22/01/2025
„Lieber Gott, sei bitte bei meiner kleinen Tochter. Bewahre sie vor allem Bösen. Und bitte begleite meine Frau durch den Tag. Besonders, wenn sie Auto fährt, damit ihr nichts passiert!“ So oder so ähnlich mag das Gebet des Mannes geklungen haben, der an Gott glaubt und darauf vertraute, dass dieser es gut mit ihm meint. Doch nur fünf Stunden später sind seine Frau, seine Tochter und seine Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Warum? Er hatte doch gebetet! Hat er „falsch gebetet“, nicht genug geglaubt, oder schlimmer: Hat Gott geschlafen oder sich die Ohren zugehalten, weil er keine Lust hatte? Oder war es ihm einfach egal, was aus dem vierjährigen Mädchen und seiner Mutter wird? Diese tiefgreifenden Fragen stellte sich Jerry Sittser, der Autor des Buches „Wenn Gott dein Gebet nicht erhört“, nach seiner eigenen tragischen Erfahrung. Seine Geschichte spiegelt die Verwirrung und den Schmerz wider, die viele empfinden, wenn ihre dringendsten Gebete scheinbar unbeantwortet bleiben. Wir beten um Heilung, doch der geliebte Mensch stirbt. Wir beten, dass die Ehe sich bessert, aber sie endet doch in Scheidung. Manchmal scheint Gott so kalt und unerreichbar zu sein, wie eine weit entfernte Galaxie. Doch das Gebet ist keine Zauberformel, die bei richtigem Gebrauch „funktioniert“. Spontane, von Herzen kommende Gebete kommen bei Gott an, denn es geht nicht um perfekte Worte, sondern um eine ehrliche Verbindung.

- Das Missverständnis vom Gebet als Wunschautomat
- Häufige Missverständnisse und biblische Wahrheit über das Gebet
- Gebet als transformative Kraft
- Was zu christlichem Beten motiviert
- Häufig gestellte Fragen zum Gebet
- Muss ich laut beten, damit Gott mich hört?
- Kann ich Gott durch wiederholtes Beten überzeugen?
- Gibt es bestimmte Gebetsformen, die Gott bevorzugt?
- Warum scheint Gott manchmal Gebete nicht zu erhören?
- Sollte ich Gott für etwas danken, das noch nicht geschehen ist?
- Ist es in Ordnung, wütend oder enttäuscht zu sein, wenn Gebete nicht erhört werden?
Das Missverständnis vom Gebet als Wunschautomat
In der westlichen Welt, wo viele Grundbedürfnisse erfüllt sind, scheint Gebet oft eine Nebensache zu sein. Ein voller Kühlschrank, ein stabiler Job, ein gemütliches Zuhause – für viele scheint das Leben auch ohne regelmäßiges Gebet gut zu funktionieren. Erst wenn es um Leben und Tod geht, wenn wir mit einer Krebsdiagnose konfrontiert werden, das Geld nicht reicht oder ein geliebter Mensch stirbt, wenden wir uns in tiefer Not und Verzweiflung an Gott. „Not lehrt beten“, heißt es nicht umsonst. Doch oft verlieren wir schnell wieder den Blick auf Gott und schauen stolz auf das, „was wir selbst erreicht haben“. Wir alle brauchen Gott, ob wir es fühlen oder nicht. Wir brauchen ihn wie Luft, Wasser und Nahrung. Ohne Gott sind wir geistlich tot, auch wenn wir äußerlich munter umherspringen. Die wahre Verzweiflung, die uns zu Gott treibt, offenbart unsere tiefe Abhängigkeit von ihm. Doch selbst dann sind wir geneigt, kleinere Probleme selbst zu lösen, obwohl Gott möchte, dass wir ihm alles anvertrauen.
Aber was ist, wenn ein verzweifeltes Gebet trotzdem nicht erhört wird? Wenn wir aus tiefster Not zu Gott kommen und nichts passiert – ausgerechnet dann, wenn wir am verletzlichsten sind – dreht Gott uns dann eine lange Nase? Dass wir dabei frustriert werden und Wut, Enttäuschung, Trauer, Bitterkeit und Hass hochkommen, ist nur natürlich und verständlich. Schreien und um sich schlagen, Gott dabei treffen wollen, ist sogar erlaubt, ja erwünscht! Die Bibel rät uns, diese Gefühle Gott entgegenzuschreien, ihn anzuklagen und alles bei ihm abzuladen. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Psalmen: Das sind Gebete von Menschen, in denen sie ihre Gedanken und Gefühle Gott entgegenschleudern und ihm ihr Herz ausschütten. Gott hört zu, auch wenn wir sauer auf ihn sind. Hauptsache, wir sind ehrlich.
Die Perspektive Jesu: „Dein Wille geschehe“
Selbst Jesus klagte und schrie zu Gott. Er bat, dass, wenn möglich, er nicht gekreuzigt werden wollte – wenn Gottes Wille dies zuließe (Matthäus 26,39). Gott hörte, aber erhörte das Gebet seines eigenen, einzigen Sohnes nicht in der Weise, wie Jesus es sich wünschte. Denn Gott wusste, Jesus würde leiden und sterben, aber er würde auch auferstehen! Zum Glück, denn so wurde unsere Sünde, unsere Verfehlungen und bösen Taten gesühnt und bezahlt. Ohne Jesus gäbe es keine Vergebung. Ohne Jesus gäbe es keine Versöhnung und keinen echten Frieden mit Gott. Sogar den „Himmel“ könnte man „in die Tonne treten“. Das Christsein gäbe es nicht, denn ihm wäre die Grundlage entzogen, hätte Gott damals das Gebet seines Sohnes erhört. Dieses tiefgreifende Beispiel zeigt, dass nicht jede Gebetserhörung nach unserem Wunsch wirklich gut für uns oder für Gottes größeren Plan wäre.
Jesus bringt noch am Kreuz seine Not zu Gott: Eines seiner letzten Worte am Kreuz ist der Anfang von Psalm 22 mit den Worten „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46). Der Psalm selbst geht weiter mit: „Warum hilfst du nicht, wenn ich schreie, warum bist du so fern? Mein Gott, Tag und Nacht rufe ich um Hilfe, doch du antwortest nicht und schenkst mir keine Ruhe“. Dann lädt der Autor des Psalms seinen Frust vor Gott ab und beschreibt seine Situation. Er beschwert sich bei Gott, weil dieser nichts tut. Doch dann fordert er ihn zum Eingreifen auf: „Bleib nicht fern von mir, Herr! Du bist mein Retter, komm und hilf mir!“ Dieser Aufforderung folgt eine Gewissheit, dass Gott handeln und helfen wird. Und auch der Dank fehlt in diesem Gebet nicht, denn der Autor des Psalms stellt fest: „Herr, du hast mich erhört! Darum danke ich dir, Herr, vor der ganzen Gemeinde.“ Wie Gott hilft, lässt er aber offen, denn Gott greift nicht immer so ein, wie wir uns das vorstellen – weshalb es oft so aussieht, als ob Gott nichts täte.
Beim Beten geht es nie um uns. Es geht allein um Gott. Gott ist Dreh- und Angelpunkt des Gebets. Gott ist unser wahres Zuhause und der eigentliche Grund, warum wir beten. Gebet stellt eine Beziehung zu Gott her, die nicht nur dann besteht, wenn man etwas will. Gebet zeigt, dass mir Gott als Person etwas bedeutet, dass ich ihn besser kennenlernen möchte. Beharrliches Gebet verändert mich, so dass ich beginne zu überlegen, wofür ich bitte und was ich eigentlich möchte. Ich mache mir Gedanken darüber, was ich will und was Gott will, woraufhin sich mein Gebet verändert. Ich lerne, Gott zuzuhören und in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist unsere eigentliche Bestimmung – und Gott hat versprochen, dass das auch Auswirkungen auf unser Leben haben wird, um das wir uns solche Sorgen machen: „Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner Herrschaft unterstellt, und tut, was er verlangt, dann wird er euch schon mit all dem anderen versorgen“ (Matthäus 6,33).
Häufige Missverständnisse und biblische Wahrheit über das Gebet
Es gibt viele falsche Vorstellungen über das Gebet, die sich eingeschlichen haben, oft verbunden mit der Frage, wann und wie ein Gebet „besser“ oder „schneller“ von Gott erhört werden kann. Alle Hebel, die Gott dazu bewegen sollen, etwas für uns zu tun, was er gar nicht tun will, können aus christlicher Sicht nicht richtig sein. Es kommt also vor allem auf die Kenntnis des Willens Gottes an, soweit wir ihn aus der Bibel kennen. Dann legt Gott auch viele Verheißungen auf ein ehrliches und demütiges Herz ihm gegenüber, das darauf vertraut, dass von Gott nur Gutes für uns kommt, selbst wenn das ein schmerzhafter Weg sein kann.
Beten ist ein unverzichtbarer Grundbestandteil christlichen Lebens. Es ist die Kommunikation mit Gott, dem Schöpfer der Welt und dem Herrn des Universums. Grundsätzlich geht sie immer von Gott aus. Wenn er sich nicht bereiterklärt zu hören oder zu reden, dann kann keiner ein Gespräch mit ihm erzwingen. Gebet ist eine Begegnung zwischen ungleichen Partnern. Gott ist dem Menschen in jedem Fall unendlich überlegen an Einsicht, an Macht, an Erfahrung, an Geduld, an Ausdauer usw. Gebet ist nach den Aussagen der Bibel sehr erstrebenswert (Epheser 6,18; Philipper 4,6), allerdings nicht in jeder Form und in jedem Fall. Sollte man beispielsweise aus Gottes Sicht gerade seinem Nachbarn helfen oder ihm vom Glauben erzählen und man weicht dieser Herausforderung durch längeres Beten aus, dann muss das wohl auch als Sünde bezeichnet werden.
Die meisten Missbräuche des Gebets gehen entweder auf ein magisches Verständnis der Beziehung zu Gott oder auf eine vorschnelle Verwechslung des Gebets mit menschlicher Kommunikation zurück. Für manche ist das Gebet wie ein Werkzeug oder ein Naturgesetz, das man nach Belieben für die eigenen Zwecke einsetzen kann. Andere übertragen ihre Erfahrungen aus zwischenmenschlichen Beziehungen ungefiltert auf Gott und meinen, auch bei ihm durch Schmeichelei, lange Erklärungen oder große Versprechungen Eindruck schinden zu können.
Vergleichende Tabelle: Gebetsmythen vs. Biblische Wahrheit
| Gebetsmythos | Biblische Wahrheit |
|---|---|
| Gebet ist eine Zauberformel für Wunscherfüllung. | Gebet ist ehrliche Kommunikation und Beziehung zu Gott. |
| Lange, laute oder kunstvolle Gebete sind effektiver. | Gott achtet auf das Herz, nicht auf die Länge oder Eloquenz (Matthäus 6,7-8). |
| Bestimmte Orte oder Sprachen machen Gebete wirksamer. | Gott ist überall gegenwärtig und versteht jede Sprache des Herzens (Johannes 4,23-24). |
| Man kann Gott durch Versprechen oder Opfer bestechen. | Gott ist nicht bestechlich; er handelt aus Liebe und Weisheit (5. Mose 10,17). |
| Glaube ist das "Sich-Vorstellen" der Erhörung (Visualisierung). | Glaube ist Vertrauen in Gottes Willen und seine Souveränität (Jakobus 1,6-8). |
| Gott bevorzugt die Gebete "heiliger" oder wichtiger Personen. | Alle Gläubigen haben direkten Zugang zu Gott; es gibt keine "Lieblinge" (Römer 2,11). |
| Gebet ist primär dazu da, unsere Umstände zu ändern. | Gebet soll unseren Blickwinkel und uns selbst verändern, um uns Gottes Willen anzupassen. |
Ist es richtig, mit Glauben zu beten?
Ja, absolut. Aber der Glaube, von dem die Bibel spricht, ist kein magischer Trick oder ein Mittel, um Gott zu manipulieren. Es ist Vertrauen. „Dein Glaube hat dir geholfen“ (Matthäus 9,22) bedeutet, dass das Vertrauen in Gottes Fähigkeit und guten Willen, zu handeln, die Grundlage ist. Wer sich die erwünschte Gebetserhörung stark vorstellt und fest daran glaubt, wird deswegen nicht eher erhört. Das sind eher esoterische als biblische Mittel. Angeblich soll Dank vor der Gebetserhörung einen besonderen Glauben zeigen und helfen, die Erhörung des Gebetes zu bewirken. Aber mit biblischem Glauben hat das Ganze nur wenig zu tun; vielmehr mit der Vorstellung, Gott durch magische Formeln und geistige Einbildung zum Handeln drängen zu können. Gott gegenüber ist ein solches Gebet Heuchelei, weil man sich für etwas bedankt, von dem man sicher weiß, dass man es nicht erhalten hat.
Im Namen Jesu zu beten, ist keine magische Formel für ein Gebet, damit es besser erhört wird, sondern heißt, dass wir im Einklang mit dem Willen von Jesus beten. Es bedeutet, dass wir uns auf seine Autorität und seinen Charakter berufen und in Übereinstimmung mit dem beten, wofür er steht und was er will. Es ist kein Freifahrtschein, um beliebige Wünsche durchzusetzen. Gott kommt es offensichtlich nicht so sehr auf die Formulierung an und auch nicht auf das richtige „Zauberwort“. Das alles entspringt einer eher menschlichen Vorstellung von Gott, der in Wahrheit aber viel stärker auf das Herz des Menschen achtet als auf dessen äußeres Auftreten (1. Samuel 16,7). Mehr als jeder andere weiß Gott, wie trügerisch die Reden von Menschen sein können, die mit den schönsten Worten doch nur ihren eigenen Vorteil suchen oder sogar Schaden anrichten wollen.
Gott liebt keine Formeln. Kunstvolle und dichterische Sprache sind bei Gott nie Mittel, um den Inhalt zu verschleiern, sondern müssen ihm dienen. Gott muss seine überragende Weisheit auch nicht mit möglichst gebildet klingenden Wortungetümen beweisen. Der Gott ehrende Beter tut gut daran, sich in dieser Hinsicht an seinem himmlischen Herrn zu orientieren. Auch vorgegebene Formulierungen wie das Vaterunser sind in Ordnung, solange sie ehrlich gemeint sind und nicht mechanisch wiederholt werden, in der Annahme, dies würde Gott mehr beeindrucken. Für Gott ist es weit wichtiger, dass eine Person mit ganzer Aufmerksamkeit bei ihm ist und ihm vertrauensvoll sein Herz ausschüttet, als dass sie sich möglichst geschliffener Formulierungen bedient (Psalm 15,2-3).
Viel hilft nicht viel
Manche gehen davon aus, dass langes und oft wiederholtes Beten mehr Erfolg bei Gott habe als kürzere, seltenere Gebete. Fast wirkt es, als meinten sie, Gott durch langes Nerven oder durch eine besondere Gebetsleistung beeindrucken und zum Handeln bewegen zu können. Gelegentlich wird dann auch auf das Gleichnis der bittenden Witwe verwiesen, die von dem ungerechten Richter erst erhört wird, nachdem sie ihn langfristig belästigt hatte (Lukas 18,2-8). Allerdings sollte man beachten, dass diese Geschichte nicht in allen Aspekten einfach auf das Gebet übertragen werden darf. Immerhin ist Gott nicht ungerecht, wie der Richter im Gleichnis, und er ist auch nicht korrupt oder eigensinnig wie dieser. Nach eigener Aussage Jesu will er mit seiner Geschichte lediglich ausdrücken, dass man das Gebet nicht vernachlässigen soll; ohne aber eine Erfolgsgarantie daran zu knüpfen. Denn wie Jesus selbst verspricht, ist Gott viel gnädiger und hilfsbereiter als der unwillige Richter (Lukas 11,13). Die Vorstellung, dass maximale Gebetslängen mehr bei Gott bewirken, steht im Gegensatz zu deutlichen biblischen Aussagen. Hier wird zwar immer wieder die Wichtigkeit des Gebets hervorgehoben (z.B. Apostelgeschichte 2,42); vor künstlich langen Gebeten und vielen Worten aber wird gewarnt (1. Könige 18,26ff). So etwas sei eher das Merkmal heidnischer Gebetsriten, die hofften, Gott durch ihre vielen Worte beeindrucken und positiv stimmen zu können (Matthäus 6,7-8). Wichtig sind nicht die Länge oder Lautstärke des Gebets, sondern die Bereitschaft, den Willen Gottes zu akzeptieren und auch zu tun (1. Johannes 5,14-15).

Gebet als transformative Kraft
Gebet soll nicht unsere Situation, sondern unseren Blickwinkel, ja uns selbst verändern. Beten nach dem Willen Gottes geht über eigene Bedürfnisse hinaus. Der Autor Henri Nouwen schreibt: „Beten heißt, eine falsche Sicherheit aufzugeben, und nicht länger nach Argumenten zu schauen, die dich beschützen, wenn du in eine Ecke gedrängt wirst, nicht länger deine Hoffnungen auf ein paar schöne Momente zu setzen, die dein Leben dir bieten könnte. Beten heißt, von Gott nicht mehr die beschränkte Geisteskraft zu erwarten, die du in dir selbst entdeckt hast.“ Ein unbeantwortetes Gebet zerbricht uns, lässt uns reifer werden und formt uns so, dass wir letztendlich zu einer größeren geistlichen Erkenntnis gelangen. Diese Erfahrung ist besonders schmerzhaft, wenn sie mit Trauer und Not einhergeht. Gottes Geschenk ist kein glückliches und leichtes Leben, sondern sein Heiliger Geist. Dieser Geist verändert unser Leben, genauso wie er das Leben der Jünger Jesu verändert hat. Sie taten große Dinge durch ihr Gebet. Gott veränderte sie, wirkte Wunder in ihnen und nahm durch sie Einfluss auf die Welt – und das alles durch die Kraft des Geistes. Aber sie mussten Entbehrungen und Verfolgung hinnehmen und die meisten starben den Märtyrertod.
Jerry Sittser schreibt über sein eigenes unbeantwortetes Gebet am Morgen des Unfalls: „Ich habe drei Familienangehörige verloren. Dieser Verlust konnte nicht rückgängig gemacht werden, und ich will ihn auch nicht schönreden. Der Schmerz ist einfach zu groß. Ich habe weder einfache noch rationale Erklärungen für diese Tragödie. Ich habe auch keine magische Salbe, die die bleibenden Wunden sofort heilt, auch nicht nach all diesen Jahren. Schmerz bleibt Schmerz, ob wir dagegen ankämpfen oder nicht, davor fliehen oder uns ihm ausliefern. Mein Gebet wurde aber auch erhört, doch nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Anscheinend funktioniert das Gebet auf diese Art. Nur selten schießt es einen Pfeil direkt auf das Ziel ab; stattdessen schießt es einen Pfeil ab, der Kurven dreht und abprallt. Aber zum Schluss trifft er das Ziel, doch auf eine Art und Weise, die niemand hätte voraussagen können. Schließlich schreibt das Gebet eine Erzählung, keine Kurzgeschichte.“
Was zu christlichem Beten motiviert
Gebet ist kein emotionaler Schuttabladeplatz, es ist auch keine Methode zur Erzeugung meditativer Gefühle, keine Strategie effektiver Wunscherfüllung oder der Beschwörung Gottes. Gebet ist das manchmal gefühlvolle, oftmals aber auch vollkommen nüchterne Reden zu Gott, der aufmerksam und mitfühlend zuhört, wenn ein Mensch wirklich ehrlich seine Seele öffnet. Christen sollten Gott viel häufiger nicht als unwilligen Verhandlungspartner betrachten, der durch magische Worte, viele Argumente, eigene Opfer oder heftige Formulierungen überzeugt werden müsste. Gott ist nach eigenen Angaben für Christen der liebende Vater, der immer nur das Beste mit ihnen im Sinn hat (Jeremia 29,11-13). Oft ist das Problem nicht die belastende Situation an sich oder der mangelnde Wille Gottes, sondern die fehlende Bereitschaft, das Erlebte aus den Händen Gottes anzunehmen (Römer 8,28). Weit häufiger ist es nicht der große Glaube, der sich in einen Gebetskampf stürzt, sondern die Weigerung, den Plan Gottes zu akzeptieren. Irgendwie meint man, besser zu wissen, was getan werden müsste als Gott selbst, und versucht ihn dann zur eigenen Sicht der Dinge zu bekehren.
Es ist absolut richtig, beständig, ausdauernd und gläubig zu beten; vor allem dann, wenn man sich ziemlich sicher sein kann, dass die eigenen Wünsche auch dem Willen Gottes entsprechen. Gott will, dass Christen sich ganz und gar auf ihn verlassen und mit allen ihren Anliegen zu ihm kommen, obwohl er diese schon lange kennt (Matthäus 6,6f.).
Oft gibt es durchaus noch Steigerungspotenzial für Qualität und Umfang des Gebets im eigenen Leben und in der Gemeinde. Motivierend wirken das gemeinsame Gebet, feste Gebetszeiten, konkrete Anlässe, unterschiedliche Gebetsformen und -haltungen, vorgegebene Anliegen, die Lektüre von entsprechenden Bibeltexten, wechselnde Orte und Zeiten, kleinere Pausen, der Austausch von Gebetserhörungen, die Verbindung zwischen Gebet und anderen Lebensbereichen wie Spazierengehen oder Singen usw.
Auch klassische Formen wie „beten und fasten“ (Matthäus 9,15) haben im Leben des Gläubigen ihren Platz, solange sie nicht zur frommen Leistung oder zum Bestechungsversuch an Gott mutieren. Wer fastet, investiert die Zeit und Mühe, die er sonst für das Essen aufwendet, für das Gespräch mit Gott. Er verzichtet auf etwas Angenehmes als Zeichen der Dankbarkeit Gott gegenüber, ohne aber gleich mit Gegenleistungen zu rechnen.
Wer bereit ist, Zeit für das Gebet zu investieren, wird dabei selbst bereichert. Er weiß genau, wem er Bewahrung, Erlösung und Freude verdankt. Im Gebet wird er seelisch entlastet und innerlich aufgebaut, weil er seine Sorgen und Ängste bei Gott ablegen konnte. Es ist ein Akt des Vertrauens und der Hingabe, der uns näher zu dem bringt, der uns am besten kennt und liebt.
Häufig gestellte Fragen zum Gebet
Muss ich laut beten, damit Gott mich hört?
Nein, Gott hört auch unsere stillen Gedanken und die Gebete unseres Herzens. Es ist nicht die Lautstärke, die zählt, sondern die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit des Herzens (1. Samuel 16,7). Ob Sie flüstern, in Gedanken beten oder laut sprechen, Gott ist immer präsent und hört zu.
Kann ich Gott durch wiederholtes Beten überzeugen?
Gott lässt sich nicht durch endlose Wiederholungen oder langes „Nerven“ überzeugen, seinen Plan zu ändern. Er ist nicht wie ein Mensch, den man müde reden kann. Jesus warnte sogar vor sinnlosen Wiederholungen, wie sie Heiden praktizieren (Matthäus 6,7). Es geht um Beharrlichkeit im Vertrauen, nicht um das Erzwingen des eigenen Willens.
Gibt es bestimmte Gebetsformen, die Gott bevorzugt?
Nein, Gott bevorzugt keine spezifischen Formulierungen oder Rituale. Ob ein Gebet frei formuliert, aus einem Gebetsbuch gelesen oder gesungen wird – entscheidend ist die Einstellung des Herzens. Ehrlichkeit und Echtheit sind Gott wichtiger als kunstvolle Worte.
Warum scheint Gott manchmal Gebete nicht zu erhören?
Gebete werden nicht immer so erhört, wie wir es uns vorstellen, weil Gottes Plan und seine Weisheit unsere menschliche Sicht übersteigen. Manchmal ist eine scheinbare Nichterhörung Teil eines größeren, besseren Plans, der uns zum Guten dient (Römer 8,28). Es kann auch sein, dass unsere Wünsche nicht mit Gottes Willen übereinstimmen. In solchen Situationen ruft Gott uns dazu auf, ihm zu vertrauen und uns seinem Willen anzupassen, anstatt unseren eigenen durchzusetzen.
Sollte ich Gott für etwas danken, das noch nicht geschehen ist?
Man sollte Gott für das danken, was er versprochen hat und was seinem Willen entspricht, wie zum Beispiel Weisheit, Geduld oder den Heiligen Geist. Jedoch ist es nicht biblisch, Gott für etwas zu danken, von dem man weiß, dass es noch nicht eingetreten ist oder dessen Eintreten ungewiss ist, um es „herbeizubeten“. Dies kann als Heuchelei empfunden werden und verwechselt biblischen Glauben mit esoterischer Visualisierung.
Ist es in Ordnung, wütend oder enttäuscht zu sein, wenn Gebete nicht erhört werden?
Ja, es ist menschlich und völlig in Ordnung, diese Gefühle zu haben und sie auch vor Gott auszudrücken. Die Psalmen sind voll von solchen Klagen und Anklagen. Gott ist groß genug, um unsere Wut, Enttäuschung und unseren Schmerz zu ertragen. Er möchte, dass wir ehrlich zu ihm sind und ihm unser Herz ausschütten, auch wenn wir sauer auf ihn sind.
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