Was ist rituelles beten?

Rituelles Beten: Bedeutung & Räume der Stille

22/09/2021

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In einer Welt, die sich ständig dreht und in der der Alltag oft von Hektik und Lärm geprägt ist, suchen viele Menschen nach Momenten der Ruhe und Besinnung. Für Millionen von Gläubigen weltweit bietet das rituelle Beten genau diesen Ankerpunkt – eine bewusste Auszeit, um sich dem Spirituellen zuzuwenden und innere Einkehr zu finden. Doch wie lässt sich diese tiefe, oft persönliche Praxis in öffentliche Räume integrieren, insbesondere dort, wo Neutralität und Vielfalt aufeinandertreffen, wie etwa an unseren Universitäten? Die Frage nach geeigneten Rückzugsorten für das Gebet ist aktueller denn je und führt zu spannenden Debatten über die Rolle von Spiritualität im säkularen Raum.

Wie viele Gebete gibt es in Berlin?
Die 31 Gebete für den aktuellen Monat in Berlin enthalten zwischen 01:10 und 12:35, die Durchschnittszeit Fajr 01:19, Dhuhr 01:13, Asr 05:30, Maghrib 09:19 und Isha 05:05.
Inhaltsverzeichnis

Was ist rituelles Beten?

Rituelles Beten ist weit mehr als nur das Sprechen von Worten. Es ist eine strukturierte, oft wiederholende Handlung, die in vielen Religionen einen zentralen Platz einnimmt. Es kann bestimmte Körperhaltungen, festgelegte Gebetszeiten und überlieferte Formeln umfassen. Für die Gläubigen dient es als direkte Verbindung zum Göttlichen, als Ausdruck von Dankbarkeit, Bitte oder Hingabe. Es schafft eine Alltagsstruktur und bietet einen Moment der Unterbrechung, in dem der Mensch aus dem weltlichen Treiben heraustritt und sich auf seine spirituelle Dimension konzentriert. Im Islam beispielsweise beten Muslime fünfmal am Tag zu festen Zeiten, eine Praxis, die Disziplin erfordert und eine ständige Erinnerung an die Beziehung zu Gott darstellt. Diese Gebete sind oft kurz, dauern nur fünf bis zehn Minuten, erfordern aber einen geschützten und ungestörten Ort, um die notwendige innere Einkehr zu ermöglichen. Auch in anderen Glaubensrichtungen gibt es festgelegte Rituale, die einem ähnlichen Bedürfnis nach spiritueller Vertiefung und Gemeinschaft dienen.

Die Bedeutung rituellen Betens liegt nicht nur in der individuellen Spiritualität, sondern auch in seiner Rolle für die Gemeinschaft. Es stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl und vermittelt ein Gefühl der Zugehörigkeit. Für Studierende, die oft einen Großteil ihres Tages auf dem Campus verbringen, stellt sich die Frage, wie sie diesen integralen Bestandteil ihres Lebens in ihren akademischen Alltag integrieren können, wenn keine geeigneten Räume zur Verfügung stehen.

Der Bedarf an Gebetsräumen: Eine universitäre Debatte

Die Diskussion um Gebetsräume an Hochschulen ist nicht neu, hat aber in den letzten Jahren an Intensität gewonnen. Viele Universitäten haben in der Vergangenheit unkompliziert Räume für muslimische Studierende zur Verfügung gestellt, da die Notwendigkeit, fünfmal täglich zu beten, oft nicht mit dem Vorlesungsplan und der Entfernung zur nächsten Moschee vereinbar ist. Eine halbe Stunde Pause reicht kaum aus, um einen längeren Weg zurückzulegen.

Doch vor einigen Jahren begann eine Welle von Schließungen. Universitäten wie die TU Berlin oder die Universität Duisburg-Essen schlossen ihre seit Jahren bestehenden muslimischen Gebetsräume. Die Begründungen waren vielfältig: Die TU Berlin verwies auf ihre Neutralitätsverpflichtung, während in Dortmund ein Gebetsraum geschlossen wurde, weil er in zwei Bereiche für Männer und Frauen aufgeteilt war – was als Geschlechterdiskriminierung ausgelegt wurde – und religiöse Symbole gefunden wurden, obwohl diese in einem „Raum der Stille“ verboten waren. Die Linie vieler Hochschulen lautet nun: Wer Muslimen einen Raum zur Verfügung stellt, muss dies auch für Christen und Juden tun, um die Neutralität zu wahren. Dies führte zur Entwicklung eines neuen Konzepts: dem „Raum der Stille“.

Der „Raum der Stille“: Ein Kompromissmodell für alle

Als Antwort auf die Debatte und den Wunsch nach Neutralität bieten immer mehr Universitäten deutschlandweit einen „Raum der Stille“ an. Dieses Konzept soll einen wertungsfreien Rückzugsort schaffen, der allen Studierenden offensteht – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit. Hier kann gebetet, meditiert, Yoga gemacht oder einfach nur in Ruhe verweilt werden, um Stress abzubauen oder sich zu besinnen.

Doch die Umsetzung ist nicht immer einfach und erfordert Kompromisse. Die Nutzungsordnungen solcher Räume sind oft streng. So verbieten sie meist Essen, Trinken, Schlafen, elektronische Geräte, das Hinzufügen oder Entfernen von Gegenständen sowie Gruppenveranstaltungen. Meriem Hammami, eine Studentin aus Köln und Vorstandsmitglied der Islamischen Hochschulvereinigung, beschreibt die Herausforderung: „Sich mit diesen Restriktionen wohlzufühlen, ist schwieriger. Aber es ist möglich. Und es ist praktikabel.“ Viele muslimische Studierende hätten ohnehin Hemmungen, öffentlich zu beten, weil es hierzulande nicht üblich sei und sie niemanden stören wollten.

Ein Beispiel für Pragmatismus lieferte die Hochschule Bochum. Nachdem ihr Gebetsraum im Keller wegen Missbrauchs geschlossen worden war – er wurde sogar von dem als mutmaßlicher Leibwächter von Osama bin Laden bekannten Sami A. genutzt –, wurde ein Balkon in der Mensa umfunktioniert. Hier beten Studierende nun hoch oben über den Hungrigen, abgetrennt durch einen weißen Vorhang. Es ist nicht still und es riecht nach Essen, doch wie Islamwissenschaftler Mathias Rohe betont: „Ich bin ein großer Freund pragmatischer Lösungen.“ Für die kurzen Gebete sei ein abgetrenntes Plätzchen ausreichend, das die Privatheit wahrt und andere nicht beeinträchtigt. Das Gefühl, in einem Raum zu beten, in dem jederzeit jemand zum Yoga hereinkommen könnte, erfordert jedoch eine gewisse Gewöhnung.

Was passiert auf dem Berliner Alexanderplatz?
Vor dem Brandenburger Tor und auf dem Berliner Alexanderplatz versammelten sich am Rande pro-palästinensischer Kundgebungen dutzende Muslime zum öffentlichen Gebet. Der Autor und Journalist Hasnain Kazim spricht von einer Machtdemonstration, in der sich mit der Hamas solidarisiert werde. © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten.

Herausforderungen und Kontroversen

Trotz des Kompromissmodells der „Räume der Stille“ bleiben Herausforderungen bestehen. Die TU Dortmund beispielsweise hat ihren Raum der Stille vor zwei Jahren geschlossen und plant keinen neuen, unter Verweis auf Platznot. Die Universität sieht die Verantwortung für Gebetsräume bei den Religionsgemeinschaften selbst und nicht bei der Hochschule, deren Kernaufgaben Forschung und Lehre seien.

Ein weiterer kritischer Punkt ist die „unfaire“ Verflechtung des Christentums mit den säkularen Universitäten. Es gibt Semestereröffnungs- und Weihnachtsgottesdienste, theologische Studiengänge müssen von der Kirche genehmigt werden, und wer Religionslehrer werden möchte, muss Mitglied der Kirche sein und bleiben. Diese tiefgreifende Verankerung des Christentums im Hochschulsystem führt dazu, dass die Forderung nach Gebetsräumen für andere Religionen von manchen als Provokation wahrgenommen wird, während andere eine maximale Forderung nach eigenen Räumen für jede Religionsgemeinschaft aufstellen.

Mathias Rohe kritisiert „Fanatiker beider Seiten“: sowohl religiöse Menschen, die Hochmut gegenüber Andersdenkenden zeigen, als auch Atheisten, die Religion und Vernunft ausschließen. Die Universität Köln scheint diese Spannungen jedoch gut aushalten zu können. Dort läuft der Raum der Stille, so Universitätssprecher Jürgen Rees, „überhaupt keinen Stress. Es läuft alles, wie es laufen soll.“ Dies zeigt, dass gegenseitiges Verständnis und Pragmatismus Wege zu einer friedlichen Koexistenz aufzeigen können.

Die Zukunft der Rückzugsorte an Hochschulen

Die Debatte um Gebetsräume und „Räume der Stille“ ist ein Spiegelbild der vielfältigen und komplexen Gesellschaft, in der wir leben. Universitäten stehen vor der Herausforderung, eine Umgebung zu schaffen, die sowohl inklusiv ist als auch ihren säkularen Prinzipien gerecht wird. Wenn Studierende keinen offiziellen Rückzugsort haben, beten sie möglicherweise in Bibliotheken, Treppenhäusern oder auf dem Rasen, was wiederum zu Missverständnissen und Konflikten führen kann. Ein dedizierter Raum, selbst wenn er strikte Regeln hat, kann diese Reibungspunkte minimieren und ein harmonischeres Miteinander fördern.

Die Professorin für Religionspädagogik, Heike Lindner, betont, dass der „Raum der Stille“ nicht nur für religiöse Zwecke wichtig ist, sondern auch als Ruhebereich dient, um Stress abzubauen. Er spricht alle Studierenden an, die einen Moment der Ruhe und Besinnung suchen, unabhängig von ihrer Weltanschauung. Das Konzept des „Raums der Stille“ könnte somit ein zukunftsweisender Weg sein, um den unterschiedlichen Bedürfnissen einer pluralistischen Studierendenschaft gerecht zu werden und gleichzeitig die universitäre Neutralität zu wahren. Es ist ein lebendiger Beweis dafür, dass mit Offenheit und dem Willen zum Kompromiss ein Miteinander möglich ist, das auf Respekt und Verständnis basiert.

Vergleichende Übersicht der Universitätsansätze

UniversitätAnsatzHerausforderungen / Ergebnis
TU DortmundSchloss Gebetsraum, kein ErsatzGeschlechterdiskriminierung, religiöse Symbole, Verweis auf Platznot und Zuständigkeit der Religionsgemeinschaften.
TU BerlinSchloss muslimischen Gebetsraum über NachtBegründung mit Neutralitätsverpflichtung; Studierende beteten daraufhin im Freien.
Universität Duisburg-EssenSchloss muslimische GebetsräumeVerweis auf Neutralität und die Existenz von Moscheen in der Nähe.
Universität KölnEtablierte „Raum der Stille“ im KellerStrenge Nutzungsordnung (keine Symbole, keine Gruppen); läuft nach eigener Aussage problemlos und fördert Koexistenz.
Hochschule BochumGebetsraum im Keller wegen Missbrauchs geschlossen, dann Balkon in Mensa umfunktioniertPragmatische Lösung trotz Lärm und Essensgeruch; zeigt Kompromissbereitschaft.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

1. Warum brauchen Studierende Gebetsräume an Hochschulen?
Viele Studierende, insbesondere Muslime, beten mehrmals täglich. Angesichts kurzer Pausen zwischen Vorlesungen und der Entfernung zu externen Gebetsstätten benötigen sie einen schnellen und geschützten Rückzugsort auf dem Campus, um ihre religiösen Pflichten zu erfüllen.
2. Was ist ein „Raum der Stille“ und wie unterscheidet er sich von einem Gebetsraum?
Ein „Raum der Stille“ ist ein neutraler, interreligiöser und weltanschaulich offener Raum, der für alle Studierenden zugänglich ist – sei es zum Beten, Meditieren, Yoga oder einfach zur Entspannung. Im Gegensatz zu einem spezifischen Gebetsraum ist er nicht einer bestimmten Religion gewidmet und verbietet oft religiöse Symbole und Gruppenveranstaltungen, um seine Neutralität zu wahren.
3. Sind religiöse Symbole in Räumen der Stille erlaubt?
In den meisten „Räumen der Stille“ sind feste religiöse Symbole nicht erlaubt, um die Neutralität des Raumes zu gewährleisten. Mobile Gebetsteppiche oder persönliche Gebetsketten können jedoch oft mitgebracht und nach Gebrauch wieder entfernt werden.
4. Wie gehen Universitäten mit der Forderung nach Neutralität um?
Universitäten versuchen, ihre Neutralitätsverpflichtung zu erfüllen, indem sie entweder keine spezifischen Gebetsräume mehr anbieten oder neutrale „Räume der Stille“ schaffen. Die Debatte zeigt jedoch, dass die Interpretation von Neutralität variieren kann und oft Kompromisse erfordert.
5. Welche Rolle spielt das Christentum im Kontext deutscher Universitäten?
Das Christentum ist historisch tief mit den deutschen Universitäten verflochten. Dies zeigt sich in theologischen Fakultäten, Gottesdiensten und der Notwendigkeit kirchlicher Genehmigungen für Religionslehrer. Diese Verflechtung wird von einigen als „unfairer Wettbewerb“ im Vergleich zu anderen Religionen wahrgenommen, die oft keine vergleichbaren institutionellen Strukturen an Hochschulen haben.

Das rituelle Beten, sei es als tief verwurzelte spirituelle Praxis oder als Moment der Ruhe und des Rückzugs, bleibt ein essenzieller Bestandteil des Lebens vieler Menschen. Die Debatte um Gebetsräume und „Räume der Stille“ an deutschen Universitäten spiegelt die Herausforderung wider, in einer pluralistischen Gesellschaft Raum für unterschiedliche Bedürfnisse zu schaffen, ohne die Prinzipien der Neutralität und Gleichheit zu verletzen. Es ist ein fortlaufender Prozess des Lernens und des Kompromisses, der zeigt, dass mit Pragmatismus und gegenseitigem Verständnis ein Miteinander möglich ist, das allen Studierenden zugutekommt – sei es zum Beten, Meditieren oder einfach nur zum stillen Verweilen.

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