Was ist die „apostolische Nachfolge“?

Apostolische Nachfolge & die Jünger Jesu

19/10/2024

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Die Gestalt Jesu von Nazareth hat die Welt nachhaltig geprägt. Doch wie konnte seine Botschaft über seinen Tod hinaus fortbestehen und eine globale Bewegung ins Leben rufen? Die Antwort liegt im Kern der frühen Jesusbewegung: in der Bildung von Jüngergruppen und der daraus resultierenden Idee der apostolischen Nachfolge. Diese Konzepte sind nicht nur historische Fakten, sondern bilden das Fundament des Verständnisses von Kirche und Glaubensweitergabe. Sie laden dazu ein, die Dynamik und die tiefe Bedeutung der Beziehung zwischen Jesus und seinen Anhängern zu erkunden, die bis heute nachwirkt.

Was ist die „apostolische Nachfolge“?
Es entwickelt sich das Konzept der „apostolischen Nachfolge“, die eine besondere Form der Nachfolge Jesu ist: nämlich jene, in der sich die Beziehung zu Jesus durch die Gemeinschaft mit den Aposteln und die Zugehörigkeit zur Kirche der Apostel auf dem Weg der Nachfolge Jesu ereignet.

Ein zentrales Element dieses Fortbestehens ist die sogenannte „apostolische Nachfolge“. Sie stellt eine spezifische Form der Nachfolge Jesu dar, bei der die Beziehung zu Jesus Christus nicht isoliert, sondern durch die enge Gemeinschaft mit den Aposteln und die Zugehörigkeit zur Kirche der Apostel erfahren und gelebt wird. Es ist der Weg, auf dem die Lehre, die Autorität und die Mission Jesu durch seine von ihm bevollmächtigten Zeugen weitergegeben werden. Dies sichert eine ungebrochene Kette der Glaubensweitergabe und der geistlichen Autorität, die für viele christliche Konfessionen von fundamentaler Bedeutung ist. Die apostolische Nachfolge ist somit mehr als nur eine historische Linie; sie ist ein lebendiger Strom, der die Kirche mit ihren Ursprüngen verbindet und ihre Identität als Gemeinschaft der Nachfolger Jesu Christi festigt.

Inhaltsverzeichnis

Das Wort „Jünger“ in den Evangelien: Ein vielschichtiges Bild

Die Evangelien zeichnen ein differenziertes Bild von den Anhängern Jesu. Es ist wichtig zu verstehen, dass nicht alle, die Jesus folgten, in gleicher Weise als „Jünger“ im engsten Sinne bezeichnet wurden. Vielmehr gab es verschiedene Kreise von Personen, die auf Jesu Botschaft reagierten und sein Wirken begleiteten.

1. Von den Volksscharen bis zum Zwölferkreis

Die Wirkung der Botschaft Jesu war immens. Hätte er keine Anhängerschaft gehabt, wäre er nach seinem Tod wohl in Vergessenheit geraten. Die Evangelien beleuchten nicht nur die Lehre Jesu, sondern auch die Berufung und das Leben seiner Jünger, die entscheidend zur Verbreitung seiner Botschaft beitrugen. Man kann die Anhänger Jesu in drei Hauptgruppen unterteilen:

1.1 Die Volksscharen

Die Darstellung, dass Jesu Wirken im Volk großen Zuspruch fand, ist nicht bloß eine theologische Konstruktion der Evangelisten. Mehrere voneinander unabhängige Quellen bestätigen dies, selbst solche, bei denen man es nicht unbedingt erwarten würde, wie die Logienquelle (Q, z.B. Lk 7,24; 11,14) und der jüdische Historiker Josephus. Das gewaltsame Todesgeschick Jesu selbst deutet auf eine beachtliche Anhängerschaft hin, da er sonst kaum als Gefahr für die öffentliche Ordnung wahrgenommen worden wäre – ähnlich wie Johannes der Täufer. Das genaue Ausmaß dieses Zuspruchs lässt sich zwar nicht quantifizieren, aber seine Intensität unterschied sich deutlich von der der engeren Jüngerschaft. Die Vorstellung einer „galiläischen Krise“, bei der die Jesusbewegung nach anfänglichem Erfolg einen Rückschlag erlitten hätte, lässt sich historisch nicht belegen. Die Volksscharen waren oft fasziniert von Jesu Wundertaten und seiner Lehre, folgten ihm aber nicht in der radikalen Nachfolge, die von den Jüngern erwartet wurde. Sie repräsentierten die breite Masse, die von Jesu Botschaft berührt wurde, aber nicht unbedingt bereit war, ihr gesamtes Leben für ihn aufzugeben.

1.2 Die Jünger

Die Historizität des Jüngerkreises ist gut belegt. Sie ergibt sich aus dem Kriterium der mehrfachen Bezeugung (Markus, Q-Quelle, Sondergut der Evangelien, Josephus) sowie aus dem Differenzkriterium: Die Darstellung der Evangelien kann nicht einfach aus urchristlichen Traditionen abgeleitet werden, da der Begriff „Jünger“ (griechisch: μαθητής/mathetes) ausschließlich in den Evangelien und der Apostelgeschichte bezeugt ist. Er wurde in der Urkirche nicht als allgemeine Bezeichnung für die Gläubigen verwendet und später auf Jesu Wirken zurückprojiziert. Dies deutet darauf hin, dass es sich um eine spezifische Gruppe handelte, die direkt mit Jesus verbunden war.

Zwei wesentliche Kennzeichen grenzen den Jüngerkreis ab:

  • Berufung durch Jesus: Die Entscheidung zur Nachfolge wurde von Jesus selbst bestätigt oder initiert. Dies war keine selbstgewählte Anhängerschaft, sondern eine direkte Aufforderung.
  • Teilhabe an der Wanderexistenz Jesu: Die Jünger folgten Jesus im wörtlichen Sinne nach, gaben ihr bisheriges Leben auf und teilten seine oft entbehrungsreiche Wanderung (vgl. Lk 9,57 und das Gesamtbild der Evangelien).

Interessanterweise wird das maskuline Wort „Jünger“ (μαθητής) in den Evangelien nicht explizit für Frauen verwendet. Dennoch wird berichtet, dass Frauen Jesus nachfolgten oder ihm mit ihrem Vermögen dienten (Mk 15,40f; Lk 8,1-3). Da „nachfolgen“ das Spezifikum der Jüngerschaft aufnimmt, muss es sich hier um Frauen aus dem engeren Kreis um Jesus gehandelt haben, auch wenn sie nicht mit dem spezifischen maskulinen Begriff benannt wurden. Die Grenzen des Jüngerkreises sind nicht immer scharf zu ziehen, da es auch Sympathisanten gab, die zwischen den Jüngern und den Volksscharen standen. Diese ortsfesten Anhänger zogen nicht mit Jesus umher, waren der Bewegung aber enger verbunden als das nur interessierte „Volk“ (z.B. Maria und Martha: Lk 10,38-42; vgl. auch Mk 14,13-15 und die Aufnahme ausgesandter Jünger in Häusern).

1.3 Der Zwölferkreis

Die Geschichtlichkeit des Zwölferkreises ist ebenfalls gut belegt. Dafür sprechen mehrere Überlegungen:

  • Mehrfache Bezeugung: Selbst das Johannesevangelium, das kein besonderes Interesse an dieser Gruppe hat, übergeht sie nicht (unsicher bei der Logienquelle, vgl. Mt 19,28 par Lk 22,30).
  • Differenzkriterium im Blick auf Judas: Die Evangelien zeigen die Schwierigkeit, die das Faktum bereitete, dass Jesus aus der engsten Anhängergruppe heraus an den Hohen Rat ausgeliefert wurde. Dies ist ein Indiz für die Authentizität, da es für die frühe Kirche eher problematisch war.
  • Differenzkriterium im Blick auf die urchristliche Entwicklung: Nach Ostern verschwindet der Zwölferkreis aus dem Blickfeld der urchristlichen Überlieferung. Dies macht es unwahrscheinlich, dass nachösterliche Interessen diesen Kreis grundlegend in das Wirken Jesu rückprojiziert hätten. Bis zum Ende des 1. Jahrhunderts kam kein Evangelium ohne die Erwähnung der Zwölf aus.
  • Kohärenzkriterium: Die Bildung dieses Kreises lässt sich ausgezeichnet in das Wirken Jesu selbst zurückführen.

Der Bericht in 1 Kor 15,3b-5 über eine Erscheinung vor den Zwölfen, obwohl nach dem Verrat des Judas nur elf Jünger in Frage kommen, ist kein Gegenargument. In einer Glaubensformel muss kein Wert auf numerische Exaktheit gelegt worden sein. Der engste Kreis um Jesus wird mit der ursprünglichen Zahl bezeichnet, die für dessen symbolischen Wert entscheidend ist.

GruppeCharakteristikaBeziehung zu JesusGrad der Nachfolge
VolksscharenBreite Masse, fasziniert von Lehre & WundernInteressierte Zuhörer, gelegentliche AnhängerGering (keine feste Bindung)
JüngerBerufen durch Jesus, teilen seine WanderexistenzEnge persönliche Beziehung, lernen von JesusHoch (Verzicht auf bisheriges Leben)
ZwölferkreisSpeziell von Jesus ausgewählt, symbolische BedeutungEngster Kreis, Zeugen seiner Lehre & TatenHöchst (repräsentieren das neue Israel)

2. Der Sinn der Jüngerberufung

Die Berufung von Jüngern durch Jesus hatte eine tiefere Bedeutung, die über die bloße Anhängerschaft hinausging.

2.1 Das Ja zur Gottesverkündigung Jesu

Die Jünger nahmen die Botschaft Jesu so tiefgehend an, dass sie daraufhin ihr bisheriges Leben verließen, um die Wanderexistenz mit Jesus zu teilen. Sie dokumentierten ihre Entscheidung für den von Jesus verkündeten Gott durch ein Leben, das ganz auf die Vollendung der Gottesherrschaft ausgerichtet war (Lorenz Oberlinner). Dies war ein radikaler Akt des Vertrauens und der Hingabe, der ihre Prioritäten grundlegend verschob. Es ging nicht nur um intellektuelle Zustimmung, sondern um eine existenzielle Umkehr.

2.2 Ausweitung des Wirkens Jesu

Die Historizität der Jüngeraussendung wird durch die mehrfache Bezeugung (Markus, Q-Quelle) sowie das Kohärenzkriterium gestützt. Die Inhalte der Aussendungsrede(n) passen prinzipiell in das Wirken Jesu: Eine bedürfnislose Lebensweise wurde gefordert, und die Grundzüge des Wirkens Jesu (Heilung, Dämonenaustreibung, Verkündigung der Umkehr und des Reiches Gottes) wurden durch die Jünger ausgeweitet. Auch der Sinn des Zwölferkreises würde zu missionarischer Tätigkeit passen. Es lässt sich nicht mehr eindeutig rekonstruieren, ob Jesus nur die Zwölf oder auch einen weiteren Kreis von Jüngern aussandte.

Inhaltliche Kennzeichen der Aussendungsrede(n) waren:

  • Teilhabe am Wirken Jesu: Die Jünger trugen die Botschaft Jesu in Wort und Tat weiter (unreine Geister austreiben, heilen, Umkehr/Basileia verkünden; vgl. Mk 6,7.12f; QLk 10,9). Sie wurden zu Mitschöpfern und Trägern seiner Mission.
  • Anweisungen zur Ausrüstung der Boten: Sie sollten auf jede Vorsorge verzichten und darauf vertrauen, dass ihnen das Notwendige auf ihrem Weg zukommt. So setzten sie die Weisung Mt 6,25-34par um (Warnung vor dem Sorgen). Dies unterstrich ihre vollständige Abhängigkeit von Gott und die Dringlichkeit ihrer Mission.
  • Verhalten in Häusern und Ortschaften: Besonders die Aussage über das Essen der vorgesetzten Speisen (Q 10,7) kann in die Situation Jesu zurückgeführt werden: Die Jünger sollten essen, ohne auf Fragen der Reinheit der Speisen zu achten. Dies ist zwar nicht ausdrücklich gesagt, ergäbe aber im Rahmen des Wirkens Jesu einen guten Sinn, zumal die Jünger durch den verordneten Verzicht auf Vorräte auf solche Unterstützung angewiesen waren. Dies zeigte eine Überwindung traditioneller Reinheitsgebote im Sinne der Reich-Gottes-Bewegung.

Schwieriger zu beurteilen sind die Aussagen über das Gericht an den Ortschaften, die Jesu Boten ablehnen (Mk 6,11; noch schärfer Q 10,10-12). Sie könnten auch in die nachösterliche Mission gehören, spiegeln aber die Ernsthaftigkeit der Botschaft und die Konsequenzen ihrer Ablehnung wider.

2.3 Der Symbolcharakter des Zwölferkreises

Die Zahl zwölf ist in der alttestamentlich-jüdischen Tradition stark durch die zwölf Stämme Israels geprägt. Zur Zeit Jesu war deren reales Bestehen jedoch längst ferne Vergangenheit, da mit dem Untergang des Nordreiches im 8. Jh. v. Chr. zehn der zwölf Stämme aus dem Volk Israel verschwunden waren.

Die zwölf Stämme waren jedoch nicht nur eine Größe der idealen Vergangenheit, sondern auch Gegenstand der Zukunftshoffnung Israels. Sie gehören in den Zusammenhang der Erwartung, dass Israel in der Endzeit wieder gesammelt werde. Dabei kann davon die Rede sein, dass alle Stämme Israels wieder aufgerichtet werden (Jer 31,1; Sir 48,10; PsSal 17[,44]; 1QM 2,1-13; 3,13f). Diese Hoffnung war zur Zeit Jesu in der jüdischen Tradition fest verwurzelt.

Die Verbindung zur Verkündigung Jesu lässt sich klar herstellen. Jesus unternimmt ja eine Sammlungsbewegung in Israel. Er wendet sich besonders denen zu, die am Rand stehen, denen von anderen die volle Zugehörigkeit zum Volk bestritten wird. Er will Grenzen überwinden, die mitten durch das Volk Israel gehen. Im Rahmen der endzeitlichen Sammlungsbewegung Jesu hat auch der Zwölferkreis seinen Ort. Er symbolisiert diese Sammlung, „repräsentiert bereits das wiederhergestellte Zwölfstämmevolk“ (Gerd Theißen/Annette Merz). Die Zwölf waren somit ein Zeichen der Wiederherstellung und Vollendung des Gottesvolkes.

Wie wird das Evangelium verkündet?

3. Ein Jüngergleichnis – Mt 13,44-46: Der Wert des Himmelreichs

Die Gleichnisse Jesu sind oft Fenster in das Verständnis des Himmelreichs und die Anforderungen an seine Nachfolger. Das Doppelgleichnis vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle ist hierfür ein Paradebeispiel.

3.1 Zur Analyse

Die beiden Texte (V. 44.45f) sind inhaltlich (trotz mancher Unterschiede) so stark miteinander verwandt, dass man sie als Doppelgleichnis verstehen muss. In beiden Fällen geht es um einen Fund, der dazu führt, dass der Finder seinen ganzen Besitz verkauft, um jenen Fund zu erwerben. Die beiden Gleichnisse dürften ursprünglich zusammengehört haben.

Die Gattung des Doppelgleichnisses ist als Parabel zu bestimmen. Zwar hält sich die dramatische Gestaltung sehr in Grenzen; wir treffen auf eine äußerst knapp erzählte Geschichte (keine Monologe oder Dialoge, keine Nebenfiguren, keine erzählerische Spannung). Doch handelt der Text jeweils von einem besonderen Fall, einer nichtalltäglichen Begebenheit. Es wird auch nicht so argumentiert, dass in vergleichbarer Situation jeder so handeln würde wie die beiden Hauptfiguren. Dies ist vom gewählten Stoff her gar nicht möglich, denn es böten sich durchaus andere Möglichkeiten, auf den Fund zu reagieren. Die Parabel zwingt den Zuhörer, die Radikalität der Entscheidung zu reflektieren.

3.2 Bildebene

Ohne eine erzählerische Spannung aufzubauen, nennt das Gleichnis vom Schatz im Acker gleich den Tatbestand, der für die Geschichte entscheidend ist: Es geht um einen verborgenen Schatz, den „ein Mensch fand“. Das weitere Geschehen wird in Gang gesetzt durch das Finden. Dies ist auch beim Gleichnis von der kostbaren Perle so (V. 46).

Dass im Gleichnis vom Schatz im Acker der Fund wieder verborgen wird, hängt zusammen mit dem gewählten Stoff. In diesem Fall kann der Fund nicht einfach durch Kauf angeeignet werden wie bei der kostbaren Perle. Insofern entsprechen sich beide Gleichnisse: Auf den Fund folgt eine Handlung, die ganz darauf gerichtet ist, den Fund zu erwerben. So Kostbares haben die Finder entdeckt, dass sie daraufhin ihre ganze Habe einsetzen, um sich ihre Entdeckung anzueignen. In diesem Punkt sind beide Gleichnisse auch ganz parallel gebaut: Der Finder geht hin, verkauft alles, was er hat und kauft den Acker/die Perle (im Motiv der Freude zeigt sich diese Parallelität nicht). Als Pointe ergibt sich:

  • Erzählt wird die Geschichte eines Fundes, der so kostbar ist, dass die Finder daraufhin ihren ganzen Besitz verkaufen, um den Fund zu erwerben.
GleichnisDer FundDie ReaktionImplikation
Schatz im AckerZufällige Entdeckung eines versteckten SchatzesVerbirgt den Schatz, verkauft alles, kauft den Acker mit FreudeDas Himmelreich ist unerwartet wertvoll, erfordert radikale Entscheidung
Kostbare PerleGezielte Suche, findet eine extrem wertvolle PerleVerkauft alles, kauft die PerleDas Himmelreich ist das höchste Gut, für das man alles aufgeben sollte

3.3 Sachebene

Als Gleichnis von der Gottesherrschaft zeigt die Geschichte zum einen den ungeheuren Wert, den der Mensch findet, wenn er auf die Gottesherrschaft trifft. Diesem Gedanken entspricht das erzählerische Moment im Gleichnis, dass der kostbare Fund das weitere Handeln in Gang setzt. Allerdings kommt es auch auf dieses Handeln an. Das Gleichnis zeigt also zum anderen: Wer auf die Gottesherrschaft in der Verkündigung Jesu trifft, setzt dafür alles ein. Nicht im Sinne eines Opfers, sondern aus dem Wissen darum, dass man Kostbareres erhält, als man einsetzt. Es ist eine Investition, die sich unendlich auszahlt.

Nicht einfach zu beantworten ist die Frage, wie der „Einsatz von allem“ in der Erzählung auf der Sachebene zu fassen ist. Geht es um die Aufgabe des Besitzes? Für Jünger Jesu konnte sich dies durchaus als Konsequenz ergeben (vgl. Mk 10,17-22.29-31), jedoch bleibt der Text in dieser Frage offen. Es kann sich um den Verzicht auf materielle Güter handeln, aber auch um die Prioritätensetzung im Leben, die Aufgabe von Sicherheiten oder sozialen Beziehungen zugunsten der Nachfolge. Die Radikalität der Aussage lässt Raum für unterschiedliche Interpretationen, betont aber stets die Priorität des Himmelreichs über alles andere.

Häufig gestellte Fragen zur Jüngerschaft und Nachfolge

Was ist der Hauptunterschied zwischen den Volksscharen und den Jüngern Jesu?

Der Hauptunterschied liegt im Grad der Verpflichtung und der Art der Beziehung zu Jesus. Die Volksscharen waren die breite Masse, die von Jesu Lehre und Wundern angezogen wurde. Sie folgten ihm oft aus Neugier, Hoffnung auf Heilung oder einfach, um seine Worte zu hören, aber sie gingen nicht die Verpflichtung ein, ihr bisheriges Leben aufzugeben. Die Jünger hingegen wurden von Jesus persönlich berufen, gaben ihr altes Leben und oft auch ihren Besitz auf, um Jesus auf seiner Wanderschaft zu begleiten und seine Botschaft aktiv zu verbreiten. Sie waren in einer viel engeren, existenziellen Beziehung zu ihm.

Warum war die Zahl Zwölf für den Jüngerkreis so wichtig?

Die Zahl Zwölf hat eine tiefe symbolische Bedeutung, die in der jüdischen Tradition verwurzelt ist. Sie repräsentiert die zwölf Stämme Israels. Durch die Berufung von zwölf Jüngern wollte Jesus symbolisch die Wiederherstellung und Sammlung des gesamten Volkes Israel im Angesicht der kommenden Gottesherrschaft darstellen. Es war ein Zeichen dafür, dass seine Bewegung nicht nur eine kleine Gruppe, sondern die Erneuerung des gesamten Gottesvolkes zum Ziel hatte.

Bedeutet „alles verkaufen“ im Gleichnis vom Schatz im Acker wörtlich den Verzicht auf Besitz?

Das Gleichnis vom Schatz im Acker und der kostbaren Perle betont die absolute Priorität des Himmelreichs und die Bereitschaft, alles dafür einzusetzen. Während es für einige Jünger (wie im Fall des reichen Jünglings) tatsächlich den wörtlichen Verzicht auf materiellen Besitz bedeutete, kann „alles verkaufen“ auch metaphorisch verstanden werden. Es geht um die Bereitschaft, alle Sicherheiten, Gewohnheiten und Prioritäten aufzugeben, die dem Empfang und der Annahme des Himmelreichs im Wege stehen könnten. Es ist eine radikale Neuausrichtung des Lebens, bei der das Himmelreich zum höchsten Wert wird.

Gibt es heute noch „Jünger“ im biblischen Sinne?

Der Begriff „Jünger“ wird heute in der Theologie und in vielen christlichen Gemeinschaften verwendet, um Menschen zu beschreiben, die Jesus Christus nachfolgen und seine Lehre leben. Während die spezifische Wanderexistenz mit Jesus von Nazareth heute nicht mehr möglich ist, bleibt der Kern der Jüngerschaft – die Hingabe an Christus, das Lernen von ihm, die Verbreitung seiner Botschaft und die Bereitschaft zur Nachfolge – für Christen weltweit relevant. Viele Gemeinden und Bewegungen legen großen Wert auf „Jüngerschaftstraining“, um Gläubige zu befähigen, Jesus in ihrem Alltag nachzufolgen und seine Werte zu leben.

Was bedeutet die apostolische Nachfolge für die heutige Kirche?

Die apostolische Nachfolge ist ein theologisches Konzept, das vor allem in katholischen, orthodoxen und einigen anglikanischen Kirchen von großer Bedeutung ist. Es besagt, dass die Autorität und Mission der Apostel durch eine ununterbrochene Kette von Bischofsweihen bis in die heutige Zeit weitergegeben wird. Für diese Kirchen bedeutet dies eine Garantie für die Authentizität der Lehre und Sakramente. Es ist die Sicherstellung, dass die Kirche in direkter Linie mit den von Jesus eingesetzten Aposteln steht und somit die unverfälschte Botschaft Jesu bewahrt und weitergibt. Sie unterstreicht die Kontinuität der Kirche durch die Jahrhunderte.

Fazit: Die bleibende Relevanz der Nachfolge

Die Konzepte der Jüngerschaft und der apostolischen Nachfolge sind grundlegend für das Verständnis der Entstehung und Entwicklung des Christentums. Sie zeigen, wie Jesus nicht nur eine Botschaft verkündete, sondern auch eine Gemeinschaft formte, die diese Botschaft weitertragen sollte. Von den breiten Volksscharen bis zum engsten Zwölferkreis – jede Gruppe spielte eine Rolle in der Verbreitung des Evangeliums, wobei die Jünger und insbesondere die Zwölf eine zentrale Funktion als Zeugen und Beauftragte hatten. Das Verständnis dieser frühen Dynamiken hilft uns, die Struktur und die Mission der Kirche bis heute zu begreifen. Die Gleichnisse Jesu, wie das vom Schatz im Acker, fordern uns weiterhin heraus, den Wert des Himmelreichs zu erkennen und unser Leben radikal danach auszurichten. Die Nachfolge Jesu ist somit keine bloße historische Fußnote, sondern ein lebendiger Aufruf an jeden Gläubigen, die Prioritäten des Lebens neu zu ordnen und sich ganz dem Reich Gottes zu widmen, in Gemeinschaft mit der Kirche, die auf dem Fundament der Apostel gebaut ist.

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