09/08/2022
Inmitten der geschichtsträchtigen Altstadt von Jerusalem erhebt sich ein Bauwerk, das seit Jahrtausenden die Herzen und Gebete von Millionen Menschen berührt: die Klagemauer, im Judentum zumeist als Westmauer bekannt. Sie ist weit mehr als nur eine alte Steinmauer; sie ist ein lebendiges Zeugnis einer reichen Geschichte, eines tiefen Glaubens und einer unerschütterlichen Hoffnung. Ihre mächtigen Steinblöcke flüstern Geschichten von Königreichen, Zerstörungen und Wiederaufbau, von tiefster Trauer und unendlicher Spiritualität. Für viele ist sie ein Ort der Begegnung mit dem Göttlichen, ein Ort, an dem sich Vergangenheit und Gegenwart, Himmel und Erde berühren.

Die Wurzeln der Klagemauer: Ein Erbe zweier Tempel
Um die Bedeutung der Klagemauer vollständig zu erfassen, müssen wir tief in die Geschichte Jerusalems eintauchen, zu den Anfängen des jüdischen Volkes und seiner heiligsten Stätten. Die Klagemauer ist kein direkter Teil des Tempels selbst, wie oft irrtümlich angenommen wird, sondern ein Überrest der massiven Stützmauer, die das Plateau des Zweiten Tempels absicherte. Dieses Plateau, bekannt als der Tempelberg, war der Standort zweier aufeinanderfolgender, prächtiger Tempel, die das Zentrum des jüdischen religiösen Lebens bildeten.
Der erste Tempel, eine monumentale Schöpfung König Salomos, wurde um 957 v. Chr. errichtet und diente über 370 Jahre als zentraler Ort der Anbetung. Tragischerweise wurde dieser Prachtbau im Jahr 586 v. Chr. von den Babyloniern unter Nebukadnezar II. zerstört, was zur babylonischen Gefangenschaft des jüdischen Volkes führte. Nach der Rückkehr aus dem Exil und der Eroberung Jerusalems durch die Perser wurde um 515 v. Chr. ein schlichterer zweiter Tempel an derselben Stelle wiederaufgebaut. Dieser Tempel wurde jedoch im Laufe der Jahrhunderte von König Herodes dem Großen ab etwa 20 v. Chr. zu einem noch prächtigeren und größeren Komplex ausgebaut, der die religiöse und architektonische Krönung seiner Zeit darstellte. Doch auch dieses Meisterwerk war dem Schicksal nicht entkommen: Im Jüdischen Krieg wurde es 70 n. Chr. von den Römern zerstört, was eine der größten Katastrophen in der jüdischen Geschichte darstellte.
Die heute sichtbare Klagemauer ist ein Teil der westlichen Umfassungsmauer dieses herodianischen Tempelkomplexes. Sie misst vom Niveau des heutigen Platzes aus 48 Meter in der Länge und 18 Meter in der Höhe. Ihre massiven Steinblöcke, der sogenannte Jerusalemer Meleke-Kalkstein, zeugen von der unglaublichen Baukunst der Antike. Es ist dieses steinerne Vermächtnis, das über die Jahrtausende hinweg allen Zerstörungen standgehalten hat und bis heute ein Ort der Sehnsucht und des Gebets geblieben ist.
Die Geheimnisse unter der Oberfläche: Die Klagemauertunnel
Was die meisten Besucher der Klagemauer sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Ein großer Teil der Westmauer erstreckt sich tief unter der Erde. Diese verborgenen Abschnitte sind durch die sogenannten Klagemauertunnel zugänglich und bieten einen faszinierenden Einblick in die archäologische und historische Tiefe des Ortes. Der etwa 60 Meter lange Bereich unter der Erde ermöglicht es, weitere 18 Steinlagen der herodianischen Mauer zu betrachten, die bis zum Felsengrund reichen.
Ein besonderes Highlight in diesen Tunneln ist der sogenannte Wilsonbogen, ein imposantes Gewölbe, das 1864 vom englischen Archäologen Charles Wilson entdeckt wurde. Dieser Bogen könnte einst Teil einer Brücke gewesen sein, die den Tempelberg während der Zeit des Zweiten Tempels mit der Oberstadt verband. In der Nähe befindet sich auch das 1867 von Sir Charles Warren entdeckte und nach ihm benannte "Warren-Gate", ein weiterer unterirdischer Zugang, der im Rahmen seiner umfassenden Untersuchung der antiken Topographie Jerusalems gefunden wurde. Diese Tunnel sind nicht nur für Archäologen von Interesse, sondern für jeden Besucher, der die immense Größe und Komplexität des ursprünglichen Tempelkomplexes wirklich begreifen möchte. Führungen durch die Klagemauertunnel sind eine beliebte Möglichkeit, diese verborgenen Schätze zu erkunden.
Ein Ort des Gebets und der Hoffnung: Rituale und Traditionen
Die Klagemauer ist für Juden weltweit ein Symbol des ewigen, bestehenden Bundes Gottes mit seinem Volk. Sie ist ein Ort der Pilgerfahrt, des Gebets, der Besinnung und der Trauer über die Zerstörung der Tempel. Täglich strömen Tausende von Gläubigen und Besuchern aus aller Welt zum Vorplatz der Mauer, um dort ihre Gebete zu verrichten. Die Atmosphäre ist von tiefer Ehrfurcht und Andacht geprägt.
Eine der bekanntesten Traditionen an der Klagemauer ist das Stecken von Gebetszetteln in die Ritzen und Fugen der Steine. Diese kleinen Zettel enthalten persönliche Gebete, Wünsche oder Danksagungen, die symbolisch Gott übergeben werden. Es wird angenommen, dass diese Gebete, die direkt in die heiligen Steine gelegt werden, eine besondere Nähe zu Gott finden. In regelmäßigen Abständen werden die Zettel entfernt und auf dem Ölberg begraben, um sicherzustellen, dass sie nicht entweiht werden.
Der Platz vor der Klagemauer ist als Freilichtsynagoge konzipiert und daher nach Geschlechtern getrennt. Ein extra abgegrenzter Bereich ist für Frauen vorgesehen, ein anderer für Männer. Dies spiegelt die traditionellen Regeln vieler Synagogen wider, die eine Trennung der Geschlechter während des Gebets vorsehen. Männer sind aufgefordert, eine Kopfbedeckung, eine Kippa, zu tragen, die bei Bedarf kostenlos zur Verfügung gestellt wird. Auch verheiratete Frauen tragen oft eine Kopfbedeckung. Die strikte Einhaltung dieser Regeln trägt zur feierlichen Atmosphäre des Ortes bei.
Der Zugang zum Vorplatz der Klagemauer ist für alle Menschen, unabhängig von ihrer Religion, problemlos möglich. Wie an vielen stark besuchten Orten in Israel üblich, gibt es am Zugang Schleusen und Kontrollen mit Metalldetektoren und Röntgengeräten, um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten. Fotografieren ist im Allgemeinen erlaubt, solange die örtlichen Hinweise beachtet werden und die Privatsphäre der Betenden respektiert wird.

Die Klagemauer und der Tempelberg: Eine wichtige Unterscheidung
Die Frage "Warum ist die Klagemauer verboten?" ist eine, die oft gestellt wird, aber auf einem Missverständnis beruht. Die Klagemauer selbst ist keineswegs verboten; im Gegenteil, sie ist für alle zugänglich und ein zentraler Ort des jüdischen Gebets. Das Missverständnis rührt oft von der Komplexität des gesamten Tempelberg-Areals her.
Der Tempelberg, auf dem sich einst die jüdischen Tempel befanden, ist heute der Standort der Al-Aqsa-Moschee und des Felsendoms, die ihn zu einer der heiligsten Stätten des Islam machen. Aus Gründen des Status quo und zur Wahrung des religiösen Friedens ist der Tempelberg für die Religionsausübung der Juden gesperrt. Juden dürfen den Tempelberg zwar unter bestimmten Bedingungen betreten, aber nicht dort beten, um Provokationen zu vermeiden und die bestehenden Vereinbarungen zu respektieren. Dies ist ein hochsensibles Thema mit tiefgreifenden politischen und religiösen Implikationen.
Die Klagemauer hingegen, die die westliche Stützmauer des Tempelplateaus darstellt, ist seit dem Sechstagekrieg von 1967 wieder uneingeschränkt für Juden zugänglich. Nach dem Palästinakrieg von 1948 war sie für Juden unzugänglich gewesen. Der Platz vor der Klagemauer wurde nach der israelischen Eroberung Jerusalems im Jahr 1967 durch die Schleifung des sogenannten marokkanischen Viertels gewonnen, um einen großen, offenen Gebetsplatz zu schaffen. Diese historische Entwicklung unterstreicht die immens wichtige Rolle, die die Klagemauer für das jüdische Volk spielt, als der nächstgelegene zugängliche Ort zu ihrem einstigen Heiligtum.
Vergleich der Tempelperioden
Um die historische Entwicklung besser zu verstehen, hier eine kurze Übersicht der beiden jüdischen Tempel:
| Merkmal | Erster Tempel (Salomonischer Tempel) | Zweiter Tempel (Herodianischer Tempel) |
|---|---|---|
| Erbauer | König Salomo | Wiederaufbau nach Exil, später erweitert von König Herodes dem Großen |
| Baubeginn | Um 957 v. Chr. | Um 515 v. Chr. (Wiederaufbau); Um 20 v. Chr. (Herodianischer Ausbau) |
| Zerstörung | 586 v. Chr. durch die Babylonier | 70 n. Chr. durch die Römer |
| Grund der Zerstörung | Babylonische Eroberung und Deportation | Jüdischer Krieg und römische Vergeltung |
| Heutiger Überrest | Keine direkten sichtbaren Überreste | Die Klagemauer (Westmauer) als Teil der Umfassungsmauer |
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zur Klagemauer
Ist die Klagemauer verboten?
Nein, die Klagemauer ist nicht verboten. Sie ist ein frei zugänglicher und heiliger Gebetsort für Juden aus aller Welt und auch für Nichtjuden offen. Das Missverständnis entsteht oft, weil der Tempelberg selbst (auf dem sich die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom befinden) für jüdische Gebete gesperrt ist. Die Klagemauer ist jedoch ein separater, zugänglicher Ort.
Warum wird die Klagemauer auch Westmauer genannt?
Innerhalb des Judentums wird sie meist als Westmauer (Hebräisch: HaKotel HaMa'aravi) bezeichnet, weil sie die westliche Stützmauer des Plateaus war, auf dem der Zweite Tempel stand. Der Name „Klagemauer“ entstand im Mittelalter und bezieht sich auf die Klage über die Zerstörung des Tempels und die Zerstreuung des jüdischen Volkes.
Dürfen Nichtjuden die Klagemauer besuchen?
Ja, der Zugang zur Klagemauer ist für Nichtjuden problemlos möglich. Es wird erwartet, dass Besucher die örtlichen Regeln und die heilige Atmosphäre respektieren, insbesondere bezüglich der Kleidung und des Verhaltens.
Was passiert mit den Gebetszetteln, die in die Mauer gesteckt werden?
Die in die Ritzen der Mauer gesteckten Gebetszettel werden in regelmäßigen Abständen von den Rabbinern der Klagemauer entfernt, um Platz für neue Zettel zu schaffen. Sie werden nicht weggeworfen, sondern mit Respekt behandelt und auf dem jüdischen Friedhof auf dem Ölberg begraben, da sie heilige Gebete enthalten.
Welche Kleidungsvorschriften gibt es an der Klagemauer?
Für Männer ist das Tragen einer Kopfbedeckung (Kippa) Pflicht, die am Eingang kostenlos bereitgestellt wird. Auch verheiratete Frauen sollen eine Kopfbedeckung tragen. Insgesamt wird bescheidene Kleidung erwartet, die Schultern und Knie bedeckt.
Ein Ort der Beständigkeit und Begegnung
Die Klagemauer ist ein faszinierendes Beispiel für die Schnittmenge von Geschichte, Religion und Kultur. Sie ist ein Ort, der die Zerstörungen der Zeit überdauert hat und dennoch lebendiger denn je ist. Sie zieht Gläubige und Skeptiker, Historiker und Touristen gleichermaßen an, alle auf der Suche nach einem tieferen Verständnis oder einer persönlichen Begegnung. Ihre massiven Steine, die so viel Leid und Hoffnung miterlebt haben, stehen als stumme Zeugen einer unaufhörlichen Verbindung zwischen einem Volk und seinem Glauben. Die Klagemauer bleibt ein Leuchtturm der Spiritualität in einer sich ständig wandelnden Welt, ein Ort, an dem die Gebete von Generation zu Generation weitergegeben werden und die Geschichte mit jedem neuen Zettel in ihren Fugen neu geschrieben wird.
Wenn du andere Artikel ähnlich wie Die Klagemauer: Jerusalems Ewiges Gebet kennenlernen möchtest, kannst du die Kategorie Religion besuchen.
