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Zuflucht im Buddhismus: Ein Leitfaden

30/05/2023

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Die Suche nach einer sicheren Richtung im Leben ist ein universelles menschliches Bedürfnis. Im Buddhismus wird diese Ausrichtung als „Zuflucht nehmen“ bezeichnet – eine bewusste Entscheidung, sich den Drei Juwelen: dem Buddha (als Vorbild und Erleuchteter), dem Dharma (seinen Lehren und Methoden) und dem Sangha (der Gemeinschaft der Praktizierenden) zuzuwenden. Doch was bedeutet es wirklich, diese Zuflucht im Alltag zu leben, und wie unterscheidet sie sich von bloßer intellektueller Akzeptanz? Dieser Artikel beleuchtet die praktischen Aspekte der Zufluchtnahme, welche Handlungen es zu vermeiden und welche zu kultivieren gilt, um einen authentischen spirituellen Weg zu beschreiten.

Wie kann ich mit der Zuflucht eine neue Orientierung geben?
Wenn wir in formaler Weise mit Hilfe der sicheren und positiven Ausrichtung der Zuflucht unserem Leben eine neue Orientierung geben, dann verpflichten wir uns zu zwei Gruppen von Handlungen (tib. skyabs-‘gro bslabs-bya ), die für die Beibehaltung dieser Richtung hilfreich sind.
Inhaltsverzeichnis

Was es zu vermeiden gilt: Klare Abgrenzung schaffen

Um die sichere Richtung im Buddhismus vollends zu etablieren, ist es unerlässlich, bestimmte Gewohnheiten und Orientierungen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu meiden. Dies betrifft unsere ultimative Ausrichtung im Leben und die Einflüsse, denen wir uns aussetzen.

Die letztendliche Ausrichtung nicht woanders suchen

Wenn wir uns wirklich elend fühlen, missmutig sind oder die Dinge im Leben nicht nach Wunsch verlaufen, suchen wir oft Trost oder Lösungen an Orten, die uns nur vorübergehende Linderung verschaffen. Ist es der Griff zur Schokolade, das Gespräch mit Freunden, oder gar die Flucht in oberflächliche Vergnügen? Es ist in Ordnung, sich gelegentlich etwas zu gönnen, aber die letztendliche Quelle unserer Orientierung sollte nicht in solchen weltlichen Dingen liegen. Der Buddhismus lehrt uns, die Methoden des Dharma anzuwenden, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Dies bedeutet nicht, dass wir bei körperlichen Krankheiten wie Krebs auf medizinische Hilfe verzichten sollen – natürlich gehen wir zum Arzt. Aber der Dharma bietet uns Werkzeuge, um mit den psychischen Belastungen wie Depressionen umzugehen, die eine Krankheit begleiten können.

Selbst bei psychischen Problemen, bei denen eine Therapie hilfreich sein kann, sollte diese als Ergänzung und nicht als primäre Zuflucht betrachtet werden. Die eigentliche Hauptrichtung, um unsere Unzulänglichkeiten zu überwinden, sind die Methoden des Dharma. Wir vertrauen darauf, dass der Buddha den Weg zur Beseitigung von Problemen erkannt hat, auch wenn wir Anleitung bei der Anwendung dieser Methoden benötigen.

Ein oft zitierter Punkt in diesem Kontext ist die Vermeidung, letztendlich Zuflucht zu weltlichen Göttern oder Geistern zu nehmen. Aus buddhistischer Sicht sind die Götter anderer Religionen oder sogenannte "Schützer" – oft als Emanationen von Buddhas missverstanden – nicht die verlässliche, ultimative Quelle der sicheren Richtung. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man andere Traditionen ausschließen muss. Wenn christliche Lehren über Liebe den buddhistischen Lehren nicht widersprechen, ist der Kirchenbesuch kein Problem. Es geht darum, sich klar zu machen, welche die letztendliche Richtung ist, die man seinem Leben gibt. Positive Aspekte aus anderen Traditionen zu lernen, ist wunderbar, aber man sollte die Praktiken nicht zu einem „Eintopf“ vermischen, indem man beispielsweise in einer Kirche buddhistische Rituale durchführt.

Die sogenannten „Schützer“ oder „weltlichen Geister“, die manchmal als Hilfen angesehen werden, sind oft unzuverlässig und können im Stich lassen. Es ist wichtig zu erkennen, dass der grundlegende Schutz vor Leiden in unserem eigenen Karma liegt – in unseren Handlungen, unserer Kommunikation und unseren Gedanken, inspiriert durch Buddha, Dharma und Sangha. Schützer können bestenfalls Umstände schaffen, die uns helfen, negative Potenziale zu verbrennen und positive schneller reifen zu lassen. Doch ohne die Grundlage eigener positiver Potenziale nützen auch die besten Rituale oder Schützer nichts. Buddhistische Praxis darf weder zu einem Schützer- noch zu einem Buddha-Kult werden; alles hängt von unserem eigenen Handeln ab.

Anderen keinen Schaden zufügen

Im Kontext der Dharma-Ausrichtung ist es entscheidend, anderen – sei es Menschen, Tieren oder anderen Lebewesen – keinen Schaden zuzufügen. Unser Ziel ist es, zu helfen, nicht zu verletzen. Obwohl es aufgrund unserer begrenzten Existenz (der „eingeschränkten Hardware“) unweigerlich zu unabsichtlichem Schaden kommen kann, ist der Punkt, diesen Schaden so weit wie möglich zu verringern und niemals absichtlich zu handeln. Selbst wohlmeinende Worte können missverstanden werden und andere zutiefst verletzen. Es geht darum, das Bewusstsein für die Auswirkungen unserer Handlungen zu schärfen und die Absicht des Nicht-Schadens in den Vordergrund zu stellen.

Enge Beziehungen zu negativ eingestellten Menschen vermeiden

Für Praktizierende, die auf ihrem spirituellen Weg noch nicht gefestigt sind, ist es ratsam, enge Beziehungen zu Menschen zu vermeiden, die stark negative Einstellungen oder Verhaltensweisen pflegen. Der Wunsch nach Akzeptanz kann dazu führen, dass man sich von solchen Gesellschaften beeinflussen lässt und selbst in schädliche Muster verfällt, sei es Kleinkriminalität, Drogenkonsum oder andere destruktive Gewohnheiten. Dies bedeutet nicht, diese Menschen zu verurteilen oder das Interesse an ihnen zu verlieren. Wir können weiterhin liebevolle Gefühle für sie hegen und ihr Glück wünschen.

Vielmehr geht es darum, sich selbst zu schützen. Wenn der Einfluss negativ ist und man schwach ist, ist es am besten, den Kontakt zu minimieren oder ganz zu meiden, ähnlich wie ein Alkoholiker den Umgang mit anderen Trinkern meiden sollte, um seine Sucht zu überwinden. Es ist eine Frage der Prioritäten: Ist die Akzeptanz einer Gruppe mit negativen Gewohnheiten wichtiger als die Überwindung eigener Unzulänglichkeiten und die Fähigkeit, anderen zu helfen? Diese Entscheidung ist persönlich und erfordert Selbstreflexion. Es bedeutet nicht, in eine „buddhistische Blase“ zu leben oder andere zu belehren. Es geht darum, sich bewusst zu sein, welche Einflüsse – auch durch Medien wie Fernsehen, pornographische Inhalte oder brutale Spiele – unsere Begierde oder Feindseligkeit anstacheln und zu vermeiden.

Drei respektvolle Handlungen, die anzuwenden sind

Neben den Dingen, die zu vermeiden sind, gibt es auch Handlungen, die als Ausdruck des Respekts gegenüber den Drei Juwelen zu praktizieren sind. Diese zeigen nicht nur äußere Ehrerbietung, sondern fördern auch eine innere Haltung der Wertschätzung.

  1. Respekt für Buddha-Darstellungen: Zeigen Sie Respekt für Statuen, Bilder und andere künstlerische Darstellungen von Buddhas. Dies bedeutet, sie nicht an unpassenden Orten (z.B. im Badezimmer) aufzuhängen oder sie respektlos zu behandeln.
  2. Respekt für Dharma-Bücher: Behandeln Sie alle Bücher, insbesondere Dharma-Bücher, mit Respekt. Legen Sie sie nicht auf den Boden, setzen Sie sich nicht darauf oder benutzen Sie sie als Unterlage. Sie symbolisieren die Lehren, die uns den Weg zur Befreiung weisen.
  3. Respekt für Ordinierte des Sangha: Erweisen Sie Respekt gegenüber allen Personen mit buddhistischen Ordinationsgelübden und sogar ihren Roben. Dies bedeutet nicht, sie zu glorifizieren oder als Bedienstete zu behandeln. Vielmehr ist es eine Anerkennung ihrer Hingabe und ihres Beitrags zur Erhaltung und Verbreitung des Dharma. Ordinierten sollten nicht die Hauptlast administrativer Aufgaben tragen müssen, die sie von ihrer Praxis abhalten.

Der Sinn dieser Handlungen ist es, Respekt zu zeigen, da diese Symbole und Personen für Buddha, Dharma und Sangha stehen. Es geht nicht um Anbetung der Objekte selbst, sondern um die Wertschätzung dessen, wofür sie stehen.

Sechs Übungen für die ganzheitliche Zufluchtnahme

Um die sichere Richtung im Leben kontinuierlich zu stärken und zu vertiefen, gibt es sechs zentrale Übungen, die alle drei Juwelen umfassen und in den Alltag integriert werden können:

  1. Kontinuierliche Erinnerung an die guten Eigenschaften: Vergewissern Sie sich Ihrer sicheren Richtung, indem Sie sich regelmäßig an die Qualitäten von Buddha, Dharma und Sangha erinnern. Dies verhindert, dass die Zufluchtnahme zu einer rein mechanischen Handlung wird, und verstärkt die Motivation, den Weg mit Gefühl und Überzeugung zu gehen.
  2. Tägliche Darbringungen: Bieten Sie aus Dankbarkeit täglich den ersten Bissen Ihrer Mahlzeiten und den ersten Schluck Ihrer Getränke den Drei Juwelen dar. Dies kann physisch geschehen (z.B. ein wenig Tee auf einem Altar) oder einfach nur in der Vorstellung. Es ist eine Geste der Wertschätzung und keine Notwendigkeit für die Buddhas. Nach der Darbringung kann man sich vorstellen, dass die Gaben zurückgegeben werden, und sie dann selbst konsumieren. Wichtig ist Respekt im Umgang mit Darbringungen, etwa Wasser aus Schälchen nicht in die Toilette zu schütten. Es ist nicht notwendig, komplexe Verse in fremden Sprachen zu rezitieren; ein einfaches, aufrichtiges „Mögen alle in den Genuss solch guter Nahrung kommen“ ist ausreichend.
  3. Indirekte Ermutigung anderer: Vergegenwärtigen Sie sich das Mitgefühl der Drei Juwelen und versuchen Sie, andere indirekt zu ermutigen, ebenfalls diesen Weg einzuschlagen. Dies bedeutet nicht, missionarisch zu agieren, sondern durch das eigene Beispiel und die eigene Erfahrung zu inspirieren. „Das hat sich für mich als nützlich erwiesen. Ich weiß nicht, ob es für Sie nützlich ist, aber mir hat es geholfen.“ So können andere angeregt werden, es selbst auszuprobieren.
  4. Tägliche Bekundung der Zuflucht: Rufen Sie sich die Vorteile der sicheren Richtung ins Gedächtnis, indem Sie sie täglich, idealerweise morgens nach dem Aufwachen und abends vor dem Schlafengehen, dreimal bekunden. Dies ist mehr als nur das Wiederholen von Worten; es ist eine explizite Erinnerung an Ihre Ausrichtung auf Buddha, Dharma und Sangha, oft verbunden mit Niederwerfungen, aber nicht zwingend.
  5. Vertrauen in die sichere Richtung in Krisen: Egal, was passiert, legen Sie Ihr Vertrauen in die sichere Richtung. In Krisenzeiten fragen wir uns nicht nur: „Buddha, rette mich“, sondern: „Was wäre der buddhistische Ratschlag, wie ich damit umgehen kann?“ und versuchen, diesen anzuwenden. Freunde und weltliche Hilfen können Unterstützung bieten, doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Die Inspiration durch die Lehren und Lehrer ist jedoch stets verfügbar und wird uns nicht im Stich lassen, wenn wir empfänglich dafür sind.
  6. Niemals aufgeben: Geben Sie diese Richtung im Leben niemals auf, unabhängig von den Umständen. Samsara, die Existenz, ist von Auf- und Ab-Bewegungen geprägt. Auch große Meister erleben immense Schwierigkeiten. Doch sie geben ihre Dharma-Praxis nicht auf, da sie die langfristige Verbesserung erkennen, die dadurch entsteht. Die Praxis sollte nicht als Trick für sofortige Belohnung (wie ein dressierter Seehund für einen Fisch) verstanden werden, sondern als grundlegende Transformation des Lebens zum Wohle aller Wesen.

Die Integration der Praxis im Alltag

Die Integration dieser Übungen in den Alltag erfordert Flexibilität und inneren Respekt. Es ist nicht immer angebracht, die Dharma-Praxis äußerlich zur Schau zu stellen, besonders in öffentlichen oder sensiblen Umgebungen wie im Gefängnis, beim Militär oder im Krankenhaus. Auch im privaten Rahmen, etwa im Haus der Eltern, können zu offensichtliche Rituale zu Missverständnissen führen. Es ist unsere innere, respektvolle Einstellung gegenüber uns selbst und unserem Weg, die zählt. Die Dharma-Praxis ist zutiefst persönlich und sollte nicht dazu führen, dass andere sich darüber lustig machen, da dies die Energie und Ernsthaftigkeit mindern kann. Wenn sie jedoch als private, heilige Angelegenheit behandelt wird, entfaltet sie ihre volle Wirkung.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Muss ich andere Religionen aufgeben, wenn ich Zuflucht im Buddhismus nehme?
Nein. Der Buddhismus betont, dass die letztendliche Ausrichtung auf Buddha, Dharma und Sangha erfolgen sollte. Positive Aspekte anderer Traditionen, die den buddhistischen Lehren nicht widersprechen (z.B. christliche Lehren über Liebe), können integriert werden. Es geht darum, sich bewusst zu sein, welche die primäre, sichere Richtung in Ihrem Leben ist, und Praktiken nicht zu vermischen, um die Klarheit zu bewahren.
Warum sollte ich weltliche Götter oder Schützer meiden?
Aus buddhistischer Sicht sind weltliche Götter oder Schützer keine verlässliche ultimative Quelle der Zuflucht, da sie selbst dem Samsara unterliegen und uns im Stich lassen können. Der wahre Schutz kommt von unserem eigenen Karma und der Anwendung der Dharma-Methoden. Schützer können höchstens günstige Umstände schaffen, aber nicht die Grundlage für positive Erfahrungen legen.
Was bedeutet es, anderen keinen Schaden zuzufügen, wenn dies unvermeidbar scheint?
Es bedeutet, absichtlichen Schaden zu vermeiden und den unabsichtlichen Schaden, der aufgrund unserer begrenzten Existenz entsteht, so weit wie möglich zu minimieren. Der Fokus liegt auf der reinen Absicht, anderen nicht zu schaden und sich bewusst zu sein, wie unsere Handlungen und Worte andere beeinflussen.
Soll ich mich von Freunden trennen, die negative Gewohnheiten haben?
Es geht darum, sich selbst zu schützen, besonders wenn Sie auf Ihrem spirituellen Weg noch nicht gefestigt sind und sich leicht beeinflussen lassen. Sie können weiterhin liebevolle Gefühle für diese Freunde hegen. Wenn ihr Einfluss jedoch schädlich ist, ist es ratsam, den Kontakt zu minimieren oder zu meiden. Es ist eine Frage der Prioritäten und des Schutzes Ihrer eigenen spirituellen Entwicklung.
Muss ich meine Dharma-Praxis öffentlich zeigen?
Nein, im Gegenteil. Es ist oft nicht angebracht, die Praxis öffentlich zur Schau zu stellen, besonders wenn dies zu Missverständnissen oder Spott führen könnte. Die Dharma-Praxis ist eine zutiefst persönliche und private Angelegenheit. Die innere Haltung des Respekts und der Ernsthaftigkeit ist von größerer Bedeutung als äußere Rituale.
Was mache ich mit Darbringungen wie Wasser oder Tee, nachdem ich sie dargebracht habe?
Nach der Darbringung können Sie sich vorstellen, dass die Gaben von den Buddhas, dem Dharma und dem Sangha angenommen und Ihnen zurückgegeben werden. Sie können sie dann selbst konsumieren (z.B. den Tee trinken). Wasser aus Schälchen sollte respektvoll entsorgt werden, beispielsweise ins Waschbecken oder zum Gießen von Pflanzen, aber nicht in die Toilette. Es geht um die Geste der Dankbarkeit und des Respekts.

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