24/04/2021
Menschen sind Erwartende. Diese grundlegende Eigenschaft prägt unser Dasein zutiefst. Ob wir uns auf Freuden freuen oder Ängste fürchten, die Erwartung ist ein ständiger Begleiter. Nur in seltenen Momenten der vollkommenen Erfüllung, in denen die Zeit stillzustehen scheint und ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit spürbar wird, treten Erwartungen in den Hintergrund. Diese flüchtigen Augenblicke der ungeteilten Gegenwart sind wie himmlische Vorwegnahmen, in denen jeder Mangel schwindet. Doch für das Gros unseres irdischen Lebens sind wir auf das Warten ausgerichtet. Die Adventszeit im Kirchenjahr ist ein solch intensiver Zeitraum der Erwartung, in dem wir die Ankunft Gottes in der Welt, die Ankunft Jesu, herbeisehnen. Doch welche Erwartungen dürfen wir an ihn richten? Und wie beantwortete Jesus selbst diese tiefgreifende Frage, als sie ihm von einem seiner wichtigsten Vorläufer gestellt wurde?
- Die universelle Sehnsucht nach dem Kommenden
- Johannes der Täufer: Die Frage aus dem Gefängnis
- Jesu Antwort: Zeichen der Veränderung und Hoffnung
- Johannes vs. Jesus: Botschaft von Gericht und Freude
- Glaube und Liebe: Gewissheit ohne Beweis
- Die bleibende Wirkung Christi: Ein Geist der Inklusion
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Die universelle Sehnsucht nach dem Kommenden
Die menschliche Natur ist untrennbar mit dem Akt des Erwartens verbunden. Wir sehnen uns nach dem, was kommt, nach Veränderung, nach Verbesserung. Wenn diese Fähigkeit zu erwarten schwindet, deutet dies oft auf einen Zustand der Stagnation oder gar der Verzweiflung hin. Doch es gibt eine Art von Erwartungslosigkeit, die nicht nur nicht schlimm, sondern zutiefst wunderbar ist: Das ist die Erwartungslosigkeit der Erfüllung. In solchen Momenten des ganzen, ungeteilten Daseins, in denen die Zeit stillzustehen scheint, wird die Ewigkeit für uns vorweggenommen. Es sind die seltenen, flüchtigen Augenblicke, in denen wir die reine Erfüllung ohne jeden Mangel kosten dürfen. Doch außerhalb dieser kostbaren Ewigkeitsmomente sind wir ständig in einem Zustand des Erwartens – sei es aus Freude oder aus Furcht.

Die Adventszeit ist im Kirchenjahr die große Erwartungszeit. Es ist die Zeit, in der wir auf die Ankunft Gottes in der Welt warten, auf die Ankunft jenes einen Menschen, der mehr ist als nur ein Mensch: auf die Ankunft Jesu. Was wird sein, wenn er ankommt? Was haben wir von seiner Ankunft zu erwarten? Welche Erwartungen richten wir auf Jesus?
Johannes der Täufer: Die Frage aus dem Gefängnis
Als Johannes der Täufer im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger zu Jesus mit der existentiellen Frage: „Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ (Matthäus 11, 2-6). Diese Frage war für Johannes, der seine baldige Hinrichtung erwartete, von immenser Bedeutung. Er wollte wissen, ob Jesus das Werk fortführen würde, das er begonnen hatte. Ist er der Verheißene, der Gesalbte, der Messias?
Johannes kannte Jesus gut; sie waren verwandt, Vettern. Und sie waren sich in vieler Hinsicht ähnlich. Johannes war ein großer Bußprediger, ein Prediger der Ernsthaftigkeit. Seine Botschaft war klar und direkt: „Kehrt um, Leute, ändert euer Leben! So kann es nicht weitergehen!“ Er taufte die Menschen als einen Akt der Reinigung, ein Untertauchen im Jordan, um die Sünden der Vergangenheit abzuwaschen und ein neues Leben mit Gott zu beginnen. Diese Predigt faszinierte viele, auch Jesus selbst, der sich von Johannes taufen ließ, obwohl er bereits ein erwachsener Mann war und sich in der Welt umgeschaut hatte.
Jesu Antwort: Zeichen der Veränderung und Hoffnung
Jesus antwortete den Jüngern des Johannes nicht mit einem direkten Ja oder Nein, sondern mit Zeichen, die für seine Zuhörer, die die Heiligen Schriften kannten, unmissverständlich waren: „Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt; und selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“
Diese Antwort fasste viele Verheißungen aus den Propheten, insbesondere Jesaja, zusammen, die sich auf die messianische Zeit bezogen: „Deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen“ (Jes. 26, 19). „Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkelheit und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels“ (Jes. 29, 18f.). Die Wunder, die Jesus tat, waren somit keine bloßen Beweise, sondern Indizien, Hinweise auf die Ankunft jener wunderbaren Welt, in der alles so ist, wie es sein soll.
Johannes vs. Jesus: Botschaft von Gericht und Freude
Obwohl Jesus von Johannes fasziniert war und sich von ihm taufen ließ, unterschied sich seine Botschaft in einem entscheidenden Akzent. Johannes war ein Prediger des Gerichts, der zur Umkehr aus Furcht aufrief. Jesus hingegen wurde zum Prediger der Freude und der Hoffnung. Auch er rief zur Umkehr auf, aber nicht aus Angst, sondern aus einer tiefen inneren Freude und Zuversicht heraus. Seine Ernsthaftigkeit war die Ernsthaftigkeit der Freude.
Angst lähmt die Menschen. Sie macht sie blind für die Möglichkeiten der Veränderung. Hoffnung, Freude und Zuversicht hingegen sind die wahren Katalysatoren für Transformation. Wenn man Menschen ermöglichen möchte, sich zu verändern, muss man ihnen zuerst ihre Angst nehmen. Hier liegt der fundamentale Unterschied in der Wirkungsweise ihrer Predigten:
| Merkmal | Johannes der Täufer | Jesus Christus |
|---|---|---|
| Grundton der Botschaft | Gericht, Buße, Ernsthaftigkeit | Gnade, Freude, Barmherzigkeit |
| Motivation zur Umkehr | Furcht vor Strafe, Konsequenzen | Hoffnung, Liebe, die Aussicht auf ein erfülltes Leben |
| Fokus der Verkündigung | Reinigung von Sünden, Vorbereitung auf den Richter | Heilung, Befreiung, Annahme der Ausgegrenzten |
| Wirkung auf Menschen | Lähmt durch Angst, fordert strenge Moral | Befreit durch Hoffnung, ermutigt zur Liebe und Veränderung |
| Ziel der Ankunft | Vorbereitung auf den kommenden Richter | Ankunft des Heilands, des Erlösers |
Die Aussage Jesu „selig ist, wer sich nicht an mir ärgert“ ist hier besonders aufschlussreich. Johannes könnte sich geärgert haben, weil der Messias anders war als seine Vorstellung von ihm. Johannes hatte einen kommenden Richter verkündet, doch es kam ein Erlöser, ein Heiland. Jesus brachte die Menschen mit ihrem eigenen Leben und vor allem mit Gott ins Reine. Er war ein Gott für die Kleinen, für alle, die wissen, dass sie vor Gott mit leeren Händen stehen und auf seine Gnade und Barmherzigkeit angewiesen sind.
Glaube und Liebe: Gewissheit ohne Beweis
„Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ Diese Frage ist nicht nur historisch, sondern auch für uns heute relevant. Ist Jesus der, auf den wir warten? Ist er der, der unsere Erwartungen erfüllt? Glaubende sind wie Liebende: Sie sind Romantiker. Und sie müssen es sein. Denn der Glaube lebt, ganz wie die Liebe, nicht von Beweisen. Er lebt von Gewissheiten, die sich einstellen, ohne dass man die Gründe dafür ganz genau benennen könnte.

Es gibt keine Gottesbeweise und keinen Beweis, dass Jesus Gottes Sohn ist. Es gibt nur Hinweise, Indizien. Jesus selbst rechnete damit, dass diese Hinweise nicht alle überzeugen würden, daher seine Worte: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.“ Seligkeit ist ein Zustand gesteigerten Glücks, den man nicht selber herstellen kann, der sich aber einstellen kann. Selig ist, wer von Jesus solch einen Eindruck gewinnt, dass er sagen kann: Ich muss auf keinen anderen Erlöser mehr warten. Selig ist, wer merkt: In Jesus begegnet mir eine Gottesfülle, die für mein ganzes Leben genügt und ausreicht. Wenn ich Jesus habe, dann muss ich auf keinen anderen mehr warten.
Die bleibende Wirkung Christi: Ein Geist der Inklusion
Hören wir auf, Erwartende zu sein, wenn wir Jesus gefunden haben, wenn Jesus uns gefunden hat? Keineswegs. Aber unsere Erwartungen verändern sich. Wir erwarten allerlei Veränderungen, die von Jesus, die von Christus ausgehen. Veränderungen in uns selbst, aber durchaus auch Veränderungen in der Welt, die uns umgibt. Selbst wenn man dazu neigt, die Dinge ganz nüchtern zu betrachten, wird man das nicht gering schätzen, was sich verändert hat, seit Christus in die Welt gekommen ist.
Die Welt ist nicht einfach gleich geblieben. Es hat sich etwas in dieser Welt verbreitet, was man in pathetischeren Zeiten den Geist des Christentums oder den Geist der Liebe genannt hat. Es hat sich eine Haltung verbreitet, welche die Kranken und die Leidenden nicht mehr verachtet, sondern sich ihnen zuwendet. Das, was wir heute Inklusion nennen, ist ein urchristliches Anliegen: Niemanden ausgrenzen. Niemanden. Nach Möglichkeit noch nicht einmal den, der sich selber ausgrenzt. In dem, was unsere Gefängnisseelsorger leisten, kommt dieser Wille vielleicht am deutlichsten zum Ausdruck: Niemanden ausgrenzen. Es ist der Wille Jesu.
Dieser Geist des Christentums, dieser Geist der Liebe, hat es gewiss nicht immer leicht, sich in unserer Welt durchzusetzen. Manches Mal und immer wieder hat er es sogar schwer, sich in der Kirche durchzusetzen. Wie viel Lieblosigkeit steckt oft in kirchlichen Institutionen oder kirchlichen Bestimmungen und Vorschriften! Und dennoch ist durch Jesus eine Bewegung in die Welt gekommen, die bleibt. Eine Bewegung, die bestrebt ist, Schmerzen zu lindern, Leiden zu mindern und die Barrieren abzubauen, die Menschen voneinander trennen. Diese Bewegung zeugt von der tiefgreifenden Wirkung eines Messias, der nicht nur auf sich warten lässt, sondern aktiv in die Welt hineinwirkt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Warum fragte Johannes der Täufer Jesus, ob er der Messias sei?
Johannes der Täufer, zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis und seine Hinrichtung erwartend, war unsicher, ob Jesus wirklich der lang ersehnte Messias war, der die Prophezeiungen erfüllen sollte. Er hatte selbst einen Richter verkündet, der das Unkraut vom Weizen trennen würde, während Jesus einen anderen Weg zu gehen schien. Die Frage war also eine existenzielle Klärung für ihn und seine Jünger, um zu verstehen, ob Jesu Wirken mit den messianischen Erwartungen übereinstimmte, auch wenn diese anders ausfielen als gedacht.

Was bedeuten Jesu Worte „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert“?
Diese Worte deuten darauf hin, dass Jesu Art, Messias zu sein, nicht den Erwartungen aller entsprach, insbesondere nicht denen, die einen strafenden Richter erwarteten. Johannes könnte sich daran „ärgern“, dass Jesus sich den Armen und Ausgegrenzten zuwandte, statt ein politisches oder militärisches Reich aufzurichten. Jesus betont hier, dass wahres Glück (Seligkeit) darin besteht, seine Rolle als Heiland anzunehmen und sich nicht an seinem unkonventionellen Ansatz zu stören, der von Liebe und Barmherzigkeit geprägt ist statt von Furcht und Gericht.
Wie hat Jesus die Welt verändert?
Seit Jesu Kommen hat sich ein „Geist des Christentums“ oder „Geist der Liebe“ in der Welt verbreitet. Dies zeigt sich in einer veränderten Haltung gegenüber Kranken, Leidenden und Ausgegrenzten. Das Anliegen der Inklusion, niemanden auszuschließen, ist ein urchristlicher Wert. Obwohl dieser Geist nicht immer leicht durchzusetzen ist, selbst innerhalb der Kirche, hat er eine bleibende Bewegung der Nächstenliebe und des Mitgefühls in Gang gesetzt, die bis heute wirkt und die Welt im Kleinen wie im Großen prägt.
Was ist der Unterschied zwischen Johannes' und Jesu Botschaft?
Johannes der Täufer war ein „Bußprediger“, der zur Umkehr aus der Furcht vor dem kommenden Gericht aufrief. Seine Botschaft war ernst und kompromisslos: „Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!“ Jesus hingegen predigte die Umkehr aus Freude und Hoffnung. Während Johannes das Gericht betonte, verkündete Jesus die Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Jesus heilte und befreite die Menschen, statt sie zu verurteilen, und legte den Fokus auf die Liebe und die Annahme der Ausgegrenzten, was eine tiefgreifende Veränderung in der menschlichen Interaktion und Spiritualität bewirkte.
„Bist Du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten?“ Für uns, die wir die Geschichte kennen und die bleibende Wirkung Jesu in der Welt sehen, kann die Antwort nur lauten: Ich will auf keinen anderen warten. Amen.
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