Wie wirkt ein Gottesdienst in der Evangelischen Kirche?

Die Freude des Evangeliums: Merkmal und Auftrag

28/08/2022

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Was ist das wahre Merkmal des Evangeliums, das die Herzen von Milliarden Menschen über Jahrhunderte hinweg berührt hat? Es ist die Freude. Eine Freude, die nicht oberflächlich ist, sondern tief im Herzen derer verwurzelt, die Jesus Christus begegnen. Diese Freude befreit von Sünde, Traurigkeit, innerer Leere und Einsamkeit. Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – die Freude. Dieses transformative Erlebnis lädt uns ein zu einer neuen Etappe der Evangelisierung, die genau von dieser tiefen Freude geprägt ist.

Was ist ein liturgischer Kalender?
Ein liturgischer Kalender ist ein Kalender, der die Feierlichkeiten und Feste der katholischen Kirche auflistet. Er kann für einen Tag, einen Monat oder ein ganzes Jahr verwendet werden und ist auch für bestimmte Bistümer und Ordensgemeinschaften verfügbar.
Inhaltsverzeichnis

Die transformative Kraft der Freude des Evangeliums

In der heutigen Welt, die uns mit einer Fülle von Konsumgütern und Ablenkungen überflutet, lauert eine große Gefahr: die individualistische Traurigkeit. Sie entspringt einem bequemen, begehrlichen Herzen, einer krankhaften Suche nach oberflächlichen Vergnügungen und einer abgeschotteten Geisteshaltung. Wenn unser inneres Leben sich nur um eigene Interessen dreht, verschwindet der Raum für andere, für die Armen, für die Stimme Gottes. Die innige Freude seiner Liebe verstummt, und die Begeisterung, Gutes zu tun, erlischt. Selbst Gläubige sind dieser Gefahr ausgesetzt und können zu gereizten, unzufriedenen, ja empfindungslosen Menschen werden. Doch dies ist nicht der Weg zu einem würdigen und erfüllten Leben; es ist nicht Gottes Wille für uns.

Ich lade jeden einzelnen Christen ein, seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus heute zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen und ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen. Niemand ist von der Freude ausgeschlossen, die der Herr uns bringt. Wer den Schritt wagt, wird vom Herrn nicht enttäuscht. Wenn wir einen kleinen Schritt auf Jesus zugehen, entdecken wir, dass er bereits mit offenen Armen auf uns wartet. Es tut so gut, zu ihm zurückzukehren, wenn wir uns verloren haben! Gott wird niemals müde zu verzeihen; wir sind es, die müde werden, um sein Erbarmen zu bitten. Er vergibt uns immer wieder, lädt uns auf seine Schultern und verleiht uns eine unendliche Würde. Mit einem Feingefühl, das uns niemals enttäuscht, erlaubt er uns, das Haupt zu erheben und neu zu beginnen. Wir dürfen niemals vor der Auferstehung Jesu fliehen oder uns geschlagen geben.

Schon die Bücher des Alten Testaments kündigten diese Heilsfreude an, die in den messianischen Zeiten überfließen sollte. Propheten wie Jesaja, Sacharja und Zefanja riefen zum Jubel auf und sahen Gott selbst als den leuchtenden Mittelpunkt des Festes und der Fröhlichkeit, der seinem Volk diese heilbringende Freude vermittelt. Es ist die Freude, die wir in den kleinen Dingen des Alltags erleben dürfen, als Antwort auf die liebevolle Einladung Gottes, unseres Vaters: „Mein Sohn, wenn du imstande bist, pflege dich selbst [...] Versag dir nicht das Glück des heutigen Tages“ (Sir 14,11.14).

Das Evangelium, in dem das Kreuz Christi glorreich erstrahlt, lädt mit Nachdruck zur Freude ein. Der Gruß des Engels an Maria war „Chaire – freue dich“. Johannes hüpfte im Mutterschoß vor Freude. Maria jubelte: „Mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Jesus selbst war „vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude“. Seine Botschaft ist eine Quelle der Freude: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird“ (Joh 15,11). Auch die Apostel freuten sich nach der Auferstehung Jesu und verbreiteten diese Freude, wohin sie auch gingen. Warum sollten nicht auch wir in diesen Strom der Freude eintreten?

Es gibt Christen, deren Lebensart wie eine Fastenzeit ohne Ostern erscheint. Doch die Freude wird nicht in allen Lebenslagen gleich erlebt; sie passt sich an und verwandelt sich, bleibt aber immer als ein Lichtstrahl, der aus der Gewissheit hervorgeht, grenzenlos geliebt zu sein. Auch in schweren Nöten muss die Glaubensfreude erwachen, als geheime, aber feste Zuversicht. Die Versuchung liegt oft in Ausreden und Beanstandungen, als müssten unzählige Bedingungen erfüllt sein, damit Freude möglich ist. Doch die schönsten Freuden finden sich oft bei den Ärmsten, die wenig haben, woran sie sich klammern können. Diese Freuden schöpfen aus der Quelle der stets größeren Liebe Gottes, die sich in Jesus Christus kundgetan hat. Der Anfang des Christseins ist nicht ein ethischer Entschluss, sondern die Begegnung mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont gibt. Nur dank dieser Begegnung mit der Liebe Gottes werden wir von unserer abgeschotteten Geisteshaltung erlöst. Wenn jemand diese Liebe empfangen hat, wie kann er dann den Wunsch zurückhalten, sie anderen mitzuteilen?

Die Verkündigung des Evangeliums: Eine innige und tröstliche Freude

Das Gute neigt immer dazu, sich mitzuteilen. Jede echte Erfahrung von Wahrheit und Schönheit sucht von sich aus, sich zu verbreiten. Jeder, der eine tiefe Befreiung erfährt, erwirbt eine größere Sensibilität für die Bedürfnisse der anderen. Wenn man das Gute mitteilt, fasst es Fuß und entwickelt sich. Darum gibt es für jeden, der ein würdiges und erfülltes Leben wünscht, keinen anderen Weg, als den anderen anzuerkennen und sein Wohl zu suchen. Der heilige Paulus sagte: „Die Liebe Christi drängt uns“ (2 Kor 5,14); „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16).

Das Leben wird reicher, wenn man es hingibt; es verkümmert, wenn man sich isoliert und es sich bequem macht. Die größte Freude am Leben erfahren jene, die sich nicht um jeden Preis absichern, sondern sich vielmehr leidenschaftlich dazu gesandt wissen, anderen Leben zu geben. Wenn die Kirche zum Einsatz in der Verkündigung aufruft, zeigt sie den Christen die wahre Dynamik der Selbstverwirklichung. Folglich darf ein Verkünder des Evangeliums nicht ständig ein Gesicht wie bei einer Beerdigung haben. Wir müssen den Eifer zurückgewinnen und mehren, und mit ihm „die innige und tröstliche Freude der Verkündigung des Evangeliums, selbst wenn wir unter Tränen säen sollten [...] Die Welt von heute, die sowohl in Angst wie in Hoffnung auf der Suche ist, möge die Frohbotschaft nicht aus dem Munde trauriger und mutlos gemachter Verkünder hören, die keine Geduld haben und ängstlich sind, sondern von Dienern des Evangeliums, deren Leben voller Glut erstrahlt, die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben.“

Die Verkündigung schenkt den Gläubigen – auch den Lauen oder nicht Praktizierenden – eine neue Freude im Glauben und eine missionarische Fruchtbarkeit. Der Kern des Glaubens ist immer derselbe: der Gott, der seine unermessliche Liebe im gestorbenen und auferstandenen Christus offenbart hat. Er lässt seine Gläubigen immer neu sein, wie alt sie auch sein mögen. Christus ist das „ewige Evangelium“ (Offb 14,6) und „derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8), aber sein Reichtum und seine Schönheit sind unerschöpflich. Er ist immer jung und eine ständige Quelle von Neuem. Die Kirche hört nicht auf zu staunen über die „Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes“ (Röm 11,33). Jedes echte missionarische Handeln ist immer „neu“.

Obwohl dieser Auftrag uns einen großherzigen Einsatz abverlangt, wäre es ein Irrtum, ihn als heldenhafte persönliche Aufgabe anzusehen. Jesus ist „der allererste und größte Künder des Evangeliums“. In jeglicher Form von Evangelisierung liegt der Vorrang immer bei Gott, der uns zur Mitarbeit mit ihm gerufen und uns mit der Kraft seines Geistes angespornt hat. Die wahre Neuheit ist die, welche Gott selbst geheimnisvoll hervorbringen will. Diese Überzeugung erlaubt uns, inmitten einer so anspruchsvollen und herausfordernden Aufgabe, die unser Leben ganz und gar vereinnahmt, die Freude zu bewahren. Sie verlangt von uns alles, aber zugleich bietet sie uns alles.

Wir dürfen die Neuheit dieses Auftrags auch nicht wie eine Entwurzelung verstehen, wie ein Vergessen der lebendigen Geschichte, die uns aufnimmt und uns vorantreibt. Das Gedächtnis ist eine Dimension unseres Glaubens, die wir „deuteronomisch“ nennen könnten, in Analogie zum Gedächtnis Israels. Jesus hinterlässt uns die Eucharistie als tägliches Gedächtnis der Kirche. Die Freude der Verkündigung erstrahlt immer auf dem Hintergrund der dankbaren Erinnerung. Der Gläubige ist grundsätzlich ein „Erinnerungsmensch“.

Eine neue Evangelisierung für eine sich wandelnde Welt

Die XIII. Ordentliche Vollversammlung der Bischofssynode (2012) hat unter dem Thema „Die neue Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens“ daran erinnert, dass die neue Evangelisierung alle aufruft und sich grundsätzlich in drei Bereichen abspielt:

  1. Der Bereich der gewöhnlichen Seelsorge, die mehr vom Feuer des Heiligen Geistes belebt sein muss, um die Herzen der Gläubigen zu entzünden, die sich regelmäßig in der Gemeinde zusammenfinden.
  2. Der Bereich der Getauften, die jedoch in ihrer Lebensweise den Ansprüchen der Taufe nicht gerecht werden und keine innere Zugehörigkeit zur Kirche haben. Die Kirche setzt sich dafür ein, dass sie eine Umkehr erleben, die ihnen die Freude am Glauben zurückgibt.
  3. Die Verkündigung des Evangeliums an diejenigen, die Jesus Christus nicht kennen oder ihn immer abgelehnt haben. Viele von ihnen suchen Gott ins Geheimnis. Alle haben das Recht, das Evangelium zu empfangen. Die Christen haben die Pflicht, es ausnahmslos allen zu verkünden, nicht wie jemand, der eine neue Verpflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der eine Freude teilt. Die Kirche wächst nicht durch Proselytismus, sondern „durch Anziehung“.

Johannes Paul II. betonte, dass die Missionstätigkeit auch heute noch die größte Herausforderung für die Kirche darstellt und das missionarische Anliegen das erste sein muss. Wenn wir diese Worte ernst nehmen, erkennen wir, dass das missionarische Handeln das Paradigma für alles Wirken der Kirche ist. Die lateinamerikanischen Bischöfe bekräftigten die Notwendigkeit, „von einer rein bewahrenden Pastoral zu einer entschieden missionarischen Pastoral überzugehen.“ Diese Aufgabe ist weiterhin die Quelle der größten Freuden für die Kirche.

Die missionarische Umgestaltung der Kirche: Eine Kirche „im Aufbruch“

Die Evangelisierung folgt dem Missionsauftrag Jesu: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (Mt 28,19-20). Im Wort Gottes erscheint ständig diese Dynamik des „Aufbruchs“, die Gott in den Gläubigen auslösen will, wie bei Abraham und Mose. Heute sind wir alle zu diesem neuen missionarischen „Aufbruch“ berufen. Jeder Christ und jede Gemeinschaft soll unterscheiden, welches der Weg ist, den der Herr verlangt, doch alle sind wir aufgefordert, diesen Ruf anzunehmen: hinauszugehen aus der eigenen Bequemlichkeit und den Mut zu haben, alle Peripherien zu erreichen, die das Licht des Evangeliums brauchen.

Die Freude aus dem Evangelium ist eine missionarische Freude. Sie ist ein Zeichen, dass das Evangelium verkündet wurde und bereits Frucht bringt. Aber sie hat immer die Dynamik des Aufbruchs und der Gabe, des Herausgehens aus sich selbst, des Unterwegsseins und des immer neuen und immer weiteren Aussäens. Die Kirche muss diese unfassbare Freiheit des Wortes akzeptieren, das auf seine Weise und in sehr verschiedenen Formen wirksam ist, die gewöhnlich unsere Prognosen übertreffen und unsere Schablonen sprengen. Die innige Verbundenheit der Kirche mit Jesus ist eine Verbundenheit auf dem Weg, und die Gemeinschaft stellt sich wesentlich als missionarische Communio dar. Die Freude aus dem Evangelium ist für das ganze Volk, sie darf niemanden ausschließen.

Die Kirche „im Aufbruch“ ist die Gemeinschaft der missionarischen Jünger, die die Initiative ergreifen, die sich einbringen, die begleiten, die Frucht bringen und feiern. Sie weiß voranzugehen, furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die anderen zuzugehen, die Fernen zu suchen und zu den Wegkreuzungen zu gelangen, um die Ausgeschlossenen einzuladen. Sie empfindet einen unerschöpflichen Wunsch, Barmherzigkeit anzubieten. Die evangelisierende Gemeinde stellt sich durch Werke und Gesten in das Alltagsleben der anderen, verkürzt die Distanzen, erniedrigt sich nötigenfalls bis zur Demütigung und nimmt das menschliche Leben an, indem sie im Volk mit dem leidenden Leib Christi in Berührung kommt. So haben die Evangelisierenden den „Geruch der Schafe“. Sie begleitet die Menschheit in all ihren Vorgängen, kennt das lange Warten und die apostolische Ausdauer. Sie achtet immer auf die Früchte und weiß, jeden kleinen Sieg, jeden Schritt vorwärts in der Evangelisierung zu preisen und zu feiern.

Seelsorge in Neuausrichtung

Wir müssen uns in allen Regionen der Erde in einen „Zustand permanenter Mission“ versetzen. Paul VI. forderte, den Aufruf zur Erneuerung auf die gesamte Kirche auszudehnen, um das Idealbild der Kirche mit ihrem wirklichen Gesicht zu vergleichen. Das Zweite Vatikanische Konzil stellte die kirchliche Neuausrichtung als Öffnung für eine ständige Reform ihrer selbst aus Treue zu Jesus Christus dar. Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne „Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung“ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben.

Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen muss dafür sorgen, dass sie alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist. Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur; sie kann ganz verschiedene Formen annehmen und muss in Kontakt mit den Familien und dem Leben des Volkes stehen, ein Bereich des Hörens des Wortes Gottes, des Wachstums des christlichen Lebens und ein Zentrum ständiger missionarischer Aussendung sein. Andere kirchliche Einrichtungen sind ein Reichtum der Kirche, müssen aber den Kontakt mit der örtlichen Pfarrei nicht verlieren.

Jede Teilkirche ist als Teil der katholischen Kirche ebenfalls zur missionarischen Neuausrichtung aufgerufen. Der Bischof muss immer das missionarische Miteinander in seiner Diözese fördern, in dem Wunsch, alle anzuhören. Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Universalkirche haben es nötig, dem Aufruf zu einer pastoralen Neuausrichtung zu folgen. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen. Die Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt verlangt, das bequeme pastorale Kriterium des „Es wurde immer so gemacht“ aufzugeben. Ich rufe alle auf, wagemutig und kreativ zu sein in dieser Aufgabe.

Die Botschaft aus dem Herzen des Evangeliums

Wenn wir alles unter einen missionarischen Gesichtspunkt stellen wollen, dann gilt das auch für die Weise, die Botschaft bekannt zu machen. In der heutigen Welt ist die Botschaft, die wir verkünden, mehr denn je in Gefahr, verstümmelt und auf einige ihrer zweitrangigen Aspekte reduziert zu werden. Das größte Problem entsteht, wenn die Botschaft, die wir verkünden, dann mit diesen zweitrangigen Aspekten gleichgesetzt wird, die, obwohl sie relevant sind, für sich allein nicht das Eigentliche der Botschaft Jesu Christi ausdrücken. Eine Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das, was schöner, größer, anziehender und zugleich notwendiger ist. Die Aussage vereinfacht sich, ohne dadurch Tiefe und Wahrheit einzubüßen, und wird so überzeugender und strahlender.

Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. In diesem grundlegenden Kern ist das, was leuchtet, die Schönheit der heilbringenden Liebe Gottes, die sich im gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus offenbart hat. Das Zweite Vatikanische Konzil hat von einer „Hierarchie der Wahrheiten“ gesprochen, je nach ihrem Zusammenhang mit dem Fundament des christlichen Glaubens. Der heilige Thomas von Aquin lehrte, dass auch in der moralischen Botschaft der Kirche eine Hierarchie besteht, und die Barmherzigkeit die größte aller Tugenden ist.

Es ist wichtig, die pastoralen Konsequenzen aus dieser Lehre zu ziehen. In der Verkündigung des Evangeliums muss ein rechtes Maß herrschen, sowohl in der Häufigkeit, mit der Themen behandelt werden, als auch in den Akzenten. Wenn zum Beispiel mehr vom Gesetz als von der Gnade, mehr von der Kirche als von Jesus Christus gesprochen wird, entsteht ein Missverhältnis. Die Botschaft des Evangeliums darf nicht verstümmelt werden, und jede Wahrheit versteht man besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt. Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antworten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. Diese Einladung darf unter keinen Umständen verdunkelt werden! Alle Tugenden stehen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuchtet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden.

Mission in menschlichen Begrenzungen und mit offenem Herzen

Die Kirche, die eine missionarische Jüngerin ist, muss in ihrer Interpretation des offenbarten Wortes und in ihrem Verständnis der Wahrheit wachsen. Die enormen und schnellen kulturellen Veränderungen erfordern, dass wir stets unsere Aufmerksamkeit darauf richten und versuchen, die ewigen Wahrheiten in einer Sprache auszudrücken, die deren ständige Neuheit durchscheinen lässt. Manchmal ist das, was die Gläubigen beim Hören einer vollkommen musterhaften Sprache empfangen, aufgrund ihres eigenen Sprachgebrauchs und -verständnisses etwas, was nicht dem wahren Evangelium Jesu Christi entspricht. Wir sind einer Formulierung treu, überbringen aber nicht die Substanz. Das ist das größte Risiko. Die Ausdrucksform der Wahrheit kann vielgestaltig sein, und ihre Erneuerung ist notwendig, um die Botschaft vom Evangelium in ihrer unwandelbaren Bedeutung an den heutigen Menschen weiterzugeben.

Der Glaube behält immer einen Aspekt des Kreuzes, eine gewisse Unverständlichkeit, die jedoch die Festigkeit der inneren Zustimmung nicht beeinträchtigt. Jede Unterweisung in der Lehre muss in einer Haltung der Evangelisierung geschehen, die durch die Nähe, die Liebe und das Zeugnis die Zustimmung des Herzens weckt. Die Kirche kann auch eigene Bräuche erkennen, die nicht direkt mit dem Kern des Evangeliums verbunden sind und heute nicht mehr in derselben Weise interpretiert werden. Wir sollten keine Angst haben, sie zu revidieren! Gleichermaßen gibt es kirchliche Normen, die zu anderen Zeiten wirksam gewesen sein mögen, aber nicht mehr die gleiche erzieherische Kraft besitzen. Der heilige Thomas von Aquin betonte, dass die Vorschriften, die dem Volk Gottes von Christus und den Aposteln gegeben wurden, „ganz wenige“ sind, um den Gläubigen das Leben nicht schwer zu machen. Diese Warnung besitzt eine erschreckende Aktualität.

Die Anrechenbarkeit einer Tat und die Verantwortung für sie können durch Unkenntnis, Unachtsamkeit, Gewalt, Furcht, Gewohnheiten, übermäßige Affekte sowie weitere psychische oder gesellschaftliche Faktoren vermindert, ja sogar aufgehoben sein. Daher muss man, ohne den Wert des vom Evangelium vorgezeichneten Ideals zu mindern, die möglichen Wachstumsstufen der Menschen mit Barmherzigkeit und Geduld begleiten. Ein kleiner Schritt inmitten großer menschlicher Begrenzungen kann Gott wohlgefälliger sein als das äußerlich korrekte Leben dessen, der seine Tage verbringt, ohne auf nennenswerte Schwierigkeiten zu stoßen. Alle müssen von dem Trost und dem Ansporn der heilbringenden Liebe Gottes erreicht werden.

Eine Kirche „im Aufbruch“ ist eine Kirche mit offenen Türen. Zu den anderen hinauszugehen, um an die menschlichen Peripherien zu gelangen, bedeutet nicht, richtungs- und sinnlos auf die Welt zuzulaufen. Oftmals ist es besser, den Schritt zu verlangsamen, die Ängstlichkeit abzulegen, um dem anderen in die Augen zu sehen und zuzuhören. Manchmal ist sie wie der Vater des verlorenen Sohns, der die Türen offen lässt, damit der Sohn, wenn er zurückkommt, ohne Schwierigkeit eintreten kann. Die Kirche ist berufen, immer das offene Haus des Vaters zu sein. Alle können in irgendeiner Weise am kirchlichen Leben teilnehmen, alle können zur Gemeinschaft gehören, und auch die Türen der Sakramente dürften nicht aus irgendeinem beliebigen Grund geschlossen werden. Die Eucharistie ist nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen. Wir verhalten uns oft wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch die Kirche ist keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.

Wenn die gesamte Kirche diese missionarische Dynamik annimmt, muss sie alle erreichen, ohne Ausnahmen. Doch wen müsste sie bevorzugen? Das Evangelium gibt eine ganz klare Ausrichtung: nicht so sehr die reichen Freunde und Nachbarn, sondern vor allem die Armen und die Kranken, diejenigen, die häufig verachtet und vergessen werden. Die Armen sind die ersten Adressaten des Evangeliums, und die unentgeltlich an sie gerichtete Evangelisierung ist ein Zeichen des Reiches, das zu bringen Jesus gekommen ist. Es besteht ein untrennbares Band zwischen unserem Glauben und den Armen. Lassen wir die Armen nie allein!

Mir ist eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist. Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben. Ich hoffe, dass mehr als die Furcht, einen Fehler zu machen, unser Beweggrund die Furcht sei, uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen falschen Schutz geben, in die Normen, die uns in unnachsichtige Richter verwandeln, in die Gewohnheiten, in denen wir uns ruhig fühlen, während draußen eine hungrige Menschenmenge wartet und Jesus uns pausenlos wiederholt: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Mk 6,37).

Herausforderungen und Versuchungen in der heutigen Welt

Die Menschheit erlebt eine historische Wende, die wir an den Fortschritten in Gesundheit, Erziehung und Kommunikation ablesen können. Doch der größte Teil der Menschen lebt in täglicher Unsicherheit. Angst und Verzweiflung ergreifen viele Herzen, die Lebensfreude erlischt, Respektlosigkeit und Gewalt nehmen zu, und soziale Ungleichheit tritt immer klarer zutage. Dieser epochale Wandel ist durch enorme Sprünge im wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt verursacht worden. Wir leben im Zeitalter des Wissens und der Information, einer Quelle neuer Formen einer sehr oft anonymen Macht.

Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und Ungleichheit

Wir müssen heute ein „Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Disparität der Einkommen“ sagen. Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht. Es ist nicht mehr zu tolerieren, dass Nahrungsmittel weggeworfen werden, während es Menschen gibt, die Hunger leiden. Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichte macht. Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann. Wir haben die „Wegwerfkultur“ eingeführt.

Einige verteidigen noch die „Überlauf“-Theorien (trickle-down theories), die davon ausgehen, dass jedes Wirtschaftswachstum von sich aus eine größere Gleichheit hervorruft. Diese Ansicht wurde nie von den Fakten bestätigt und drückt ein undifferenziertes, naives Vertrauen auf die Güte derer aus, die die wirtschaftliche Macht in Händen halten. Inzwischen warten die Ausgeschlossenen weiter. Um einen Lebensstil vertreten zu können, der die anderen ausschließt, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt. Fast ohne es zu merken, werden wir unfähig, Mitleid zu empfinden gegenüber dem schmerzvollen Aufschrei der anderen. Die Kultur des Wohlstands betäubt uns, und die unterdrückten Leben erscheinen uns wie ein bloßes Schauspiel.

Einer der Gründe dieser Situation liegt in der Beziehung, die wir zum Geld hergestellt haben, denn friedlich akzeptieren wir seine Vorherrschaft. Die Finanzkrise lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen! Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel. Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen. Es entsteht eine neue, unsichtbare Tyrannei, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und Regeln aufzwingt. Die Gier nach Macht und Besitz kennt keine Grenzen. In diesem System ist alles Schwache wie die Umwelt wehrlos gegenüber den Interessen des vergötterten Marktes.

Hinter dieser Haltung verbergen sich die Ablehnung der Ethik und die Ablehnung Gottes. Die Ethik wird als kontraproduktiv und zu menschlich angesehen, weil sie das Geld und die Macht relativiert. Man empfindet sie als eine Bedrohung, denn sie verurteilt die Manipulierung und die Degradierung der Person. Die Ethik verweist auf einen Gott, der eine verbindliche Antwort erwartet, die außerhalb der Kategorien des Marktes steht. Eine nicht ideologisierte Ethik erlaubt, ein Gleichgewicht und eine menschlichere Gesellschaftsordnung zu schaffen. Ich rufe die Finanzexperten und die Regierenden auf, die Worte eines Weisen des Altertums zu bedenken: „Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.“

Eine Finanzreform, welche die Ethik nicht ignoriert, würde einen energischen Wechsel der Grundeinstellung der politischen Führungskräfte erfordern. Das Geld muss dienen und nicht regieren! Der Papst liebt alle, Reiche und Arme, doch im Namen Christi hat er die Pflicht daran zu erinnern, dass die Reichen den Armen helfen, sie achten und fördern müssen. Ich ermahne euch zur uneigennützigen Solidarität und zu einer Rückkehr von Wirtschaft und Finanzleben zu einer Ethik zugunsten des Menschen.

Solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen. Die Armen und die ärmsten Bevölkerungen werden der Gewalt beschuldigt, aber ohne Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg einen fruchtbaren Boden. Wenn die lokale, nationale oder weltweite Gesellschaft einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal überlässt, wird es keine politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligence geben, die unbeschränkt die Ruhe gewährleisten können. Das geschieht nicht nur, weil die soziale Ungleichheit gewaltsame Reaktionen provoziert, sondern weil das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist. Das in den ungerechten Gesellschaftsstrukturen kristallisierte Böse ist der Grund, warum man sich keine bessere Zukunft erwarten kann.

Einige kulturelle Herausforderungen

Wir evangelisieren auch dann, wenn wir versuchen, uns den verschiedenen Herausforderungen zu stellen, die auftauchen können, wie Angriffe auf die Religionsfreiheit oder neue Christenverfolgungen. An vielen Orten handelt es sich eher um eine verbreitete relativistische Gleichgültigkeit, verbunden mit der Ernüchterung und der Krise der Ideologien. In einer Kultur, in der jeder Träger einer eigenen subjektiven Wahrheit sein will, haben die Bürger schwerlich das Verlangen, sich an einem gemeinsamen Projekt zu beteiligen. In der herrschenden Kultur ist der erste Platz besetzt von dem, was äußerlich, unmittelbar, sichtbar, schnell, oberflächlich und provisorisch ist. Das Wirkliche macht dem Anschein Platz. Die Globalisierung hat einen beschleunigten Verfall der kulturellen Wurzeln bedingt, besonders durch Tendenzen aus wirtschaftlich entwickelten, aber ethisch geschwächten Kulturen.

Der katholische Glaube vieler Völker steht heute vor der Herausforderung der Verbreitung neuer religiöser Bewegungen, von denen einige zum Fundamentalismus tendieren und andere eine Spiritualität ohne Gott anzubieten scheinen. Das ist einerseits das Ergebnis einer menschlichen Reaktion auf die materialistische, konsumorientierte und individualistische Gesellschaft und andererseits eine Ausnutzung der Notsituation der Bevölkerung. Wir müssen zugeben, dass, wenn ein Teil unserer Getauften die eigene Zugehörigkeit zur Kirche nicht empfindet, das auch manchen Strukturen und einem wenig aufnahmebereiten Klima in einigen unserer Pfarreien und Gemeinden zuzuschreiben ist oder einem bürokratischen Verhalten. Vielerorts besteht eine Vorherrschaft des administrativen Aspekts vor dem seelsorglichen sowie eine Sakramentalisierung ohne andere Formen der Evangelisierung.

Der Säkularisierungsprozess neigt dazu, den Glauben und die Kirche auf den privaten, ganz persönlichen Bereich zu beschränken. Er hat eine zunehmende ethische Deformation, eine Schwächung des Bewusstseins der Sünde und eine fortschreitende Zunahme des Relativismus verursacht. Während die Kirche auf der Existenz objektiver, für alle geltender moralischer Normen besteht, gibt es solche, die diese Lehre als ungerecht darstellen, weil sie aus einem moralischen Relativismus handeln. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, die uns wahllos mit Daten überhäuft, alle auf derselben Ebene, und uns schließlich in eine erschreckende Oberflächlichkeit führt. Folglich wird eine Erziehung notwendig, die ein kritisches Denken lehrt und einen Weg der Reifung in den Werten bietet.

Die Familie macht eine tiefe kulturelle Krise durch. Die Brüchigkeit der Bindungen ist besonders ernst, denn es handelt sich um die grundlegende Zelle der Gesellschaft, wo man lernt, in der Verschiedenheit zusammenzuleben und wo die Eltern den Glauben an die Kinder weitergeben. Die Ehe wird tendenziell als eine bloße Form affektiver Befriedigung gesehen. Doch der unverzichtbare Beitrag der Ehe zur Gesellschaft geht über die Ebene der Emotivität hinaus. Der postmoderne Individualismus schwächt die Bindungen zwischen den Menschen. Das seelsorgliche Tun muss noch besser zeigen, dass die Beziehung zu unserem himmlischen Vater eine Communio fordert und fördert, die die zwischenmenschlichen Bindungen heilt, begünstigt und stärkt.

Herausforderungen der Inkulturation des Glaubens

Die christliche Basis einiger Völker ist eine lebendige Wirklichkeit. Hier finden wir, besonders unter den am meisten Notleidenden, eine moralische Reserve, die Werte eines authentischen christlichen Humanismus bewahrt. Eine evangelisierte Volkskultur enthält Werte des Glaubens und der Solidarität, die die Entwicklung einer gerechteren und gläubigeren Gesellschaft auslösen können. Es ist dringend notwendig, die Kulturen zu evangelisieren, um das Evangelium zu inkulturieren. Jede Kultur bedarf der Läuterung und der Reifung. Im Fall von Volkskulturen katholischer Bevölkerungen können wir einige Schwächen erkennen, die noch vom Evangelium geheilt werden müssen, doch gerade die Volksfrömmigkeit ist der beste Ausgangspunkt, um diese Schwächen zu heilen.

Es stimmt auch, dass der Schwerpunkt manchmal mehr auf äußeren Formen von Traditionen oder auf hypothetischen Privatoffenbarungen liegt. Es gibt ein gewisses, aus Frömmigkeitsübungen bestehendes Christentum, dem eine individuelle und gefühlsbetonte Weise, den Glauben zu leben, zugrunde liegt, die nicht einer echten „Volksfrömmigkeit“ entspricht. Wir dürfen auch nicht übersehen, dass in den letzten Jahrzehnten ein Bruch in der generationenlangen Weitergabe des christlichen Glaubens stattgefunden hat. Viele fühlen sich enttäuscht und identifizieren sich nicht mehr mit der katholischen Tradition. Einige Ursachen sind: der Mangel an Raum für den Dialog in der Familie, der Einfluss der Kommunikationsmittel, der relativistische Subjektivismus, der ungehemmte Konsumismus, das Fehlen einer pastoralen Begleitung für die Ärmsten, der Mangel an herzlicher Aufnahme in unseren Einrichtungen und unsere Schwierigkeit, in einer multireligiösen Umgebung den übernatürlichen Zugang zum Glauben neu zu schaffen.

Herausforderungen der Stadtkulturen

Das neue Jerusalem, die heilige Stadt, ist das Ziel, zu dem die gesamte Menschheit unterwegs ist. Die Offenbarung sagt uns, dass die Erfüllung der Menschheit und der Geschichte sich in einer Stadt verwirklicht. Wir müssen die Stadt von einer kontemplativen Sicht her erkennen, die jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt. In der Stadt wird der religiöse Aspekt durch verschiedene Lebensstile und durch Gebräuche vermittelt. Im Alltag kämpfen die Bürger oft ums Überleben, und in diesem Kampf verbirgt sich ein tiefes Empfinden für das Leben, das gewöhnlich auch ein tiefes religiöses Empfinden einschließt.

Es entstehen fortwährend neue Kulturen in diesen riesigen menschlichen Geographien, wo der Christ gewöhnlich nicht mehr derjenige ist, der Sinn fördert, sondern derjenige, der von diesen Kulturen andere Sprachgebräuche, Symbole, Botschaften und Paradigmen empfängt. Eine neue Kultur pulsiert in der Stadt und wird in ihr konzipiert. Die Synode hat festgestellt, dass heute die Verwandlungen dieser großen Gebiete ein vorzüglicher Ort für die neue Evangelisierung sind. Das erfordert, neuartige Räume für Gebet und Gemeinschaft zu erfinden, die für die Stadtbevölkerungen anziehender und bedeutungsvoller sind. Das macht eine Evangelisierung nötig, welche die neuen Formen, mit Gott, mit den anderen und mit der Umgebung in Beziehung zu treten, erleuchtet und die grundlegenden Werte wachruft.

Man darf nicht vergessen, dass die Stadt ein multikultureller Bereich ist. Unterschiedliche Kulturformen leben de facto zusammen, handeln aber häufig im Sinne der Trennung und wenden Gewalt an. Die Kirche ist berufen, sich in den Dienst eines schwierigen Dialogs zu stellen. Die Stadt erzeugt eine Art ständiger Ambivalenz: Während sie unendlich viele Möglichkeiten bietet, erscheinen auch zahlreiche Schwierigkeiten für die volle Lebensentfaltung vieler. Dieser Widerspruch verursacht erschütterndes Leiden. In vielen Teilen der Welt sind die Städte Schauplatz von Massenprotesten, in denen Tausende von Bewohnern Freiheit, Beteiligung und Gerechtigkeit fordern. Wir dürfen nicht übersehen, dass sich in den Städten der Drogen- und Menschenhandel, der Missbrauch und die Ausbeutung Minderjähriger, die Preisgabe Alter und Kranker sowie verschiedene Formen von Korruption und Kriminalität leicht vermehren. Zugleich verwandelt sich das, was ein kostbarer Raum der Begegnung und der Solidarität sein könnte, häufig in einen Ort der Flucht und des gegenseitigen Misstrauens. Die Verkündigung des Evangeliums wird eine Grundlage sein, um in diesen Zusammenhängen die Würde des menschlichen Lebens wiederherzustellen, denn Jesus möchte in den Städten Leben in Fülle verbreiten.

Versuchungen der in der Seelsorge Tätigen

Ich bin unendlich dankbar für den Einsatz aller, die in der Kirche arbeiten. Der Beitrag der Kirche in der heutigen Welt ist enorm. Unser Schmerz und unsere Scham wegen der Sünden einiger Glieder der Kirche und wegen unserer eigenen Sünden dürfen nicht vergessen lassen, wie viele Christen ihr Leben aus Liebe hingeben. Sie helfen vielen Menschen, sich in Krankenhäusern behandeln zu lassen, begleiten Sklaven verschiedener Abhängigkeiten, opfern sich in der Erziehung auf, kümmern sich um alte Menschen und vermitteln Werte. Ich danke für das schöne Beispiel, das viele Christen mir geben, die ihr Leben und ihre Zeit freudig hingeben.

Trotzdem sind wir als Kinder unserer Zeit alle irgendwie unter dem Einfluss der gegenwärtigen globalisierten Kultur, die uns auch einschränken, beeinflussen und sogar krank machen kann. Wir müssen Räume schaffen, die geeignet sind, die in der Seelsorge Tätigen zu motivieren und zu heilen, „Orte, wo man den eigenen Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus erneuern kann, wo man die eigenen innersten Fragen und Alltagssorgen miteinander teilen kann.“ Ich möchte auf einige Versuchungen aufmerksam machen, die besonders heute die in der Seelsorge Tätigen befallen.

Bei vielen in der Seelsorge Tätigen kann man eine übertriebene Sorge um die persönlichen Räume der Selbständigkeit und der Entspannung feststellen, die dazu führt, die eigenen Aufgaben wie ein bloßes Anhängsel des Lebens zu erleben. Zugleich wird das geistliche Leben mit einigen religiösen Momenten verwechselt, die einen gewissen Trost spenden, aber nicht die Begegnung mit den anderen, den Einsatz in der Welt und die Leidenschaft für die Evangelisierung nähren. So kann man bei vielen in der Verkündigung Tätigen, obwohl sie beten, eine Betonung des Individualismus, eine Identitätskrise und einen Rückgang des Eifers feststellen. Das sind drei Übel, die sich gegenseitig fördern.

Die Medienkultur und manche intellektuelle Kreise vermitteln ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber der Botschaft der Kirche. Daraufhin entwickeln viele in der Seelsorge Tätige eine Art Minderwertigkeitskomplex, der sie dazu führt, ihre christliche Identität und ihre Überzeugungen zu relativieren oder zu verbergen. Dann entsteht ein Teufelskreis, denn so sind sie nicht glücklich über das, was sie sind und was sie tun, identifizieren sich nicht mit dem Verkündigungsauftrag, und das schwächt ihren Einsatz. Schließlich ersticken sie die Missionsfreude in einer Art Besessenheit, so zu sein wie alle anderen. Auf diese Weise wird die Aufgabe der Evangelisierung als Zwang empfunden, man widmet ihr wenig Mühe und eine sehr begrenzte Zeit.

Es entwickelt sich bei den in der Seelsorge Tätigen ein Relativismus, der noch gefährlicher ist als der, welcher die Lehre betrifft. Dieser praktische Relativismus besteht darin, so zu handeln, als gäbe es Gott nicht, so zu entscheiden, als gäbe es die Armen nicht, so zu träumen, als gäbe es die anderen nicht, so zu arbeiten, als gäbe es die nicht, die die Verkündigung noch nicht empfangen haben. Sogar wer dem Anschein nach solide doktrinelle und spirituelle Überzeugungen hat, fällt häufig in einen Lebensstil, der dazu führt, sich an wirtschaftliche Sicherheiten oder an Räume der Macht und des menschlichen Ruhms zu klammern, anstatt das Leben für die anderen in der Mission hinzugeben. Lassen wir uns die missionarische Begeisterung nicht nehmen!

Wenn wir mehr missionarische Dynamik brauchen, fürchten viele Laien, jemand könne sie einladen, irgendeine apostolische Aufgabe zu erfüllen, und versuchen, jeder Verpflichtung auszuweichen. Doch etwas Ähnliches geschieht bei den Priestern, die wie besessen um ihre persönliche Zeit besorgt sind. Das ist oft darauf zurückzuführen, dass sie das dringende Bedürfnis haben, ihre Freiräume zu bewahren, als sei ein Evangelisierungsauftrag ein gefährliches Gift anstatt eine freudige Antwort auf die Liebe Gottes, der uns zur Mission ruft. Einige sträuben sich dagegen, die Freude an der Mission bis auf den Grund zu erfahren und bleiben in eine lähmende Trägheit eingehüllt.

Das Problem ist nicht immer das Übermaß an Aktivität, sondern es sind vor allem die schlecht gelebten Aktivitäten, ohne die entsprechenden Beweggründe, ohne eine Spiritualität, die die Tätigkeit prägt und wünschenswert macht. Daher kommt es, dass die Pflichten übermäßig ermüdend sind und manchmal krank machen. Diese pastorale Trägheit kann verschiedene Ursachen haben: unrealistische Pläne, fehlende Akzeptanz schwieriger Entwicklungen, Klammern an Eitelkeitsprojekte, Verlust des Kontakts zu Menschen, oder die Unfähigkeit, zu warten. Das heutige Verlangen, unmittelbare Ergebnisse zu erzielen, bewirkt, dass die in der Seelsorge Tätigen das Empfinden irgendeines Widerspruchs, ein scheinbares Scheitern, eine Kritik, ein Kreuz nicht leicht ertragen.

So nimmt die größte Bedrohung Form an, der „graue Pragmatismus des kirchlichen Alltags, bei dem scheinbar alles mit rechten Dingen zugeht, in Wirklichkeit aber der Glaube verbraucht wird und ins Schäbige absinkt“. Es entwickelt sich die Grabespsychologie, die die Christen allmählich in Mumien für das Museum verwandelt. Enttäuscht von der Wirklichkeit, von der Kirche oder von sich selbst, leben sie in der ständigen Versuchung, sich an eine hoffnungslose, süßliche Traurigkeit zu klammern. Berufen, um Licht und Leben zu vermitteln, lassen sie sich schließlich von Dingen faszinieren, die nur Dunkelheit und innere Müdigkeit erzeugen und die apostolische Dynamik schwächen. Lassen wir uns die Freude der Evangelisierung nicht nehmen!

Die Freude aus dem Evangelium kann nichts und niemand uns je nehmen. Die Übel unserer Welt – und die der Kirche – dürften niemals Entschuldigungen sein, um unseren Einsatz und unseren Eifer zu verringern. Betrachten wir sie als Herausforderungen, um zu wachsen. Der Blick des Glaubens ist fähig, das Licht zu erkennen, das der Heilige Geist immer inmitten der Dunkelheit verbreitet. Er vergisst nicht, dass „wo die Sünde mächtig wurde, die Gnade übergroß geworden ist“ (Röm 5,20). Unser Glaube ist herausgefordert, den Wein zu erahnen, in den das Wasser verwandelt werden kann, und den Weizen zu entdecken, der inmitten des Unkrauts wächst. Fünfzig Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil darf der größte Realismus nicht weniger Vertrauen auf den Geist, noch weniger Großherzigkeit bedeuten.

Vergleich: Alte vs. Neue Pastoral

Alte, „bewahrende“ PastoralNeue, „missionarische“ Pastoral
Fokus auf Selbstbewahrung und innere StrukturenFokus auf Evangelisierung und „Aufbruch“ nach außen
Geschlossene Türen, ExklusivitätOffene Türen, einladend für alle
Administrativer Vorrang vor dem SeelsorglichenSeelsorglicher Vorrang, Orientierung an den Menschen
Regeln und Normen im VordergrundBetonung der Gnade, der Liebe und der Barmherzigkeit
Übermäßige Zentralisierung der MachtGesunde „Dezentralisierung“, Stärkung der Teilkirchen
Passives Abwarten, Festhalten am „Wurde immer so gemacht“Aktive Initiative, Kreativität, ständiger Wandel
Neigung zu Pessimismus und „Grabespsychologie“Geprägt von Freude, Optimismus und missionarischem Eifer
Angst vor Fehlern und KontroversenBereitschaft, Risiken einzugehen und sich „schmutzig“ zu machen
Fokus auf die „Perfekten“, die in der Kirche sindFokus auf die Armen, Kranken, Ausgeschlossenen und Suchenden

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was ist das Hauptmerkmal des Evangeliums?

Das Hauptmerkmal des Evangeliums ist die Freude. Es ist eine tiefe, transformative Freude, die aus der persönlichen Begegnung mit Jesus Christus erwächst und von Sünde, Traurigkeit und Einsamkeit befreit. Diese Freude ist so kraftvoll, dass sie uns dazu drängt, sie mit anderen zu teilen und so zum Motor der Evangelisierung wird.

Was bedeutet „missionarische Umgestaltung der Kirche“?

Die missionarische Umgestaltung der Kirche bedeutet, dass die Kirche ihre Gewohnheiten, Stile, Zeitpläne, ihren Sprachgebrauch und jede ihrer Strukturen neu ausrichten muss, um mehr der Evangelisierung der heutigen Welt zu dienen als ihrer eigenen Selbstbewahrung. Es ist ein „Aufbruch“ aus der eigenen Bequemlichkeit, um alle Menschen, besonders die an den Peripherien der Gesellschaft, mit der Frohbotschaft zu erreichen.

Warum ist soziale Gerechtigkeit so wichtig für die Evangelisierung?

Soziale Gerechtigkeit ist untrennbar mit der Evangelisierung verbunden, denn die Armen sind die ersten Adressaten des Evangeliums. Eine Wirtschaft der Ausschließung und Ungleichheit wird als „tötend“ bezeichnet, und die Kirche hat die Pflicht, sich gegen solche Systeme auszusprechen. Die Verkündigung des Evangeliums muss Hand in Hand gehen mit dem Einsatz für die Würde des Menschen und der Barmherzigkeit gegenüber den Schwächsten, denn wahre Freude kann nicht bestehen, wo Ungerechtigkeit herrscht.

Welche Rolle spielt die Freude in der Verkündigung?

Die Freude ist absolut wesentlich für die Verkündigung des Evangeliums. Sie ist anziehend, ansteckend und ein Zeichen dafür, dass die Botschaft bereits Frucht trägt. Ein Evangelisierender darf kein „Gesicht wie bei einer Beerdigung“ haben. Die Freude nährt den Eifer und die Entschlossenheit, die Frohbotschaft zu teilen, selbst inmitten von Schwierigkeiten und Herausforderungen.

Wie kann die Kirche auf die Herausforderungen der Moderne reagieren?

Die Kirche kann auf die Herausforderungen der Moderne reagieren, indem sie eine ständige Unterscheidung vornimmt, ihre Strukturen reformiert, die ewigen Wahrheiten in einer verständlichen Sprache ausdrückt und sich nicht vor den Veränderungen der Welt verschließt. Sie muss eine „Mutter mit offenem Herzen“ sein, die alle aufnimmt, die Sakramente als Heilmittel anbietet und sich mutig den Problemen der Gesellschaft stellt, anstatt sich in einen „grauen Pragmatismus“ zurückzuziehen.

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