07/07/2022
Als Marie geboren wurde, erinnerte sich Bettina Schuster an die Gebete aus ihrer eigenen Kindheit und an das wohltuende Gefühl, wenn ihre Mutter abends mit ihr betete oder ein Lied sang. Es ist vor allem diese Erfahrung von Geborgenheit, die sie ihrer Tochter Marie nicht vorenthalten möchte. Gemeinsam mit ihrem Mann Arndt möchte sie den Faden des Gebets wieder aufnehmen, der irgendwann im Erwachsenenalter bei ihnen gerissen war. Doch wie fängt man an? Und welche Rolle spielt das Gebet im Leben eines Kindes, das die Worte vielleicht noch gar nicht versteht? Diese Fragen beschäftigen viele Eltern, die ihren Kindern einen Zugang zur Spiritualität und zum Glauben ermöglichen möchten.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um mit dem Gebet zu beginnen?
Die Frage nach dem geeigneten Zeitpunkt für den Beginn des Gebets mit Kindern ist eine der häufigsten, die sich Eltern stellen. Martina Liebendörfer, eine Fachfrau für kirchliche Krabbelgruppen-Arbeit, hat darauf eine klare Antwort: „Fangen Sie sofort an.“ Ihre Begründung ist einleuchtend: Beim Gebet mit sehr kleinen Kindern geht es nicht primär um das intellektuelle Verstehen von Worten oder Konzepten. Vielmehr steht das Gefühl im Vordergrund – das Gefühl von Geborgenheit, von Angenommensein und von unbedingtem Vertrauen. Ein kurzes Segenswort am Bett des Säuglings, ein leises Abendlied wie „Weißt du wie viel Sternlein stehen“ oder ein einfaches Dankgebet vor dem Essen genügen bereits, um eine Atmosphäre der Ruhe und Verbundenheit zu schaffen. Es geht darum, eine liebevolle Routine zu etablieren, die dem Kind signalisiert: Du bist nicht allein, du bist behütet, du bist geliebt. Liebendörfer regt an: „Warum nicht eine Strophe singen statt die Spieluhr aufziehen?“ Das Gebet wird so zu einem natürlichen, selbstverständlichen Teil des Familienalltags, der dem Kind Sicherheit und Rituale bietet, die es in einer oft lauten und schnelllebigen Welt dringend braucht.
Freie Gebete vs. vorgegebene Gebete: Was ist besser?
Sobald Kinder älter werden und beginnen, den Wortsinn zu verstehen, stellt sich die nächste Frage: Sollen Eltern auf vorformulierte Gebete zurückgreifen oder selbst Worte finden? Beide Ansätze haben ihre Berechtigung und Vorteile, wie Martina Liebendörfer erklärt:
Die Stärke des frei formulierten Gebets
Der große Vorteil eines frei formulierten Gebets liegt in seiner Aktualität und persönlichen Relevanz. Es ermöglicht, aktuelle Ereignisse, das Erleben des Tages und die Alltagswelt des Kindes aufzugreifen. Das Kind hat vielleicht eine besondere Freude erlebt, ist traurig über einen verlorenen Freund, hat Angst vor einem Gewitter oder ist dankbar für ein neues Spielzeug. Diese unmittelbaren Erfahrungen können direkt ins Gebet einfließen. Das Gebet wird so zu einem lebendigen Dialog, der die kindliche Lebenswelt ernst nimmt und Gott als einen präsenten Begleiter im Alltag erfahrbar macht. Eltern können gemeinsam mit dem Kind überlegen, wofür sie dankbar sind, worum sie bitten möchten oder was sie bedrückt. Dies fördert nicht nur die Sprachkompetenz, sondern auch die Reflexionsfähigkeit des Kindes über seine eigenen Gefühle und Erlebnisse. Es lernt, seine Gedanken und Sorgen zu formulieren und in eine spirituelle Dimension zu heben.
Die Herausforderung der Achtsamkeit bei freien Gebeten
Solches freies Beten erfordert allerdings von Anfang an Achtsamkeit. Es ist wichtig, die Worte sorgfältig zu wählen, um Missverständnisse oder ein verzerrtes Gottesbild zu vermeiden. Schließlich kann es vorkommen, dass beispielsweise die Oma trotz Gebet nicht mehr gesund wird. Wenn Gebete als magische Formeln verstanden werden, die Gott zu bestimmten Handlungen zwingen, kann dies zu Enttäuschung oder einem falschen Bild von Gott führen. Damit sich nicht ein Gottesbild verfestigt, in dem Gott ein „Macher“ ist, der nach Gutdünken leben und sterben lässt, ist ein Stil des Gebets hilfreich, der die Souveränität Gottes anerkennt und gleichzeitig seine liebevolle Präsenz betont. Ein solches Gebet könnte etwa so klingen: „Gott, du weißt, dass Oma krank ist. Wir wünschen uns von Herzen, dass es ihr besser geht und sie wieder gesund wird. Sei ganz nah bei ihr. Du kannst sie trösten und uns auch. Wir vertrauen darauf, dass du in jeder Situation bei uns bist.“ Hier liegt der Fokus auf Trost, Nähe und Vertrauen, nicht auf einer Forderung an Gott, die enttäuscht werden könnte.
Der Wert vorformulierter Gebete
Auch für das Beten mit vorgegebenen Worten spricht nach Liebendörfers Ansicht einiges. Die stete Wiederkehr und das Versmaß in vorformulierten Gebeten oder Liedern machen es schon Zwei- bis Dreijährigen leicht, Gebetsworte oder Liedstrophen als „Lebensschatz“ auswendig zu lernen. Diese Gebete bieten Struktur und Wiedererkennungswert, was besonders für kleine Kinder beruhigend wirkt. Sie können zu festen Ritualen werden, die dem Kind Sicherheit geben und einen Anker im Alltag bilden. Solche Gebete sind oft über Generationen weitergegeben worden und verbinden das Kind mit einer größeren Gemeinschaft und Tradition. Sie können Trost spenden, Dankbarkeit ausdrücken oder einfach nur eine beruhigende Präsenz vermitteln, selbst wenn der genaue Wortsinn noch nicht vollständig erfasst wird. Ein klassisches Abendgebet kann beispielsweise über Jahre hinweg das Kind in den Schlaf begleiten und ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln, das tief im Herzen verankert wird.
Wichtige Aspekte bei der Auswahl von Gebeten für Kinder
Unabhängig davon, ob Eltern freie oder vorgegebene Gebete bevorzugen, ist die kritische Auswahl der Inhalte von entscheidender Bedeutung. Martina Liebendörfer lehnt Gebete strikt ab, die dazu geeignet sind, Kinder zu disziplinieren oder ein angstmachendes Gottesbild zu vermitteln. Ein kritischer Blick auf weit verbreitete Gebete lohnt sich: Maries Mutter Bettina jedenfalls will das Gebet, das sie aus ihren eigenen Kindertagen kennt, nicht mehr sprechen. Ihre Tochter soll „Ich bin klein, mein Herz mach rein. / Soll niemand drin wohnen als Jesus allein“ nicht lernen. „Wieso soll in Maries Kinderherz nicht Platz für Menschen sein, die ihr lieb sind?“, begründet sie ihre kritische Haltung.
Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, Gebete auf ihre Botschaft hin zu überprüfen. Ein Gottesbild, das Liebe, Weite, Barmherzigkeit und Annahme vermittelt, ist für die kindliche Entwicklung weitaus förderlicher als eines, das Angst, Schuld oder Exklusivität lehrt. Kinder sollen durch das Gebet erfahren, dass Gott ein liebender Begleiter ist, der sie so annimmt, wie sie sind, und dass ihr Herz weit genug ist, um viele Menschen zu lieben und in sich aufzunehmen. Gebete sollten Kinder ermutigen, ihre Gefühle auszudrücken, Dankbarkeit zu empfinden und sich sicher zu fühlen, anstatt ihnen das Gefühl zu geben, unrein oder unzulänglich zu sein.
Die Rolle der Geborgenheit und des Vertrauens
Im Kern geht es beim Gebet mit Kindern immer wieder um die Vermittlung von Geborgenheit und Vertrauen. Diese Gefühle bilden das Fundament, auf dem sich ein gesundes Gottesbild und eine positive Beziehung zum Glauben entwickeln können. Ein Kind, das das Gebet als einen sicheren Raum erlebt, in dem es alles zur Sprache bringen darf – seine Freuden, seine Ängste, seine Wünsche –, wird eine tiefe innere Stärke entwickeln. Es lernt, dass es in allen Lebenslagen eine Quelle des Trostes und der Hoffnung gibt. Eltern sind dabei die wichtigsten Vorbilder. Ihre eigene Haltung zum Gebet, ihre Authentizität und ihre liebevolle Begleitung prägen die Erfahrungen ihrer Kinder nachhaltig. Wenn Eltern selbst mit Freude und Achtsamkeit beten, wird das Gebet für die Kinder zu einem wertvollen Teil ihres Lebens, einem Lebensschatz, der sie ein Leben lang begleitet und ihnen in stürmischen Zeiten Halt geben kann.

Vergleich: Freie Gebete vs. Vorgegebene Gebete
Um die Entscheidung für Eltern zu erleichtern, hier eine vergleichende Übersicht der beiden Gebetsformen:
| Merkmal | Freie Gebete (Selbst formulierte Gebete) | Vorgegebene Gebete (Traditionelle Gebete, Lieder) |
|---|---|---|
| Vorteile |
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| Herausforderungen |
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| Fokus | Persönliche Verbindung, Alltagserleben, Ausdruck | Gemeinschaft, bleibende Werte, Sicherheit, Trost |
| Empfehlung | Eine Mischung aus beiden Formen wird oft als ideal empfunden, um die Vorteile beider Ansätze zu nutzen und eine vielseitige Gebetspraxis zu etablieren. | Beide Formen können sich ergänzen und dem Kind unterschiedliche Facetten des Gebets erschließen. |
Häufig gestellte Fragen zum Gebet mit Kindern
Muss mein Kind den Sinn der Gebete verstehen?
Nein, gerade bei kleinen Kindern steht das Gefühl von Geborgenheit, Vertrauen und die Erfahrung von Ritualen im Vordergrund, nicht das intellektuelle Verstehen der Worte. Der Sinn erschließt sich oft erst später, aber das positive Gefühl wird von Anfang an verankert.
Was tun, wenn sich Gebete nicht „erfüllen“?
Es ist wichtig, ein Gottesbild zu vermitteln, das Gott nicht als „Wunscherfüller“ sieht, sondern als liebenden Begleiter, der Trost spendet und Kraft gibt. Erklären Sie, dass Gebet ein Gespräch ist und Gott immer da ist, auch wenn Dinge nicht so laufen, wie wir es uns wünschen. Betonen Sie Gottes Nähe und Liebe, nicht seine Fähigkeit, Wünsche magisch zu erfüllen.
Welche Gebete sind ungeeignet für Kinder?
Vermeiden Sie Gebete, die Angst machen, Schuldgefühle erzeugen oder zu Disziplinierungszwecken missbraucht werden. Gebete, die ein negatives oder strafendes Gottesbild vermitteln, wie das von Bettina erwähnte „Ich bin klein, mein Herz mach rein“, sind nicht empfehlenswert, da sie dem Kind das Gefühl geben können, unzulänglich zu sein oder sich reinigen zu müssen, anstatt bedingungslos geliebt zu werden.
Wie oft sollten wir beten?
Es gibt keine feste Regel. Wichtiger als die Häufigkeit ist die Regelmäßigkeit und die Integration in den Alltag. Ein kurzes Gebet vor dem Essen, ein Abendlied oder ein Segenswort vor dem Schlafengehen können bereits viel bewirken. Es sollte sich natürlich und nicht erzwungen anfühlen.
Kann mein Kind selbst Gebete formulieren?
Ja, unbedingt! Ermutigen Sie Ihr Kind, eigene Worte zu finden. Das können einfache Sätze sein wie „Danke für den schönen Tag“ oder „Bitte hilf meinem Freund“. Dies fördert die persönliche Beziehung zu Gott und die Ausdrucksfähigkeit des Kindes. Eltern können dabei unterstützend und achtsam begleiten.
Fazit
Das Gebet mit Kindern ist weit mehr als das bloße Sprechen von Worten. Es ist eine tiefgreifende Möglichkeit, ihnen Geborgenheit, Vertrauen und eine liebevolle Verbindung zu Gott zu vermitteln. Indem Eltern achtsam und liebevoll Gebete in den Familienalltag integrieren – sei es durch freie Worte, traditionelle Lieder oder Segenssprüche –, legen sie einen wertvollen Lebensschatz ins Herz ihrer Kinder. Dieser Schatz wird sie ein Leben lang begleiten und ihnen in allen Höhen und Tiefen Halt und Orientierung geben. Beginnen Sie früh, seien Sie authentisch und lassen Sie das Gebet zu einer Quelle der Freude und des Friedens für Ihre ganze Familie werden.
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