30/08/2024
Der Buß- und Bettag ist mehr als nur ein Datum im Kalender; er ist ein Tag voller Geschichte, tiefer theologischer Bedeutung und gesellschaftlicher Debatten. Ursprünglich ein Feiertag der evangelischen Kirche, der in Zeiten großer Not und Gefahr ins Leben gerufen wurde, hat er sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu definiert. Heute ist sein Status in Deutschland einzigartig, was viele Fragen aufwirft. Tauchen wir ein in die vielschichtige Welt dieses besonderen Tages, der zur inneren Einkehr, Reue und zum Gebet aufruft.

- Was ist der Buß- und Bettag?
- Eine Reise durch die Zeit: Die Geschichte des Buß- und Bettags in Deutschland
- Der entscheidende Schnitt: Die Abschaffung im Jahr 1995
- Der Buß- und Bettag heute: Ein Sonderfall in Deutschland
- Was bedeutet 'Buße tun'?
- Warum ist dieser Tag noch relevant?
- Häufig gestellte Fragen (FAQs)
- Fazit
Was ist der Buß- und Bettag?
Der Buß- und Bettag ist ein kirchlicher Feiertag, der seine Wurzeln tief in der Tradition der evangelischen Kirche hat. Sein Ursprung liegt in Zeiten der Not und großer Gefahren, in denen die Bevölkerung zu Umkehr und Gebet aufgerufen wurde. Es ist ein Tag, an dem Gläubige dazu angehalten sind, über begangene Sünden nachzudenken, Reue zu zeigen und sich dem Gottesglauben zu besinnen. Anders als viele andere Feiertage, die oft feste historische Ereignisse feiern, ist der Buß- und Bettag ein Tag der inneren Einkehr und der spirituellen Neuausrichtung.
Theologisch ist dieser Tag dreifach begründet: Er dient zunächst als Tag des fürbittenden Eintretens der Kirche für die Schuld der Gläubigen vor Gott. Zweitens soll die Kirche an diesem Tag ihre Wächterfunktion gegenüber den Sünden der Zeit ausüben. Und drittens soll er dem Einzelnen dazu dienen, sein Gewissen vor Gott zu prüfen und zur Buße aufzurufen. Der Termin des Buß- und Bettags ist festgelegt: Er fällt immer auf den Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag, dem letzten Sonntag des Kirchenjahres, also vor dem ersten Adventssonntag. Im Jahr 2025 wird er beispielsweise am 19. November begangen.
Die biblische Dimension: Jona und Ninive
Die Idee der Buße und des gemeinsamen Gebets in Zeiten der Not findet sich bereits in der Antike und in der Bibel. Ein besonders prägnantes Beispiel ist die Geschichte von Jona und der Stadt Ninive, die im Buch Jona (Kapitel 3, Verse 4–10) überliefert ist. Jona wird von Gott gesandt, um Ninive ihren drohenden Untergang zu verkünden: „Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen.“ Die Reaktion der Menschen von Ninive ist bemerkenswert: Sie glaubten an Gott, riefen ein Fasten aus und zogen alle, von den Größten bis zu den Kleinsten, den Sack zur Buße an. Selbst der König von Ninive legte seinen Purpur ab, hüllte sich in Sack und Asche und rief ein Dekret aus, das besagte, dass weder Mensch noch Vieh Nahrung oder Wasser zu sich nehmen sollten, sondern alle in Sack und Asche zu Gott rufen und sich von ihrem bösen Wege und vom Frevel ihrer Hände bekehren sollten. Die Hoffnung war, dass Gott „es sich gereuen und sich abwenden von seinem grimmigen Zorn“ würde. Als Gott ihr Tun sah, wie sie sich bekehrten, „reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat’s nicht.“ Diese Geschichte illustriert eindringlich die Macht der Buße tun und des gemeinsamen Gebets, um göttliches Gericht abzuwenden und Gnade zu erlangen.
Die Geschichte des Buß- und Bettags in Deutschland ist komplex und spiegelt die wechselnden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse wider. Im Mittelalter gab es zweierlei Formen von Bußtagen: solche, die bei Bedarf von der Obrigkeit angeordnet wurden, und solche, die sich aus der kirchlichen Ordnung ergaben, wie die Quatembertage. Beide Formen wurden von der evangelischen Kirche aufgegriffen und fortgeführt. Der erste Bettag, der von der evangelischen Kirche gefeiert wurde, fand 1532 in Straßburg statt. Er wurde auf kaiserliche Anordnung hin und aufgrund der damals als „Türkengefahr“ interpretierten Situation begangen.
Die Suche nach Einheit
Über Jahrhunderte hinweg gab es in den verschiedenen deutschen Territorien eine erstaunliche Vielfalt an Terminen für Buß- und Bettage. Ein Beispiel verdeutlicht dies: Im Jahr 1878 zählte man in 28 deutschen Ländern insgesamt 47 Bußtage, die an 24 unterschiedlichen Daten begangen wurden. Diese Zersplitterung erschwerte eine gemeinsame Besinnung und das Gefühl der nationalen Einheit. Daher gab es immer wieder Bestrebungen, einen einheitlichen Buß- und Bettag einzuführen. Bereits 1852 und erneut 1878 schlug die Eisenacher Konferenz evangelischer Kirchenleitungen vor, den Mittwoch vor dem letzten Sonntag im Kirchenjahr als allgemeinen Buß- und Bettag festzulegen. Diesem Vorschlag folgte Preußen am 12. März 1893 mit einem entsprechenden Gesetz. Die endgültige Vereinheitlichung für das gesamte Deutsche Reich erfolgte jedoch erst durch das „Reichsgesetz über die Feiertage“ vom 27. Februar 1934, das den Buß- und Bettag zu einem gesetzlichen Feiertag erklärte.
Turbulente Zeiten: Abschaffung und Wiedereinführung
Die wechselvolle Geschichte des Buß- und Bettags setzte sich auch im 20. Jahrhundert fort. Während des Zweiten Weltkrieges wurde der Buß- und Bettag auf einen Sonntag verlegt und somit als separater arbeitsfreier Feiertag abgeschafft. Dies geschah unter dem Vorwand, alle Kräfte für die Kriegsführung zu mobilisieren. Nach Kriegsende wurde der Feiertag in den westdeutschen Bundesländern (mit Ausnahme Bayerns) wieder als gesetzlicher Gedenk- und Feiertag eingeführt. In der DDR war er bis 1967 ein arbeitsfreier Feiertag, wurde dann aber im Zuge der Einführung der 5-Tage-Woche abgeschafft. Bayern zog 1952 nach, erkannte den Tag jedoch zunächst nur in überwiegend evangelisch bevölkerten Regionen gesetzlich an. Erst ab 1981 war der Buß- und Bettag auch in überwiegend katholisch bevölkerten Regionen Bayerns ein arbeitsfreier Feiertag und wurde somit in der gesamten Bundesrepublik einheitlich begangen.
Nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurde der Buß- und Bettag auch von allen neuen Bundesländern übernommen und war somit für kurze Zeit wieder ein deutschlandweiter gesetzlicher Feiertag.
Der entscheidende Schnitt: Die Abschaffung im Jahr 1995
Die wohl einschneidendste Veränderung in der jüngeren Geschichte des Buß- und Bettags erfolgte im Jahr 1994. Es wurde beschlossen, den Buß- und Bettag als arbeitsfreien Tag mit Wirkung ab 1995 zu streichen. Der Hintergrund für diese Entscheidung war ein politischer Kompromiss: Die Mehrbelastung für die Arbeitgeber durch die Beiträge zur neu eingeführten Pflegeversicherung sollte durch Mehrarbeit der Arbeitnehmer ausgeglichen werden. Die Idee war, dass die Einnahmen aus der zusätzlichen Arbeitszeit zur Finanzierung der Pflegeversicherung beitragen würden.
Diese Abschaffung stieß auf erhebliche Kritik. Viele Kritiker führten an, dass der damals gewünschte Effekt – die sichere Finanzierung der Pflegeversicherung – nicht von dauerhafter Wirkung war und bereits kurz nach der Abschaffung Beitragserhöhungen vorgenommen werden mussten. Die Abschaffung des Feiertags hingegen blieb bestehen, was von vielen als Ungleichgewicht wahrgenommen wurde. Kurz vor der bundesweiten Regelung erwog das Land Baden-Württemberg Ende 1994 sogar, den Pfingstmontag anstelle des Buß- und Bettags abzuschaffen, folgte aber letztlich im Frühjahr 1995 der bundesweiten Regelung.
In den ersten Jahren nach der Abschaffung gab es verschiedene Initiativen, die eine Wiedereinführung des Buß- und Bettags als gesetzlichen Feiertag forderten. Dazu gehörten beispielsweise ein erfolgloser Volksentscheid in Schleswig-Holstein und ein Gesuch des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Diese Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg.
Der Buß- und Bettag heute: Ein Sonderfall in Deutschland
Seit 1995 ist der Buß- und Bettag in den meisten Bundesländern kein gesetzlicher Feiertag mehr. Er nimmt heute eine Sonderstellung in der deutschen Feiertagslandschaft ein. Lediglich in einem Bundesland ist er weiterhin ein vollwertiger gesetzlicher Feiertag:
Regelungen im Speziellen: Sachsen, Bayern und Berlin
Die Regelungen zum Buß- und Bettag variieren stark zwischen den Bundesländern. Hier ein Überblick:
| Bundesland/Region | Status am Buß- und Bettag | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Sachsen | Gesetzlicher Feiertag | Arbeitnehmer zahlen 0,5 % des Bruttoarbeitsentgelts mehr zur Pflegeversicherung. Dieser höhere Beitrag übersteigt die Lohnkosten eines zusätzlichen Feiertags. |
| Alle anderen Bundesländer (außer Sachsen) | Kein gesetzlicher Feiertag | Arbeitnehmer können sich unter Hinweis auf religiöse Pflichten freinehmen, müssen aber auf Lohn verzichten (unbezahlter Urlaub). |
| Bayern | Unterrichtsfrei an allen Schulen | Lehrkräfte haben unterrichtsfrei, aber nicht dienstfrei; oft Pädagogische Tage. Bekenntniszugehörige Lehrkräfte können fernbleiben. Die meisten Kindergärten sind geschlossen. Der öffentliche Nahverkehr folgt dem Ferienfahrplan. |
| Berlin | Keine Schulpflicht für evangelische Schüler | Evangelische Schüler sind vom Schulbesuch befreit. |
Die Tatsache, dass in Sachsen der Buß- und Bettag weiterhin ein gesetzlicher Feiertag ist, führt zu einer Besonderheit bei den Beiträgen zur Pflegeversicherung. Arbeitnehmer in Sachsen zahlen einen um 0,5 % des Bruttoarbeitsentgelts höheren Beitrag zur Pflegeversicherung als in den anderen Bundesländern. Die Arbeitgeber zahlen entsprechend weniger. Das Bundesverfassungsgericht hat diese Regelung im Gesamtkontext der Einführung der Pflegeversicherung für zumutbar befunden, auch wenn der zusätzlich zu zahlende Beitrag für die Arbeitnehmer die Kosten eines Arbeitstages übersteigt.

Die Regelung in Bayern, wo der Tag an allen Schulen unterrichtsfrei ist, führt dazu, dass viele Eltern mit schulpflichtigen Kindern an diesem Tag Urlaub nehmen müssen, da auch die meisten Kindergärten geschlossen sind. Lehrkräfte haben zwar unterrichtsfrei, aber nicht dienstfrei, und dieser Tag wird oft für Pädagogische Tage genutzt. In Berlin besteht für evangelische Schüler keine Verpflichtung zum Schulbesuch.
Was bedeutet 'Buße tun'?
Die zentrale Bedeutung des Buß- und Bettags liegt im Konzept des „Buße tuns“. Doch was genau bedeutet das? Im Kern geht es um eine tiefe innere Umkehr und Reue. Es ist ein Prozess, bei dem der Einzelne seine eigenen Handlungen, Gedanken und Einstellungen kritisch prüft und erkennt, wo er von moralischen oder religiösen Geboten abgewichen ist. Es geht darum, Schuld zu erkennen und zu bekennen.
„Buße tun“ ist jedoch mehr als nur das Bedauern über begangene Fehler. Es beinhaltet auch den aufrichtigen Wunsch und die feste Absicht, sich von diesen Fehlern abzuwenden und das eigene Verhalten zu ändern. Es ist ein Schritt hin zu einer Neuausrichtung des Lebens, einer Hinwendung zu Gott und seinen Geboten. Dies kann durch Gebet, Fasten, gute Werke oder die Versöhnung mit Mitmenschen geschehen. Die biblische Geschichte von Ninive zeigt eindrucksvoll, dass Buße nicht nur eine individuelle Angelegenheit ist, sondern auch eine kollektive Dimension haben kann, die weitreichende positive Konsequenzen hat. Es ist ein Aufruf zur Besinnung, zur Selbstreflexion und zur Erneuerung des Glaubens und der Lebensführung.
Warum ist dieser Tag noch relevant?
Auch wenn der Buß- und Bettag in den meisten Teilen Deutschlands seinen Status als gesetzlicher Feiertag verloren hat, bleibt seine spirituelle Botschaft hochaktuell. In einer immer schneller werdenden und oft oberflächlichen Welt bietet dieser Tag eine wichtige Gelegenheit zur Innekehr und zur Besinnung auf grundlegende Werte. Die Aufforderung zur Buße und zum Gebet ist nicht nur an Notzeiten gebunden, sondern kann zu jeder Zeit eine Quelle der Stärke und Klarheit sein.
Der Buß- und Bettag erinnert uns daran, dass es wichtig ist, das eigene Leben kritisch zu hinterfragen, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und nach Vergebung und Erneuerung zu suchen. Er ist eine Einladung, sich bewusst mit dem eigenen Gewissen auseinanderzusetzen und eine tiefere Verbindung zum Glauben zu suchen. Für viele Gläubige, insbesondere in der evangelischen Kirche, bleibt dieser Tag ein wichtiger Bestandteil des Kirchenjahres, der zur persönlichen und gemeinschaftlichen spirituellen Vertiefung anregt.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Ist der Buß- und Bettag ein gesetzlicher Feiertag in ganz Deutschland?
Nein, der Buß- und Bettag ist seit 1995 nur noch in Sachsen ein gesetzlicher Feiertag. In allen anderen Bundesländern ist er ein regulärer Arbeitstag.
Warum wurde der Buß- und Bettag abgeschafft?
Der Buß- und Bettag wurde 1995 als arbeitsfreier Tag abgeschafft, um die Finanzierung der neu eingeführten Pflegeversicherung zu unterstützen. Die durch die Abschaffung gewonnene Arbeitszeit sollte die Mehrkosten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer ausgleichen.
Kann ich den Buß- und Bettag aus religiösen Gründen freinehmen?
In den meisten Bundesländern ist es Arbeitnehmern möglich, sich unter Hinweis auf religiöse Pflichten an diesem Tag freizunehmen. Dies geschieht jedoch in der Regel unbezahlt, es sei denn, es wird ein Urlaubstag genommen.
Welche Bedeutung hat der Buß- und Bettag theologisch?
Theologisch ist der Buß- und Bettag ein Tag der Reue für begangene Sünden, der Besinnung auf den Gottesglauben, des fürbittenden Eintretens der Kirche und der Prüfung des eigenen Gewissens. Er ruft zur Umkehr und zum Gebet auf.
Wann findet der Buß- und Bettag statt?
Der Buß- und Bettag fällt immer auf den Mittwoch vor dem Ewigkeitssonntag, dem letzten Sonntag des Kirchenjahres. Dies ist der Mittwoch vor dem 23. November. Im Jahr 2025 ist dies der 19. November.
Fazit
Der Buß- und Bettag ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie ein tief verwurzelter religiöser Feiertag im Laufe der Geschichte immer wieder neu interpretiert und in seinen gesellschaftlichen Funktionen angepasst wurde. Von seinen Ursprüngen als Reaktion auf akute Notlagen über seine Vereinheitlichung im Kaiserreich bis hin zu seiner Abschaffung zur Finanzierung der Pflegeversicherung – der Buß- und Bettag erzählt eine Geschichte von Glauben, Anpassung und gesellschaftlichen Prioritäten. Auch wenn er heute nur noch in Sachsen ein gesetzlicher Feiertag ist, bleibt seine Kernbotschaft von Reue, Besinnung und Gebet für viele Menschen von großer Bedeutung und lädt zur inneren Einkehr ein, die in unserer schnelllebigen Zeit wertvoller denn je ist.
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