdan al-Khasībī im 10. Jahrhundert, der das „wahre Schiitentum“ der Nusairier bis nach Syrien trug, und zwei Generationen nach ihm Maimun ibn Qasim at-Tabarani, der einige Klassiker der alawitischen Tradition verfasste. Die ursprünglich urban und intellektuell geprägte Religion erreichte später die ländliche, tribale Bevölkerung, besonders des syrischen Küstengebirges und der kilikischen Ebene, was nicht ohne Folgen für Lehre und Sozialgestalt blieb. Neben äußerem Druck – es gab immer wieder Konflikte mit den schiitischen Ismailiten und Fatwas von Ibn Taimiyya (14. Jh.) und später den Osmanen, die die Alawiten zu Ungläubigen erklärten, was schlimme Folgen hatte – führten interne Stammesrivalitäten zu einem Zerfall und einer Verarmung der alawitischen Bevölkerung, die zurückgezogen in den Bergen lebte.

Das Ende des Osmanischen Reiches und die Machtübernahme der Franzosen in der Region bedeuteten einen Wendepunkt in der Geschichte der Alawiten. Im Gegensatz zu sunnitischen arabischen und türkischen Nationalisten wurden die Alawiten gezielt aufgewertet. Von 1922 bis 1936 bestand sogar ein Alawitenstaat um die syrische Hafenstadt Latakia, was Versuche zur Vereinheitlichung der alawitischen Führung und eine stärkere Institutionalisierung mit sich brachte. Als Frankreich den Sandschak von Alexandretta (heute Provinz Hatay, Hauptstadt Antakya) 1938/39 endgültig an die Türkei abtrat, war die Aufteilung des Alawitengebietes in einen türkischen und einen syrischen Teil unabwendbar, und eine eigene politische Zukunft schien aussichtslos. Flüchtlingsströme der von Haus aus arabischsprachigen Alawiten erreichten die syrischen Gebiete, verschärft durch die forcierte Türkisierungspolitik auf der türkischen Seite. Die Alawiten-Scheiche betonten nun die Nähe zum Islam und präsentierten sich als Teil der großen schiitischen Gemeinschaft; die Kontakte in die schiitischen Zentren im Irak und Iran wurden verstärkt. Seit dieser Zeit verdrängte die Bezeichnung „Alawiten“ den Begriff „Nusairier“, der heute von vielen Alawiten als abwertend empfunden wird.

Politisches Gewicht gewannen die Alawiten, die zunehmend säkular und sozialistisch eingestellt waren, durch den Putsch der nationalistisch-sozialistischen Baath-Partei 1963, da ein großer Teil der neuen Machthaber in Partei und Armee Alawiten waren. 1971 wurde Hafiz al-Assad Präsident, Alawit wie sein Sohn, der amtierende Präsident Baschar al-Assad. Die syrische Führung hat allerdings energische Versuche unternommen, Assoziationen mit dem Alawitentum aus allen offiziellen Kontexten zu verbannen. Man zeigt sich gerne als Muslim in der Moschee oder beim Gebet. Obwohl die Alawiten nie unisono das Regime unterstützten, werden sie von den meisten Syrern damit in Verbindung gebracht. So bleibt ihnen im jetzigen Krieg kaum etwas anderes übrig, als loyal zur Regierung zu sein, zumal nach deren Sturz die sunnitischen Animositäten gegenüber Alawiten in massive Verfolgung umschlagen könnten. In den türkischen Alawitengebieten ist, vor allem in der jüngeren Generation, die arabische Sprache durch das Türkische verdrängt worden, was sich auf die Kenntnis der eigenen Tradition auswirkt, etwa der alawitischen liturgischen Schriften.

Die Lehre der Alawiten ist tiefgründig und komplex. Selbstbezeichnungen der Alawiten lauten „Einheitsbekenner“ (muwahhidun) oder „Monotheisten“ (ahl at-tauhid). Dem alawitischen Monotheismus liegt ein gnostisches Denksystem zugrunde, das stark von neuplatonischen Vorstellungen geprägt ist (darin ähnlich den Ismailiten), aber auch zoroastrische und christliche Einflüsse aufgenommen hat. Der irdische Ali b. Abi Talib, für die Schiiten der erste Imam, wird als eine Manifestation des höchsten, ewigen Gottes verehrt, der völlig transzendent und abstrakt gedacht ist, jedoch durch Emanation alle Wesen und den gesamten Kosmos aus seinem schattenlos ewigen Licht hervorbringt, wie Wärme und Licht ewig aus der Sonne hervorgehen. Dieser ewige Gott ist der Sinn oder der Eigentliche (al-ma‘na). Er erscheint seinen Geschöpfen siebenmal in wechselnder Gestalt, in jedem Himmelsäon einmal. Bei jedem Erscheinen wird er von zwei Wesen begleitet: von der ersten Emanation, die ihm als Name (ism) dient und mit einer anderen Bezeichnung Himmelsvorhang (hidschab) genannt wird, weil sie das eigentliche göttliche Wesen nennbar macht und zugleich verbirgt, sowie von dem daraus hervorgehenden Tor (bab), das den Zutritt zu Gott denen gewährt, die das geheime Wissen haben – den Alawiten. Gott und seine beiden Hypostasen bilden die göttliche Dreiheit („alawitische Trinität“). Eine ihrer vielen irdischen Erscheinungsformen, in diesem Fall die letzte und entscheidende, sind Ali (ma‘na), Muhammad (ism) und ein Weggefährte des Propheten, Salman al-Farisi (bab). Aus dieser Dreiheit gehen wiederum die fünf Einzigartigen hervor (wörtl. Waisen), die die Erde auf Geheiß Gottes geschaffen haben sollen.

Welche Gebetszeiten gibt es für Aleviten?
Alevitinnen und Aleviten beten allein und in der Gemeinschaft. In ihrer Religion gibt es keine Gebetszeiten und auch keine Pflichtgebete. Ihre persönlichen Gebete sprechen Alevitinnen und Aleviten wann, wo und wie oft sie das Bedürfnis dazu haben. Viele tun dies am Donnerstagabend. Dazu zünden sie Kerzen an, um das Licht zu entfachen.

Der alawitische Kosmos unterscheidet zwischen der „großen Lichterwelt“ und der irdischen Welt, die jeweils in eine höchst komplexe und mit hoch symbolischen Zahlen versehene hierarchische Ordnung gestaffelter Ebenen gegliedert sind. Je weiter „entfernt“ die Wesen vom ursprünglichen Licht sind, desto niedriger und unvollkommener sind sie. Alle Seelen waren uranfänglich leuchtende Sterne, die jedoch durch Zweifel und Stolz, zwei Hauptsünden, stürzten und auf die Erde fielen. Ihre Schatten wurden in menschliche „Gehäuse“ aus Fleisch und Blut eingekerkert. Mit jeder Sünde wird das Licht schwächer, und aus den Sünden der Gläubigen entstehen böse Kreaturen wie der Teufel und andere böse Geister, ein paralleler Kosmos der Schatten. Die sterblichen Körper aber bewahren einen Rest des göttlichen Lichts.

Die zentrale Verheißung liegt in der Botschaft der Erlösung vom irdischen Dasein durch die Möglichkeit des Wiederaufstiegs in die göttliche Welt des Lichts. Dies ist allerdings ein langer und mühevoller Weg, der mehrere Erdenleben dauert. Die Vorstellung der Metempsychose (Seelenwanderung, tanasukh) ist für einige schiitische Sekten kennzeichnend, neben den Alawiten auch für Ismailiten und Drusen. Gnosis, die wahre Erkenntnis der göttlichen Geheimnisse, ist der einzige Weg zurück zur Lichterwelt. Bosheit und Sünde dagegen lassen die Menschenseelen tiefer fallen; sie können als Tiere wiedergeboren werden oder schließlich als leblose Materie enden, von der es keine Wiederkehr gibt. Frauen sind übrigens von der Möglichkeit des Wiederaufstiegs ausgeschlossen, sie werden nicht in das geheime Wissen eingeweiht, da ihre Seelen aus den Sünden der Teufel entstanden sind (eine Vorstellung, die dem Glauben an die teuflische Natur von Körperlichkeit und Sexualität entspringt; so wird auch die Geschlechtlichkeit der Propheten und Imame geleugnet). Nach alawitischer Vorstellung überragt Alis Rolle diejenige Muhammads bei Weitem, da Ali als direkte „Quelle des göttlichen Willens“ verstanden wird, während Muhammad als Gottes Sprachrohr erscheint. Das Wesen Imam Alis und seiner Familie (ahl al-bait) zu verstehen, öffnet den Weg zum göttlichen Licht.

Das religiöse Leben der Alawiten wird von den Scheichen als den höchsten religiösen Würdenträgern bestimmt und organisiert. Das Amt, das einer speziellen und anspruchsvollen Ausbildung bedarf, wird an die Söhne vererbt. Wichtige Aufgaben sind die Leitung der Gebetszusammenkunft und von Feierlichkeiten, die Bewahrung der Tradition (auch der geheimen Schriften); sie beraten aber auch in persönlichen Angelegenheiten, berechnen astrologisch günstige Daten oder werden zur Krankenheilung herangezogen. Scheichfamilien sind hoch respektiert, sie heiraten nur untereinander und sind meist relativ wohlhabend, da sie von den Gläubigen die Zakat und Entgelte für ihre Dienste erhalten. Ein Gegenüber zum religiösen Amt des Scheichs ist das lokalpolitische Amt des Dorfvorstehers (türk. Muhtar), ebenfalls mit bestimmten gesellschaftlichen Funktionen.

Ein grundlegendes Ordnungsprinzip der alawitischen Gesellschaft ist die Unterscheidung von Initiierten und Nichtinitiierten. Eingeweiht werden alawitische Männer; zur Gruppe der Nicht-Eingeweihten gehören nichtinitiierte Jungen, Mädchen, Frauen sowie alle Nicht-Alawiten. Eine weitere duale Struktur ergibt sich durch die Spaltung in zwei religiöse Untergruppen (Haidari und Kilazi), die auf Konkurrenzen früherer Jahrhunderte zurückgehen. Man wird Alawit durch Geburt; es ist nicht möglich, zum Alawitentum zu konvertieren. Jungen werden durch ein Initiationsritual in die Gemeinschaft der Eingeweihten aufgenommen; Voraussetzung dafür ist die Pubertät bzw. die persönliche Reife. In einer neunmonatigen Phase wird der Adept von seinem Initiations-„Paten“ in die Geheimnisse und Rituale der Religion eingewiesen, was gleichsam eine rituelle „Schwangerschaft“ zur Geburt einer erleuchteten Lichtseele abbildet. Der Jugendliche muss viele Traditionstexte memorieren und schwören, dass er das Geheimwissen unter keinen Umständen an Außenstehende (auch nicht an Frauen) weitergibt. Da Frauen nicht initiiert werden, nehmen sie auch nicht an religiösen Handlungen teil. Die religiöse Minderstellung bedeutet aber nicht zwingend gesellschaftliche Zurücksetzung im Alltag. Alawitische Frauen werden mit großem Respekt behandelt. Sie pflegen ihre Religiosität durch regelmäßige Besuche der vielen Heiligengräber (Ziyaret) und anderer Kraftorte. Sie tragen weder Schleier noch Kopftuch; junge Alawitinnen genießen größere Freiheit in Bezug auf Kleidung und soziale Kontakte als viele Frauen der sunnitischen Mehrheit.

Alawiten lehnen die fünf Säulen des Islam nicht ab, interpretieren sie aber anders und allegorisch. So wird zum Beispiel die Pilgerfahrt nach Mekka spirituell gedeutet. Im Glaubensbekenntnis werden die Namen der göttlichen Dreiheit rezitiert. Die Speisegebote fallen strenger aus als bei Sunniten und Schiiten. Rohes Fleisch ist ebenso wie das Fleisch von weiblichen Säugetieren verboten; Schweinefleisch ist – wie für alle Muslime – absolut tabu. Außer von den Scheichen werden die religiösen Gebote heute allerdings nur von wenigen Alawiten streng eingehalten. Die Alawiten haben keine Moscheen, sondern treffen sich in privaten Andachtsräumen und Ziyaret-Zentren. Das Gebet kann auch unter freiem Himmel stattfinden; dann darf der Ort der Zeremonie allerdings nicht offen zugänglich und von außen einsehbar sein. Rituelle Gemeinschaftsgebete finden an bestimmten Fest- und Feiertagen zu bestimmten Tageszeiten statt. Vor dem Gebet wird ein tierisches Opfer (männliches Rind, Ziege, Schaf oder Hahn) dargebracht. Bei der bis zu zwei Stunden dauernden Gebetszeremonie, die nicht nach Mekka ausgerichtet ist, sitzen die Scheiche vorne leicht erhöht der Gemeinde gegenüber. Ein aus Wasser und eingelegten Rosinen hergestelltes rituelles Getränk, Nakfe (es wird aber auch auf Wein zurückgegriffen – also kein Alkoholverbot), gehört ebenso dazu wie ein rituelles Mahl im Anschluss (traditionell wird eine Art Suppe verteilt, Hrise, die Weizen, Fleisch und das Fett von Fettschwanzschafen enthält) und das Räuchern mit Weihrauch.

Der alawitische Kalender verzeichnet zwölf Festtage. Die meisten haben eine öffentlich bekannte und eine geheime esoterische – die eigentliche – Bedeutung. Der wichtigste Feiertag ist Id al-Ghadir, das Fest von Ghadir Khumm. Mit allen anderen Schiiten wird der Tag des „Erkennens“ und der Offenbarung von Alis göttlicher Natur begangen, was am Teich von Khumm nördlich von Mekka stattgefunden haben soll. Alawiten finden sich heute hauptsächlich in Syrien, der Türkei und im Libanon. In der Türkei leben sie vor allem in den Provinzen Mersin, Adana und Hatay (max. eine Million). Das Hauptsiedlungsgebiet erstreckt sich von dort südwärts über das syrische Küstengebirge (Dschabal Ansariyya) bis in den Nordlibanon. 2,5 Millionen Alawiten leben in Syrien; weltweit sind es wahrscheinlich nicht mehr als 4 Millionen. Für Deutschland wird von Experten die Zahl von 70.000 genannt. Aufgrund der immer noch streng verstandenen Taqiyya bleiben die Alawiten hierzulande von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt.

Aleviten und Alawiten im Vergleich

MerkmalAlevitenAlawiten
WurzelnSchiitischer Islam, AnatolienMystische schiitische Gemeinschaft, Irak/Syrien
GebetspflichtKeine festen Gebetszeiten oder Pflichtgebete, freiwilligRituelle Gemeinschaftsgebete an Festtagen zu bestimmten Zeiten; allegorische Interpretation der islamischen Säulen
GebetsortCem-Häuser, privatPrivate Andachtsräume, Ziyaret-Zentren, unter freiem Himmel (geheim)
KonversionMöglich, aber üblicherweise durch GeburtNicht möglich, nur durch Geburt
SeelenwanderungNicht Teil der Kernlehre, aber esoterische Konzepte können vorkommenZentrale Lehre (Metempsychose)
GeheimhaltungKeine strikte Geheimhaltung der LehreStrikte Geheimhaltung (Taqiyya)
Rolle der Frau in RitualenFrauen nehmen aktiv an Cem-Zeremonien teilFrauen werden nicht initiiert und nehmen nicht an den geheimen rituellen Handlungen teil
FührungDede (m), Ana (w)Scheiche (erbliches Amt, nur Männer)
AlkoholKein generelles AlkoholverbotWein kann Teil ritueller Getränke sein (kein Alkoholverbot)

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Sind Aleviten und Alawiten dasselbe?
Nein, Aleviten und Alawiten sind zwei unterschiedliche religiöse Traditionen. Obwohl beide ihre Wurzeln im schiitischen Islam haben und sich auf Imam Ali berufen, haben sie sich historisch, theologisch und rituell eigenständig entwickelt. Die Namensähnlichkeit, die beide als „Ali-Anhänger“ identifiziert, führt oft zu Verwechslungen, doch ihre Glaubenspraxis und Lehren unterscheiden sich wesentlich.

Warum beten Aleviten am Donnerstagabend?
Der Donnerstagabend ist für viele Alevitinnen und Aleviten eine traditionelle Zeit für persönliches Gebet und Besinnung. Es ist eine freiwillige Praxis, die oft mit dem Anzünden von Kerzen verbunden ist, um eine spirituelle Atmosphäre zu schaffen und das innere Licht zu entfachen. Es gibt jedoch keine Vorschrift, genau an diesem Abend zu beten.

Was ist Lokma im Alevitentum?
Lokma ist ein gesegnetes Mahl im Alevitentum. Es handelt sich um eine Dankgabe, die von den Teilnehmenden einer Cem-Zeremonie mitgebracht, von den Geistlichen (Ana oder Dede) gesegnet und anschließend unter allen Anwesenden geteilt wird. Es kann auch Geld gespendet werden, das Bedürftigen zugutekommt. Lokma symbolisiert Solidarität, Teilen und Nächstenliebe und wird als eine Form des Gottesdienstes verstanden.

Gibt es im Alawitentum ein Alkoholverbot?
Im Alawitentum gibt es kein striktes Alkoholverbot, wie es in einigen anderen islamischen Traditionen der Fall ist. Wein kann, neben einem rituellen Getränk aus Wasser und Rosinen (Nakfe), in bestimmten rituellen Zeremonien verwendet werden.

Warum ist die alawitische Religion geheim?
Die Praxis der Geheimhaltung (Taqiyya) hat historische Wurzeln in der Verfolgung und dem Schutz der Gemeinschaft. Nach der Exkommunikation ihres Gründers und aufgrund von Konflikten mit anderen Gruppen hielten die Alawiten ihre Lehren und Zusammenkünfte geheim, um sich zu schützen. Diese Geheimhaltung ist bis heute ein prägendes Merkmal ihrer Religionsausübung.

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