Warum gibt es bei evangelischen Kirchen kein Weihwasser?

Weihwasser: Bedeutung, Herstellung und kirchliche Praxis

12/12/2021

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Die Anziehungskraft alter Rituale und Bräuche ist tief in der menschlichen Seele verwurzelt. Besonders in der Religion bieten sie oft einen Anker, eine greifbare Verbindung zum Glauben, die über bloße Worte hinausgeht. Einer dieser Bräuche, der viele Menschen, wie auch Sie, lieber Herr Barsties, als unwahrscheinlich schön und berührend empfinden, ist der Umgang mit Weihwasser. Die Geste, sich beim Betreten einer Kirche mit dem Zeichen des Kreuzes zu bekreuzigen, ist für viele ein Moment der Besinnung und des Ankommens. Doch wie entsteht dieses besondere Wasser, und welche Bedeutung trägt es in sich? Und, vielleicht noch wichtiger für viele Suchenden, findet man solche Rituale auch jenseits der katholischen Kirche?

Inhaltsverzeichnis

Was ist Weihwasser und seine tiefe Bedeutung?

Weihwasser ist im Kern geweihtes oder gesegnetes Wasser, das in vielen christlichen Traditionen, insbesondere in der römisch-katholischen Kirche, eine zentrale Rolle spielt. Es wird als Sakramentale betrachtet, das heißt, es ist ein heiliges Zeichen, das von der Kirche eingesetzt wird, um geistliche Wirkungen zu erzielen. Es dient nicht nur der Reinigung von Sünden, sondern auch als Schutz vor dem Bösen und als Erinnerung an die eigene Taufe. Die Verwendung von Wasser in religiösen Kontexten ist uralt und findet sich in vielen Kulturen als Symbol für Leben, Reinigung und Neuanfang. Im Christentum wird diese Symbolik durch die Taufe auf eine neue Ebene gehoben, die den Eintritt in die Gemeinschaft der Gläubigen und die Vergebung der Sünden bedeutet.

Wie wird Weihwasser hergestellt?
Weihwasser wird hergestellt, indem der Priester einen Segen über das Wasser spricht.

Die Herstellung von Weihwasser: Ein katholisches Ritual

Die „Herstellung“ von Weihwasser ist kein chemischer Prozess, sondern ein Akt der Segnung und Weihung durch einen Priester. Dies geschieht in der Regel im Rahmen einer liturgischen Feier. Der Priester spricht dabei spezielle Gebete über das Wasser, oft unter Hinzufügung von gesegnetem Salz, das eine reinigende und konservierende Wirkung symbolisiert. Diese Handlung ist weit mehr als nur ein Ritus; sie ist eine Bitte an Gott, dem Wasser eine besondere Kraft zu verleihen, damit es den Gläubigen zum Segen gereichen möge.

Segnung vs. Weihe: Ein feiner, aber wichtiger Unterschied

Die katholische Liturgie unterscheidet präzise zwischen einer „Segnung“ und einer „Weihe“. Dies ist ein Aspekt, der oft missverstanden wird, aber für das Verständnis des Weihwassers und anderer Sakramentalien entscheidend ist. Die Redaktion weist darauf hin, dass jede Segnung ein Lobpreis Gottes und eine Segensbitte ist. Dinge oder Personen können gesegnet werden, indem sie mit Weihwasser besprengt oder mit dem Kreuz bezeichnet werden. Dies ist eine Bitte um Gottes Segen für den Gebrauch oder die Person im weltlichen Kontext.

Bei der „Weihe“ hingegen, wie bei der Priesterweihe oder Altarweihe, werden Menschen oder Gegenstände für einen besonderen Dienst vor Gott oder für den besonderen gottesdienstlichen Gebrauch „ausgesondert“. Sie werden aus dem weltlichen Bereich herausgenommen und Gott geweiht. Dies ist oft mit einer Salbung mit Chrisam verbunden und hat eine bleibende, tiefgreifende Wirkung. Die Kerzenweihe am Fest Darstellung des Herrn („Mariä Lichtmess“) am 2. Februar nimmt hier eine Zwischenstellung ein: Obwohl die Kerzen hauptsächlich für den gottesdienstlichen Gebrauch gesegnet werden, spricht man aufgrund des besonderen Festtages und ihrer Bestimmung auch von „Kerzenweihe“.

Weihwasser wird in der Regel gesegnet, nicht geweiht im strengsten Sinne der permanenten Aussonderung, wie ein Altar. Die Segnung verleiht dem Wasser die besondere Eigenschaft, als Sakramentale zu wirken, das heißt, es ist ein Werkzeug, durch das Gläubige die Gnade Gottes erfahren können, insbesondere als Erinnerung an die Taufe und zur Abwehr des Bösen.

Die Bedeutung des Weihwassers im Alltag der Gläubigen

Für Katholiken ist Weihwasser ein allgegenwärtiger Bestandteil des Glaubenslebens. Es befindet sich in Weihwasserbecken am Eingang der Kirchen, wo sich Gläubige bekreuzigen. Es wird bei Taufen, Beerdigungen und vielen anderen Segnungen verwendet. Auch in vielen katholischen Haushalten finden sich kleine Weihwasserbecken oder Fläschchen, um Haus und Familie zu segnen. Es ist ein tägliches Zeichen der Zugehörigkeit, der Reinigung und des Schutzes, das den Gläubigen hilft, sich bewusst an ihre Verbindung zu Gott zu erinnern und ihren Glauben im Alltag zu leben.

Weihwasser in der evangelischen Kirche: Eine andere Perspektive

Hier kommt die Frage von Herrn Barsties ins Spiel, die von Pfarrer Frank Muchlinsky präzise beantwortet wird: Eine evangelische Kirche mit Weihwasserbecken am Eingang werden Sie kaum finden. Der Grund liegt in einem fundamentalen theologischen Unterschied: Während die katholische Tradition auch Gegenstände segnet und weiht, um sie für den Gottesdienst oder als Sakramentale zu nutzen, konzentriert sich die evangelische Theologie auf die Segnung von Lebendigem – also von Menschen. Die Idee, dass ein Gegenstand durch eine Segnung eine intrinsische, bleibende „Heiligkeit“ erhält, ist der evangelischen Lehre fremd.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass die evangelische Kirche keine Rituale oder Symbole kennt, die eine ähnliche Sehnsucht nach einer greifbaren Glaubenserfahrung stillen können. Der Wunsch nach einem „Handfesten“ beim Betreten der Kirche, nach einer Geste, die das Ankommen im Gotteshaus begleitet, ist absolut nachvollziehbar.

Die Bedeutung der Tauferinnerung in der evangelischen Kirche

Obwohl es kein Weihwasser gibt, ist die Bedeutung, die das Weihwasser in der katholischen Kirche symbolisiert – nämlich die Erinnerung an die eigene Taufe – auch in der evangelischen Kirche von großer Wichtigkeit. Pfarrer Muchlinsky weist darauf hin, dass die Tauferinnerung in vielen evangelischen Kirchen praktiziert wird. Dies geschieht oft, indem nach einer Taufe die Gemeinde eingeladen wird, sich vom Taufwasser etwas zu nehmen, um sich daran zu erinnern, dass auch sie auf den Namen Jesu Christi getauft wurden. Es ist eine bewusste und aktive Erinnerung an den Bund, den Gott mit jedem Getauften geschlossen hat.

Wann soll die Segnung des Weihwassers geschehen?
Grundsätzlich empfiehlt das Benediktionale: „Die Segnung des Weihwassers soll am Sonntag nach dem Ritus des Messbuches geschehen“ (S. 193). So bleibt der Zusammenhang mit dem Taufgedächtnis gewahrt. Eduard Nagel

Für diejenigen, die eine Geste beim Betreten der Kirche suchen, schlägt Pfarrer Muchlinsky eine wunderbare Alternative vor: Gehen Sie zum Taufbecken. Auch wenn es meist leer ist, können Sie dort einen Moment innehalten, es berühren und sich selbst mit dem Zeichen des Kreuzes segnen. Dies ist eine persönliche rituelle Handlung, die die Verbindung zur eigenen Taufe herstellt und das Ankommen in der Kirche auf eine bewusste Weise begleitet. Es ist eine Geste, die die Sehnsucht nach einer „liturgischen Seite“ stillen kann, ohne die theologischen Grenzen der evangelischen Kirche zu überschreiten.

Vergleich: Katholische vs. Evangelische Praxis

Um die Unterschiede und Gemeinsamkeiten besser zu verstehen, hilft eine vergleichende Übersicht:

MerkmalRömisch-Katholische KircheEvangelische (Landes-)Kirchen
Weihwasserbecken am EingangJa, weit verbreitetNein, in der Regel nicht vorhanden
Segnung von GegenständenJa, Gegenstände können gesegnet werden (z.B. Weihwasser, Rosenkränze)Nein, Fokus auf Segnung von Lebendigem (Menschen)
Bedeutung des WassersReinigung, Schutz, Tauferinnerung, SakramentaleTauferinnerung, Symbol für neues Leben (v.a. im Taufakt)
Ritual beim KirchenbesuchBekreuzigung mit WeihwasserKein festes Ritual mit Wasser am Eingang; persönliche Gesten (z.B. am Taufbecken) möglich
Betonung der LiturgieStark ausgeprägte, vielfältige Sakramentalien und RitualeFokus auf Wort Gottes, Predigt und Sakramente (Taufe, Abendmahl); Rituale oft schlichter
Quelle der „Heiligkeit“Durch göttliche Gnade und kirchliche Segnung/Weihe übertragbar auf GegenständeHeiligkeit primär durch Gottes Wort und Geist im Menschen

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

1. Kann ich Weihwasser selbst herstellen?

Nein. Im katholischen Verständnis kann Weihwasser nur durch einen geweihten Priester durch spezielle Gebete und Rituale gesegnet werden. Das Besprengen von Wasser zu Hause hat nicht die gleiche sakramentale Wirkung.

2. Was ist der Unterschied zwischen „Segnung“ und „Weihe“?

Wie oben ausführlich erläutert: Eine Segnung ist eine Bitte um Gottes Segen für Personen oder Gegenstände im weltlichen Gebrauch. Eine Weihe (Konsekration) hingegen bedeutet die dauerhafte Aussonderung einer Person (z.B. Priester) oder eines Gegenstandes (z.B. Altar) für einen besonderen, heiligen Dienst an Gott. Weihen sind oft mit Salbungen verbunden und haben eine tiefere, bleibende sakramentale Wirkung.

3. Warum gibt es kein Weihwasser in evangelischen Kirchen?

Die evangelische Theologie legt den Fokus auf die direkte Beziehung des Menschen zu Gott durch Glauben und Wort. Sie segnet primär Lebendiges (Menschen) und nicht Gegenstände, da sie diesen keine eigenständige, durch Segnung übertragene Heiligkeit zuschreiben. Die Sakramente in der evangelischen Kirche sind auf Taufe und Abendmahl begrenzt.

4. Was bedeutet „Tauferinnerung“ in der evangelischen Kirche?

Die Tauferinnerung ist eine Praxis, bei der sich die Gläubigen ihrer eigenen Taufe bewusst werden und sich an den Bund erinnern, den Gott in diesem Sakrament mit ihnen geschlossen hat. Dies kann durch das Berühren des Taufbeckens, das Nehmen von Taufwasser nach einer Taufe oder durch spezielle liturgische Handlungen im Gottesdienst geschehen. Es ist die evangelische Antwort auf die Bedeutung des Weihwassers als Erinnerung an die Taufe.

5. Ich suche eine Kirche mit ähnlichen „handfesten“ Ritualen wie Weihwasser. Was kann ich tun?

Wenn Sie eine christliche Kirche suchen und die liturgische Seite für Sie wichtig ist, sollten Sie verschiedene Gemeinden besuchen. Während evangelische Kirchen kein Weihwasser haben, bieten viele andere Rituale oder symbolische Handlungen an, die eine tiefe spirituelle Erfahrung ermöglichen. Sprechen Sie mit dem Pfarrer oder der Pfarrerin vor Ort über Ihre Wünsche. Das Berühren des Taufbeckens und das persönliche Bekreuzigen kann eine kraftvolle Geste sein, die Ihre Sehnsucht nach einem greifbaren Glaubenszeichen stillt.

Fazit: Vielfalt im Glauben

Ihre Suche nach einer Kirche, die sowohl die Glaubensvermittlung als auch die liturgische Seite berücksichtigt, ist ein wunderbarer Ausdruck Ihrer Spiritualität. Die Welt der christlichen Konfessionen ist reich an Traditionen und Ausdrucksformen. Während das Weihwasser ein tief verwurzeltes Symbol in der katholischen Kirche ist, das Reinigung, Schutz und vor allem die Tauferinnerung symbolisiert, finden sich ähnliche Bedeutungen und Rituale auch in der evangelischen Tradition, wenn auch in anderer Form. Es geht letztlich darum, eine Gemeinschaft zu finden, in der Sie sich mit Ihrem Glauben und Ihren Bedürfnissen wiederfinden. Die persönliche Geste am Taufbecken kann ein kraftvoller Beginn Ihrer Reise in eine neue kirchliche Heimat sein, die Ihnen die gewünschte „Handfestigkeit“ im Glauben bietet.

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