Wie wirkt sich das Abendmahl auf das liturgische Geschehen aus?

Das Abendmahl in der Evangelischen Kirche

29/08/2023

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Das Abendmahl, in der evangelischen Kirche oft als Herzstück des Gottesdienstes betrachtet, ist weit mehr als nur eine symbolische Mahlzeit. Es ist ein tiefgreifendes Sakrament, das Gemeinschaft stiftet, an Jesus Christus erinnert und seine Gegenwart erfahrbar macht. Doch was genau unterscheidet die evangelische Abendmahlsfeier von anderen Konfessionen und welche Bedeutung hat sie für die Gläubigen? Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Facetten des Abendmahls in der evangelischen Tradition, von seinen historischen Wurzeln bis zu seiner heutigen liturgischen Praxis.

Was ist das Abendmahl in der Evangelischen Kirche?
In der evangelischen Kirche ist das Abendmahl eines der zwei Sakramente. Mit dem Abendmahl sind viele biblische Bilder und Texte verbunden. Paulus bezeichnet die Gemeinschaft der Christinnen und Christen als „einen Leib“ (vgl. 1Kor 12,12–14) oder auch direkt als Leib Christi (1Kor 12,27).
Inhaltsverzeichnis

Das Abendmahl: Ein zentrales Sakrament

Das Abendmahl ist für evangelische Christen neben der Taufe das wichtigste Sakrament. Es ist eine Feier, die auf das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern vor seiner Kreuzigung zurückgeht. In dieser Mahlzeit gab Jesus Brot und Wein als Zeichen seines Leibes und Blutes und forderte seine Jünger auf, dies zu seinem Gedächtnis zu tun. Diese biblische Grundlage bildet das Fundament für die unterschiedlichen Interpretationen und Praktiken, die sich im Laufe der Kirchengeschichte entwickelt haben. Es geht dabei nicht nur um ein einfaches Gedenken, sondern um eine lebendige Begegnung mit dem auferstandenen Herrn. Die Gemeinschaft der Gläubigen versammelt sich, um diese besondere Verbindung zu Christus und untereinander zu feiern.

Katholische Perspektive: Transsubstantiation und Eucharistie

Um die Besonderheiten des evangelischen Abendmahls zu verstehen, ist es hilfreich, einen Blick auf die katholische Sichtweise zu werfen. In der katholischen Kirche wird das Abendmahl als Eucharistie bezeichnet, ein Begriff, der aus dem Griechischen stammt und „Danksagung“ bedeutet. Ein weiterer geläufiger Begriff ist Kommunion, vom lateinischen „communio“ für „Gemeinschaft“. Hieraus leitet sich auch der Ausdruck „kommunizieren“ für die Teilnahme am Abendmahl ab.

Das zentrale Dogma der katholischen Eucharistie ist die Transsubstantiation. Nach katholischem Verständnis werden Brot und Wein durch die Worte des Priesters während der Wandlung in ihrer Substanz zu Leib und Blut Christi. Äußerlich bleiben sie zwar Brot und Wein, doch ihre innere Wesenheit hat sich gewandelt. Dies hat weitreichende Konsequenzen für die Praxis: Die gewandelten Hostien, die nicht verzehrt werden, dürfen nicht einfach entsorgt werden. Sie werden stattdessen im Tabernakel aufbewahrt, einem kleinen, oft kunstvoll verzierten Schrank im Altarraum, als Zeichen der fortdauernden Gegenwart Christi. Oft trinkt in der katholischen Messe nur der Priester aus dem Kelch, um die Menge des Weins besser anpassen zu können und das Risiko des Verschüttens des gewandelten Blutes Christi zu minimieren.

Martin Luthers Weg: Die Konsubstantiation

Martin Luther, der Begründer der Reformation, brach mit dieser katholischen Praxis der Transsubstantiation. Für ihn war es nicht notwendig, dass sich die Substanz von Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt. Stattdessen vertrat er die Lehre der Konsubstantiation. Nach Luthers Verständnis sind Leib und Blut Christi im Abendmahl „in, mit und unter“ Brot und Wein gegenwärtig. Es findet keine substantielle Wandlung statt, aber Christus ist real in den Elementen präsent, wenn die Gläubigen sie empfangen. Die Gegenwart Christi ist also nicht durch eine mystische Verwandlung der Elemente bedingt, sondern durch den Glauben der Empfangenden und das Wort Gottes. Für Luther war das Abendmahl ein Gnadenmittel, durch das Christus sich selbst schenkt, Sünden vergeben und der Glaube gestärkt wird. Die körperliche Präsenz Christi war für ihn von zentraler Bedeutung, auch wenn er die katholische Deutung der Wandlung ablehnte. Er betonte, dass die Worte Jesu „Das ist mein Leib“ wörtlich zu nehmen seien.

Reformierte Sichtweisen: Das Gedächtnismahl

Andere Reformatoren, wie Ulrich Zwingli und Johannes Calvin, gingen in ihrer Abgrenzung von der katholischen Tradition noch weiter als Luther. Für sie stand nicht die reale physische Präsenz Christi in den Elementen im Vordergrund, sondern die Bedeutung des Abendmahls als Gedächtnismahl. Sie betonten die Worte Jesu: „Dieses tut zu meinem Gedächtnis“ (Lukas 22,19; 1 Korinther 11,24 und 25).

Für Zwingli war das Abendmahl in erster Linie ein Zeichen der Gemeinschaft und des Gedenkens an Jesu Tod und Auferstehung. Es war eine symbolische Handlung, durch die die Gemeinde ihre Zugehörigkeit zu Christus und zueinander bekräftigte. Christus selbst ist für Zwingli im Himmel und nicht physisch in Brot und Wein präsent.

Calvin teilte die Betonung des Gedächtnisses, erweiterte sie jedoch um eine wichtige theologische Nuance. Nach Calvin ist Christus bei der Abendmahlsfeier durch den Heiligen Geist präsent, aber nicht in den Elementen Brot und Wein selbst. Seine Gegenwart erfahren die Gläubigen vielmehr in der Gemeinschaft derer, die das Mahl feiern. Es ist eine geistliche, aber dennoch reale und wirksame Präsenz, die den Glauben stärkt und die Gläubigen mit Christus verbindet. Die reformierte Tradition legt großen Wert auf die aktive Teilnahme und das bewusste Gedenken der Gemeinde.

Die Leuenberger Konkordie: Einheit in Vielfalt

Die unterschiedlichen Abendmahlsdeutungen zwischen Lutheranern und Reformierten führten über Jahrhunderte hinweg zu theologischen Auseinandersetzungen und kirchlichen Trennungen. Ein bedeutender Schritt zur Überwindung dieser Spaltung war die Leuenberger Konkordie von 1973. In diesem wegweisenden Dokument einigten sich reformierte und lutherische Kirchen in Europa zusammen mit anderen protestantischen Kirchen darauf, dass die unterschiedlichen Deutungen des Abendmahls nicht länger kirchentrennend seien.

Dies bedeutete einen historischen Durchbruch: Lutheraner und Reformierte konnten nun gemeinsam das Abendmahl feiern, obwohl ihre theologischen Interpretationen der Präsenz Christi weiterhin unterschiedlich waren. Die Konkordie formulierte eine gemeinsame Antwort auf die Frage, wie genau Jesus Christus beim Abendmahl „präsent“ oder anwesend ist: „In Verkündigung, Taufe und Abendmahl ist Jesus Christus durch den Heiligen Geist gegenwärtig.“ Diese Formel respektiert die unterschiedlichen Nuancen der Traditionen und betont gleichzeitig die grundlegende Einheit im Glauben an die wirksame Gegenwart Christi. Sie unterstreicht, dass die Spaltung wegen der Abendmahlslehre als überwunden gilt und ermöglicht eine weitreichende Kirchengemeinschaft.

Das Abendmahl im Gottesdienst: Liturgische Präsenz

Die theologische Bedeutung des Abendmahls spiegelt sich auch in seiner liturgischen Gestaltung wider. Das Abendmahl ist nicht nur eine geistliche Erfahrung, sondern auch ein sichtbares Geschehen. Die Elemente Brot und Wein sind oft schon vor dem eigentlichen Abendmahlsteil im Kirchenraum präsent, beispielsweise auf dem Altar oder einem Abendmahlstisch. Diese sichtbare Präsenz der Elemente unterstreicht ihre Bedeutung und bereitet die Gemeinde auf das bevorstehende Sakrament vor.

Was ist das Abendmahl in der Evangelischen Kirche?
In der evangelischen Kirche ist das Abendmahl eines der zwei Sakramente. Mit dem Abendmahl sind viele biblische Bilder und Texte verbunden. Paulus bezeichnet die Gemeinschaft der Christinnen und Christen als „einen Leib“ (vgl. 1Kor 12,12–14) oder auch direkt als Leib Christi (1Kor 12,27).

Mancherorts werden Brot und Wein auch erst kurz vor dem eigentlichen Abendmahlsteil in einer feierlichen Prozession hereingebracht und in die Krüge gefüllt bzw. auf die Brotschale gelegt. Dies betont den besonderen Charakter des Mahles und die Wertschätzung der Elemente. Die Art und Weise, wie die Elemente gehandhabt und präsentiert werden, kann je nach evangelischer Gemeinde variieren, doch immer zielt sie darauf ab, die Bedeutung dieses zentralen Sakraments zu unterstreichen und die Gläubigen auf die Begegnung mit Christus vorzubereiten. Die Atmosphäre während des Abendmahls ist oft eine der Besinnung, der Dankbarkeit und der tiefen Gemeinschaft.

Vergleichende Übersicht der Abendmahlslehren

Um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Abendmahlsverständnisse zu verdeutlichen, dient die folgende Tabelle:

AspektKatholische KircheEvangelisch-Lutherische KircheReformierte Kirchen (Zwingli/Calvin)
BezeichnungEucharistie, KommunionAbendmahlAbendmahl
Christi PräsenzTranssubstantiation: Substanzwandel von Brot/Wein zu Leib/Blut Christi.Konsubstantiation: Leib/Blut Christi sind "in, mit und unter" Brot/Wein real präsent.Geistliche Präsenz Christi durch den Heiligen Geist in der Gemeinschaft der Feiernden (nicht in den Elementen selbst).
HauptbedeutungOpfer, Danksagung, Gemeinschaft mit Christus, Gnadenmittel zur Sündenvergebung.Gnadenmittel, Sündenvergebung, Stärkung des Glaubens, Gemeinschaft mit Christus und untereinander.Gedächtnismahl an Jesu Tod und Auferstehung, Zeichen der Gemeinschaft und des Bekenntnisses.
Umgang mit RestenAufbewahrung der gewandelten Hostien im Tabernakel.Verzehr oder Entsorgung der Reste (keine anhaltende physische Präsenz nach dem Mahl).Verzehr oder Entsorgung der Reste.
Kelch für LaienTraditionell oft nur Priester, heute häufiger beiderlei Gestalt möglich.Regelmäßig Brot und Wein für alle Kommunikanten.Regelmäßig Brot und Wein für alle Kommunikanten.

Häufig gestellte Fragen zum Abendmahl in der Evangelischen Kirche

Wer darf am evangelischen Abendmahl teilnehmen?

In den meisten evangelischen Kirchen ist die Teilnahme am Abendmahl offen für alle getauften Christen, unabhängig von ihrer Konfession. Dies ist ein Ergebnis der Leuenberger Konkordie, die die Gemeinschaft zwischen verschiedenen protestantischen Kirchen ermöglichte. Es wird davon ausgegangen, dass Christus selbst einlädt und die Gemeinschaft am Abendmahl ein Zeichen der Einheit der Kirche ist.

Warum gibt es so viele unterschiedliche Deutungen des Abendmahls?

Die unterschiedlichen Deutungen rühren aus den theologischen Diskussionen der Reformation her, als die Reformatoren versuchten, die biblische Lehre vom Abendmahl neu zu verstehen und von der katholischen Tradition abzugrenzen. Jede Deutung betont verschiedene Aspekte der Präsenz Christi und der Bedeutung des Mahles, was die theologische Vielfalt innerhalb des Christentums widerspiegelt.

Was bedeutet "Sakrament" im evangelischen Sinne?

Im evangelischen Verständnis ist ein Sakrament eine heilige Handlung, die von Christus selbst eingesetzt wurde und in der er sich den Gläubigen durch sichtbare Zeichen (Brot und Wein bei Abendmahl, Wasser bei der Taufe) unsichtbar schenkt und seine Gnade zuspricht. Es ist eine Verbindung von Gottes Wort und einem sichtbaren Zeichen, das den Glauben stärkt und Gottes Heilszusage erfahrbar macht.

Wird beim Abendmahl immer Wein verwendet?

Traditionell wird beim Abendmahl Wein verwendet, da dies der biblischen Überlieferung entspricht. Viele evangelische Gemeinden bieten jedoch auch Traubensaft als Alternative an, um Menschen entgegenzukommen, die keinen Alkohol trinken möchten oder dürfen (z.B. aus gesundheitlichen Gründen oder wegen Suchtproblemen). Die Wahl der Elemente ist hier weniger ein theologisches Dogma, sondern eine Frage der pastoralen Fürsorge.

Ist das Abendmahl eine Wiederholung des Opfers Jesu?

Nein, im evangelischen Verständnis ist das Abendmahl keine Wiederholung des Opfers Jesu. Das Opfer Jesu am Kreuz war einmalig und endgültig. Das Abendmahl ist vielmehr ein Gedächtnis dieses Opfers, eine Feier der errungenen Erlösung und eine Vergegenwärtigung der Wirksamkeit dieses Opfers für die Gläubigen heute. Es ist ein Empfangen der Gnade, nicht ein erneutes Darbringen eines Opfers.

Wie oft wird in der evangelischen Kirche Abendmahl gefeiert?

Die Häufigkeit der Abendmahlsfeier variiert je nach evangelischer Gemeinde und Tradition. In vielen Gemeinden wird es einmal im Monat oder an besonderen Festtagen (wie Ostern, Pfingsten, Weihnachten) gefeiert. Manche Gemeinden feiern es auch wöchentlich oder seltener. Es gibt keine feste Vorschrift, aber es ist ein regelmäßiger Bestandteil des Gemeindelebens.

Gibt es eine bestimmte Haltung beim Empfang des Abendmahls?

Die Haltung beim Empfang des Abendmahls kann variieren. In manchen Gemeinden knien die Teilnehmer am Altar, in anderen stehen sie, und wieder andere gehen nach vorne und empfangen die Elemente im Stehen. Es gibt auch die Praxis des "Umgangs" oder "Rundgangs", bei dem die Gemeinschaft gemeinsam die Elemente empfängt. Wichtiger als die äußere Haltung ist die innere Haltung der Ehrfurcht, des Glaubens und der Dankbarkeit.

Welche Bedeutung hat die Gemeinschaft beim Abendmahl?

Die Gemeinschaft spielt eine zentrale Rolle beim evangelischen Abendmahl. Es ist nicht nur eine individuelle Begegnung mit Christus, sondern auch ein Ausdruck der Einheit der Gläubigen untereinander. Durch das gemeinsame Teilen von Brot und Wein wird die Verbundenheit als Leib Christi sichtbar und erfahrbar. Es ist ein Zeichen der Versöhnung und der Verbundenheit, das über konfessionelle Grenzen hinweg wirken kann.

Das Abendmahl in der evangelischen Kirche ist ein facettenreiches Sakrament, das tief in der biblischen Überlieferung verwurzelt ist und doch eine eigene theologische Entwicklung genommen hat. Es ist ein Ort der Begegnung mit Christus, der Vergebung der Sünden und der Stärkung des Glaubens. Die Fähigkeit der evangelischen Kirchen, trotz unterschiedlicher theologischer Deutungen in der Leuenberger Konkordie zu einer gemeinsamen Feier zu finden, zeugt von einem tiefen Verständnis für die Einheit des Leibes Christi. Ob als Konsubstantiation oder Gedächtnismahl verstanden, bleibt das Abendmahl ein zentraler Akt der Anbetung und des Gemeinschaftserlebnisses, der die Gläubigen immer wieder neu mit ihrem Herrn und miteinander verbindet. Es ist ein lebendiges Zeichen der Gnade Gottes in unserer Welt.

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