24/12/2022
Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834) gilt als eine der prägendsten Figuren der deutschen Geistesgeschichte, dessen Einfluss sich über Theologie, Philosophie und Pädagogik erstreckt. Doch die Frage nach der schieren Anzahl seiner Werke ist komplexer, als man auf den ersten Blick annehmen möchte. Es handelt sich nicht um eine einfache Zählung von Büchern, sondern um die Geschichte eines umfassenden, sich über Generationen erstreckenden wissenschaftlichen Projekts, das darauf abzielt, sein gesamtes literarisches Erbe zu erschließen und zu präsentieren. Die Herausforderung, Schleiermachers vielschichtiges Werk vollständig zu erfassen, spiegelt die Tiefe und Breite seines Denkens wider und macht die Geschichte seiner Publikationen zu einem faszinierenden Kapitel der Editionsphilologie.

Ein komplexes Erbe: Die Herausforderung von Schleiermachers Werken
Nach Schleiermachers Tod im Jahr 1834 versuchten seine Schüler in Zusammenarbeit mit dem Berliner Verlag G. Reimer, sein Werk in einer Gesamtausgabe zu sammeln. Zwischen 1834 und 1864 entstand die Ausgabe „Sämmtliche Werke“, die in drei Abteilungen – Theologie, Predigten und Philosophie – insgesamt 31 Bände umfasste. Obwohl dies ein beachtliches Unterfangen für die damalige Zeit war, erwies sich diese Ausgabe in mehrfacher Hinsicht als unzureichend. Sie bot Schleiermachers Schriften, Vorlesungen und Predigten selbst im Vergleich zu ihrer eigenen Planung nur lückenhaft dar.
Einer der Hauptmängel bestand darin, dass bei den gedruckten Schriften jeweils nur die letzte von Schleiermacher selbst betreute Auflage berücksichtigt wurde. Frühere, oft aufschlussreiche Fassungen blieben unediert. Sein umfangreicher literarischer Nachlass – bestehend aus Manuskripten, Nachschriften seiner Vorlesungen, Entwürfen und Notizen – wurde in dieser Ausgabe nur teilweise und oft in einer völlig ungenügenden Weise ediert. Umfängliche Bestände an unveröffentlichten Materialien blieben durch diese Ausgabe und die nachfolgende Forschung noch unerschlossen.
Ein weiterer gravierender Mangel war das Fehlen von Schleiermachers Briefwechsel. Dieser ist in der alten „Sämmtliche Werke“-Ausgabe überhaupt nicht enthalten und lag lediglich in verstreuten, kleineren und größeren Sammlungen auswahlweise vor. Auch Schleiermachers bedeutende Übersetzungen, allen voran seine wegweisende Übersetzung der Werke Platons, blieben in dieser ersten Gesamtausgabe unberücksichtigt. Es wurde schnell klar, dass ein umfassendes, historisch-kritisches Bild von Schleiermachers Werk nur durch eine völlig neue, wissenschaftlich fundierte Edition entstehen konnte. Dieses „Desiderat“ – ein lange gehegter Wunsch nach einer vollständigen und kritischen Ausgabe – prägte die Schleiermacher-Forschung über viele Jahrzehnte.
Gescheiterte Versuche und der Weg zur Kritischen Gesamtausgabe (KGA)
Das Bedürfnis nach einer umfassenden, historisch-kritischen Schleiermacher-Gesamtausgabe führte im 20. Jahrhundert zu mehreren Anläufen, von denen die ersten beiden jedoch scheiterten. Eine von zahlreichen Gelehrten unterstützte Initiative von Hermann Mulert im Jahr 1927, die Preußische Akademie der Wissenschaften anlässlich des Gedenkjahres 1934 zu einer Edition zu bewegen, blieb erfolglos. Ähnlich erging es einer Sondierung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften im Jahr 1961, die vermutlich auf das Jubiläumsjahr 1968 abzielte.
Erst die dritte Initiative, die sich als erfolgreich erwies, führte zur Entstehung der Kritischen Gesamtausgabe (KGA). Seit 1972 wurde dieses monumentale Projekt von Hans-Joachim Birkner (Kiel) in Zusammenarbeit mit Gerhard Ebeling (Zürich), Hermann Fischer (Hamburg) und Heinz Kimmerle (Rotterdam) vorbereitet. Im September 1975 begann die eigentliche Editionsarbeit an der Schleiermacher-Forschungsstelle in der Theologischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Die finanzielle Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und den Verlag Walter de Gruyter – dem Nachfolger des Verlags Georg Reimer, in dem die meisten von Schleiermachers Schriften ursprünglich erschienen waren – war dabei entscheidend.
Ab September 1979 wurde das Editionsvorhaben auch über die Schleiermachersche Stiftung durch das Land Berlin, die Evangelische Kirche der Union und die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg gefördert. Dies ermöglichte die Gründung einer zweiten Forschungsstelle unter der Leitung von Kurt-Victor Selge an der Kirchlichen Hochschule Berlin. Nach wechselnder Trägerschaft ist die Berliner Forschungsstelle seit 1994 in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beheimatet, was die überregionale und langfristige Bedeutung des Projekts unterstreicht.
Die KGA: Ein Mammutprojekt im Wandel
Die Erstellung einer Kritischen Gesamtausgabe ist ein Generationenprojekt, das eine langfristige Kontinuität und Anpassungsfähigkeit erfordert. Der Herausgeberkreis der KGA erfuhr in den 1990er Jahren größere personelle Veränderungen. Hans-Joachim Birkner verstarb 1991, und Gerhard Ebeling sowie Heinz Kimmerle beendeten 1995 bzw. 1996 ihre Herausgeberschaft. Im Gegenzug wurden 1994 Günter Meckenstock (Kiel) sowie 1997 Ulrich Barth (Halle) und Konrad Cramer (Göttingen) in den Herausgeberkreis gewählt. Dies sicherte die wissenschaftliche Breite und Expertise des Projekts.

Ein erneuter größerer Wechsel, um die langfristige Kontinuität der Editionsarbeit zu gewährleisten, fand statt, als 2009 Kurt-Victor Selge sowie 2011 Konrad Cramer und Hermann Fischer ihre Herausgeberschaft aufgaben. Dafür traten 2011 Andreas Arndt (Berlin), Lutz Käppel (Kiel) und Notger Slenczka (Berlin) in den Herausgeberkreis ein. Ulrich Barth schied 2013 aus, und Jörg Dierken (Halle) wurde 2014 sein Nachfolger. Zuletzt schied Günter Meckenstock gemäß Verlagsvertrag Ende 2018 aus dem Herausgeberkreis aus, und André Munzinger (Kiel) wurde Anfang 2019 sein Nachfolger. Diese dynamische Entwicklung im Herausgeberkreis unterstreicht die Lebendigkeit und das Engagement, das für die Fortführung eines so umfangreichen Vorhabens notwendig ist.
Die Kritische Gesamtausgabe ist darauf ausgelegt, alle Aspekte von Schleiermachers Schaffen zu umfassen. Dazu gehören nicht nur seine gedruckten Werke in allen relevanten Fassungen, sondern auch sein gesamter Nachlass – Manuskripte, Vorlesungsnachschriften, Briefe und biographische Materialien. Sie soll auch die bisher unberücksichtigten Übersetzungen Schleiermachers einschließen. Das Ziel ist es, ein vollständiges und wissenschaftlich zuverlässiges Bild seines intellektuellen Schaffens zu bieten, das für kommende Generationen von Forschern und interessierten Lesern zugänglich ist.
Vergleich: Alte Ausgabe vs. Kritische Gesamtausgabe (KGA)
| Merkmal | Sämmtliche Werke (1834–1864) | Kritische Gesamtausgabe (KGA, seit 1972/1975) |
|---|---|---|
| Umfang (Bände) | 31 Bände | Laufend, umfasst weitaus mehr Material |
| Berücksichtigte Auflagen | Nur letzte von Schleiermacher betreute Auflage | Alle relevanten Fassungen und Manuskripte |
| Nachlass-Bearbeitung | Teilweise und unzureichend ediert | Umfassende Erschließung von Manuskripten, Nachschriften, etc. |
| Briefwechsel | Nicht enthalten, nur verstreute Teilsammlungen | Wird vollständig und kritisch ediert |
| Übersetzungen | Nicht berücksichtigt (z.B. Platon) | Werden integriert |
| Editionsprinzip | Zeitgenössische Sammlung | Streng historisch-kritisch |
| Zugänglichkeit | Veraltet, lückenhaft | Wissenschaftlich zuverlässig, umfassend |
Häufig gestellte Fragen
Wie viele Bücher hat Schleiermacher geschrieben?
Es gibt keine einfache Zahl. Die alte Ausgabe „Sämmtliche Werke“ umfasste 31 Bände, war aber unvollständig. Die laufende Kritische Gesamtausgabe (KGA) wird diese Zahl weit übertreffen, da sie auch unveröffentlichte Schriften, Briefe und Vorlesungsnachschriften umfasst. Es geht nicht nur um „Bücher“, sondern um ein Gesamtwerk im weitesten Sinne.
Was macht die Kritische Gesamtausgabe (KGA) so besonders?
Die KGA ist eine historisch-kritische Ausgabe, was bedeutet, dass sie höchste wissenschaftliche Standards anlegt. Sie berücksichtigt nicht nur alle bekannten gedruckten Fassungen, sondern auch den gesamten handschriftlichen Nachlass, alle Briefe und Vorlesungsnachschriften. Ziel ist es, ein authentisches und vollständiges Bild von Schleiermachers Denken zu vermitteln, indem sie die Entstehung und Entwicklung seiner Ideen nachvollziehbar macht.
Warum ist es so schwierig, Schleiermachers Gesamtwerk zu erfassen?
Schleiermacher war ein äußerst produktiver Denker, dessen Werk sich über Vorlesungen, Predigten, gedruckte Schriften, umfangreiche Korrespondenz und Notizen erstreckte. Viele seiner Werke existierten in verschiedenen Fassungen oder nur als handschriftliche Entwürfe oder Mitschriften von Schülern. Die schiere Menge und Vielfalt des Materials, gepaart mit den Herausforderungen der Textkritik und Quellenforschung, macht die Erfassung zu einem langwierigen und komplexen Unterfangen.
Wer sind die Hauptakteure hinter der KGA?
Die KGA ist ein Gemeinschaftsprojekt von Forschenden an verschiedenen Universitäten und Akademien in Deutschland und der Schweiz. Sie wird von einem wechselnden Herausgeberkreis geleitet und von Institutionen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Land Berlin und dem Verlag Walter de Gruyter finanziell und organisatorisch unterstützt.
Fazit
Die Frage nach der Anzahl der Bücher Schleiermachers führt uns tief in die Welt der Editionsphilologie und der historischen Forschung. Es ist keine simple Mengenangabe, sondern die Geschichte eines intellektuellen Erbes, das über Generationen hinweg erforscht, gesammelt und ediert wird. Die Kritische Gesamtausgabe ist ein beeindruckendes Zeugnis des Engagements, das notwendig ist, um das Werk einer so bedeutenden Persönlichkeit wie Friedrich Schleiermacher umfassend zu erschließen. Sie ermöglicht es uns, sein vielschichtiges Denken in all seinen Facetten zu verstehen und seinen bleibenden Einfluss auf Theologie und Philosophie zu würdigen. Es ist ein Projekt, das die Bedeutung von akribischer Forschung und langfristiger Zusammenarbeit für die Bewahrung und Zugänglichmachung kulturellen und intellektuellen Erbes eindrucksvoll unterstreicht.
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