Was muss ich beim Beten beachten?

Jesiden: Missverstandener Glaube und Verfolgung

12/04/2025

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In den letzten Jahrzehnten, insbesondere aber in jüngster Zeit, rückte eine kleine, aber altehrwürdige Religionsgemeinschaft ins Zentrum der Weltöffentlichkeit: die Jesiden. Nicht nur aufgrund brutaler Verfolgungen, die sie in ihren angestammten Siedlungsgebieten im Nordirak und angrenzenden Regionen erleiden mussten, sondern auch wegen eines hartnäckigen und zutiefst falschen Vorwurfs, der sie seit Jahrhunderten begleitet: der der „Teufelsanbetung“. Diese Anschuldigung, die durch Werke wie Karl Mays Orientzyklus auch in Europa Bekanntheit erlangte, hat unermessliches Leid über die Jesiden gebracht und zu ihrer Isolierung und Verfolgung beigetragen. Doch was steckt wirklich dahinter? Warum werden Jesiden von manchen als „Teufelsanbeter“ bezeichnet, und wie unbegründet ist dieser Vorwurf aus religionswissenschaftlicher Sicht? Dieser Artikel beleuchtet die komplexen Ursprünge dieses Missverständnisses und erklärt, was der jesidische Glaube tatsächlich lehrt.

Welche Folgen hatte der Vorwurf der „Teufelsanbetung“?
Dieser Vorwurf der „Teufelsanbetung“ (der über Karl May auch in Deutschland bekannt wurde) führte wiederum zu blutigen Verfolgungen, vor denen sich die Jesiden in eigene Dörfer und Siedlungsgebiete zurückzogen und in denen sie zur Sicherung der vor allem mündlichen Überlieferungen drei Kasten (Scheichs, Pirs und Muriden) ausbildeten.
Inhaltsverzeichnis

Die Ursprünge von Gut und Böse in den Religionen

Die Frage nach der Herkunft von Gut und Böse ist eine der fundamentalsten, die die Menschheit seit Anbeginn der Zivilisation beschäftigt. Schon in der Bronzezeit, als sich erste überregionale Handelsnetze bildeten und damit auch erste umfassendere Weltanschauungen entstanden, versuchten Menschen, „die Welt“ zu ordnen und Antworten auf diese existenzielle Frage zu finden. Die Art und Weise, wie verschiedene Religionen diese Dualität interpretieren, ist entscheidend für das Verständnis des Vorwurfs gegen die Jesiden.

Dualismus im Zoroastrismus

Eine der ältesten und einflussreichsten Religionen, die sich dieser Frage annahm, ist der altiranische Zoroastrismus. Hier wurde ein klarer Dualismus etabliert: Der guten Gottheit Ahura Mazda steht die böse Gottheit Ahriman gegenüber. Diese beiden Mächte ringen um die Schöpfung, unterstützt von ihren jeweiligen Dienern, die später als Engel bekannt wurden. Diese Vorstellung von zwei gegensätzlichen Kräften, die die Welt beeinflussen, prägte das Denken vieler nachfolgender Religionen.

Der Teufel im Judentum und Christentum

Das streng monotheistische Judentum griff Aspekte dieser älteren Religionstradition auf, wandelte sie jedoch zur Ehre des einen, guten Gottes um. Der Böse, bekannt als Satan, wurde hier nicht als eigenständige Gottheit gesehen, sondern als ein Engel im „Hofstaat Gottes“. Seine Rolle war die des Anklägers und Staatsanwalts, der die Menschen – als einzige Wesen mit freiem Willen – prüfte, wie es im Buch Hiob eindrücklich beschrieben wird. Satan war somit ein Werkzeug Gottes, kein unabhängiger Widersacher.

Im Christentum setzte sich der Dualismus wieder stärker durch. Der Teufel und sein Gefolge blieben zwar „nur“ Engel, doch hatten sie sich – aus freiem Willen – gegen Gottes Herrschaft aufgelehnt. Sie waren „gefallen“ und versuchten fortan, bis zum Jüngsten Tag den Sieg des Guten zu verhindern. Diese Vorstellung, reich an engelbezogenen Bildern, wurde weltweit dominant und prägte das Verständnis von Gut und Böse in weiten Teilen der Welt.

Iblis im Islam: Gehorsam oder Hochmut?

Der Islam entwickelte diese Spannung weiter und lieferte eine detaillierte Erzählung darüber, woran genau der Schaytan, auch bekannt als Iblis, „gefallen“ war. Er weigerte sich, auf Geheiß Gottes vor dem Menschen Adam niederzuwerfen. Dies wird im Koran in Sure 2, Vers 34, berichtet:

„Und als wir zu den Engeln sprachen: „Werft euch vor Adam nieder“, da warfen sie sich nieder bis auf Iblis; er weigerte sich und war hochmütig. Und damit wurde er einer der Ungläubigen.“

Die Weigerung von Iblis wurde als Akt des Hochmuts und Ungehorsams interpretiert. Interessanterweise gibt es jedoch auch eine andere Lesart, die besagt, dass Iblis als einer der Dschinn gehandelt habe, die – im Gegensatz zu den Engeln – über freien Willen verfügen:

„Und da sprachen wir zu den Engeln: „Werft euch vor Adam nieder“ und sie warfen sich nieder, außer Iblis. Er war einer der Dschinn, so war er ungehorsam gegen den Befehl seines Herrn. Wollt ihr nun ihn und seine Nachkommenschaft statt Meiner zu Beschützern nehmen, wo sie doch eure Feinde sind? Schlimm ist dieser Tausch für die Frevler.“ (Sure 18:50)

Iblis begründete seinen Groll gegen die Menschen mit dem Argument, er sei ein besseres Geschöpf, da er aus Feuer und Adam aus Ton geschaffen wurde. So fragt Gott laut Koran:

„Iblis, was hat dich gehindert, dass du dich niederwirfst vor dem, was Ich mit meinen Händen geschaffen habe? Wähnst du dich groß, oder bist du einer von den Überheblichen?“ Iblis erwiderte: „Ich bin besser als er. Du erschufst mich aus Feuer, und ihn (den Menschen) hast Du aus Ton erschaffen.“ (Sure 38:73)

Im Islam sieht man den Konflikt mit Iblis/Schaytan bis zum Ende der Zeit, in der er versuchen wird, so viele Menschen wie möglich zum Bösen zu verführen, mit Ausnahme der von Gott erwählten Diener (Sure 38:82).

Die jesidische Perspektive: Melek Taus und die Versöhnung

Die koranische Geschichte birgt, wie viele religiöse Texte, Interpretationsspielräume. Im Kontext des strengen Monotheismus des Islam, wo nur Gott angebetet werden darf, erwogen einige islamische Gelehrte und Sufis eine tiefere Lesart der Weigerung Iblis', sich vor Adam niederzuwerfen. Sie argumentierten, dass Iblis durch seine Weigerung, sich vor einem Geschöpf niederzuwerfen, möglicherweise die tiefste Wahrheit erfasst und eigentlich Gottes Gebot, nur Ihm allein zu dienen, auf die radikalste Weise befolgt habe.

Aus der Verschmelzung altiranisch-zoroastrischer und solcher islamisch-sufischer Überlieferungen entstand vor etwa einem Jahrtausend unter vorwiegend kurdischsprachigen Stämmen in den Gebieten des heutigen Nordirak, des Nordiran und der Südtürkei eine einzigartige Religion: der Jesidismus (auch Yezidismus oder Ezidismus genannt).

Warum ist der Teufel Schuld?
Der Grund dafür, nach dem du ja fragst, ist also leicht ausgemacht: Der Teufel ist schuld! Auch das gehört zum erlernten Glaubensdogma, dass es falsche Propheten und Irrlehrer gibt, die der Teufel schickt, vor denen man sich in acht nehmen soll.

Melek Taus: Der oberste Engel

Nach jesidischer Auffassung ist Melek Taus der oberste Engel Gottes, oft als farbenprächtiger Pfau dargestellt. Er ist der wichtigste von sieben Engeln Gottes. Die jesidische Lehre besagt, dass Gott aus sich selbst eine Perle schuf, und Melek Taus aus dieser Perle die Welt sowie Adam und Eva. Die entscheidende Episode, die zum Missverständnis führte, ist auch hier die Weigerung, sich vor Adam niederzuwerfen. Doch im jesidischen Glauben bestand Melek Taus durch diese Weigerung die eigentliche Prüfung.

Anders als Iblis im Islam handelte Melek Taus nicht aus Hochmut oder Ungehorsam, sondern aus reiner, unbedingter Liebe und Hingabe zu Gott. Er konnte sich nicht vor Adam niederwerfen, weil er nur Gott als den Allmächtigen und Anbetungswürdigen anerkannte. Obwohl er für diese Handlung zeitweise mit einer mehrtausendjährigen Höllenstrafe belegt wurde – eine Zeit, in der seine Tränen angeblich das gesamte Höllenfeuer löschten – hatten sich Gott und sein höchster Diener schließlich versöhnt. Melek Taus kehrte in seine bedeutende, zwischen Menschen und Gott vermittelnde Rolle zurück. Er ist somit kein gefallener, böser Engel, sondern ein vergebener und wiederhergestellter, der die Prüfung der absoluten Hingabe bestanden hat. Er ist der Mittler zwischen Gott und den Menschen, nicht der Anbetungswürdige selbst.

Die wahre Natur des Bösen im Jesidentum

Ein zentraler Punkt, der den Vorwurf der „Teufelsanbetung“ widerlegt, ist die jesidische Auffassung vom Bösen. Im jesidischen Glauben kann es keine böse Wesenheit wie einen Teufel als unabhängige Kraft geben, da dies eine Schwäche Gottes implizieren würde. Das Böse ist ihnen zufolge ausschließlich im Menschen selbst zu finden. Die Jesiden betonen die moralische Verantwortung jedes Einzelnen. Sie glauben an die Seelenwanderung (Reinkarnation): Wer Schlechtes getan hat, wird wiedergeboren und erhält eine neue Chance, sich zu bessern und sich Gott zu nähern. Die Geläuterten erreichen nicht das Nirvana, sondern kommen letztlich zu Gott. Dies erinnert an Konzepte aus dem Buddhismus, unterstreicht aber die jesidische Einzigartigkeit in der nahöstlichen Religionslandschaft.

Die Jesiden sind somit streng monotheistisch und beten denselben Schöpfergott an wie Juden, Christen und Muslime. Melek Taus ist ihr verehrter oberster Engel und Mittler, aber nicht Gott und schon gar nicht der Teufel.

Die Folgen des Vorwurfs: Verfolgung und Isolation

Die Entstehung und Verfestigung des Jesidismus löste unter orthodoxeren Muslimen der Region Entsetzen aus. Für sie schien es, als würde diese Gemeinschaft den gefallenen Iblis selbst anbeten. Dieser Vorwurf der „Teufelsanbetung“ führte zu blutigen Verfolgungen. Die Jesiden zogen sich in eigene Dörfer und Siedlungsgebiete zurück, um sich und ihren vor allem mündlich überlieferten Glauben zu schützen. Sie bildeten drei Kasten (Scheichs, Pirs und Muriden) aus, um ihre Traditionen zu bewahren. Dazu gehörte auch die strikte Ablehnung jeder Konversion von außen und eine strenge Beschränkung von Ehen auf die eigene Kaste. Eine gewisse vermittelnde Rolle zu den islamischen Herrschenden konnten dabei immer wieder christliche Kirchenvertreter spielen, zumal deren Lehren der unbedingten Versöhnungsbereitschaft Gottes einen regionalen, christlich-jesidischen Dialog ermöglichten.

Neuere Verfolgungen und die Diaspora

Mit der Bevölkerungsexplosion und der gleichzeitigen Auflösung der Dorfgrenzen im 20. Jahrhundert endete auch die Abgeschiedenheit der Jesiden. Viele zogen, oft ihren verfemten Glauben verheimlichend, in türkische, irakische und iranische Städte. Diskriminierungen und Verfolgungen, die mit der iranischen Revolution, dem Türkei-Kurden-Konflikt und der Instabilität des Irak auch die jesidischen Dörfer erreichten, führten schließlich zu massenhafter Flucht in die USA und nach Europa. Alleine in Deutschland leben heute über 50.000 Jesiden mit Schwerpunkten in Städten wie Celle und Pforzheim. Weitere Vertreibungen und Verfolgungen aus ihren alten Siedlungsgebieten in der Türkei, dem Irak, Syrien und Teilen des Iran halten an. Hier finden die Menschen endlich Sicherheit und Perspektiven, was die Integration des Jesidentums in die deutsche Gesellschaft zu einer wichtigen Realität macht.

Vergleich: Iblis (Islam) vs. Melek Taus (Jesidentum)

Um das Missverständnis weiter zu verdeutlichen, ist ein direkter Vergleich der Rollen von Iblis und Melek Taus hilfreich:

MerkmalIblis (Islam)Melek Taus (Jesidentum)
StatusEngel oder DschinnOberster Engel Gottes
Weigerung vor AdamAus Hochmut und Ungehorsam gegenüber GottAus absoluter Hingabe zu Gott, da nur Gott angebetet werden darf
Folgen der WeigerungVerdammt, wird zum Verführer der MenschenZeitweise Bestrafung, aber dann Versöhnung mit Gott
Rolle heuteSymbol des Bösen, Erzfeind der MenschenMittler zwischen Gott und Menschen, verehrt als Symbol der göttlichen Gnade
AnbetungswürdigNein, wird als Böses gemiedenNein, aber verehrt als höchste Instanz unter Gott

Häufig gestellte Fragen zum Jesidentum

Sind Jesiden wirklich Teufelsanbeter?

Nein, der Vorwurf der „Teufelsanbetung“ ist religionsgeschichtlich und theologisch falsch. Jesiden beten den einen Schöpfergott an, ähnlich wie Juden, Christen und Muslime. Ihr oberster Engel, Melek Taus, ist kein Teufel, sondern ein vergebener und wiederhergestellter Diener Gottes, der die Prüfung der absoluten Hingabe bestanden hat und als Mittler zwischen Gott und den Menschen dient.

Was ist der Unterschied zwischen Yeziden und Kurden?
In den ersten zwei Bänden von Mays Orientzyklus nimmt er sie gegen seinen Begleiter Hadschi Halef Omar in Schutz. Ausführlich werden sie dort als unterdrückte Minderheit geschildert. Die Yeziden sind Kurden, früher stellte man ihren Glauben als Abspaltung vom Islam oder von der „iranischen“ Religion dar, heute betont man ihre Eigenständigkeit.

Was ist Melek Taus für die Jesiden?

Melek Taus ist der oberste der sieben Engel Gottes im jesidischen Glauben. Er wird oft als Pfau dargestellt, ein Symbol für Schönheit und Macht. Seine Geschichte, insbesondere seine Weigerung, sich vor Adam niederzuwerfen, wird als Akt der reinen Gottesliebe und Hingabe interpretiert. Nach einer Zeit der Läuterung wurde er mit Gott versöhnt und kehrte in seine zentrale Rolle als Mittler zurück. Er ist keine Gottheit, sondern ein heiliger Engel.

Warum werden Jesiden verfolgt?

Die Verfolgung der Jesiden hat historische und theologische Wurzeln. Der Missverständnis, sie würden den Teufel anbeten, führte zu Diskriminierung und Gewalt durch andere Religionsgruppen, insbesondere orthodoxe Muslime. In der modernen Geschichte haben politische Konflikte, wie der Krieg im Irak und die Expansion terroristischer Gruppen wie des IS, die Verfolgung noch verschärft, da die Jesiden als „Ungläubige“ oder „Teufelsanbeter“ zum Ziel wurden.

Was ist der Unterschied zwischen Jesiden und Kurden?

Jesiden sind eine ethnoreligiöse Gruppe, was bedeutet, dass ihr Glaube und ihre ethnische Identität eng miteinander verbunden sind. Die meisten Jesiden sind ethnische Kurden und sprechen einen kurdischen Dialekt (Kurmandschi). Das Jesidentum ist jedoch eine eigenständige Religion, die sich von den vorherrschenden Religionen der Kurden (dem sunnitischen Islam) unterscheidet. Man wird als Jeside geboren; eine Konversion ist nicht möglich, und die Heirat außerhalb der Gemeinschaft führt zum Ausschluss. Ihre Zahl wird auf 165.000 bis 300.000 geschätzt, die meisten leben im Nordirak.

Gibt es das Böse im Jesidentum?

Ja, aber das Böse wird im Jesidentum nicht als eine eigenständige göttliche oder engelhafte Wesenheit außerhalb des Menschen verstanden. Die Jesiden glauben, dass das Böse im Menschen selbst liegt und durch menschliche Handlungen entsteht. Dies betont die individuelle moralische Verantwortung. Durch Reue und gute Taten kann man sich im Kreislauf der Seelenwanderung reinigen und Gott näherkommen.

Fazit

Der Vorwurf, Jesiden seien „Teufelsanbeter“, ist sowohl religionsgeschichtlich als auch nach ihrem eigenen Verständnis vollkommen unbegründet. Jesiden beten zum „gleichen“ Ein- und Schöpfergott wie Juden, Christen und Muslime. In gewisser Hinsicht sind sie – ähnlich wie das Judentum – sogar besonders streng monotheistisch, da sie die dualistische Spannung zwischen Gut und Böse zu Gott hin auflösen: Der „gefallene“ Engel Melek Taus erkennt nach einer Zeit der Trennung die Höhe und Weisheit Gottes wieder an, seine Reue wird angenommen, und er wird – in der schönen Gestalt eines Pfaus – wieder an die Spitze des göttlichen Hofstaates eingesetzt. Er ist ein Mittler, kein gefallener Teufel.

Leider werden religiöse Unterschiede oft nicht als Chance zu Dialog und Erkenntnis verstanden, sondern als Mittel der Abgrenzung und sogar der Gewalt. Die Bezeichnung des Jesidentums als „Anbetung des Teufels“ ist religionsgeschichtlich falsch und schürt nur Hass und Menschenverachtung. Es ist von entscheidender Bedeutung, diese Missverständnisse zu beseitigen und die Jesiden als das anzuerkennen, was sie sind: eine altehrwürdige, friedliche und streng monotheistische Religionsgemeinschaft, die unermessliches Leid erfahren hat und unsere Achtung und unser Verständnis verdient.

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