Das Evangelium: Herzstück des Lutherischen Glaubens

03/10/2023

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In einer Welt voller vielfältiger Glaubensrichtungen und Konfessionen stellt sich oft die Frage: Wenn alle Christen die Bibel als ihre Glaubensgrundlage betrachten, warum gibt es dann so viele unterschiedliche Kirchen und Gemeinden? Die Antwort liegt im unterschiedlichen Verständnis und der Auslegung der Heiligen Schrift. Das evangelisch-lutherische Bekenntnis, tief verwurzelt in den reformatorischen Einsichten, bietet hier eine klare und eindeutige Antwort. Es beansprucht, die biblische Botschaft zuverlässig und wahrhaftig widerzuspiegeln, insbesondere die zentrale Botschaft der Erlösung und des ewigen Lebens. Doch was genau ist dieses Evangelium, und wie prägt es den lutherischen Glauben? Tauchen wir ein in die Tiefen dieser frohen Botschaft, die das Herzstück des christlichen Glaubens bildet.

Was bedeutet das Wort Evangelium?
mittelhochdeutsch ewangēlje, althochdeutsch euangēlijō < kirchenlateinisch euangelium < griechisch euaggélion, eigentlich = gute Botschaft, zu: euággelos = gute Botschaft bringend, zu: eũ = gut, wohl und ággelos, Engel evang.-luth. Noch Fragen? Definition, Rechtschreibung, Synonyme und Grammatik von 'Evangelium' auf Duden online nachschlagen.[/caption]
Inhaltsverzeichnis

Das Evangelium im Kern: Jesus Christus als Mittelpunkt

Das evangelisch-lutherische Bekenntnis, das sich eng an die Bibel anlehnt, stellt fest, dass wir aus ihr zuverlässig und wahrhaftig von und über Gott erfahren können, und wie der Mensch selig wird. Die Bibel allein ist die Regel und Richtschnur für christlichen Glauben und Leben. Doch innerhalb dieser umfangreichen Schrift gibt es einen unbestreitbaren Mittelpunkt: Jesus Christus.

Er ist das Ziel und die Erfüllung aller biblischen Verheißungen, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist, um uns zu retten und zu erlösen. Seine Mission gipfelte in seinem stellvertretenden Tod am Kreuz für unsere Sünden, seiner Auferstehung und seiner Auffahrt zum Vater in den Himmel. Wenn wir diese Wahrheit glauben und darauf vertrauen, dann empfangen wir durch ihn die Vergebung all unserer Sünden und das ewige Leben. Die Gnade und Liebe Gottes erfahren wir demnach allein in Jesus Christus. Diese zentrale Botschaft ist das Herz des Evangeliums.

Die 'Sola'-Prinzipien: Fundamente des Glaubens

Aus den Schriften des Apostels Paulus, insbesondere dem Römerbrief (1,17; 3,22-28), hat Martin Luther und die von ihm eingeleitete Reformation vier übergeordnete Aussagen für ihr Bekenntnis abgeleitet, die als die 'Sola'-Prinzipien bekannt sind. Diese 'Alleinsätze' bilden das Fundament des evangelisch-lutherischen Verständnisses der Erlösung:

Sola Gratia: Allein aus der Gnade

Die Erlösung des Menschen ist allein aus der Gnade Gottes geschehen – ohne jegliches eigenes Verdienst. Dies bedeutet, dass unsere Rettung nicht das Ergebnis unserer guten Taten, unserer Frömmigkeit oder unserer Anstrengungen ist, sondern ein reines Geschenk der unverdienten Gunst Gottes. Der Mensch kann sich das Heil nicht verdienen; es wird ihm aus der überströmenden Liebe und Barmherzigkeit Gottes zuteil.

Solus Christus: Allein durch Jesus Christus

Allein durch Jesus Christus, durch sein am Kreuz vergossenes Blut, werden dem Menschen die Sünden vergeben, Gerechtigkeit und Erlösung geschenkt. Dies steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass Fürbitten von Maria oder anderen Heiligen notwendig wären, um Vergebung zu erlangen. Christus ist der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen, und sein Opfer ist die alleinige Grundlage für unsere Versöhnung mit Gott.

Sola Fide: Allein durch den Glauben

Allein durch den Glauben an Jesus Christus wird der Mensch vor Gott gerecht gesprochen. Dies ist ein entscheidender Punkt der Reformation. Die Rechtfertigung geschieht nicht durch gute Werke, durch den Erwerb von Ablässen oder durch die Einhaltung religiöser Rituale. Es ist das aufrichtige Vertrauen in das, was Christus für uns getan hat, das uns vor Gott gerecht macht. Dieser Glaube ist selbst ein Geschenk Gottes.

Die Früchte des Glaubens

Es ist wichtig zu verstehen, dass gute Werke – Taten der Gottes- und Nächstenliebe – nicht die Voraussetzung für die Rechtfertigung sind, sondern eine Folge des Glaubens. Sie sind die „Früchte des Glaubens“ und zeigen sich in einem veränderten Leben. Jedoch sind diese Werke vor Gott kein Verdienst und nicht des Ruhmes wert (vgl. Röm. 3,23; Lk. 17,10). Das bedeutet, sie tragen nicht zur Erlangung des Heils bei, sondern sind Ausdruck eines bereits empfangenen Heils. Dieser Glaubensartikel über die „Rechtfertigung des Menschen vor Gott“ ist das unbestrittene Herzstück der Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Martin Luther betonte dies eindringlich in den Schmalkaldischen Artikeln (II. Teil, Artikel 1): „Von diesem Artikel kann man nicht weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erden oder was nicht bleiben will; denn es „ist kein Name, dadurch wir können selig werden“ spricht St. Petrus. „Und durch seine Wunden sind wir geheilt“. Diese Aussage unterstreicht die unerschütterliche Bedeutung dieses Prinzips für den lutherischen Glauben.

Sola Scriptura: Die Bibel als einzige Richtschnur

Das vierte 'Sola'-Prinzip, sola scriptura (allein aus der Bibel), besagt, dass der Mensch die Wahrheit Gottes und den Weg zum Heil allein aus der Bibel erfährt. Dies bedeutet, dass die Heilige Schrift der alleinige Maßstab, die Regel und Richtschnur für den christlichen Glauben und das Leben ist – die „norma normans“. Andere Autoritäten wie Traditionen, Konzilien oder päpstliche Erlasse sind diesem Maßstab untergeordnet.

Martin Luther hob in den Schmalkaldischen Artikeln unter Bezugnahme auf den Galaterbrief (1,6-10) hervor: „Es heißt, Gottes Wort soll Artikel des Glaubens stellen und sonst niemand, auch kein Engel.“ Dies betont die einzigartige Autorität der Bibel als Gottes offenbartes Wort, das über allem menschlichen Denken und jeder menschlichen Institution steht.

Gesetz und Evangelium: Gottes zweifache Botschaft

In der Bibel spricht Gott zu uns auf zweierlei Weise: mit Gesetz und Evangelium. Es ist entscheidend, diese beiden Aspekte richtig zu unterscheiden, um die Botschaft Gottes vollständig zu erfassen:

AspektGesetz (Lex)Evangelium (Euangelion)
InhaltForderungen, Gebote, Anspruch auf GehorsamVerheißungen, Gnade, Liebe, Barmherzigkeit
Wirkung auf den Menschenführt zur Erkenntnis der Sünde, Anklage, Furcht vor Strafe, Verdammnisschenkt Trost, Hoffnung, Vergebung, ewiges Leben, Frieden
ZielOffenbarung der Sünde, Führung zum EvangeliumRettung, Erlösung, ewiges Heil
Konsequenz bei UngehorsamZeitliche und ewige StrafeBedingungslose Annahme durch Glauben
ErfüllungIm menschlichen Versagen sichtbarVollkommen erfüllt in Jesus Christus

Mit Worten des Gesetzes fordert Gott von uns ein bestimmtes Verhalten, erhebt Anspruch auf Gehorsam und droht im Falle des Ungehorsams zeitliche und ewige Strafe an. Das Gesetz zeigt uns unsere Sündhaftigkeit auf und führt uns zur Erkenntnis, dass wir Gottes Ansprüche nicht erfüllen können. Es ist wie ein Spiegel, der uns unsere Mängel vor Augen führt.

Mit Worten des Evangeliums (Verheißungen) hingegen spricht Gott von seiner Liebe, Barmherzigkeit und Gnade – zuletzt und in vollkommener Weise in und durch seinen Sohn Jesus Christus. Das Evangelium ist die „gute und frohe Botschaft“ von der Rettung, die Gott uns aus reiner Gnade in Christus schenkt.

[caption id="attachment_10868" align="aligncenter" width="720"]Was ist der wahre Schatz der Kirche? Die Ewigkeit gehet in keines Menschen Herz. Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes. Dieser Schatz ist aber mit Recht allgemein verhasst; denn er macht aus den Ersten die Letzten. Ein feste Burg für jeden Schmerz, das ist ein gläubig Menschenherz.

Gottes Wille zur Rettung

Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (1. Tim. 2,4). Es ist nicht Gottes eigentlicher Wille, dass aus dem Ungehorsam gegen sein gutes und gerechtes Gesetz (die Sünde) das Urteil der Strafe und Verdammnis unwiderruflich über den Menschen ergeht. Gott hat keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe (Hes. 33,11). Deshalb spricht Gott schon im Alten Testament Worte der Verheißung, der Gnade und Vergebung. Das ist das Evangelium, die gute und frohe Botschaft Gottes. In seinem Sohn Jesus Christus erfüllt sich das Evangelium dann in vollkommener Weise. Wer seine Sünde bekennt, bereut und um Vergebung um des Kreuzesopfers Jesu Christi willen bittet, dem sind seine Sünden vergeben und er wird leben in Ewigkeit. So dürfen wir in Gedanken hinter jede göttliche Strafdrohung setzen: Dieses göttliche Strafurteil gilt dir, wenn du deine Sünde nicht bekennst und nicht um Vergebung im Namen Jesu Christi bittest.

Das Evangelisch-Lutherische Bekenntnis: Biblisch und Wahr

Weil sich die lutherische Reformation allein auf die Aussagen der Bibel bezieht und gründet, deshalb entsprechen „lutherisch“ und „biblisch“ einander. Die Bibel ist der alleinige Maßstab, Regel und Richtschnur des christlichen Glaubens und Lebens – die „norma normans“, die normierende Norm. Das lutherische Bekenntnis ist in den Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, im Konkordienbuch von 1580, niedergelegt. Es beinhaltet die Feststellung der wichtigsten Glaubenssätze, die unmittelbar aus der Bibel entnommen oder abgeleitet sind („norma normata“, die normierte Norm). Deshalb sind alle Feststellungen des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses mit Bibelstellen belegt und wohl begründet. Das evangelisch-lutherische Bekenntnis nimmt für sich nicht in Anspruch, alle Lehren und Aussagen der Heiligen Schrift erfasst zu haben, aber doch die allermeisten und vor allem die für das Heil des Menschen unverzichtbaren und wichtigen.

Historische Spaltungen und Herausforderungen

So biblisch wahr, fromm und schlüssig all diese Feststellungen sind, die römisch-päpstliche Seite hat sie nicht akzeptiert. Die reformatorischen evangelisch-lutherischen Glaubensaussagen wurden samt ihrer Anhängerschaft auf dem Konzil von Trient (1545-63) für alle Zeiten bis zum heutigen Tage verdammt. So blieb der reformatorischen Seite nichts anderes, als auf ihren Territorien (Fürstentümern) eigene Kirchen zu konstituieren, was zur Kirchenspaltung führte.

Aber leider auch in den in Folge des Aufbruchs der lutherischen Reformation entstandenen zwinglisch und calvinisch-reformierten Kirchen und neuen Täufer-Gemeinschaften gab und gibt es Vorbehalte und Widerspruch gegen verschiedene Aussagen des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses. Und leider verlieren auch in den Landeskirchen, die sich heute noch als „evangelisch-lutherisch“ bezeichnen, die biblisch begründeten Aussagen des lutherischen Bekenntnisses immer mehr an Beachtung und Bedeutung. Dies zeigt, dass das Ringen um das rechte Verständnis des Evangeliums und die Treue zur biblischen Botschaft eine fortwährende Aufgabe für alle Christen ist.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Was bedeutet der Begriff „Evangelium“?

Das Wort „Evangelium“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet „gute Nachricht“ oder „frohe Botschaft“. Im christlichen Kontext bezieht es sich auf die Botschaft von Jesus Christus, seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung, die uns Erlösung und ewiges Leben durch Glauben schenkt.

Warum gibt es so viele unterschiedliche Konfessionen, wenn alle die Bibel haben?

Die Vielfalt der Konfessionen resultiert aus unterschiedlichen Interpretationen und Auslegungen der Bibel, sowie aus verschiedenen Einschätzungen des Stellenwerts der biblischen Botschaft im Verhältnis zu Traditionen oder menschlichen Lehren.

Was sind die zentralen „Sola“-Prinzipien der Reformation?

Die zentralen Prinzipien sind: sola gratia (allein aus Gnade), solus Christus (allein durch Christus), sola fide (allein durch Glauben) und sola scriptura (allein durch die Schrift). Sie betonen, dass Erlösung ein unverdientes Geschenk Gottes ist, das nur durch Jesus Christus, durch Glauben an ihn und allein auf der Grundlage der Bibel empfangen wird.

Spielen gute Werke im evangelisch-lutherischen Glauben eine Rolle?

Ja, gute Werke spielen eine Rolle, aber nicht als Mittel zur Erlösung. Sie sind „Früchte des Glaubens“ und folgen aus einem bereits gerechtfertigten Leben. Sie sind Ausdruck der Dankbarkeit und der Liebe zu Gott und dem Nächsten, aber kein Verdienst vor Gott.

Was ist der Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium?

Das Gesetz fordert von uns Gehorsam und zeigt uns unsere Sündhaftigkeit auf, was zu Erkenntnis der Sünde und Verdammnis führen kann. Das Evangelium hingegen verkündet Gottes Gnade, Liebe und Vergebung, die uns durch Jesus Christus geschenkt wird und zum ewigen Leben führt. Beide sind Gottes Botschaften, aber mit unterschiedlicher Funktion und Wirkung.

Ist das lutherische Bekenntnis dasselbe wie die Bibel?

Nein, das lutherische Bekenntnis (niedergelegt im Konkordienbuch) ist nicht dasselbe wie die Bibel. Die Bibel ist die „norma normans“ (die normierende Norm), die höchste Autorität. Das lutherische Bekenntnis ist die „norma normata“ (die normierte Norm), eine Sammlung von Glaubenssätzen, die sich aus der Bibel ableiten und ihr untergeordnet sind. Es ist eine Auslegung, die beansprucht, der biblischen Botschaft treu zu sein.

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