23/06/2021
Die Diskussion um den Antisemitismus, die seit dem 7. Oktober 2023 wieder verstärkt geführt wird, hat tiefe historische Wurzeln. Eine der Hauptursachen dafür liegt in der religiösen Judenfeindschaft, die im Neuen Testament begründet ist. Auf dieser Basis konnte sich der verhängnisvolle rassische Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts und darüber hinaus entwickeln. Im Zentrum der christlichen Erlösungstheologie stehen die neutestamentlichen Passionserzählungen. Oftmals sind diese im Detail unbekannt und unverstanden, was dazu beiträgt, dass selbst akademischer Nachwuchs Schwierigkeiten hat, zwischen Antisemitismus und Kritik an der Regierung Israels zu differenzieren. Dieser Artikel beleuchtet, wie insbesondere das Matthäus-Evangelium die Schuld der Juden an Jesu Kreuzigung steigert und welche Konsequenzen dies hatte.

- Die theologische Bedeutung der Passion Jesu Christi
- Grundproblematik der Passionserzählungen: Eine Verschiebung der Schuld
- Die Steigerung der jüdischen Schuld im Matthäus-Evangelium
- Lukas und Johannes: Weitere Schritte der Entlastung Pilatus'
- Historische Ungereimtheiten und Legenden in den Passionserzählungen
- Historisches Resultat in Thesenform
- Theologische Kritik und heutige Rezeption
- Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Die theologische Bedeutung der Passion Jesu Christi
Die Passion Jesu, wie seine Leidensgeschichte von der Gefangennahme in Jerusalem bis zur Kreuzigung genannt wird, bildet das religiöse Herzstück des christlichen Glaubens. Sie gipfelt in Jesu Kreuzestod, der nach allgemeiner christlicher Lehre die entscheidende Erlösungstat in der Menschheitsgeschichte gewesen sein soll. Der katholische Weltkatechismus von 1993 (Nr. 571) formuliert es klar: „Das Pascha-Mysterium des Kreuzes und der Auferstehung Christi ist das Herz der Frohbotschaft... Im Erlösungstod seines Sohnes Jesus Christus ging der Heilsplan Gottes 'ein für allemal' in Erfüllung...“ Eucharistie beziehungsweise Abendmahl als Vergegenwärtigung des stellvertretenden Sühneopfers Jesu stehen im Glaubensmittelpunkt. Angesichts dieser zentralen Bedeutung ist es von größtem Interesse, inwieweit ein historischer Kern in den Passionsgeschichten des Neuen Testaments (NT) plausibel ist, zumal sie in untrennbarem Zusammenhang mit der über 2000-jährigen religiösen Judenfeindschaft stehen. Die Leidensgeschichte Jesu wird insbesondere in der Zeit vor Ostern gedacht. Eine siebenwöchige Fastenzeit bereitet auf die Festtage Gründonnerstag, Karfreitag und Ostern vor, wobei die Karwoche mit dem Palmsonntag beginnt.
Grundproblematik der Passionserzählungen: Eine Verschiebung der Schuld
Die Berichte aller vier Evangelien werfen Fragen auf, die zu den interessantesten des Neuen Testaments zählen. Alle Passionserzählungen weichen nicht nur vielfach, und teils in wichtigen Punkten, voneinander ab, sondern zeichnen sich entgegen den historischen Verhältnissen eines brutal besetzten Landes durch eine erstaunlich prorömische Tendenz aus. Pontius Pilatus, der römische Statthalter, der Jesus kreuzigen ließ, wird auffallend Jesus-freundlich dargestellt, als habe er die Verurteilung selbst nicht gewollt und sei nur dem Druck der Masse gewichen. „Die Juden“ hingegen, insbesondere die Volksmenge, werden als hasserfüllte Feinde Jesu gezeichnet, obwohl Jesus nur wenige Tage zuvor bei seinem Einzug in Jerusalem von ebendieser Volksmenge bejubelt worden war. Die Umstände der Zeit, in der die Passionsgeschichten entstanden, haben offensichtlich stark auf die Darstellung der Ereignisse eingewirkt.
Selbst das Markus-Evangelium, das als das älteste gilt, entstand nach allgemeiner Ansicht erst nach der vollständigen Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahr 70 n. Chr., also mehrere Jahrzehnte nach Jesu Kreuzigung. Bemerkenswert ist dabei, dass die prorömische und judenfeindliche Tendenz der Evangelien der damaligen Interessenlage der Christen im römischen Reich entsprach. Im Großgemetzel nach der Eroberung Jerusalems kam auch der Großteil der Judenchristen, das ursprüngliche Umfeld Jesu, ums Leben. Diese Judenchristen lehnten im Gegensatz zu der siegreichen Richtung des paulinischen Heidenchristentums die Göttlichkeit Jesu ab. Dem entspricht die textliche Entwicklung des Neuen Testaments mit seiner allmählichen Vergottung Jesu, die für die Erlösung am Kreuz als notwendig erschien. Die Notwendigkeit, sich von den jüdischen Wurzeln zu distanzieren und sich den römischen Behörden als loyale Bürger zu präsentieren, führte zu einer Umschreibung der Ereignisse, die die Schuld von Rom weg und hin zu den Juden verlagerte.
Die Steigerung der jüdischen Schuld im Matthäus-Evangelium
Während Markus die Grundlage für die Schuldzuweisung legt, steigert das Matthäus-Evangelium die Verantwortung der Juden für Jesu Tod in entscheidenden Details. Bei Markus gehen der Passionsgeschichte (Mk 14-15) drei Weissagungen von Jesus selbst voraus, wonach Jesus nach Jerusalem geht, im Wissen, von den jüdischen Führern umgebracht zu werden (Mk 8,31; 9,31; 10,32-34). Demgemäß verurteilen laut Mk 14,53 mit 14,64 alle Hohepriester, Ältesten und Schriftgelehrten Jesus einstimmig wegen Gotteslästerung zum Tod und liefern ihn dem Prokurator Pilatus aus (Mk 15,1). Pilatus erkennt Jesu Unschuld, beugt sich aber schließlich dem Zorn des Volkes, das von den Priestern aufgehetzt worden war (Mk 15,11-14). Alle jüdischen Gruppierungen sind somit für Jesu Kreuzigung verantwortlich. Diese Verantwortlichkeit wird in den zeitlich folgenden Passionserzählungen von Matthäus, Lukas und Johannes noch gesteigert.
Matthäus' spezifische Ergänzungen: Die Last des Blutes
Matthäus ergänzt die Markus-Erzählung durch den Judasverrat für dreißig Silberlinge, was Judas' Rolle als Verräter noch stärker hervorhebt. Im Gegensatz zu Judas bereuen die Hohepriester und Ältesten gar nichts (Mt 27,4), was ihre Hartherzigkeit unterstreicht. Neu ist auch Mt 27,19, wo die Frau des Pilatus von einem Traum berichtet, Jesus sei ein „Gerechter“. Diese Episode dient dazu, Pilatus' Gewissen zu entlasten und seine innere Überzeugung von Jesu Unschuld zu betonen.
Angesichts des blutdürstigen Volkes wäscht sich daraufhin Pilatus die Hände in Unschuld (Mt 27,24). Dieser Akt ist bemerkenswert, da der heidnische Römer hier einen biblischen Entsühnungsritus vollzieht, der im Deuteronomium (Dtn 21,6) und in den Psalmen (Ps 26,6) beschrieben wird. Indem Pilatus diesen jüdischen Ritus anwendet, wird seine Distanzierung von der Schuld noch deutlicher und die Schuld der Juden erscheint noch weiter gesteigert, da sie nun die alleinige Verantwortung tragen. Es ist ein dramatischer Moment, der die Zuschauer klar wissen lässt, wer hier die moralische Verantwortung trägt.
Ins Exzessive steigert der Matthäus-Text die Schuld der Juden durch die nur bei ihm vorkommende Selbstverfluchung des jüdischen Volks: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt 27,25). Dieser Satz ist einer der verhängnisvollsten in der gesamten Weltliteratur. Er lieferte die theologische Begründung für Jahrhunderte der Verfolgung und des Leidens der Juden. Die sogenannten „Gottesmörder“-Vorwürfe, die bis ins 20. Jahrhundert hinein Bestand hatten und erst 1965 im Katholizismus offiziell beendet wurden, basierten maßgeblich auf dieser Passage. Der Satz impliziert eine kollektive und generationenübergreifende Schuld, die auf das gesamte jüdische Volk übertragen wird.
Dabei benutzt das auf Griechisch verfasste Neue Testament für „Volk“ das Wort „ochlos“, mit dem sonst die Sonderstellung als auserwähltes Volk Israels bezeichnet wird. Die Verwendung dieses Begriffs in diesem Kontext, gekoppelt mit der Selbstverfluchung, suggeriert, dass die Juden ihre religiöse Vorzugsstellung durch diese Tat eingebüßt haben. Kaum ein literarischer Satz der Weltgeschichte dürfte real so viel Elend und Mord verursacht haben, wie dieser. Er ist die Krone der Gottesmördertheologie.
Vergleich der Schuldzuweisung in den Evangelien
Um die Entwicklung der Schuldzuweisung zu verdeutlichen, lohnt sich ein vergleichender Blick auf die Evangelien:
| Evangelium | Rolle des Pilatus | Rolle der jüdischen Anführer | Rolle des jüdischen Volkes | Besondere Merkmale der Schuldzuweisung |
|---|---|---|---|---|
| Markus | Erkennt Unschuld an, gibt aber dem Druck nach. | Verurteilen Jesus einstimmig, hetzen das Volk auf. | Wird von Priestern aufgehetzt, fordert Kreuzigung. | Legt die Grundlage für die kollektive Schuld. |
| Matthäus | Wäscht seine Hände in Unschuld, seine Frau warnt ihn. | Bereuen nichts, trotz Judas' Reue. | Fordert Jesus' Kreuzigung und ruft die Selbstverfluchung aus: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder.“ | Steigert die Schuld ins Extreme, durch die Selbstverfluchung und die symbolische Handwaschung des Pilatus. |
| Lukas | Findet keine Schuld, gibt keinen Kreuzigungsbefehl. | Beschuldigen Jesus falsch, haben gemeinsame Schuld mit dem Volk. | Führt die Tötung selbst aus (symbolisch), Pilatus wird noch unschuldiger. | Verschiebt die physische Ausführung der Tötung stärker auf die Juden. |
| Johannes | Findet keine Schuld, zeigt Angst, ist Opfer von Anschuldigungen. | Erscheinen über 50 Mal als Jesu Gegner, trachten ihm ständig nach dem Leben. | Wut des Volkes drängt Pilatus zur Verurteilung. | Höhepunkt der Judenfeindschaft, die Juden werden als Kinder des Teufels dargestellt. |
Lukas und Johannes: Weitere Schritte der Entlastung Pilatus'
Auch Lukas hat gegenüber Markus Veränderungen vorgenommen, die Pilatus' Unschuld weiter betonen. Laut Lk 23,2 f. wird Jesus vom Hohen Rat beschuldigt, das Volk vom Steuerzahlen abzuhalten und zu behaupten, der Messias und König zu sein. Auf die Verleumdung bezüglich der Steuerfrage (Lk 20,20 ff.) fiel Pilatus aber nicht herein. Einen Kreuzigungsbefehl gab er bei Lukas nicht mehr, sondern die Juden führen die Tötung selbst aus (Lk 23,25 und 26 ff.), was in Lk 24,20 ausdrücklich bestätigt wird. Pilatus wird somit noch unschuldiger. An der gemeinsamen Schuld von jüdischer Obrigkeit und Volk besteht hier kein Zweifel (Lk 23,13 ff.).
Das Johannes-Evangelium ist besonders judenfeindlich. Nach Joh 8,44 hat Jesus gesagt: „Ihr habt den Teufel zum Vater, und die Begierden eures Vaters wollt ihr erfüllen…“. Über 50 Mal erscheinen „die Juden“ bei Johannes als Jesu Gegner. Ständig trachten sie ihm nach dem Leben (z.B. Joh 7,1; 8,37, 10,31 f.). Der Kampf gegen die Juden war eines der Leitmotive des unbekannten Verfassers. Bei ihm ist lediglich von einer Befragung Jesu durch einen Hohepriester die Rede (Joh 18,19 ff.). Jesus wird an Pilatus ausgeliefert, damit er von diesem hingerichtet werde. Pilatus konnte aber wiederholt keine Schuld finden und zeigte sich sogar ängstlich (Joh 19,8) gegenüber der großen Volkswut. Er wird als Opfer der Anschuldigung dargestellt, sich im Fall der Freilassung Jesu gegen den Kaiser zu stellen (Joh 19,12 ff.). Im Gegensatz zu den synoptischen Evangelien wird die Vergottung Jesu fast abgeschlossen. Im Vergleich zu ihnen ist die Existenz des Menschen Jesus bei Johannes unterbelichtet. Die Vergottung passt viel besser zur behaupteten Versöhnungstat als Erlösungstat.
Historische Ungereimtheiten und Legenden in den Passionserzählungen
Abgesehen von der Frage der Schuldzuweisung gibt es eine Reihe weiterer Ungereimtheiten in den biblischen Erzählungen über die Passion Jesu, die ihre historische Plausibilität in Frage stellen:
- Die Barabbas-Episode: Die Behauptung, die Juden hätten ein Wahlrecht auf Freilassung eines Verurteilten am Passahfest gehabt, ist unhistorisch. Es gibt keine außerbiblischen Belege für eine solche Tradition im römischen Recht oder in jüdischen Bräuchen dieser Zeit. Die Geschichte dient primär dazu, das Volk als irrational und blutrünstig darzustellen, das einen Verbrecher einem Unschuldigen vorzieht.
- Der plötzliche Stimmungswandel des Volkes: Es ist nicht plausibel, dass sich die Stimmung des Volkes so kurzfristig vom Jubel über den Einzug Jesu in Jerusalem und die starke Unterstützung bei der „Tempelreinigung“ zu mörderischem Hass nur wenige Tage später wandelt. Dies deutet eher auf eine theologische Konstruktion hin, die die notwendige Verurteilung Jesu durch die jüdische Masse rechtfertigen soll.
- Der jüdische Prozess vor dem Hohen Rat (Synhedrion): Die Berichte über einen jüdischen Prozess Jesu vor dem Hohen Rat, der nach Markus und Matthäus stattgefunden haben soll und bei Lukas angedeutet ist, bei Johannes jedoch nicht existiert, sind klar legendär. Die geschilderten Umstände hätten einer größeren Zahl von Prozessvorschriften des höchsten jüdischen Gerichts massiv widersprochen, wie etwa Weddig Fricke, Pinchas Lapide und Hyam Maccoby eingehend dargetan haben. Dazu Rudolf Augstein: „Je ungereimter die Berichte, desto dicker die Exegese.“ Dies unterstreicht, dass die Evangelien nicht als historische Protokolle, sondern als theologische Interpretationen zu verstehen sind.
- Die Entwicklung der letzten Worte Jesu: Bei Markus lauten die letzten Worte Jesu verzweifelt und ungöttlich: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34). Dies zeigt einen menschlichen Jesus, der leidet und zweifelt. Daraus ist bei Johannes ein erhabenes „Es ist vollbracht“ geworden (Joh 19,30), was die göttliche Souveränität Jesu in seinem Tod unterstreicht und seine Vergottung vollendet. Diese theologische Entwicklung spiegelt die sich ändernde Vorstellung von Jesu Person wider.
- Das Schicksal und die Wirkungsgeschichte des „Verräters“ Judas: Ein Kapitel für sich sind das Schicksal und die Wirkungsgeschichte des bei Markus noch nicht existierenden „Verräters“ Judas. Sein geschilderter Verrat war heilsgeschichtlich notwendig, also Bestandteil des göttlichen Plans. Im Übrigen hat der biblische Judas seine Tat bitter bereut, aber noch heute ist „Judas der Verräter“ in verschiedenen Formen Teil unserer Sprache, und immer noch werden (zumindest in Bayern) an etlichen Orten am Karsamstag oder in der Osternacht trotz Kritik Puppen verbrannt, die Judas symbolisieren. Dies zeigt die tiefgreifende und oft verzerrte Rezeption biblischer Figuren und ihre Auswirkungen auf Volksglaube und Brauchtum.
Historisches Resultat in Thesenform
Eine realistische Rekonstruktion der neutestamentlichen Ereignisse ergibt in Kurzfassung, dass Jesus aufgrund einer politischen Anzeige der Jerusalemer sadduzäischen (mit Rom kooperierenden, nicht pharisäischen) Tempelpriesterschaft nach einer jedenfalls raschen Entscheidung des nachweislich äußerst brutalen römischen Präfekten Pilatus – er wurde später wegen eines sinnlosen Blutbads seines Amts enthoben – verurteilt und unverzüglich hingerichtet wurde. Die ursprüngliche Passionsüberlieferung wurde später umredigiert, damit das paulinische Christentum in der römischen Umgebung existieren konnte. Die Evangelien haben somit die historische Wahrheit „an einer entscheidenden Stelle… umgebogen“ (Lüdemann). Die mehrere Richtungen aufweisenden Pharisäer wurden weitgehend pauschal in Bösewichte umgedeutet, die Schuld der Römer und indirekt auch der Priesterschaft auf die Juden als Gesamtkollektiv umgelenkt. In den Worten von Uta Ranke-Heinemann: „Die Passionsgeschichte ist neben allem, was sie sonst noch ist, eine politische Tendenzgeschichte, verfasst mit der Absicht, die Christen von dem Ruch der Staatsfeindlichkeit reinzuwaschen.“ Die Judenfeindschaft der Evangelien mit den Passionslegenden als Zentrum wurde so zum existenzstiftenden Moment der neuen christlichen Religion.
Theologische Kritik und heutige Rezeption
Theologen erklären dazu, jeder halbwegs ernstzunehmende Theologe wisse doch, dass die Evangelien keine historischen Fakten übermitteln, sondern Glaubensdokumente seien. Man verweist heute, nach 2000 Jahren, auf den Römerbrief des Paulus (Röm 11, 25 ff.), wonach schließlich auch ganz Israel gerettet werde. Tatsache ist aber, dass die Passionstexte in den Kirchen vorgelesen werden, als ob es sich um zumindest im Kern zutreffende Schilderungen handele, und in der katholischen Kirche enden Bibellesungen noch heute mit der Versicherung: „Wort des lebendigen Gottes“. Diese Diskrepanz zwischen akademischer Erkenntnis und gottesdienstlicher Praxis trägt dazu bei, dass die alten Stereotypen weiterhin in den Köpfen vieler Gläubiger verankert bleiben, selbst wenn die offizielle Lehre sich gewandelt hat. Die tief verwurzelten Narrative der Schuldzuweisung haben eine immense Wirkung auf die kollektive Erinnerung und das Verständnis des Verhältnisses zwischen Christen und Juden, die bis heute spürbar ist. Ein kritisches Verständnis dieser Texte ist daher unerlässlich, um die historischen und theologischen Grundlagen des Antisemitismus zu erkennen und zu überwinden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
- Was bedeutet „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt 27,25)?
- Dieser Vers aus dem Matthäus-Evangelium ist eine Selbsterfluchung des jüdischen Volkes, die impliziert, dass es die Verantwortung für Jesu Tod auf sich und zukünftige Generationen nimmt. Historisch wurde dieser Vers als theologische Rechtfertigung für die Verfolgung und Diskriminierung der Juden als „Gottesmörder“ missbraucht.
- Warum stellen die Evangelien Pilatus als unschuldig dar?
- Die Evangelien, insbesondere Matthäus, Lukas und Johannes, entstanden in einer Zeit, in der das frühe Christentum im römischen Reich existieren musste. Um den Römern gegenüber Loyalität zu demonstrieren und den Vorwurf der Staatsfeindlichkeit zu vermeiden, wurde die Schuld am Tod Jesu von den römischen Behörden weg und hin zu den jüdischen Autoritäten und dem Volk verlagert.
- Sind die Passionserzählungen historisch akkurat?
- Die meisten Theologen und Historiker sind sich einig, dass die Evangelien keine detaillierten historischen Protokolle sind, sondern theologische Dokumente, die die Ereignisse aus einer Glaubensperspektive interpretieren und formen. Es gibt zahlreiche Widersprüche und unhistorische Elemente in den Erzählungen, wie die Barabbas-Episode oder die Darstellung des jüdischen Prozesses.
- Wie haben die Passionserzählungen den Antisemitismus beeinflusst?
- Die in den Passionserzählungen, insbesondere im Matthäus-Evangelium, verankerte Darstellung der jüdischen Kollektivschuld am Tod Jesu bildete die theologische Grundlage für Jahrhunderte der Judenfeindschaft im christlichen Europa. Sie trug zur Entwicklung der Gottesmördertheologie bei und legitimierte Diskriminierung, Pogrome und letztlich auch den rassischen Antisemitismus.
- Was bedeutet „ochlos“ im Kontext der Passionserzählung?
- „Ochlos“ ist das griechische Wort für „Volk“ oder „Menschenmenge“. Im Matthäus-Evangelium wird es verwendet, um das jüdische Volk zu bezeichnen, das die Kreuzigung Jesu fordert. Die Verwendung dieses Begriffs in diesem negativen Kontext, insbesondere in Verbindung mit der Selbstverfluchung, hat zur Entwertung der besonderen Stellung Israels als auserwähltes Volk beigetragen.
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