29/11/2022
In einer Welt, die sich ständig schneller zu drehen scheint und uns mit unzähligen Anforderungen konfrontiert, sehnt sich der Mensch nach einem Anker, nach innerer Ruhe und Ausgeglichenheit. Der Wunsch nach Gelassenheit ist omnipräsent, ein Blick auf den Büchermarkt bestätigt dies eindrucksvoll. Von „Gelassenheit für Anfänger“ bis zu „Gelassenheit to go“ – die Suche nach Wegen aus Stress, Unruhe und Belastung ist allgegenwärtig. Doch was bedeutet Gelassenheit wirklich, insbesondere aus einer biblischen Perspektive, und wie können wir sie in unserem Alltag finden und leben?
Gelassenheit ist weit mehr als nur Stressbewältigung oder eine abgeklärte Gemütsruhe. Sprachlich leitet sich der Begriff vom mittelhochdeutschen Wort für Gottergebenheit ab. Diese tiefe spirituelle Dimension wurde bereits in der deutschen Mystik von Theologen wie Meister Eckhart (1260–1328) beleuchtet. Für ihn war Gelassenheit eine Haltung des Lassens und Loslassens. Es ging darum, alles loszulassen, was den Menschen innerlich bindet, was er sich wünscht oder vorstellt, um leer zu werden und Raum für Gott zu schaffen. „Geh völlig aus dir selbst heraus um Gottes willen“, riet er, „so geht Gott völlig aus sich heraus um deinetwillen.“ Gelassenheit ist hier nicht Passivität, sondern eine aktive Haltung der Hingabe, ein sich Gott Anvertrauen.

- Das Gelassenheitsgebet: Ein Anker in stürmischen Zeiten
- Mut zur Veränderung: Wo wir aktiv werden können
- Gelassenheit im Hinnehmen: Die Weisheit des Alters
- Biblische Vorbilder der Gelassenheit: Abraham und Jesus
- Die Weisheit der Unterscheidung: Ein täglicher Balanceakt
- Häufig gestellte Fragen zur Gelassenheit
- Fazit: Ein Weg zur inneren Freiheit
Das Gelassenheitsgebet: Ein Anker in stürmischen Zeiten
Das wohl bekannteste Gebet, das die Essenz der Gelassenheit einfängt, ist das sogenannte Gelassenheitsgebet, das dem US-amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr (1892–1971) zugeschrieben wird:
Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Dieses Gebet, vermutlich während des Zweiten Weltkriegs entstanden, hat seither unzählige Menschen inspiriert. Reinhold Niebuhr, aufgewachsen in einer Phase wirtschaftlicher Depression und später Pfarrer in Detroit, war Zeuge unmenschlicher Arbeitsbedingungen und suchte nach Antworten des Christentums auf die Krisen seiner Zeit. Er bemühte sich um eine „leistungsfähige Anthropologie“ und gerechtere gesellschaftliche Verhältnisse. Niebuhr fand im Alten Testament, insbesondere in der prophetischen Gesellschaftskritik, Vorbilder für sein theologisches Denken. Er entdeckte bei den alttestamentlichen Propheten eine Haltung, die er mit der Metapher der „Arche“ beschrieb: eine Gelassenheit und Distanz zu den Ereignissen, die jedoch nicht Gleichgültigkeit bedeutete, sondern aus einem tiefen Glauben resultierte, der auch traumatische Erfahrungen wie die Tempelzerstörung oder das Exil überdauern konnte.
Für Niebuhr war auch der Kirchenvater Augustin ein Vorbild, dessen Leistung er darin sah, bei der Deutung von Krisen und Katastrophen die menschliche Verantwortung nicht aus dem Blick zu verlieren. Das Reich Gottes war für Niebuhr keine jenseitige, sondern eine diesseitige Welt, die die Menschen mitgestalten können und sollen. Es ging ihm darum, genau hinzuschauen, was dem Menschen in dieser Welt tatsächlich möglich ist, und zum Mut aufzurufen, die Dinge zu ändern, die in menschlichem Ermessen stehen.
Mut zur Veränderung: Wo wir aktiv werden können
Die erste Zeile des Gebets, „Gott, gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann“, ist ein klarer Aufruf zur Handlung. Sie fordert uns auf, nicht passiv zu bleiben, wo wir Einfluss nehmen können. Dies gilt auf gesellschaftlicher Ebene ebenso wie im persönlichen Bereich.
Gesellschaftliche Verantwortung:
Niebuhrs Denken ermutigt uns, uns den großen Krisen unserer Zeit zu stellen. Ein aktuelles Beispiel ist das Engagement der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Flüchtlingsrettung im Mittelmeer. Das Retten von Menschenleben wird hier als selbstverständliche Pflicht und als Gebot der Nächstenliebe verstanden. Projekte wie die „Sea Watch 4“, finanziert durch Spenden von Menschen, die den Mut haben, Dinge zu ändern, sind ein konkreter Ausdruck dieser Haltung. Die Kirche will nicht nur reden, sondern handeln.
Persönliche Verantwortung:
Auch im persönlichen Alltag gibt es unzählige Gelegenheiten, mutig zu sein und Dinge zu ändern:
- Am Arbeitsplatz: Lernen, Nein zu sagen, Grenzen zu setzen, Lob anzunehmen, konstruktives Feedback zu geben statt zu klagen.
- In Beziehungen: Aufhören, dem anderen Vorwürfe zu machen, und stattdessen über eigene Bedürfnisse und Gefühle sprechen. Raum für die Entwicklung des Partners und der Kinder geben.
- Im Familienleben: Sich mit Geschwistern versöhnen, auch ohne deren Zustimmung. Alte Verletzungen loslassen und Dankbarkeit für die Eltern entwickeln.
- Im Alltag: Zum Beispiel im Straßenverkehr früher losfahren, um nicht unter Zeitdruck zu geraten und gelassener auf rote Ampeln oder Drängler reagieren zu können.
Es geht darum, die eigene Haltung zu ändern, die Art der Kommunikation zu verbessern und aktiv an der Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes mitzuwirken. Wir können nicht unsere Mitmenschen ändern, aber wir können uns selbst ändern.
Gelassenheit im Hinnehmen: Die Weisheit des Alters
„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.“ Diese Zeile spricht von Akzeptanz und Loslassen. Es ist kein Zufall, dass Gelassenheit oft mit dem Älterwerden in Verbindung gebracht wird. Im Alter müssen Menschen immer wieder loslassen: die nachlassende Kraft, das Ende des Berufslebens, die Kinder, die aus dem Haus gehen, der Verlust von Partnern, Freunden und Bekannten. Vielleicht ist dies die wahre Weisheit des Alters: die Erkenntnis und Akzeptanz dessen, was unveränderlich ist.
Dazu gehört die manchmal bittere Einsicht, dass sich die Uhr nicht zurückdrehen, die Vergangenheit nicht ändern lässt. Ein Mensch, mit dem wir noch gerne gesprochen hätten, ist bereits verstorben. Eine Chance, die sich einmal bot, wurde nicht ergriffen. Der Blick zurück ist ein ständiges Loslassen, ebenso der Blick nach vorn, denn im Alter rückt der Tod näher. Die Weisheit beginnt von alters her mit dem Nachdenken über den Tod, wie es in Psalm 90,12 heißt: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Es geht darum, die Vergänglichkeit des Lebens anzunehmen und darin Frieden zu finden.
Biblische Vorbilder der Gelassenheit: Abraham und Jesus
Die Bibel bietet tiefe Einsichten in die Bedeutung von Gelassenheit, oft eng verbunden mit Glauben und Gehorsam.
Abraham: Der Glaube, der loslässt
Abraham wird auf eine extreme Probe gestellt, als Gott ihn auffordert, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern (Gen 22,2). Er zögert nicht, spaltet selbst das Holz für das Brandopfer. Abraham vollbringt hier Übermenschliches im Vertrauen auf Gott. Er ist bereit, loszulassen, ja zu vernichten, was er am meisten liebt. Dieses Loslassen führt bei Abraham paradoxerweise dazu, dass er am Ende haben darf – Gott greift ein und bewahrt Isaak. Abrahams Gelassenheit wurzelt in seinem absoluten Vertrauen in Gottes Plan, selbst wenn dieser unverständlich oder schmerzhaft erscheint.

Jesus von Nazareth: Die ultimative Hingabe
Jesus von Nazareth ist im Neuen Testament das ultimative Vorbild für Gehorsam und Gelassenheit. So sehr er sich in seinem Leben dafür einsetzte, dass sich Dinge ändern müssen, so sehr zeigte er angesichts seines Todes, was Gelassenheit, Gottvertrauen und Gehorsam in ihrer ganzen Dimension bedeuten. Im Garten Gethsemane, kurz vor seiner Kreuzigung, lässt er sein Leben los. Zitternd vor Angst, aber gottergeben, betet er: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ (Lk 22,42). Diese Szene ist der Inbegriff von Gelassenheit: die Annahme des Unvermeidlichen im tiefsten Vertrauen auf Gottes Willen, selbst wenn dieser den größten Schmerz bedeutet.
Die Weisheit der Unterscheidung: Ein täglicher Balanceakt
Die dritte Zeile des Gelassenheitsgebets – „und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“ – ist der Schlüssel. Sie fordert uns auf, eine klare Sicht auf die Realität zu entwickeln und zu erkennen, welche Bereiche unseres Lebens wir beeinflussen können und welche nicht. Diese Unterscheidung ist oft der schwierigste Teil, erfordert sie doch Selbstreflexion, Demut und ein tiefes Verständnis für die Grenzen unserer eigenen Macht.
Hier eine kleine Übersicht, die helfen kann, diese Unterscheidung zu treffen:
| Was ich ändern kann (Mut) | Was ich hinnehmen muss (Gelassenheit) |
|---|---|
| Meine eigene Haltung und Einstellung | Das Verhalten und die Meinungen anderer Menschen |
| Meine Reaktionen und Emotionen | Vergangene Ereignisse und Geschehnisse |
| Meine Kommunikationsweise | Die Naturgesetze und die Unvermeidlichkeit des Todes |
| Meine Grenzen setzen und bewahren | Krankheit und körperliche Einschränkungen (teilweise) |
| Meine Zeitplanung und Prioritäten | Unvorhersehbare Ereignisse und Schicksalsschläge |
| Meine Dankbarkeit und Vergebung | Die Tatsache, dass ich nicht alles kontrollieren kann |
Die Weisheit der Unterscheidung wächst mit Lebenserfahrung, Reflexion und vor allem mit einem tiefen Glauben. Es ist ein lebenslanger Lernprozess, der uns dazu befähigt, unsere Energie auf das zu konzentrieren, was wirklich in unserer Hand liegt, und das loszulassen, was wir nicht ändern können. Dadurch entlasten wir uns selbst und finden zu einer inneren Ruhe, die nicht von äußeren Umständen abhängig ist.
Häufig gestellte Fragen zur Gelassenheit
Ist Gelassenheit gleichbedeutend mit Gleichgültigkeit?
Nein, ganz im Gegenteil. Wie Niebuhrs „Arche“-Metapher zeigt, bedeutet Gelassenheit eine Distanz zu den Ereignissen, die jedoch nicht Gleichgültigkeit ist. Es ist vielmehr eine Haltung, die es erlaubt, die Dinge klarer zu sehen und mit Bedacht zu handeln, ohne sich von den Emotionen überwältigen zu lassen. Gelassenheit ermöglicht es, sich zu engagieren, ohne sich zu verzehren.
Kann man Gelassenheit lernen?
Ja, Gelassenheit ist eine Fähigkeit, die man entwickeln und trainieren kann. Es ist ein Prozess, der Übung, Geduld und Selbstreflexion erfordert. Gebet, Meditation, Achtsamkeitsübungen und das bewusste Loslassen von Kontrolle können dabei helfen. Auch das Studium biblischer Texte und die Auseinandersetzung mit theologischen Konzepten wie denen von Meister Eckhart oder Reinhold Niebuhr können wertvolle Impulse geben.
Wie hilft Gebet dabei, Gelassenheit zu finden?
Das Gebet, insbesondere das Gelassenheitsgebet, ist ein mächtiges Werkzeug. Es ist eine bewusste Hinwendung zu Gott, ein Ausdruck des Vertrauens und der Hingabe. Im Gebet geben wir unsere Sorgen und Ängste ab und bitten um die nötige Kraft, Mut und Weisheit. Es hilft uns, uns nicht allein zu fühlen und zu erkennen, dass wir in einem größeren Plan eingebettet sind, selbst wenn wir ihn nicht vollständig verstehen.
Ist Gelassenheit nur etwas für ältere Menschen?
Obwohl Gelassenheit oft mit dem Alter und der Lebenserfahrung assoziiert wird, ist sie für Menschen jeden Alters von Bedeutung. Junge Menschen, die vor großen Entscheidungen stehen, oder Menschen im mittleren Alter, die mit beruflichem oder familiärem Stress kämpfen, können genauso von der Fähigkeit profitieren, Dinge hinzunehmen oder zu ändern. Es ist eine universelle menschliche Sehnsucht und eine wertvolle Lebenshaltung.
Fazit: Ein Weg zur inneren Freiheit
Gelassenheit, wie sie im berühmten Gebet formuliert und in biblischen Texten verankert ist, ist keine passive Resignation, sondern eine aktive, bewusste Haltung. Sie ist die Kunst, zwischen dem zu unterscheiden, was wir beeinflussen können, und dem, was wir akzeptieren müssen. Sie ist ein tiefes Vertrauen in einen göttlichen Plan und die Bereitschaft, sich diesem Plan hinzugeben, während man gleichzeitig mutig für Gerechtigkeit und Veränderung eintritt, wo es möglich und nötig ist.
Die Weisheit, die daraus erwächst, führt zu innerer Freiheit und einem friedvollen Leben, das nicht von äußeren Umständen diktiert wird. Es ist ein lebenslanger Weg, der uns lehrt, jeden Tag, jeden Moment bewusst zu leben und in den Herausforderungen des Lebens eine tiefere Bedeutung zu finden.
Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.Einen Tag nach dem anderen zu leben,
einen Moment nach dem anderen zu genießen.
Entbehrung als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren.
Diese sündige Welt anzunehmen, wie Jesus es tat,
und nicht so, wie ich sie gern hätte.
Zu vertrauen, dass du alles richtig machen wirst,
wenn ich mich deinem Willen hingebe,
sodass ich in diesem Leben ziemlich glücklich sein möge
und mit dir im nächsten für immer überglücklich.
(Reinhold Niebuhr)
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