30/09/2024
In einer Welt, die oft von schnellem Konsum und flüchtigen Beziehungen geprägt ist, erscheint das Konzept der Keuschheit vielen als veraltet oder unverständlich. Doch gerade in diesem Kontext gewinnt die Bewahrung der Keuschheit eine tiefgreifende Bedeutung, die weit über bloße sexuelle Enthaltsamkeit hinausgeht. Sie ist eine Tugend, die das menschliche Herz und den Körper heiligt, sie auf eine höhere Ebene erhebt und uns näher an die göttliche Ordnung heranführt. Dieser Artikel taucht ein in die christliche Perspektive der Keuschheit und beleuchtet ihre verschiedenen Facetten, ihre Bewahrung und die weitreichenden Segnungen, die sie für den Einzelnen und die Gemeinschaft birgt.

Was bedeutet Keuschheit wirklich?
Die Keuschheit ist eine facettenreiche Tugend, deren Verständnis sich je nach Kontext vertieft. Im Kern ist sie die sorgfältige und treue Beherrschung und Heiligung der Geschlechtseigenschaft. Doch ihre Wurzeln reichen tiefer:
Der ursprüngliche, unbewusste Zustand des kindlichen Sinnes und die natürliche Keuschheit sind die Unschuld. Sie ist jener Zustand, in dem die geschlechtlichen Beziehungen noch nicht bewusst sind, sondern in einer glücklichen Ahnungslosigkeit existieren. Eng damit verbunden ist die Züchtigkeit, das unwillkürliche Streben, die geschlechtlichen Beziehungen zu verhüllen und in ihrer ursprünglichen Reinheit zu bewahren.
Die Hüterin und Wächterin dieser Züchtigkeit und Keuschheit ist die Schamhaftigkeit. Sie ist eine von Gott in die menschliche Natur gelegte Schutzwehr, die uns instinktiv lehrt, was sich mit der Keuschheit verträgt und was ihr entgegensteht. Sie ist der erste Schild gegen alles, was diese edle und zarte Tugend gefährden oder verletzen könnte.
Die christliche Keuschheit geht über diese natürliche Anlage hinaus. Sie ist eine bewusste Entscheidung und Disziplin, die durch göttliche Anordnungen und die Vorschriften des Christentums gefordert wird. Ihrem inneren Wesen nach besteht sie in der Reinheit des Herzens. Äußerlich manifestiert sie sich als Enthaltsamkeit, Zucht und Sittsamkeit in Worten und in Werken. Die Heilige Schrift betont immer wieder die Wichtigkeit der Beherrschung der Geschlechtsneigung und verbietet Geschlechts-Ausschweifung strengstens. Selbst der Schatten der Unzucht, die geheimste unreine Begierde, wird aus dem christlichen Lebenskreis verbannt.
Wie Matthäus 5,8 verkündet: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.“ Und weiter in Matthäus 5,28: „Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon Ehebruch mit ihr in seinem Herzen begangen.“ Dies unterstreicht die tiefe innere Dimension der Keuschheit, die weit über das äußere Verhalten hinausgeht und die Gedanken und Absichten des Herzens einschließt.
Keuschheit und der jungfräuliche Stand: Eine besondere Berufung
Obwohl der Ehestand von Gott zur Erhaltung des menschlichen Geschlechts bestimmt ist, sind nicht alle Menschen zur Ehe berufen oder dafür geeignet. Der Mensch ist Eigentümer seiner selbst, seines Lebens und seiner Geschlechtseigenschaft und keineswegs zur Ehe verpflichtet. Er ist daher vollkommen frei, auf das Recht zur ehelichen Verbindung zu verzichten und den jungfräulichen Stand für immer zu bewahren.
Der jungfräuliche Stand wird in der christlichen Tradition als ein Weg zu einer höheren Vollkommenheit betrachtet. Er ermöglicht es, sich ohne die Sorgen und Mühen des Ehestandes voll und ganz dem eigenen Seelenheil und dem Dienst an anderen zu widmen. Er birgt einen wesentlichen Vorzug, da er auf einem höheren Streben nach christlicher Vollkommenheit beruht und eine größere und allseitige Heiligung des Menschen bewirkt. Die Bewahrung des jungfräulichen Standes wird dem Christen, der sich dazu berufen fühlt, ausdrücklich geraten.
Matthäus 19,12 spricht von denen, die der Ehe entsagt haben des Himmelreiches wegen. Paulus ermutigt in 1. Korinther 7,8 die Unverheirateten und Witwen, so zu bleiben, wie er selbst. Er erklärt in 1. Korinther 7,32ff, dass der Unverheiratete sich auf das konzentrieren kann, was dem Herrn gehört, während der Verheiratete auf weltliche Dinge bedacht ist. Das Konzil von Trient (Sess. 24, Can. 10) bestätigte diese Lehre, indem es festlegte, dass der jungfräuliche oder ehelosen Stand dem Ehestand vorzuziehen sei und es besser und seliger sei, jungfräulich oder ehelos zu bleiben als zu heiraten.
Vergleich: Ehestand vs. Jungfräulicher Stand
| Merkmal | Ehestand | Jungfräulicher Stand |
|---|---|---|
| Zweck | Erhaltung des menschlichen Geschlechts, gegenseitige Hilfe, Heiligung im Ehebund | Höheres Streben nach christlicher Vollkommenheit, ungeteilter Dienst an Gott und Mitmenschen |
| Freiheit | Gebunden an eheliche Pflichten und Sorgen | Frei von ehelichen und familiären Sorgen, größere Verfügbarkeit für geistliche Aufgaben |
| Fokus | Auf die Bedürfnisse der Familie und des Partners, weltliche Angelegenheiten | Auf das, was des Herrn ist; Heiligung von Leib und Geist |
| Berufung | Allgemeine Berufung für die meisten Menschen | Besondere, radikale Berufung für einige, die sich dazu fähig fühlen |
| Vorteil | Legitimer Weg zur Heiligung, Grundlage der Gesellschaft | Als besser und seliger für die eigene Heiligung und den Dienst an Gott angesehen |
Wege zur Bewahrung der Keuschheit
Die Bewahrung der Keuschheit ist keine leichte Aufgabe, sondern erfordert ständige Anstrengung und göttliche Gnade. Sie ist, wie der Apostel (2. Korinther 4,7) sagt, ein kostbarer Schatz in irdenen Gefäßen. Aus eigener Kraft sind wir nicht in der Lage, ihn zu bewahren. Daher sind bestimmte Mittel unerlässlich:
Gebet und Demut
Die notwendige Voraussetzung und Grundlage der Keuschheit bildet die christliche Demut. Das erste und allgemeinste positive Mittel, das allen anderen vorausgehen und sie begleiten muss, ist das demütige Gebet. Da Keuschheit eine Gabe Gottes ist, müssen wir sie vor allem und stets von Neuem erflehen. „Wer da glaubt zu stehen, der sehe zu, dass er nicht falle“ (1. Korinther 10,12). Das Buch der Weisheit (8,21) lehrt uns: „Da ich wusste, dass ich nicht anders enthaltsam sein könnte, außer Gott teile mir diese Gabe mit, so trat ich vor den Herrn, bat ihn und flehte ihn von ganzem Herzen an.“ Ein reines Herz, so betet der Psalmist (Ps 50,12), ist eine Schöpfung Gottes.
Sittliche Wachsamkeit und Vorsicht
Eine ebenso unerlässliche Bedingung zur Bewahrung der Reinigkeit und Keuschheit ist die sittliche Wachsamkeit und Vorsicht. Demut macht uns misstrauisch uns selbst gegenüber und daher wachsam und vorsichtig hinsichtlich dessen, was in und außer uns vorgeht. Sittliche Wachsamkeit schließt in sich:
- Aufmerksamkeit auf unsere Neigungen und deren erste Regungen.
- Sorgfältige Bewahrung der Schamhaftigkeit, denn sie ist die anerschaffene Wächterin der Unschuld, Reinigkeit und Keuschheit.
- Insbesondere Beherrschung der Einbildungskraft und der Sinne, vorzüglich der Augen, denn sie sind die Fenster, durch welche der Tod in die Seele einsteigt.
- Vorsicht im Umgang mit Menschen und gänzliche Vermeidung solcher Menschen, welche bösen Grundsätzen und lockeren Sitten ergeben sind (2. Thess 3,6).
- Enthaltung von jeder Vertraulichkeit mit Personen des anderen Geschlechtes.
- Verzichtleistung auf gefährliche Unterhaltungen und Vergnügungen, wie ungeordneten Tanz, schlüpfrige Schauspiele und Lektüre, sowie die Betrachtung unreiner Gemälde.
Die Sprüche 6,27f warnen eindringlich: „Kann wohl der Mensch Feuer in seinem Busen bergen, ohne dass seine Kleider verbrennen? Oder kann er auf Kohlen gehen, ohne dass seine Fußsohlen verbrennen?“
Mäßigkeit und Disziplin
Als weitere wesentliche Bedingungen zur Bewahrung der Keuschheit erscheinen:
- Die Mäßigkeit im Gebrauch der Nahrungsmittel, besonders im Genuss geistiger Getränke, denn die Keuschheit verträgt sich nur mit strenger Nüchternheit.
- Die Arbeitsamkeit und Berufstreue, körperliche Übung und Abhärtung.
- Flucht vor Müßiggang und Langeweile.
Spirituelle Praxis und Gottesgedenken
Insbesondere aber sind zu empfehlen:
- Beständiges und lebhaftes Andenken an die Allwissenheit und Allgegenwart Gottes, der Herz und Nieren durchforscht und auch die geheimsten Regungen unseres Herzens kennt (Beispiele wie Joseph und Susanna).
- Öfterer Empfang der heiligen Eucharistie, denn sie ist jenes Brot der Auserwählten und der Wein, aus welchem, wie der Prophet Sacharja (9,17) sagt, Jungfrauen sprossen.
- Verehrung und Anrufung unseres heiligen Schutzengels und der allzeit reinen und unbefleckten Mutter des Herrn, der Königin der Jungfrauen, so wie auch anderer Heiligen, die sich durch diese Tugend besonders ausgezeichnet haben, wie insbesondere des englischen Jünglings Aloysius Gonzaga.
- Andenken an die letzten Dinge des Menschen (Tod, Gericht, Himmel, Hölle), verbunden mit fleißiger Erwägung der hohen Würde der Tugend der Keuschheit und ihrer segensreichen Folgen und Wirkungen in der Zeit, so wie ihres herrlichen Lohnes in der Ewigkeit.
- Auf der anderen Seite die Erwägung der schrecklichen Folgen der Unkeuschheit in diesem Leben und des sie jenseits treffenden Wehes. „Bei allen deinen Handlungen denke an dein Ende, so wirst du in Ewigkeit nicht sündigen“ (Sirach 7,40).
Die ernsten Folgen der Unkeuschheit
Die Sünden der Unkeuschheit sind nach christlicher Lehre die abscheulichsten und im höchsten Grade verdammlich. Abgesehen von den unmittelbaren und höchst verderblichen zeitlichen und physischen Folgen zeigt sich in ihnen die tiefste Entwürdigung, zu der es der Mensch bringen kann. Durch sie wird das göttliche Ebenbild im Menschen auf das schändlichste verunehrt, und seine hohe Bestimmung mit Füßen getreten.
Sie sind die gefährlichsten und fürchterlichsten Sünden, denn sie vergiften Leib und Seele zumal. Sie schädigen nicht nur diesen sichtbaren irdischen Leib, der eine Speise der Würmer sein wird, sondern auch den unsichtbaren Keim des zukünftigen Auferstehungs-Leibes. Der Apostel Paulus sagt in 1. Korinther 6,18: „Jede Sünde, die der Mensch begeht, ist außer dem Leib; wer aber Unzucht treibt, der sündigt an seinem eigenen Leib.“
Darum droht auch Gottes Wort den Unkeuschen ein besonders schweres Gericht und verkündigt ihnen, dass sie keinen Teil am Reich Gottes haben werden. 1. Korinther 3,17 warnt: „Wenn jemand den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.“ Und in 1. Korinther 6,9f wird unmissverständlich klargestellt, dass weder Hurer noch Ehebrecher noch andere Unzüchtige das Reich Gottes besitzen werden. Galater 5,19ff listet die Werke des Fleisches auf, darunter Hurerei und Unzucht, und warnt, dass diejenigen, die dergleichen tun, das Reich Gottes nicht besitzen werden. Die Offenbarung 22,15 schließt mit der Feststellung: „Draußen sind die Hunde, die Zauberer und die Hurer und die Mörder und die Götzendiener und alle, welche die Lügen lieben und tun.“ Diese ernsten Warnungen unterstreichen die gravierende Natur der Unkeuschheit in den Augen Gottes.
Häufig gestellte Fragen zur Keuschheit
Ist Keuschheit nur für unverheiratete Personen?
Nein, Keuschheit ist eine Tugend, die für alle Menschen gilt, unabhängig von ihrem Ehestand. Für Unverheiratete bedeutet sie sexuelle Enthaltsamkeit. Für Verheiratete bedeutet sie Treue zum Ehepartner, die Beherrschung der sexuellen Begierden innerhalb der Ehe und das Leben der Sexualität in einer Weise, die der Würde der Person und dem göttlichen Eheplan entspricht.
Ist es möglich, in der heutigen Welt keusch zu leben?
Ja, obwohl die moderne Welt viele Herausforderungen und Versuchungen birgt, ist es absolut möglich, keusch zu leben. Es erfordert jedoch bewusste Anstrengung, Disziplin und vor allem die Hilfe Gottes durch Gebet und die Sakramente. Die Prinzipien der Wachsamkeit, Mäßigkeit und der Flucht vor Gelegenheiten zur Sünde sind zeitlos und bieten auch heute Orientierung.
Welche Rolle spielt Gott bei der Bewahrung der Keuschheit?
Gott spielt die zentrale Rolle. Die Keuschheit wird als eine Gabe Gottes betrachtet, die man sich nicht allein durch eigene Willenskraft erwerben kann. Sie muss demütig von Gott erfleht werden. Durch Gebet, den Empfang der Sakramente (insbesondere der Eucharistie und der Beichte) und die Gnade des Heiligen Geistes wird die Kraft zur Bewahrung der Keuschheit geschenkt.
Wie kann man sich von Sünden der Unkeuschheit erholen?
Obwohl die Sünden der Unkeuschheit als schwerwiegend gelten, bietet der christliche Glaube den Weg der Vergebung und Heilung. Durch aufrichtige Reue, das Sakrament der Beichte (Versöhnung) und den festen Vorsatz, ein besseres Leben zu führen, kann die Gnade Gottes empfangen werden. Es ist ein Prozess der Umkehr und des Neubeginns, unterstützt durch Gebet, geistliche Begleitung und die Anwendung der hier beschriebenen Mittel zur Bewahrung der Keuschheit.
Die Bewahrung der Keuschheit ist somit weit mehr als eine moralische Regel; sie ist ein Weg zu innerer Freiheit, Würde und einer tieferen Beziehung zu Gott. Sie ist ein ständiges Streben nach Reinheit in Gedanken, Worten und Werken, das uns befähigt, unser Leben im Einklang mit dem göttlichen Willen zu führen und letztendlich die Vision Gottes zu erlangen, wie es die Heilige Schrift verheißt.
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