Gebetszeiten im Islam: Eine Neuregelung für Einheit?

19/01/2025

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Die Bestimmung der Gebetszeiten ist für Muslime weltweit ein zentrales Element ihrer täglichen Gottesdienste. Doch wer sich mit dem Thema beschäftigt, stößt schnell auf eine bemerkenswerte Vielfalt und teils widersprüchliche Angaben in verschiedenen Gebetskalendern. Besonders in Regionen mit extremen Tageslängen, wie den nördlichen Breiten Europas, wird die Frage nach der korrekten Gebetszeit zu einer Herausforderung. Die Islamische Gemeinschaft Millî Görüş (IGMG) hat sich dieser Problematik angenommen und eine umfassende Neuregelung der Gebetszeiten beschlossen, die ab dem 1. Januar 2016 in Kraft trat. Diese Entscheidung basiert auf tiefgreifenden Untersuchungen und dem islamischen Prinzip der Erleichterung, um den Gläubigen das Einhalten ihrer religiösen Pflichten zu erleichtern.

Warum sind die Gebetszeiten so unein?
Die Uneinigkeit in Bezug auf die Gebetszeiten hat im Wesentlichen fünf Gründe: 1. Die in den Koranversen und Hadithen bestimmten Gebetszeiten richten sich nicht nach Uhrzeiten, sondern sind allgemeine Aussagen. Sie beinhalten nicht wie in den Kalendern Maßstäbe zur Bestimmung von Zeitpunkten, sondern beschreiben lediglich Zeitspannen. 2.
Inhaltsverzeichnis

Historischer Kontext der Uneinigkeit

Die Debatte um die Gebetszeiten ist keineswegs neu. Sie reicht weit zurück bis in die Zeit der Prophetengefährten und der Tâbiûn (der Generation nach den Gefährten). Es existieren zahlreiche Überlieferungen, die unterschiedliche Auffassungen darüber widerspiegeln, ob die Abenddämmerung oder der „Fadschr“ (Morgengrauen) dunkel oder hell war. Beispielsweise gibt es Berichte von den ersten drei Kalifen sowie von Abdullah ibn Mas’ud, die darauf hindeuten, dass der Fadschr sowohl dunkel als auch hell erschien. Diese Uneinigkeit setzte sich fort und wurde schließlich in den Verfahren der Mudschtahid-Imame (islamische Rechtsgelehrte) festgehalten.

Interessanterweise wurden die Gebetszeiten bis ins 19. oder frühe 20. Jahrhundert hinein oft nicht starr nach Kalendern festgelegt, sondern dynamisch von den Gebetsrufern (Muezzins) oder speziell dafür angestellten Personen in großen Moscheen bestimmt. Dies deutet auf eine pragmatischere Herangehensweise hin, die die lokalen Gegebenheiten stärker berücksichtigte, bevor standardisierte, überregionale Kalender zur Norm wurden.

Die Kernursachen der Uneinigkeit bei Gebetszeiten

Die Gründe für die unterschiedlichen Ansätze zur Bestimmung der Gebetszeiten sind vielschichtig und lassen sich im Wesentlichen auf fünf Hauptpunkte reduzieren:

  1. Allgemeine Natur von Koranversen und Hadithen: Die im Koran und in den Hadithen erwähnten Gebetszeiten sind nicht an feste Uhrzeiten gebunden, sondern beschreiben eher Zeitspannen und atmosphärische Erscheinungen (z.B. Sonnenuntergang, Morgendämmerung, Verschwinden der Röte). Sie liefern keine präzisen, astronomischen Maßstäbe für Kalenderberechnungen.
  2. Unterschiede zwischen islamischem Recht und Astronomie: Das islamische Recht definiert den Beginn der Morgendämmerung als „Fadschr sâdik“ (die wahre, sich horizontal ausbreitende Dämmerung), einen Begriff, den die Astronomie in dieser Form nicht kennt. Der astronomische „Fadschr“ wird oft als der Zeitpunkt definiert, an dem sich die Sonne 18 Grad unter dem Horizont befindet. Diese 18 Grad entsprechen jedoch nicht überall und zu jeder Zeit exakt 72 Minuten, was zu Diskrepanzen führt.
  3. Probleme in nördlichen Breitengraden: Insbesondere nördlich des 48. Breitengrades dauern die Dämmerungsphasen im Sommer extrem lang oder enden überhaupt nicht. Dies stellt eine große Herausforderung für die Bestimmung des Nacht- und Morgengebets dar, da die üblichen astronomischen Marker fehlen.
  4. Vorsichtige Pufferzeiten: In der Vergangenheit wurden, vor allem im Hinblick auf das Fasten, vorsichtshalber besonders lange Pufferzeiten festgelegt, um sicherzustellen, dass das Fasten korrekt eingehalten wird. Dies führte jedoch zu sehr frühen Imsak-Zeiten (Beginn des Fastens/Morgengebets) und sehr späten Isha-Zeiten (Nachtgebet).
  5. Interpretation der Meinung Imam Âzam Abû Hanîfas: Die einflussreiche Meinung Imam Âzam Abû Hanîfas, dass „die Abenddämmerung hell ist“, wurde von einigen bis hin zur vollständigen Dunkelheit interpretiert, was die Zeit für das Nachtgebet erheblich nach hinten verschob.

Die IGMG-Neuregelung: Ein Schritt zur Erleichterung

Angesichts dieser Herausforderungen und der wiederholten Anfragen aus den Gemeinden, insbesondere bezüglich der Erschwernisse in den langen Sommertagen des Nordens, hat der IGMG Gelehrtenrat, der sich seit 2005 mit den islamisch-rechtlichen und astronomischen Grundlagen der Gebetszeiten befasst, eine Neuregelung beschlossen. Diese basiert auf dem islamischen Prinzip der Erleichterung, wie es im Koran heißt: „…Allah wünscht, es euch leicht – und nicht schwerzumachen…“ (Sure Bakara, 2:185).

Die Neuregelung teilt die Erde am Äquator in zwei Hauptgebiete auf, um den geografischen Besonderheiten Rechnung zu tragen:

Gebiete zwischen 0 und 47,59 Grad nördlicher bzw. südlicher Breite

Dieses Gebiet umfasst in Europa südliche Regionen Frankreichs (beginnend bei Quimper und Le Mans), einen kleinen Teil Deutschlands (südlich von Colmar, nördlich von Freiburg, südlich von München), die Schweiz, Italien, einen Großteil Österreichs (ab Traiskirchen südlich von Wien), den Balkan und die Türkei.

  • Morgengebet (Imsak): Beginnt 74 Minuten vor Sonnenaufgang. Zusätzlich werden 4 bis 6 Minuten Pufferzeit hinzugefügt, sodass die Zeit ungefähr 78-80 Minuten vor dem astronomischen Sonnenaufgang beginnt. Dies ist der Zeitpunkt des „Fadschr sâdik“, wenn sich das Morgengrauen über dem Osten ausgebreitet hat.
  • Nachtgebet: Findet 64 Minuten nach dem Sonnenuntergang statt. Hierzu kommen ebenfalls 4 bis 6 Minuten Pufferzeit, was eine Gesamtzeit von ungefähr 68-70 Minuten nach dem astronomischen Sonnenuntergang ergibt. Dies ist der Zeitpunkt, an dem die Röte des Sonnenuntergangs im westlichen Horizont verschwunden ist.

Gebiete nördlich von 47,59 Grad

Diese Regionen umfassen Nordfrankreich, den Großteil Deutschlands, den Norden Österreichs, England, Dänemark, Schweden und Norwegen. Hier sind die Tage im Sommer extrem lang, was die Gebetszeiten besonders herausfordernd macht.

  • Morgengebet (Imsak): Beginnt 80 Minuten vor dem Sonnenaufgang. Mit 4 bis 6 Minuten Pufferzeit startet das Morgengebet ungefähr 84-86 Minuten vor dem astronomischen Sonnenaufgang.
  • Nachtgebet: Beginnt 70 Minuten nach dem Sonnenuntergang. Zusammen mit 4 bis 6 Minuten Pufferzeit beginnt das Nachtgebet ungefähr 74-76 Minuten nach dem astronomischen Sonnenuntergang.

Vergleich der Neuregelung

Die folgende Tabelle fasst die neuen Gebetszeiten für die beiden geografischen Zonen zusammen:

RegionGebetBasiszeit (Minuten)Pufferzeit (Minuten)Gesamtzeit (ungefähr)
0 - 47,59 GradMorgengebet (Imsak)74 Minuten vor Sonnenaufgang+4 bis 678-80 Minuten vor Sonnenaufgang
Nachtgebet64 Minuten nach Sonnenuntergang+4 bis 668-70 Minuten nach Sonnenuntergang
Nördlich 47,59 GradMorgengebet (Imsak)80 Minuten vor Sonnenaufgang+4 bis 684-86 Minuten vor Sonnenaufgang
Nachtgebet70 Minuten nach Sonnenuntergang+4 bis 674-76 Minuten nach Sonnenuntergang

Warum eine feste Zeitspanne für das ganze Jahr?

Die Festlegung einer konstanten Zeitspanne für das ganze Jahr, insbesondere für die nördlichen Regionen, mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen. Sie wurde jedoch als praktische Lösung für die extrem langen Sommertage entwickelt, in denen die üblichen astronomischen Marker für das Nacht- und Morgengebet schwer zu bestimmen sind. Die Grundlage hierfür ist die Beobachtung, dass die Röte des Sonnenuntergangs bei einem Abstand der Sonne von 12,5 bis 16 Grad zum Horizont verschwindet. Der IGMG Gelehrtenrat hat die obere Grenze von 16 Grad als maßgeblich festgelegt, welche am Äquator 64 Minuten entspricht. Diese 64 Minuten dienen als feste Referenz für das Nachtgebet.

Für das Morgengebet wird der am Horizont verbreitete „Fadschr sâdik“ als Grundlage genommen. Dies ist nicht der Zeitpunkt, an dem die Sonne einen bestimmten Winkel erreicht, sondern wenn das Licht der Dämmerung tatsächlich sichtbar wird und sich horizontal ausbreitet. Für viele Organisationen beginnt dies, wenn die Sonne 16 Grad unter dem Horizont steht. Die IGMG hat diese Prinzipien auf die nördlichen Breitengrade übertragen, um eine durchgängige und praktikable Lösung zu bieten, die die Tarâwih-Gebet und andere Gottesdienste auch im Sommer ermöglicht, ohne Muslime übermäßig zu belasten.

Wann ist die islamische Gebetszeit in Osnabrück?
Mekka liegt 4377,58 Kilometer von Osnabrück entfernt, der Zeitunterschied beträgt -1 Stunde. Wann sind die Gebetszeiten heute in Osnabrück? Muslimische Zeiten in Osnabrück heute, Fajr, Dhuhr, Asr, Maghrib & Isha'a. Erhalte die islamische Gebetszeit in Osnabrück. Gebetszeiten heute in Osnabrück beginnen um 02:37 (Imsak) und enden um 23:46 (Isha).

Wie wurden die Gebetszeiten früher bestimmt?

Bevor die IGMG diese Neuregelung einführte, basierten ihre Gebetskalender auf den Beschlüssen der „Konferenz zur Bestimmung von Hidschri-Daten und Gebetszeiten“, die vom 23. bis 27. Juni 1980 in Brüssel stattfand. Damals wurden die Gebetszeiten wie folgt festgelegt:

  • Das Nachtgebet begann 1 Stunde und 30 Minuten nach dem Sonnenuntergang.
  • Das Morgengebet begann 1 Stunde und 50 Minuten vor dem Sonnenaufgang.

Zum Vergleich: Zu jener Zeit betrug der Zeitabstand zwischen Abend- und Nachtgebet in Mekka etwa 1 Stunde und 20 Minuten, und zwischen Morgengebet und Sonnenaufgang etwa 1 Stunde und 30 Minuten. Vor dem Jahre 1982 war die Zeitspanne zwischen Morgengebet und Sonnenaufgang sogar noch länger und betrug je nach Jahreszeit etwa 2 Stunden und 30 Minuten, wobei die Pufferzeiten für jede Stadt individuell bestimmt wurden. Diese historischen Unterschiede zeigen, dass die Bestimmung der Gebetszeiten immer ein Thema der Anpassung an neue Erkenntnisse und Gegebenheiten war.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Die Neuregelung der Gebetszeiten wirft verständlicherweise Fragen auf. Hier sind einige der am häufigsten gestellten:

F: Warum diese Neuregelung gerade jetzt und nicht früher?

A: Die Notwendigkeit einer Neuregelung wurde durch die zunehmenden Schwierigkeiten der Muslime in den nördlichen Regionen mit den langen Sommertagen immer deutlicher. Das IGMG Gelehrtenrat hat seit 2005 intensive Forschungen betrieben, um eine islamisch-rechtlich fundierte und praktikable Lösung zu finden. Die Umsetzung erfolgte, nachdem Gespräche mit anderen islamischen Organisationen keine einheitlichen Ergebnisse erzielen konnten.

F: Gilt diese Neuregelung für alle Muslime in Deutschland oder Europa?

A: Diese Neuregelung ist ein Beschluss des IGMG Gelehrtenrates und wird von der IGMG in ihren Gebetskalendern angewendet. Andere islamische Organisationen oder Moscheegemeinden können weiterhin andere Berechnungsmethoden verwenden. Muslime sollten sich an die Gebetszeiten der Gemeinschaft halten, der sie angehören, oder eine vertrauenswürdige Quelle wählen.

F: Wo finde ich die genauen Gebetszeiten nach der neuen IGMG-Regelung für meinen Standort?

A: Die aktualisierten Gebetszeiten sind in den offiziellen Gebetskalendern der IGMG verfügbar und können auch über entsprechende mobile Apps oder Websites, die diese Berechnungen verwenden, abgerufen werden.

F: Was ist der „Fadschr sâdik“ und wie unterscheidet er sich vom astronomischen Fadschr?

A: Der „Fadschr sâdik“ (die wahre Morgendämmerung) ist im islamischen Recht der Zeitpunkt, an dem das Licht der Dämmerung horizontal über dem östlichen Horizont erscheint und sich ausbreitet. Dies ist der Beginn der Zeit für das Morgengebet (Fadschr). Der astronomische Fadschr (oft als „astronomische Dämmerung“ bezeichnet) ist in der Regel definiert als der Zeitpunkt, an dem die Sonne einen bestimmten Winkel (oft 18 Grad) unter dem Horizont erreicht. Diese astronomische Definition korreliert nicht immer exakt mit der sichtbaren Ausbreitung des Lichts, insbesondere in Regionen mit langer Dämmerung.

F: Werden die Diskussionen über die Gebetszeiten mit dieser Neuregelung enden?

A: Es ist unwahrscheinlich, dass die Diskussionen vollständig enden werden, da die Uneinigkeit historisch gewachsen ist und auf unterschiedlichen Interpretationen und Methoden basiert. Die Neuregelung der IGMG ist jedoch ein wichtiger Schritt, um die Gebetspraxis für viele Muslime zu erleichtern und eine konsistente Grundlage innerhalb ihrer Gemeinden zu schaffen.

Möge Allah uns nicht vom rechten Weg abkommen lassen. Möge diese Neuregelung der Gebetszeiten den Muslimen von Nutzen sein und ihnen helfen, ihre Gottesdienste mit größerer Leichtigkeit und Gewissheit zu verrichten. Die Gebetszeiten sind das Rückgrat des täglichen Lebens eines Muslims, und ihre genaue Kenntnis ist von größter Bedeutung für die Erfüllung dieser fundamentalen Säule des Islam.

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