20/12/2021
Francis Bacon, eine der prägendsten Figuren der Geistesgeschichte, wurde in eine Zeit des tiefgreifenden Umbruchs hineingeboren. Er stand selbst an der Schwelle zwischen der sich dem Ende neigenden Renaissance und dem Aufbruch in eine neue, aufklärerische Epoche. Diesen Zwiespalt spiegelt sich in seinem Werk wider, weshalb er oft als „der mächtigste Geist der Neuzeit“ bezeichnet wird. Eine umfassende Bildung, die er in seiner Kindheit genoss, bildete die unerlässliche Grundlage für seine spätere Lehre, in der er das damals überkommene Wissenschaftsbild scharf kritisierte und eine radikal neue Herangehensweise an die Erkenntnis forderte. Obwohl seine Bildung zweifellos umfassend war, geben die vorliegenden Informationen keine detaillierten Auskünfte über die spezifische Rolle seiner Familie in diesem Prozess. Dennoch ist klar, dass diese frühe Prägung entscheidend für die Entwicklung seiner bahnbrechenden philosophischen Thesen war, die wir im Folgenden eingehend beleuchten werden.

- Der Kerngedanke: Beherrschung der Natur zum Wohle der Menschheit
- Die vier Trugbilder (Idola): Hindernisse auf dem Weg zur Erkenntnis
- Der Weg zur Erkenntnis: Die Induktion
- Expertenkultur und Kritik an Bacon
- Bacons Philosophie in der heutigen Zeit: Aktuelle Relevanz
- Häufig gestellte Fragen zu Francis Bacon
Der Kerngedanke: Beherrschung der Natur zum Wohle der Menschheit
Im Zentrum von Bacons Philosophie steht die Überzeugung, dass der Mensch die Natur zu seinem eigenen Nutzen, aber vor allem zum Nutzen der gesamten Gesellschaft beherrschen sollte. Hierbei ist jedoch ein entscheidender Unterschied zu betonen: Es geht nicht darum, die Natur rücksichtslos zu unterjochen oder hemmungslos auszubeuten. Vielmehr fordert Bacon eine gründliche Erforschung und ein tiefes Verständnis der Natur, um nach ihren Gesetzen handeln und sie sich so gezielt zunutze machen zu können. Erst in diesem Kontext kann auch der ihm zugeschriebene, oft zitierte Satz „Wissen ist Macht“ richtig verstanden werden. Es ist die Macht, die aus dem Verstehen der Naturgesetze erwächst, die es dem Menschen ermöglicht, seine Lebensbedingungen zu verbessern und Fortschritt zu erzielen.
Die vier Trugbilder (Idola): Hindernisse auf dem Weg zur Erkenntnis
Bacon erkannte jedoch, dass der Mensch dieses Wissen nur dann vollständig ausschöpfen kann, wenn er sich von seinen tief verwurzelten Vorurteilen und falschen Vorstellungen befreit. Er identifizierte vier verschiedene Arten von „Trugbildern“ oder „Idola“, die den klaren Blick auf die Wirklichkeit verzerren und die wahre Erkenntnis verhindern. Diese Idola sind nicht nur individuelle Fehlinterpretationen, sondern kollektive und systematische Barrieren, die es zu überwinden gilt:
1. Idola tribus: Trugbilder des Stammes
Diese Trugbilder sind dem Menschen als Gattung eigen und entstehen, weil der Mensch dazu neigt, die Wirklichkeit nach seinem eigenen, menschlichen Maß zu erfassen. Das bedeutet, er vermischt seine persönlichen Erfahrungen, seine angeborenen Neigungen und seine menschliche Natur mit der objektiven Realität. Das Ergebnis ist ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit, da der Mensch oft mehr in die Dinge hineinprojiziert, als diese tatsächlich enthalten. Ein Beispiel hierfür wäre die menschliche Neigung, in Naturphänomenen Muster oder Absichten zu sehen, wo objektiv keine existieren, oder die Welt stets durch die Brille menschlicher Emotionen und Bedürfnisse zu betrachten.
2. Idola specus: Trugbilder der Höhle
Dieser Punkt besagt, dass der Mensch niemals die „ganze Wahrheit“ erfahren kann, da er in seinem individuellen Umfeld wie in einer „Höhle“ gefangen oder abgeschirmt ist. Jedes Individuum wird durch sein spezifisches Umfeld, seine Erziehung, seine persönlichen Neigungen und Veranlagungen geprägt. Diese individuellen Prägungen führen zu einzigartigen Vorurteilen, die den Blick auf die Welt filtern und einschränken. Was für den einen offensichtlich erscheint, mag für den anderen aufgrund seiner „Höhle“ vollkommen unsichtbar oder unverständlich bleiben. Es ist die individuelle Perspektive, die das Licht der Erkenntnis bricht und verzerrt.
3. Idola fori: Trugbilder des Marktes
Hierbei weist Bacon darauf hin, dass durch die Kultur und insbesondere durch den Sprachgebrauch viele Irrtümer entstehen können. Die Sprache, die eigentlich ein Mittel der Kommunikation sein sollte, wird oft selbst zur Quelle von Missverständnissen. Es gibt Konzepte, die sich nur schwer oder gar nicht präzise in Worte fassen lassen. Wenn dieser Versuch dennoch unternommen wird, geht jedes Mal ein Teil der wahren Bedeutung verloren, was schlussendlich zu einem von der Wirklichkeit völlig entfremdeten Eindruck führen kann. Auf diese Weise entstehen auch Streitigkeiten unter Menschen, da jeder eine andere Auffassung von bestimmten Begriffen hat, die zwar beide nicht der sogenannten „Wahrheit“ entsprechen mögen, an denen aber jeder aufgrund seiner Vorurteile festhalten will. Die ungenaue oder mehrdeutige Verwendung von Wörtern auf dem „Markt“ des täglichen Lebens führt zu Verwirrung und falschen Annahmen.
4. Idola theatri: Trugbilder der Philosophenschulen
Unter diesem letzten Punkt versteht Bacon Vorurteile, die durch überlieferte, verkehrte oder frei erfundene Theorien und philosophische Systeme entstanden sind. Diese falschen Lehren werden oft mit scheinbar stichhaltigen Beweisverfahren zu festigen versucht. Nach Bacon sind somit Hypothesen und philosophische Konstrukte, die nicht mit empirischen, stichhaltigen Beweisen untermauert werden können, nichtig und gehören damit ebenso zu den Trugbildern. Er kritisierte die dogmatische Übernahme alter Autoritäten und philosophischer Schulen, die wie eine Inszenierung auf einer Bühne wirken, welche die wahre Erkenntnis verdeckt.
Der Mensch lebt somit oft in einer selbsterschaffenen, geschönten Scheinwelt, die er oft besser ertragen kann als die oftmals grausame oder harte Wirklichkeit: Der Mensch sieht nur das, was er sehen will. Die Befreiung von diesen Idola ist nach Bacon der einzig sichere Weg zur wahren Erkenntnis.
Der Weg zur Erkenntnis: Die Induktion
Diesen Weg zur Erkenntnis, der die Überwindung der Trugbilder beinhaltet, bezeichnet Bacon als Induktion. Er sah die Induktion als das einzig sichere Beweisverfahren an, das zu verlässlichem Wissen führen kann. Im Gegensatz zur Deduktion, die von allgemeinen Prinzipien auf Einzelfälle schließt, beginnt die Induktion bei der sorgfältigen Beobachtung von Einzelfällen und Phänomenen, um daraus allgemeine Gesetze abzuleiten.
Nur durch vorurteilsfreies Beobachten, systematische eigene Experimente und das Sammeln von Erfahrungen kann man zu wahrem Wissen gelangen, das man auch wirklich und aus sich selbst heraus anwenden kann. Dabei soll man nicht planlos vorgehen, sondern gezielt nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten suchen. Jedes Forschen sollte nur an der Zweckmäßigkeit gemessen werden, die es für die Menschheit hat; andernfalls ist alles Forschen vergebens und unnötig. Es geht darum, nicht nur Wissen anzuhäufen, sondern dieses Wissen aktiv zur Verbesserung der menschlichen Existenz einzusetzen.
Expertenkultur und Kritik an Bacon
Bacon war der Meinung, dass alle wichtigen Ämter von Experten mit entsprechenden Kenntnissen besetzt werden sollten, da nur sie der Wohlfahrt und somit dem höchsten Ziel – dem Wohl der Menschheit – dienen könnten und auf diese Weise allen ein gutes Leben ermöglichen könnten. Diese Ansichten stießen jedoch auf Widerstand. Der König lehnte Bacons Ideen zur Organisation des Wissenschaftsbetriebs ab, da er sich in seiner Monarchie gefährdet sah. Es gab sicherlich noch weitere Gegner der Thesen Bacons, auch wenn diese leider nicht namentlich ausfindig gemacht werden konnten. Doch wurde Bacon bestimmt von vielen Zeitgenossen kritisiert, da er das gesamte damalige Wissen, das laut ihm durch falsche Methoden erworben worden war, in Frage stellte und somit auch das gesamte Streben in der gerade endenden Epoche der Renaissance nach den alten Wissenschaften und Werten.
Später wurde Bacon unter anderem von dem Philosophen Hans Jonas (1979) in seinem Werk „Das Prinzip der Verantwortung“ kritisiert, der die durch das Expertentum entstehende Kluft thematisierte. Dennoch war Bacon später wichtig für die Entwicklung der Experten-Kultur, die Royal Society (größte Akademie der Wissenschaften) und die Enzyklopädisten der Aufklärung in Frankreich, wie Denis Diderot, die Bacon als Vorbild sahen und ihm sogar ihr Universallexikon widmeten.
| Idolum | Beschreibung | Ursache | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Idola tribus (Stamm) | Verzerrung der Realität durch die menschliche Natur und Wahrnehmung. | Menschliche Neigung, die Welt nach eigenem Maß zu beurteilen und Dinge hineinzuprojizieren. | Aberglaube, Wunschdenken, das Sehen von Mustern, wo keine sind. |
| Idola specus (Höhle) | Individuelle Vorurteile, die durch Erziehung, Gewohnheiten und persönliches Umfeld entstehen. | Jedes Individuum ist in seiner eigenen „Höhle“ der Erfahrungen gefangen. | Berufliche Verzerrungen, persönliche Neigungen, kulturelle Voreingenommenheiten. |
| Idola fori (Markt) | Irrtümer und Missverständnisse, die durch die fehlerhafte oder unpräzise Verwendung von Sprache entstehen. | Unklare Definitionen, leere Worte, Verwechslung von Worten mit Dingen. | Streitigkeiten über Begriffe, die unterschiedlich interpretiert werden; „Worthülsen“. |
| Idola theatri (Theater) | Vorurteile, die aus überlieferten philosophischen Systemen und dogmatischen Theorien stammen. | Unkritische Übernahme von Lehrmeinungen und Autoritäten; „Theaterstücke“ falscher Theorien. | Akzeptanz von nicht beweisbaren Hypothesen, Festhalten an überholten Dogmen. |
Bacons Philosophie in der heutigen Zeit: Aktuelle Relevanz
Die Philosophie Bacons ist auch für die heutige Zeit noch anwendbar und hat nichts an Relevanz verloren. Viele seiner Denkansätze sind auch in der Gegenwart noch hochaktuell und werden weiterhin diskutiert, wenn auch teilweise unter etwas anderen Voraussetzungen.
Die Experten-Kultur und ihre Schattenseiten
Ein Beispiel für die fortwährende Aktualität ist die heutige Politik, in der vor allen wichtigen Entscheidungen der Rat von Experten eingeholt wird, ganz im Sinne von Bacons Utopie „Neu-Atlantis“. Es ist heute zunehmend so, dass sich Einzelne auf bestimmte, vor allem wissenschaftliche Fachbereiche spezialisieren und so eine abgesonderte Gruppe gegenüber den „Massen“ und ihrem Wissen darstellen. Dies führt dazu, dass Experten und Fachleute heute zunehmend indirekt „Politik machen“, da sie Politiker in Ausschüssen, Parlamenten und Kongressen beraten und so zwangsläufig beeinflussen.
Doch neben dieser an sich recht positiven Seite, dass Politiker nicht intuitiv und ohne fundierte Kenntnisse Entscheidungen fällen, gibt es auch eine Kehrseite: Durch die „Experten-Kultur“ entsteht eine immer größer werdende Kluft zwischen Fachleuten und dem „Normalbürger“, zwischen dem gesamten Wissensstand und dem des Einzelnen. Dies kann zu einem Vertrauensverlust und dem Gefühl der Entmündigung bei der breiten Bevölkerung führen, wenn Entscheidungen als undurchsichtig oder nur für Eingeweihte verständlich wahrgenommen werden.
Die hartnäckigen Vorurteile
In einem anderen Punkt seiner Philosophie ist trotz Bacons früher und durchaus treffender Erkenntnis noch keine entscheidende Verbesserung eingetreten. Bacon erkannte zwar, dass Vorurteile eine große Rolle für die Menschheit spielen und ihren Blick auf die Wirklichkeit trüben oder verzerren, doch bei dieser Erkenntnis blieb es. Das ist darauf zurückzuführen, dass es unmöglich ist, alle Vorurteile abzubauen, da sie teilweise tief in uns verhaftet sind. Gewisse Vorurteile, wie z.B. Rassismus, kann man durch Aufklärung abbauen oder verhindern, aber andere Dinge, z.B. der allgemeine Blick auf die Welt oder tiefsitzende kognitive Verzerrungen, können nur sehr schwer verändert werden. Trotzdem legte Bacon durch seine Erkenntnisse einen wichtigen Grundstein für die Bekämpfung von Vorurteilen und die Förderung kritischen Denkens.
Naturbeherrschung und ethische Grenzen
Die für heute wohl wichtigste These Bacons ist mit Sicherheit, dass der Mensch die Natur für seine Zwecke nutzen kann, wenn es dem Wohl der Menschheit oder seinem eigenen Wohl dient. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass Bacon voraussetzt, dass man die Natur nicht schamlos ausnutzt, sondern innerhalb ihrer Regeln handelt und lebt. Nichtsdestoweniger kann man diese Ansicht mit der Rechtfertigung von Eingriffen in die Natur, beispielsweise in der Genetik, in Verbindung bringen. Auch die Genetik interveniert im Namen der Menschheit in der Natur, wobei es hier jedoch durch die heute weitaus größeren Möglichkeiten (z.B. Klonen, pränatale Diagnostik, Veränderungen des Erbguts) auch größere ethische Bedenken gibt.
So stellt sich auch heute noch folgende Frage: „Inwieweit darf der Mensch in die Natur eingreifen?“ Es ist hierbei sehr schwer, eine Grenze zu ziehen zwischen wirklichem Nutzen für die Menschheit und der Eigenmächtigkeit, „Gott zu spielen“ und nachhaltig in die Schöpfung einzugreifen. In der heutigen Politik und in der Wissenschaft gibt es heftige Diskussionen zu diesem Thema, eine endgültige Lösung ist jedoch nicht in Sicht. Verschiedene Länder haben unterschiedliche Gesetze zu Fragen der Genetik und Bioethik. Zwar gibt Bacon eigentlich eine eindeutige Antwort auf diese Frage – nämlich die Nutzung zum Wohle der Menschheit unter Beachtung der Naturgesetze –, doch ist es fragwürdig, ob er unter heutigen Gesichtspunkten und angesichts der weitreichenden technologischen Möglichkeiten seine These ebenso vehement vertreten würde, ohne zusätzliche ethische Leitplanken zu fordern.
Häufig gestellte Fragen zu Francis Bacon
Was ist Francis Bacons Hauptthese?
Bacons Hauptthese besagt, dass der Mensch die Natur zum Wohle der Gesellschaft beherrschen soll, indem er sie gründlich erforscht und ihre Gesetze versteht, um sie sich zunutze zu machen. Dies wird oft mit seinem berühmten Zitat „Wissen ist Macht“ zusammengefasst.
Was bedeuten die „Idola“ bei Bacon?
Die „Idola“ sind vier Arten von Trugbildern oder Vorurteilen, die den menschlichen Geist trüben und die wahre Erkenntnis verhindern: Idola tribus (des Stammes, menschliche Natur), Idola specus (der Höhle, individuelle Prägung), Idola fori (des Marktes, Sprachgebrauch) und Idola theatri (der Philosophenschulen, überlieferte Theorien).
Warum ist „Wissen ist Macht“ so wichtig für Bacon?
Für Bacon bedeutet „Wissen ist Macht“ nicht die Macht über andere Menschen, sondern die Macht über die Natur. Es ist die Fähigkeit, die Naturgesetze zu verstehen und anzuwenden, um menschliche Probleme zu lösen und das Leben zu verbessern, anstatt die Natur blind auszubeuten.
Wie sah Bacon den Weg zur Erkenntnis?
Bacon sah den Weg zur wahren Erkenntnis in der Induktion. Dies bedeutet, dass man durch vorurteilsfreies Beobachten, eigene Experimente und systematische Erfahrungen zu allgemeingültigem Wissen gelangt, anstatt sich auf überlieferte Theorien oder bloße Spekulationen zu verlassen.
Ist Bacons Philosophie heute noch relevant?
Ja, Bacons Philosophie ist auch heute noch hochrelevant. Seine Betonung der empirischen Forschung, seine Analyse von Vorurteilen (den Idola) und seine Gedanken zur Rolle von Experten in der Gesellschaft sind nach wie vor wichtige Diskussionspunkte, insbesondere im Kontext von Wissenschaft, Politik und Ethik der Naturbeherrschung (z.B. in der Genetik).
Zusammenfassend kann man sagen, dass Bacon vor allem für einen ungetrübten und vorurteilsfreien Blick auf die Wirklichkeit eintritt, durch den wahre Erkenntnis erst möglich wird. Außerdem soll man keine vorgefertigten Thesen und Ansichten übernehmen, sondern Urteile aufgrund eigener Erfahrungen, Gedanken und Experimente fällen. Durch diese auf Beobachtungen ruhenden Ansichten ist eine Beherrschung der Natur durch ihre eigenen Gesetze erst durchführbar. Viele Denkansätze Bacons sind auch für die Gegenwart noch relevant und aktuell. Seine Fragen und Einstellungen werden auch heute noch oder heute wieder diskutiert, wenn auch teilweise mit etwas anderen Voraussetzungen.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Francis Bacon: Wissen ist Macht und die Idola kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.
