Welche Menschen beten in der Moschee?

Das Gebet in der Moschee: Vielfalt und Wandel

21/11/2021

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Das Gebet ist eine der fünf Säulen des Islam und bildet den Kern der muslimischen Religionsausübung. Weltweit versammeln sich Gläubige in Moscheen, um gemeinsam zu beten, sich spirituell zu verbinden und Gemeinschaft zu erleben. Doch wer betet eigentlich in der Moschee, und wie vielfältig sind die Praktiken und Gemeinschaften in einem Land wie Deutschland? Während das Bild der Moschee oft von traditionellen Vorstellungen geprägt ist, gibt es in Deutschland eine wachsende Bewegung liberaler Gemeinden, die das Gebet für alle Menschen neu definieren und inklusiver gestalten möchten. Dieser Artikel beleuchtet die unterschiedlichen Ansätze des Gebets in deutschen Moscheen, von den etablierten konservativen Vereinen bis hin zu den wegweisenden liberalen Initiativen, die das traditionelle Verständnis herausfordern und eine neue Ära der Offenheit einläuten.

Wie viele Moscheen gibt es in Deutschland?
Denn das gängige Bild von Moscheen in Deutschland wird vor allem von den großen muslimischen Verbänden wie DITIB geprägt. Bundesweit vertritt die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e. V., wofür die Abkürzung DITIB steht, rund 960 Moscheen.
Inhaltsverzeichnis

Traditionelles Gebet in der Moschee: Geschlechtertrennung und Hierarchien

In den meisten traditionellen Moscheen weltweit, und somit auch in einem Großteil der islamischen Gebetsstätten in Deutschland, ist das Gebet durch eine strikte Geschlechtertrennung gekennzeichnet. Männer und Frauen beten in separaten Bereichen. Oftmals ist der Gebetsraum für Frauen deutlich kleiner, weniger prominent platziert oder sogar nur ein Hinterhofzimmer mit einfacher Ausstattung, während der Männerbereich repräsentativ und zentral ist. Diese Praxis wird von vielen als fester Bestandteil der islamischen Tradition angesehen, auch wenn Kritiker argumentieren, dass der Koran selbst keine explizite Trennung vorschreibt.

Die Rolle der Frau im traditionellen Moscheebetrieb ist ebenfalls klar definiert. Frauen können zwar andere Frauen oder Mädchen religiös unterweisen und mit ihnen beten, die Leitung eines Freitagsgebets durch eine Frau, insbesondere vor einer gemischten Gemeinde, gilt jedoch im orthodoxen Islam als striktes Tabu. Dieses Tabu wird oft mit kulturellen Interpretationen und Hadithen (Überlieferungen des Propheten Muhammad) begründet, auch wenn es im Koran nicht direkt verboten ist. Für Frauen ist es in vielen dieser Moscheen zudem üblich, ein Kopftuch zu tragen, während sie beten, und die Kleidungsvorschriften sind allgemein konservativ.

In Deutschland wird das Bild vieler Moscheen von großen Verbänden wie der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e. V. (DITIB) geprägt, die bundesweit rund 960 Moscheen vertritt. Die Imame dieser Moscheen werden häufig an ausländischen Universitäten, beispielsweise in der Türkei, ausgebildet und vom jeweiligen Staat entsandt. Sie predigen in der Regel einen konservativen Islam, der die genannten Trennungen und Hierarchien beibehält. Das Publikum dieser Moscheen besteht überwiegend aus konservativen Migranten, die in diesen Gemeinden eine Heimat und die Fortführung ihrer kulturellen und religiösen Traditionen finden.

Die Ibn Rushd-Goethe-Moschee: Ein neues Verständnis des Gebets

Im starken Kontrast zu diesen traditionellen Strukturen steht die 2017 in Berlin eröffnete Ibn Rushd-Goethe-Moschee. Sie ist ein Leuchtturm des liberalen Islam in Deutschland und Europa. Ihre Gründung durch die Frauenrechtlerin und Anwältin Seyran Ates war eine bewusste Antwort auf die wahrgenommene Starrheit und Exklusivität vieler bestehender Moscheegemeinden. Die Moschee, die ihren Namen dem arabischen Philosophen Ibn Rushd (Averroes) und dem deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe verdankt, symbolisiert eine Brücke zwischen islamischer Gelehrsamkeit und westlicher Aufklärung.

Das zentrale und revolutionäre Merkmal der Ibn Rushd-Goethe-Moschee ist, dass hier Männer und Frauen gemeinsam und nebeneinander beten. Es gibt keine physische Trennung, und Frauen können das Gebet leiten und predigen, was im orthodoxen Islam als undenkbar gilt. Seyran Ates selbst predigt ohne Kopftuch, was die Abkehr von traditionellen Kleidungsvorschriften unterstreicht. Diese Praktiken stellen für viele streng konservative Muslime eine Provokation dar und haben zu heftigen Reaktionen, einschließlich Hassbotschaften und Drohungen, geführt, weshalb die Moschee von Personenschützern bewacht werden muss.

Wer betet in einer liberalen Moschee?

Die Ibn Rushd-Goethe-Moschee ist ein Ort der absoluten Inklusion und Offenheit. Sie steht allen offen, die einen Blick hineinwerfen wollen – unabhängig davon, ob sie gläubig sind oder welcher Religion sie angehören. Ihre Gemeinde, die derzeit etwa 30 bis 40 aktive Mitglieder zählt, empfängt täglich Besuchergruppen. Die Moschee versteht sich als sicherer Ort für alle, die über Reformen im Islam debattieren und nachdenken wollen.

  • Muslime aller Strömungen: Sunniten, Aleviten, Schiiten und Sufis sind gleichermaßen willkommen.
  • Homosexuelle Muslime und Transgender: Die Gemeinde nimmt diese Gruppen explizit auf und schließt sogar gleichgeschlechtliche Ehen. Dies ist für die meisten anderen muslimischen Gemeinden in Deutschland undenkbar.
  • Frauen in Führungspositionen: Frauen wie Imamin Manaar und Seyran Ates selbst leiten Gebete und halten Predigten.
  • Andersgläubige und Nicht-Muslime: Touristen, Journalisten, jüdische und christliche Gäste, aber auch angehende Erzieher kommen, um sich über das liberale Islamverständnis zu informieren und am Freitagsgebet teilzunehmen. Oft sind es sogar mehr Gäste als aktiv Betende.

Seyran Ates kämpft für einen Islam, der die allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die nationale Verfassung, einschließlich der Religionsfreiheit, über alles stellt. Sie kritisiert, dass konservative Islamverbände in Deutschland ein Islamverständnis verbreiten, das der Integration zuwiderläuft, und setzt dem ein progressives und inklusives Modell entgegen.

Welche Regeln gibt es in einer Moschee?
Wo sie beten, dürfen sich Muslime eigentlich selbst aussuchen, nur am Freitag nicht: Da beten alle zusammen in der Moschee. Hierbei gibt es vieles zu beachten. Von der Kleidung über die Begrüßung bis zur Seite, von der aus man das Gotteshaus betritt. Was sind die Verhaltensregeln in einer Moschee? Dieses Video erklärt das Gotteshaus der Muslime.

Die Rolle der Frau im Gebet: Ein Paradigmenwechsel

Die Möglichkeit für Frauen, Gebete zu leiten und Predigten zu halten, stellt einen der radikalsten Brüche mit traditionellen islamischen Praktiken dar. Obwohl es im Koran nicht explizit verboten ist, Frauen das Vorbeten zu untersagen, ist es im orthodoxen Islam ein tief verwurzeltes Tabu. Die erste gemischtgeschlechtliche Freitagspredigt wurde 1994 von der amerikanischen Theologin Amina Wadud gehalten, was damals wie heute wütende Reaktionen konservativer muslimischer Kreise hervorrief. Die Ibn Rushd-Goethe-Moschee setzt diese Tradition fort und macht weibliche Imame zu einer Normalität.

Diese Entwicklung ist nicht nur symbolisch, sondern hat weitreichende Implikationen für die Geschlechtergerechtigkeit innerhalb der muslimischen Gemeinschaften. Sie gibt Frauen eine sichtbare und autoritative Stimme in religiösen Angelegenheiten, die ihnen in traditionellen Kontexten oft verwehrt bleibt. Es ist ein starkes Signal für die Gleichheit der Geschlechter vor Gott und in der Gemeinschaft.

Islam in Deutschland: Ein Spektrum der Meinungen und Herausforderungen

Die Landschaft des Islam in Deutschland ist geprägt von einer großen Vielfalt, die von streng konservativen bis hin zu liberalen und reformorientierten Strömungen reicht. Während große Verbände wie DITIB das öffentliche Bild dominieren und einen traditionellen Islam vertreten, existieren daneben zahlreiche kleinere Gemeinden, sogenannte „Hinterhofmoscheen“, die oft weniger sichtbar sind, aber ebenfalls eine breite Palette an Interpretationen abbilden.

Liberale Muslime wie Seyran Ates, die Religionspädagogin Lamya Kaddor oder der Psychologe Ahmad Mansour finden ihr Publikum oft über die Medien. Sie kritisieren den „radikalen Islam“ und werfen den etablierten Islamverbänden vor, an der Verbreitung eines konservativen Islamverständnisses mitzuwirken, das der Integration in die säkulare Gesellschaft entgegenwirkt. Ates betont, dass besorgniserregende Tendenzen in Migrantenmilieus aus falsch verstandener Toleranz nicht totgeschwiegen werden dürfen. Sie mahnt, dass die Stärke von Populisten wie der AfD auch damit zusammenhängt, dass bestimmte Themen von der links-liberalen Seite vernachlässigt wurden.

Die Existenz und Sichtbarkeit liberaler Moscheen ist entscheidend, um zu zeigen, dass der Islam nicht monolithisch ist und eine moderne, offene Auslegung möglich und praktikabel ist. Sie bieten eine wichtige Alternative für Muslime, die sich von den traditionellen Strukturen nicht mehr repräsentiert fühlen oder einen inklusiveren Glauben suchen, der mit den Werten einer modernen, demokratischen Gesellschaft vereinbar ist.

Zukunftsperspektiven und die Vision eines inklusiven Islam

Die Ibn Rushd-Goethe-Moschee ist mehr als nur ein Gebetsraum; sie ist ein Zentrum für Dialog, Bildung und Reform. Seyran Ates hegt die Vision, dass sich weitere liberale Gemeinden in Europa etablieren und die Bewegung wächst. Sie plant sogar die Gründung einer eigenen Universität, um die liberale Lehre zu verbreiten. Die Zusammenarbeit mit der evangelischen St. Johannis-Kirche, in deren Anbau die Moschee untergebracht ist, unterstreicht zudem die Bedeutung des interreligiösen Dialogs und der Koexistenz.

Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten und der anhaltenden Kritik, insbesondere aus dem Ausland von obersten religiösen Autoritäten der Türkei und Ägypten, die die Gemeinde als unislamisch bezeichnen, sehen viele Wissenschaftler die offene Positionierung der Berliner Moschee als eine überfällige Entwicklung. Ein Islam, der in der säkularen Gesellschaft verankert und für unterschiedliche Schulen und Lebensentwürfe offen ist, wird von vielen – Muslimen wie Nichtmuslimen – sehnlichst erwartet.

Warum beten Männer und Frauen in der Moschee getrennt?
Warum beten Männer und Frauen in der Moschee getrennt? Hallo Leoni, Julian, Zainab und Mitsuri. Seit es Musliminnen und Muslime gibt, ist es üblich, dass Männer und Frauen in den Moscheen getrennt beten, um sich nicht gegenseitig abzulenken.

Vergleich: Traditionelle Moscheen vs. Liberale Moscheen

MerkmalTraditionelle Moschee (z.B. DITIB)Liberale Moschee (z.B. Ibn Rushd-Goethe)
GebetsraumMänner und Frauen getrennt (Frauen oft kleinerer, weniger sichtbarer Bereich)Männer und Frauen beten gemeinsam, Seite an Seite
GebetsleitungAusschließlich Männer; Frau als Imamin ist TabuMänner und Frauen können das Gebet leiten und predigen
Kleidung (Frauen)Kopftuch und konservative Kleidung oft PflichtKopftuch nicht verpflichtend; individuelle Entscheidung
InklusionPrimär für konservative Muslime; oft nach Herkunft getrenntOffen für alle Muslime (Sunniten, Aleviten, Schiiten, Sufis), Homosexuelle, Transgender, Andersgläubige, Nicht-Muslime
Theologische AusrichtungKonservativ, oft beeinflusst von ausländischen VerbändenProgressiv, inklusiv, reformorientiert, Menschenrechte im Vordergrund
HerausforderungenIntegrationsfragen, mangelnde Anpassung an säkulare GesellschaftAnfeindungen, Drohungen, Akzeptanzprobleme in konservativen Kreisen

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Wer darf in einer Moschee beten?

Grundsätzlich dürfen Muslime jeder Strömung in einer Moschee beten. In traditionellen Moscheen sind die Regeln für den Zugang und die Gebetspraxis (z.B. Geschlechtertrennung) oft strenger. Liberale Moscheen wie die Ibn Rushd-Goethe-Moschee öffnen ihre Türen explizit für alle, unabhängig von Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft oder sogar Religionszugehörigkeit, um den Dialog und das Verständnis zu fördern.

Dürfen Frauen in der Moschee vorbeten oder predigen?

In den meisten traditionellen Moscheen ist es Frauen nicht gestattet, das Gebet vor einer gemischten Gemeinde zu leiten oder die Freitagspredigt zu halten. Dies ist ein tief verwurzeltes Tabu im orthodoxen Islam. Liberale Moscheen brechen mit dieser Tradition und ermöglichen Frauen, als Imaminnen aufzutreten und Predigten zu halten, um die Gleichberechtigung der Geschlechter im religiösen Leben zu betonen.

Muss man in der Moschee ein Kopftuch tragen?

In vielen traditionellen Moscheen ist das Tragen eines Kopftuchs für Frauen während des Gebets oder des Aufenthalts im Gebetsraum obligatorisch. In liberalen Moscheen wie der Ibn Rushd-Goethe-Moschee ist das Tragen eines Kopftuchs keine Pflicht. Die Entscheidung liegt bei der einzelnen Person, was die individuelle Freiheit und die Abkehr von starren Kleidungsvorschriften unterstreicht.

Ist die Ibn Rushd-Goethe-Moschee die einzige liberale Moschee in Deutschland?

Die Ibn Rushd-Goethe-Moschee ist die bekannteste und vielleicht radikalste liberale Moschee in Deutschland, aber nicht die einzige. Es gibt vereinzelt andere Gemeinden, die liberalere Ansätze verfolgen, wie beispielsweise die „Liberale Gemeinde Rheinland“. Die Berliner Moschee ist jedoch aufgrund ihrer klaren Positionierung und der öffentlichen Präsenz ihrer Gründerin Seyran Ates besonders sichtbar und wegweisend.

Was bedeutet „liberaler Islam“?

Der „liberale Islam“ ist eine Strömung innerhalb des Islam, die sich für eine moderne, progressive und inklusive Interpretation der Religion einsetzt. Merkmale sind die Betonung der Gleichberechtigung der Geschlechter, die Akzeptanz von Homosexuellen und Transgender-Personen, die Trennung von Staat und Religion, die Ablehnung von Zwang und Gewalt im Namen des Glaubens sowie die Offenheit für interreligiösen Dialog und Reformen, die mit den Werten einer säkularen, demokratischen Gesellschaft vereinbar sind.

Die Frage, welche Menschen in der Moschee beten, ist somit vielschichtiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Während traditionelle Moscheen weiterhin eine große Rolle spielen und wichtige spirituelle Heimat für viele Muslime sind, wächst in Deutschland eine Bewegung, die das Gebet und die Moschee als Orte der universellen Inklusion und Gleichheit neu definiert. Diese Entwicklung spiegelt den Wandel des Islam in einer modernen Gesellschaft wider und bietet vielfältige Perspektiven für die Zukunft des religiösen Lebens.

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