Was ist der Unterschied zwischen Fromm und gefalteten Händen?

Gebetshaltungen: Eine Reise durch die Bedeutung der Hände

13/05/2024

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Im Herzen des Gebets liegt der Wunsch, sich Gott zu nähern, sich auszudrücken und eine Verbindung herzustellen. Doch wie tun wir das mit unserem ganzen Sein, insbesondere mit unseren Händen? Diese Frage beschäftigt Gläubige seit Jahrhunderten und manifestiert sich heute in einer faszinierenden Vielfalt von Gebetshaltungen. Von den scheinbar einfachen gefalteten Händen bis hin zu den weit ausgebreiteten Armen – jede Geste birgt eine tiefe theologische und spirituelle Bedeutung, die über das Offensichtliche hinausgeht. Es geht darum, jene Haltung zu finden, in der wir uns selbst am besten vor Gott zur Sprache bringen und so als ganzer Mensch Gott näherkommen können, wie Manuela Priester, Fachreferentin im Liturgiereferat der Erzdiözese Wien, betont. Lassen Sie uns gemeinsam auf Spurensuche gehen und die reiche Welt der Gebetshaltungen der Hände erkunden.

Was ist ein ersteinmal bei einem christlichen Gebet?
Zu Ersteinmal muss man bei einem christlichen Gebet verstehen, dass ein Christ mit seinem Gebet nicht an bestimmten Gegenständen, Orten oder gar Ritualen gebunden ist. Es gibt sogar Christen, die sagen, dass man nicht mal sprechen muss, um zu beten. Es ist keine bestimmte Gebetshaltung nötig, um mit Gott zu reden.
Inhaltsverzeichnis

Die unsichtbare Sprache: Warum die Körpersprache im Gebet zählt

Bevor wir uns den spezifischen Handhaltungen widmen, ist es entscheidend zu verstehen, dass die Körpersprache im Gebet genauso wichtig ist wie das gesprochene Wort. Laut Psychologie drücken wir nonverbal – oft unbewusst – sehr viel aus, besonders im Bereich des Glaubens. Der Mensch handelt mit seiner Hand, er „begreift“ damit die Wirklichkeit. Im Gebet wird die Hand zum Werkzeug der Seele, das innere Haltungen und Wünsche zum Ausdruck bringt. Eine Gebetshaltung ist somit nicht nur eine äußere Form, sondern ein Spiegel unserer inneren Einstellung und unseres Verhältnisses zu Gott. Sie kann Demut, Dankbarkeit, Hingabe, Offenheit oder Flehen ausdrücken und somit unser Gebet intensivieren und vertiefen.

Die Grundlagen: Stehen, Sitzen, Knien im Gottesdienst

Obwohl unser Fokus auf den Händen liegt, ist es hilfreich, die allgemeinen Körperhaltungen im Gottesdienst zu kennen, da sie den Rahmen für die Handgesten bilden. Die „Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch“ (Nr. 21) gibt klare, wenn auch knappe, Anweisungen:

  • Stehen: „Soweit keine andere Regelung getroffen wird, soll man in allen Messfeiern stehen.“ Diese Haltung ist die Grundhaltung des Betenden und symbolisiert die Bereitschaft, Gott zu dienen und seine Gegenwart zu ehren. Das zweite Eucharistische Hochgebet formuliert dies prägnant: „Wir danken dir, dass du uns gerufen hast, vor dir zu stehen und dir zu dienen.“ Stehen ist eine Haltung der Auferstehung, der Wachsamkeit und der aktiven Teilnahme.
  • Sitzen: Während der Lesungen, des Antwortpsalms, zur Homilie und zur Gabenbereitung sitzt man. Sitzen ist die Haltung des Zuhörens, der Meditation und der Aufnahmebereitschaft.
  • Knien: Das Knien ist insbesondere bei der Konsekration (Wandlung) vorgesehen. Es ist eine Haltung der Demut, der Anbetung und der tiefen Verehrung vor der Gegenwart Christi im Sakrament.

Doch selbst wenn wir stehen, bleibt die Frage: Was tun wir mit unseren Händen? Hier beginnt die eigentliche Vielfalt.

Die Orantenhaltung: Hände zum Himmel erhoben

Die Orantenhaltung, das Stehen mit zum Himmel erhobenen Armen, ist die wohl älteste und biblischste Gebetshaltung der Christenheit. Sie wurde von den Juden übernommen und war über Jahrhunderte die normale Gebetshaltung. Schon König Salomo und der Apostel Paulus hoben beim Beten die Hände, was ihr Flehen und ihre Bereitschaft, von Gott etwas zu empfangen, ausdrückte. Ein „Orante“ (lateinisch „orare“ = beten) ist ein Betender mit ausgestreckten Armen, wie auch Fresken in den Katakomben der frühen Christenheit zeigen.

Diese Haltung kann vielfältig interpretiert werden: Strecken wir die Hände ganz nach oben aus, kann dies den Wunsch ausdrücken, dass Gott an uns handelt. Strecken wir die Hände eher nach vorn aus, zeigen wir, dass wir uns von ihm führen lassen wollen. Der große Theologe Origenes schrieb in seinem Werk „Über das Gebet“ über seine bevorzugte Körperhaltung: „… Stehend, mit ausgestreckten Händen und emporgerichteten Augen…“ Marianne Schlosser, Universitätsprofessorin für Theologie der Spiritualität, beschreibt in ihrem Buch „Erhebung des Herzens. Theologie des Gebetes“, wie das Erheben der Hände die bewusste Zuwendung zu Gott verstärkt: „Das Gebet gleicht einem ‚Pfeil‘, der zum Himmel gesandt wird, und diese Form nimmt der Leib des Betenden an.“

Heute nimmt in der katholischen Kirche primär der Priester die Orantenhaltung ein, und zwar bei den sogenannten „Amtsgebeten“ (Tagesgebet, Gabengebet, Hochgebet und Schlussgebet) sowie beim Vaterunser. Wenn der Priester diese Gebete mit den Worten „Lasset uns beten“ einleitet, signalisiert er, dass nicht er allein betet, sondern alle Gläubigen mitbeten. Dies könnte sich auch deutlicher in der Haltung der Hände der Gemeinde ausdrücken, was immer mehr Katholiken – nicht nur aus dem charismatischen Umfeld – auch tun.

Die gefalteten Hände: Demut, Sammlung und Treue

Millionenfach bekannt durch Albrecht Dürers „Betende Hände“, sind die gefalteten Hände ein omnipräsenter Ausdruck des Gebets in der Volksfrömmigkeit. Doch diese Haltung ist, verglichen mit der Orantenhaltung, relativ jung in den Gottesdienst und das Gebetsleben gekommen. Ihre Ursprünge werden auf germanischen Einfluss zurückgeführt, genauer gesagt auf das Lehensrecht des Mittelalters. Wer sich freiwillig einem Lehensherrn unterwarf und zum Dienst verpflichtete, legte ihm seine gefalteten Hände in die Hände des Herrn.

Diese Geste drückte Verehrung, Unterwerfung und Abhängigkeit aus. Im Laufe der Zeit wurde diese Bedeutung auf die Beziehung zu Gott übertragen. Händefalten bedeutet somit Treue zu Gott, ein Zeichen innerer Sammlung und Ruhe. Es ist das demütige Bekenntnis der Abhängigkeit von Gott, im Gegensatz zu den ausgebreiteten Händen, die eher Ausdruck des dankbaren, aber auch selbstbewussten Gotteslobes sind, das Anteil an der Auferstehung Christi hat. Der Gestus der zusammengelegten Hände findet sich heute noch in der Priesterweihe, wo der Weihekandidat seine Hände in die des Bischofs legt und ihm Ehrfurcht und Gehorsam verspricht. Auch in anderen Religionen, wie dem Hinduismus und Buddhismus, ist das Zusammenlegen der Hände als Gebärde bekannt.

Hände als Schale geformt: Offenheit und Empfangsbereitschaft

Eine weitere Haltung, die besonders aus italienischen Gottesdiensten bekannt ist, ist das Formen der Hände vor dem Körper zu einer Schale. Diese Geste, die auch viele Gläubige bei den „Amtsgebeten“ der Priester vollziehen, zeigt, dass sie innerlich und äußerlich mitbeten. Es ist eine Haltung der Offenheit und Empfangsbereitschaft Gott gegenüber: Ich halte ihm meine leeren Hände hin, bereit, zu empfangen, was er mir geben möchte. Geöffnete Hände verweisen auf die Annahme des Wortes Gottes, auf die Öffnung zu Gott hin, zu allem, was von ihm kommt. Mit der Einführung der Handkommunion nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist das Formen der Hände zu einer Schale im Gebet noch üblicher geworden, da es die Haltung des Empfangens des eucharistischen Brotes widerspiegelt.

Die gekreuzten Hände: Hingabe und Vertrauen

Das Kreuzen der Hände über der Brust hat einen orientalischen Ursprung und ist beispielsweise in der byzantinischen Kirche verbreitet, wo Kommunikanten diese Haltung einnehmen. Auch bei Ordensgelübden ist dies in vielen Klöstern noch eine übliche Haltung, die tiefe Hingabe und gleichzeitig volles Vertrauen zeigt. Die gekreuzten Arme vor der Brust symbolisieren eine Umarmung Gottes, eine totale Unterwerfung unter seinen Willen und ein unerschütterliches Vertrauen in seine Führung.

Andere Gebetshaltungen und ihre Deutung

Die Vielfalt im Gottesdienst zeigt sich auch in anderen, weniger verbreiteten Haltungen:

  • Verschränkte Finger: Diese Haltung tauchte in der Reformation auf und kann als eine Form der inneren Sammlung oder des persönlichen Gebets verstanden werden, die sich von den traditionelleren Gesten abhebt.
  • Hände an den Körper angelegt: Manche Betende halten ihre Hände einfach an den Körper angelegt. Diese Haltung ist weniger expressiv und kann eine Haltung der Passivität oder des in sich Gekehrtseins ausdrücken.
  • Verschränkte Arme: Obwohl weniger traditionell für das formelle Gebet, kann das Verschränken der Arme für manche eine Geste der Konzentration oder des Schutzes sein, auch wenn sie manchmal als Zeichen der Verschlossenheit missverstanden wird.

Die Vielfalt im Gottesdienst: Eine Antwort auf „theatralisch“

Helge Schöner aus der Pfarre Semmering empfindet die zunehmende Zahl von Gottesdienstmitfeiernden, die mit ausgebreiteten Händen beten, als „theatralisch“. Diese Wahrnehmung berührt einen wichtigen Punkt: Die Bedeutung von Gesten. Was für den einen eine tief empfundene, authentische Ausdrucksform ist, kann für den anderen wie eine Inszenierung wirken. Es ist wichtig zu verstehen, dass hinter jeder Gebetshaltung eine theologische und spirituelle Absicht steht, die weit über eine bloße Performance hinausgeht. Die Orantenhaltung ist nicht „theatralisch“, sondern eine tief verwurzelte biblische Geste des Bittens und Empfangens. Die Wahl der Haltung ist oft ein Ausdruck der persönlichen Spiritualität und der Art und Weise, wie man sich Gott am besten annähern kann. Es gibt keine „offiziell vorgeschriebene“ Handhaltung für die Laien, aber eine reiche Tradition, aus der jeder schöpfen kann, um sein Gebet zu vertiefen und seine Beziehung zu Gott zu stärken.

Vergleichstabelle der Gebetshaltungen

GebetshaltungUrsprung/HintergrundSymbolische BedeutungHeutige Verwendung (Beispiele)
Orantenhaltung (Hände erhoben/ausgebreitet)Biblisch, frühchristlich, jüdische TraditionFlehen, Empfangsbereitschaft, Lobpreis, aktive Zuwendung zu Gott, Wunsch nach Gottes HandelnPriester bei Amtsgebeten und Vaterunser; zunehmend auch Gläubige
Gefaltete Hände (aneinandergelegt)Germanisches Lehensrecht, mittelalterliche VolksfrömmigkeitDemut, Unterwerfung, Abhängigkeit, Treue zu Gott, innere Sammlung und RuheWeit verbreitet in der Volksfrömmigkeit; Priesterweihe
Hände als Schale geformtSüdeuropäische Tradition (Italien), nach II. Vatikanum verbreitetOffenheit, Empfangsbereitschaft, Annahme von Gottes Wort und Gnade, MitbetenBei der Handkommunion; Gläubige beim Mitbeten der Amtsgebete
Gekreuzte Hände (über der Brust)Orientalisch, byzantinischHingabe, volles Vertrauen, Anbetung, DemutKommunikanten in der byzantinischen Kirche; Ordensgelübde
Verschränkte FingerReformationInnere Sammlung, persönliche KonzentrationPersönliches Gebet, weniger im offiziellen Gottesdienst

Häufig gestellte Fragen zu Gebetshaltungen

Ist eine Gebetshaltung „richtiger“ als eine andere?

Nein, es gibt keine „richtigere“ oder „falschere“ Gebetshaltung für Laien im Gottesdienst. Die „Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch“ gibt zwar allgemeine Anweisungen für Stehen, Sitzen und Knien, aber keine spezifischen Regeln für die Hände der Gemeinde. Die Wahl der Haltung ist oft eine persönliche Entscheidung, die von Tradition, persönlicher Spiritualität und dem Wunsch abhängt, sich auf eine bestimmte Weise auszudrücken. Alle genannten Haltungen können Ausdruck eines aufrichtigen Gebets sein.

Warum breiten Priester ihre Arme während des Gebets aus?

Priester nehmen die Orantenhaltung bei den sogenannten „Amtsgebeten“ (Tagesgebet, Gabengebet, Hochgebet und Schlussgebet) sowie beim Vaterunser ein. Diese Haltung ist die traditionelle biblische Gebetshaltung und symbolisiert das Flehen, das Lob Gottes und die Bereitschaft, von Gott zu empfangen. Der Priester handelt hier in persona Christi und als Repräsentant der betenden Gemeinde, die er zum Mitbeten einlädt.

Sind gefaltete Hände nur eine „neuere“ Tradition?

Ja, im Vergleich zur jahrhundertealten Orantenhaltung sind die gefalteten Hände eine relativ „neuere“ Tradition im christlichen Gebet. Ihre Verbreitung ist eng mit mittelalterlichen germanischen Bräuchen und der Entwicklung der Volksfrömmigkeit verbunden. Die Orantenhaltung war über viele Jahrhunderte die dominierende Gebetshaltung.

Sollte ich die Haltung des Priesters nachahmen?

Es ist nicht zwingend vorgeschrieben, die Handhaltung des Priesters nachzuahmen. Wenn der Priester jedoch mit „Lasset uns beten“ einlädt, dann betet die ganze Gemeinde mit. Die Wahl der Haltung, sei es die Orantenhaltung, gefaltete Hände oder Hände als Schale, ist eine persönliche Entscheidung, die die eigene innere Haltung des Mitbetens und der Beziehung zu Gott ausdrückt. Viele Gläubige empfinden es als bereichernd, die Orantenhaltung beim Vaterunser oder bei anderen Gebeten einzunehmen, um ihre aktive Teilnahme und Offenheit zu zeigen.

Was sagt die Bibel über Gebetshaltungen?

Die Heilige Schrift erwähnt verschiedene Gebetshaltungen, wobei das Stehen mit zum Himmel erhobenen Armen (die Orantenhaltung) besonders prominent ist. Beispiele sind König Salomo im 1. Buch der Könige (1 Kön 8,22) und der Apostel Paulus, der wünscht, „dass die Männer an jedem Ort beten, indem sie heilige Hände erheben ohne Zorn und Zweifel“ (1 Tim 2,8). Diese biblischen Bezüge unterstreichen die Bedeutung der ausgestreckten Hände als Ausdruck von Flehen, Dankbarkeit und Empfangsbereitschaft.

Die Vielfalt der Gebetshaltungen der Hände ist ein Spiegel der reichen spirituellen Tradition und der persönlichen Beziehung jedes Gläubigen zu Gott. Ob erhoben, gefaltet, als Schale geformt oder gekreuzt – jede Geste birgt eine einzigartige Bedeutung und trägt dazu bei, unser Gebet zu vertiefen und unsere Seele vor Gott zu öffnen.

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