24/05/2024
Die Russische Föderation präsentiert sich offiziell als ein Mosaik von Kulturen und Religionen, in dem der Islam neben der Russisch-Orthodoxen Kirche und dem Judentum als eine traditionell zu Russland gehörende Religion anerkannt ist. Mit einer geschätzten muslimischen Bevölkerung von 17 bis 20 Millionen Menschen, die fast ausschließlich dem sunnitischen Zweig angehören, ist der Islam tief in der Geschichte und Identität des Landes verwurzelt. Doch hinter dieser Fassade der Vielfalt verbirgt sich eine komplexe Realität, in der die Autonomie muslimischer Gemeinschaften zunehmend eingeschränkt wird und der Staat versucht, den Islam als Instrument der Gesellschaftskontrolle zu nutzen. Dieser Artikel beleuchtet die vielschichtige Rolle des Islams in Putins Russland, von seiner historischen Entwicklung über die staatlich gelenkten Strukturen bis hin zu den Herausforderungen, mit denen Muslime im Alltag konfrontiert sind.

- Die muslimische Präsenz in Russland: Eine historische Übersicht
- Organisation des Islams: Die Rolle der Muftiate
- Islamisches Recht (Scharia) in der Praxis
- Die Vielfalt des russischen Islams: Sufismus und Modernismus
- Der Kampf gegen "Extremismus": Eine Strategie der Kontrolle
- "Verkirchlichung" des Islams und Loyalität zum Staat
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Die muslimische Präsenz in Russland: Eine historische Übersicht
Die Geschichte des Islams auf russischem Territorium reicht weit zurück und ist eng mit der Expansion des russischen Reiches verbunden. Bereits im 15. und 16. Jahrhundert gelangten die Wolgaregion (mit Mischär- und Kasantataren), der Ural und Westsibirien (mit Baschkiren, Kasantataren, Sibirischen Tataren, Kasachen) unter russische Herrschaft. Im 18. Jahrhundert folgten die Krim, Teile der Ukraine und das Kaukasusvorland (mit Krimtataren, Nogajern und Turkmenen). Der Nordkaukasus, Heimat zahlreicher muslimischer Völker wie Awaren, Darginer, Kumüken, Lesgier, Laken, Tabassaraner, Tschetschenen, Inguschen, Balkaren, Karatschajer, Tscherkessen, Kabardiner und Adygejer, wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts nach blutigen Kriegen vollständig unterworfen. Diese Völker brachten eine reiche islamische Tradition mit, die teilweise bis ins Mittelalter zurückreicht.
Die Geschichte dieser Gemeinschaften ist jedoch auch von Leid geprägt. Mehrere dieser Völker wurden in zaristischer Zeit oder unter Stalin Opfer grauenhafter Vertreibungen und Zwangsdeportationen, darunter Tscherkessen, Krimtataren, Tschetschenen, Inguscheten, Karatschajer und Balkaren. Die heutigen "autonomen" Föderationssubjekte im Nordkaukasus spiegeln nicht immer ihre historischen Siedlungsräume wider.
Seit den 1990er Jahren hat Russland zudem Millionen muslimischer Arbeitsmigranten aus Tadschikistan, Kirgisistan, Usbekistan und Aserbaidschan aufgenommen. Hinzu kommt die interne Migration vom Nordkaukasus in russische Großstädte. Auch die Zahl ethnischer Russen, die zum Islam konvertieren, nimmt zu, was die Multikulturalität der russischen Gesellschaft weiter unterstreicht und die Vielfalt des muslimischen Lebens im Lande prägt.
Organisation des Islams: Die Rolle der Muftiate
Der "offizielle" Islam in Russland ist durch ein komplexes Netzwerk von Islamverwaltungen, den sogenannten Muftiaten, strukturiert. Diese Muftiate haben oft überlappende regionale Ansprüche und konkurrieren um staatliche Ressourcen und gesellschaftliche Anerkennung. Praktisch jede Teilrepublik mit einer signifikanten muslimischen Bevölkerung unterhält ein eigenes Muftiat, das die Verwaltung der Moscheen auf seinem Territorium beansprucht.
Das größte Muftiat Russlands, mit angeblich 1.400 Moscheegemeinschaften, ist das der Republik Tatarstan unter Mufti Kamil Samigullin. Weitere wichtige Muftiate finden sich in Baschkortostan, Tschuwaschien sowie in Städten und Regionen der Wolgaregion und Sibiriens. Die Muftiate des Nordkaukasus, darunter Dagestan, Tschetschenien und Inguschetien, haben eine eigene Dachorganisation, die jedoch von internen Rivalitäten geprägt ist. Insbesondere die Republikführungen und Muftiate von Dagestan und Inguschetien versuchen, sich dem Einfluss des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrov zu entziehen.
Kadyrov hat in Tschetschenien ein personalistisches Regime etabliert, das den Islam zur Disziplinierung der Gesellschaft einsetzt. Sein zur Schau gestellter "islamischer Machismo" und der Bau großer Moscheen verschaffen ihm auch über die Grenzen Tschetscheniens hinaus Einfluss auf russische Muslime. Moskau unterstützt Kadyrovs Regime finanziell, um ein erneutes Abspaltungsstreben Tschetscheniens zu verhindern.
Auf übergeordneter Ebene sind einige der regionalen und städtischen Muftiate in konkurrierenden Dachorganisationen zusammengeschlossen, die von prominenten tatarischen Muftis geführt werden:
- Die Zentrale Geistliche Verwaltung der Muslime (ZDUM) in Ufa (Baschkortostan) unter Talgat Tadschuddin, der bereits seit Leonid Breschnews Zeit im Amt ist.
- Die Geistliche Versammlung der Muslime der Russischen Föderation (DUMRF) in Moskau, geleitet von Ravil Gainutdin, der seit 1996 im Amt ist und die Gegenbewegung zu Tadschuddins Netzwerk darstellt.
- Die Geistliche Versammlung der Muslime Russlands (DUMR) unter Albir Krganov, mit Ambitionen auf gesamtrussischer Ebene, beheimatet in Cheboksary (Tschuwaschien) und Moskau.
Die meisten dieser Muftis stammen aus demselben spätsowjetischen Netzwerk "offizieller" Gelehrter, die stark vom KGB kontrolliert wurden. Dieses lose Geflecht von Muftiaten ohne klare Führungsstruktur wird von der Kreml-Präsidialverwaltung koordiniert, was sich beispielsweise in der Platzierung der Muftis bei Putins Reden zum Ukrainekrieg zeigt.
Eine vom Kreml initiierte Stiftung zur Förderung islamischer Kultur unterstützt die Muftiate finanziell bei ihren Vorzeigeprojekten, darunter große Moscheebauten, internationale Islam-Kongresse und Gedenkfeiern. Diese staatliche Finanzierung hat den Einfluss ausländischer (insbesondere türkischer und arabischer) Organisationen und Sponsoren stark reduziert, die in den 1990er Jahren maßgeblich an der "Renaissance" des Islams in Russland beteiligt waren. Präsident Putins politische Vorgabe ist die Schaffung eines "patriotischen" und "traditionellen" Islams, der loyal zu Russland und unabhängig von ausländischen Einflüssen sein muss. Unter dieser Losung entstand auch eine deutliche Tendenz zur Anpassung islamischer Institutionen an die staatlichen Vorgaben. Es entstanden staatlich akkreditierte Islamische Hochschulen und Universitäten (u.a. in Moskau, Kasan, Bolgary/Tatarstan, Ufa/Baschkortostan, Machatschkala/Dagestan und Grosny/Tschetschenien) zur Ausbildung professioneller Imame, ergänzt durch zahlreiche kleine Islamschulen an Moscheen.
Vergleich der großen Muftiate
| Organisation | Sitz | Leiter | Gründungsjahr / Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Zentrale Geistliche Verwaltung der Muslime (ZDUM) | Ufa, Baschkortostan | Talgat Tadschuddin | Älteste, aus sowjetischem Muftiat hervorgegangen |
| Geistliche Versammlung der Muslime der Russischen Föderation (DUMRF) | Moskau | Ravil Gainutdin | Gegengewicht zu ZDUM in den 1990ern entstanden |
| Geistliche Versammlung der Muslime Russlands (DUMR) | Cheboksary, Tschuwaschien / Moskau | Albir Krganov | Jüngere Organisation mit gesamtrussischen Ambitionen |
Islamisches Recht (Scharia) in der Praxis
Lehrmäßig folgen die russischen Muftiate den historisch gewachsenen regionalen Formen des sunnitischen Islams. Im Nordkaukasus, insbesondere in Dagestan und Tschetschenien, dominiert die schafiitische Rechtsschule. Diese Ausrichtung spiegelt die historische Orientierung der Muslime des Nordostkaukasus an der Arabischen Welt und die Bedeutung des Arabischen in ihrer Literatur vor 1917 wider. In den tatarischen Muftiaten Zentralrusslands hingegen ist die hanafitische Rechtsschule verbreitet, die traditionell bei den meisten Turkvölkern, einschließlich der modernen Türkei, vorherrschend ist. Die hanafitische Gelehrsamkeit gelangte hier über zentralasiatische Medressen, wie jene in Buchara und Samarkand, nach Russland.
In der Praxis sind die Unterschiede zwischen dem Hanafismus der Wolga-Uralregion und dem Schafiismus des Nordostkaukasus gering, da beide sunnitischen Rechtsschulen konservativ oder reaktionär ausgelegt werden können. Das islamische Recht findet in der öffentlichen Debatte vor allem in Fragen der Eheschließung (Nikah) und Ehescheidung (Talaq) Anwendung. Während die schafiitische Rechtsschule die Heirat muslimischer Männer mit christlichen oder jüdischen Frauen ablehnt, ist sie im hanafitischen Islam weitgehend zulässig. Die Muftiate erlassen Fatwas (Rechtsgutachten), um ihren Imamen Anweisungen für diese Fragen zu geben.
Diese islamische Praxis existiert parallel zum säkularen Recht der Russischen Föderation. Während offiziell die islamische Trauungszeremonie vor oder nach der standesamtlichen Heirat stattfindet, verzichten viele Ehemänner darauf, zum Standesamt zu gehen. Dies ermöglicht auch Polygamie, insbesondere unter mittelasiatischen Arbeitsmigranten, die in Russland eine zweite Familie gründen. Viele dieser Migranten leben ohnehin in parallelen Welten, oft im Umfeld von Baustellen und Basaren, wo sie eigene Hierarchien und Gebetsplätze haben. Ihre religiösen Praktiken orientieren sich an islamischen Strömungen und Autoritäten aus ihren Herkunftsländern und entziehen sich weitgehend dem Einfluss der russländischen Muftiate.
Die Vielfalt des russischen Islams: Sufismus und Modernismus
Sufismus im Kaukasus
Besonders im Nordkaukasus spielt der Sufismus, die mystische Dimension des Islams, eine bedeutende Rolle. Er ist eng mit Mausoleen von Heiligen und lokalen sowie regionalen Netzwerken von Meistern und Schülern verbunden. Diese Sufi-Bruderschaften führen regelmäßig mystische Rituale durch, um Gottes zu gedenken oder sich ihm zu nähern. Sie üben oft großen Einfluss auf Gesellschaft und Politik aus, sind aber auch ein Angriffsziel für Salafisten und Islamisten, die den Heiligenkult als Polytheismus ablehnen.
Das islamische Establishment in Dagestan gehört zur Naqshbandiya-Bruderschaft, die im 19. Jahrhundert eine Rolle bei der Mobilisierung zum Dschihad gegen Russland unter Imam Schamil spielte. Heute positionieren sich die Naqshbandis jedoch als loyal zu Moskau. In Tschetschenien und Inguschetien dominiert eine andere Bruderschaft, die auf das Netzwerk des tschetschenischen Predigers Kunta-Hadschi zurückgeht. Diese Gruppen, oft mit bestimmten Clans verbunden, zeichnen sich durch Tanzrituale aus, die teilweise öffentlich stattfinden. Die Behauptung, der "Kunta-Hadschismus" sei gleichbedeutend mit dem tschetschenischen Islam, ist eine Vereinfachung, die jedoch durch Ramsan Kadyrovs Islampolitik verstärkt wird. Kadyrovs Vater, Achmat Kadyrov, stand in dieser Tradition, und Ramsans Kult um seinen Vater geht einher mit der Renovierung zahlreicher Schreine der Kunta-Hadschis. Dies zeigt die tiefe Spiritualität und historische Verankerung des Sufismus in der Region.
Islamischer Modernismus (Dschadidismus)
Während im Nordkaukasus sufische Netzwerke und patriarchalische Strukturen trotz Unterdrückung in der Sowjetzeit erhalten blieben, war der organisierte Sufismus in der Wolgaregion gegen Ende der Sowjetzeit praktisch erloschen. In Kasan (Republik Tatarstan) berief man sich stattdessen zunächst auf das intellektuelle Erbe des sogenannten Dschadidismus (von usul-i jadid, "die neuen Unterrichtsmethoden"). Dies war eine fortschrittliche (modernistische) muslimische Bildungsbewegung, die in den 1880er Jahren entstand.
Der Dschadidismus umfasste vor allem eine Reform des traditionellen Bildungswesens, wobei das religiöse Curriculum durch "weltliche" Fächer ergänzt wurde. Einige dieser Gelehrten, Lehrer und Journalisten forderten auch eine Reform der islamischen Theologie und Praxis, um sie von Elementen zu befreien, die ihrer Meinung nach nicht zum ursprünglichen Islam gehörten. Im Zentrum stand der Versuch, die Vereinbarkeit von Islam und moderner Wissenschaft zu beweisen. Auch die Befreiung der muslimischen Frau stand auf ihrem Programm; nach der Oktoberrevolution 1917 wurde sogar eine tatarische Lehrerin, Muchlisa Bubi, in ein Kadi-Amt gewählt – ein unerhörter Vorgang für die damalige islamische Welt. Tragischerweise kamen die meisten Dschadidisten, wie ihre männlichen Kollegen, in Stalins Terror um.
Nach dem Ende der UdSSR wurde dieser "progressive" Islam zunächst von Intellektuellen der tatarischen Nationalbewegung aufgegriffen, um einen fortschrittlichen tatarischen Islam zu postulieren, der auf liberaler Weltoffenheit und Rationalität statt auf althergebrachten Strukturen beruhte. Die meisten Imame und Islamgelehrten konnten solchen Konzepten jedoch nichts abgewinnen und wandten sich stattdessen konservativen Werten zu, die in der Türkei, Ägypten und der Golfregion dominierten. Dies führte zu einer Retraditionalisierung. Diese konservative Linie verfolgt auch der gegenwärtige Mufti von Tatarstan, Samigullin, der bei einer extrem frommen Bewegung in Istanbul studiert hatte. Offen "fortschrittsgesinnte" islamische Gelehrte und Publizisten, die sich als Erben des Dschadidismus präsentieren, finden sich heute vor allem im Umfeld des Vize-Muftis von DUMRF in Moskau, Damir Muchetdinov. Auch der syrischstämmige Moskauer Philosoph Tawfik Ibrahim propagiert in seinen russischsprachigen Schriften eine reformistische Theologie des "Koranischen Humanismus", die jedoch von vielen Traditionalisten angefeindet wird.
Der Kampf gegen "Extremismus": Eine Strategie der Kontrolle
Russlands Muftis und Präsident Putin betonen immer wieder, dass der Islam eine friedliche Religion sei und dass der "Extremismus" muslimischer Dschihadisten nichts mit dem wahren Islam zu tun habe. Dennoch ist Russland durch schreckliche Anschläge und Massengeiselnahmen, die mit radikal-islamischer Propaganda einhergingen (wie Budjonnowsk 1995, das Nord-Ost-Theater in Moskau 2002 und die Schule von Beslan 2004), schwer getroffen worden. Dieser Terrorismus, der auch loyalen Islamgelehrten der Muftiate das Leben kostete, erwuchs in den späten 1990er Jahren hauptsächlich aus dem Tschetschenienkonflikt.
Während der tschetschenische Separatismus im ersten Tschetschenienkrieg (1994–1996) noch nationalistisch und weitgehend säkular motiviert war, traten in der Zwischenkriegszeit tschetschenische Bandenführer in den Vordergrund, die den Kampf für den Islam und einen islamischen Staat proklamierten. Ein Angriff tschetschenischer Bandenführer auf das benachbarte Dagestan im August 1999 diente dem damaligen Premierminister Wladimir Putin als Anlass für eine erneute Invasion Tschetscheniens und verhalf ihm zu dem Image eines entschlossenen Retters Russlands, was ihm 2000 die Präsidentschaftswahlen gewann. Der islamische Widerstand setzte sich jedoch im Untergrund fort, was 2007 zur Ausrufung des "Emirats Kaukasus" führte, eines virtuellen Islamstaates, der weite Territorien Russlands umfassen wollte. Dies war eine Abkehr vom Nationalstaatsgedanken, ähnlich wie später beim Islamischen Staat (IS) im Irak und Syrien.
Den russischen und tschetschenischen Sicherheitskräften gelang es, die prominentesten Terrorführer auszuschalten. Seit 2015 schlossen sich viele der überlebenden Dschihad-Kämpfer dem IS in Syrien an, wo sich russischsprachige Einheiten erfahrener Kämpfer bildeten. Der Kreml begründete sein militärisches Eingreifen in den Syrienkrieg 2015 damit, eine Rückkehr dieser Kämpfer nach Russland verhindern zu wollen. Der Vorwand des Kampfes gegen den Extremismus wurde seit der Annexion der Krim 2014 auch genutzt, um die Organisationen der Krimtatarischen Autonomie, insbesondere den Medschlis, zu zerschlagen, dessen Führungspersönlichkeiten heute in anderen Teilen der Ukraine operieren. Gleichzeitig fördert der Kreml das krimtatarische Muftiat unter Mufti Emirali Ablaev, das als kremlloyale Vertretung der Krimtataren fungieren und dem Medschlis die Basis entziehen soll. Andere islamische Organisationen, die unter ukrainischem Recht nicht verboten waren (wie Hizb ut-Tahrir, die mit friedlichen Mitteln auf einen islamischen Staat hinarbeiten), wurden ebenfalls eliminiert. Ehemalige Medschlis- und Hizb ut-Tahrir-Aktivisten arbeiten heute zusammen, um gegen russische Menschenrechtsverletzungen auf der Krim zu protestieren und den Hinterbliebenen von Gefangenen zu helfen.
Die großen regionalen Muftiate in ganz Russland arbeiten eng mit den Sicherheitsbehörden zusammen, um durch Predigt und Erziehung "prophylaktische Aufklärung" in ihren Gemeinden zu betreiben und – gemeinsam mit säkularen Experten – islamische Literatur und Medien auf Spuren von Extremismus hin zu untersuchen. Viele islamische Werke, darunter klassische Schriften und sogar Koranübersetzungen, sind ohne überzeugende Expertise von diversen russischen Gerichten verboten worden, was zuweilen Proteste von Gelehrten auslöste. Ein islamischer Aktivismus jenseits der vom Staat kontrollierten Muftiate, der noch vor zehn Jahren in der russländischen Öffentlichkeit sichtbar war, ist heute kaum noch zu erkennen. Alternative Islam-Prediger haben Russland verlassen oder sind marginalisiert bzw. mundtot gemacht. Trotz dieser Kontrolle bleiben Russlands Muslime durch neue Medien stark mit Trends in der gesamten islamischen Welt verbunden. Sie zeigen ihre Frömmigkeit auch in der Öffentlichkeit durch Kleidung und Teilnahme an Ritualen, und die Halal-Industrie blüht. Es ist auch bekannt, dass gerade russische Gefängnisse Orte sind, an denen Menschen zum Islam konvertieren.
"Verkirchlichung" des Islams und Loyalität zum Staat
Die Gleichschaltung und bürokratische Organisation des Islams in Russland dient vorgeblich der Schaffung sozialer Stabilität. Gleichzeitig liefern die vom Staat geförderten Muftis dem Regime eine islamische Legitimation. Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür war die Fatwa, die zahlreiche der genannten Muftis nach dem Überfall auf die Ukraine im Frühjahr 2022 publizierten. Diese Fatwa besagte, dass Muslime Russlands, die in der Ukraine auf russischer Seite kämpfen und fallen, direkt als Märtyrer ins Paradies einziehen würden. Solche Formulierungen manipulieren nicht nur die islamische Tradition, sondern kopieren auch die Rhetorik des Moskauer Patriarchats der Russisch-Orthodoxen Kirche.
Unter dem Slogan des "Traditionalismus" und "traditioneller Werte" wird offiziell die Harmonie zwischen Orthodoxer Kirche und Islam betont. In gewisser Hinsicht bewegt sich der organisierte Islam im Fahrwasser der Orthodoxen Kirche. Manche Beobachter sprechen deshalb von einer "Verkirchlichung" des Islams in Russland, bei der die Bürokratisierung der Muftiate den Islam in eine Ressource des Staates verwandelt, sowohl auf zentraler Ebene als auch auf der Ebene der Teilrepubliken. Ob sich Russlands Muslime jedoch wirklich durch ihre Muftis vertreten fühlen, bleibt eine offene Frage, da die staatliche Kontrolle die authentische Repräsentation der Gläubigen erschwert.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Wie viele Muslime leben in Russland?
- Es wird geschätzt, dass zwischen 17 und 20 Millionen Menschen in Russland dem islamischen Kulturkreis angehören, was etwa 12-14% der Gesamtbevölkerung ausmacht. Die überwiegende Mehrheit (über 90%) sind Sunniten.
- Welche Rolle spielt der Islam in der russischen Verfassung?
- Laut Verfassung ist die Russische Föderation ein multi-ethnischer und multi-religiöser Staat. Der Islam ist neben der Russisch-Orthodoxen Kirche und dem Judentum als eine der traditionellen Religionen Russlands anerkannt.
- Warum fördert der Kreml bestimmte islamische Organisationen?
- Der Kreml fördert ausgewählte Muftiate und islamische Institutionen, um einen "patriotischen" und "traditionellen" Islam zu etablieren, der loyal zum Staat steht und von ausländischen Einflüssen unabhängig ist. Dies dient der gesellschaftlichen Stabilität und der Legitimation der Regierungspolitik.
- Was ist die Bedeutung des Sufismus im Kaukasus?
- Im Nordkaukasus ist der Sufismus, die mystische Dimension des Islams, von großer Bedeutung. Er manifestiert sich in lokalen und regionalen Bruderschaften, die spirituelle Rituale pflegen und einen erheblichen Einfluss auf Gesellschaft und Politik ausüben. Sufismus ist dort tief in der kulturellen Identität verwurzelt.
- Gibt es Islamophobie und Diskriminierung in Russland?
- Ja, der Text weist darauf hin, dass es faktisch viel Islamophobie und Diskriminierung von muslimischen Arbeitsmigranten im Alltag gibt. Trotz der offiziellen Anerkennung des Islams als traditionelle Religion werden muslimische Organisationen stark kontrolliert und der Moscheenbau in Großstädten erschwert.
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